r. — -ij ) Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 224. Kreitag, t. Oktober. 1915.
(8 Fortsetzung.) z. M. §. Grille r
Copyright 1S1L by Cerl Duncher, Berlin'. *) Roman von Otto Elster.
(Nachdruck verboten.)
Wera lachte über den Hochmut ihrer Standesqerwssen und brüskierte sie oft durch ihre „Lomokratischen" An« schau ungen, aber Käthe empfand doch bei aller äußerlichen Liebenswürdigkeit die höfliche Zurückhaltung, «mit der mau ihr hier und da begegnete. Dabei war sie selbst nicht frei von einem gewissen Stolz auf ihre Familie, die seit mehreren Generationen anqeschene Stellungen im öffentlichen Loben bekleidet hatte. Tüchtige Beamte, anerkannte Gelehrte waren die männlick>en Mitglieder sowohl ihrer väterlichen wie ihrer mütterlichen Familie gewesen, die sich Verdienste um Staat und Volk erwarben hatten.
In dem Kreise, in dem sie jetzt läbte, herrschten freilich meistens andere Interessen als die der Kunst und Wissenschaft! Herr von Neithardt auf Neuhof schien Käthe der wahre Vertreter dieser Welt, m sein, hochmütig, selbstzufrieden, sicher ruhend in seinem Besitz, stolz auf seinen altadligen Namen — und «doch konnte ihm Käthe ihr Interesse nicht versagen, denn man sah es seinen klugen Augen, seinem überlegenen Lächeln an, das; er geistig die meisten seiner Standcsgenossen überragte, daß er wenigstens ein Mann war, der auch andere Interessen, als nur Jagd, Pferde und Bestellung der Acker, hegte, und dabei doch ein tätiger, umsichtiger Landwirt — kurz, eine Persönlichkeit, vor der man Achtung haben mußte.
Käthe ärgerte sich über sich selbst,. wenn sie sich bei dom Gedankon an den „Neühöfer", wie Neithardt überall genannt wurde, ertappte: sie errötete in dem Godau- len, daß er ohne Zweifel einen gewissen Eindruck ans sie gemacht, und daß auch er sie nicht gleichgültig beiseite schob, wie das seine Art und Weise war. wenn er «fremden Menschen begegnete.
Sie fühlte, daß sich ein geheimes Band Zwischen shnen anspinnen wollte: sie ärgerte sich darüber und beschloß, seinem Hochmut ihren Stolz entgegenAulsetzen.
3.
Im Nadowitzer Herrenhause fand zur Feier des Geburtstages der Frau von Haidckbrink eine große Fest- Kchkoit statt. Die Baronin war anfangs gar nicht «damit einverstanden gewesen, aber Wera und Horst, der »aronin zweiter Sohn, hatten sie überredet- Horst stand als Leutnant bei der Kaiserlichen Marine. Er war auf kurzen Urlaub gekommen, um Abschied zu Nehmen, da er sich demnächst zu einer längeren Auslandsreise einschiffen mußte. Go konnte Frau von .chebrink seinen Bitten nicht widerstehen: Horst konnte auf diese Weise auch allen Bekannten Wieu sagen. Sie ganze Umgegend ivar deshalb geladen, auch der eramtmann Schmalhos und selbst der reiche «Gnts-
*) Die Formel „Copyright by . , ."wird vom amerikanischen Urheberrecht genau in dieser Form verlangt. Würden kÄr die Worte nicht in der englischen Sprache, die in den Ver- ‘ ' len Staaten tum Amerika die offizielle Staatssprache ist, ,i so würde un? der amerikanische Urheberschutz versagt den und daraus uns und dem Autor ein grober Wirtschaft, sicher Schaden erwachsen.
vesitzer Brüggemann, mit d«em die Baronin sonst keinen intimeren Verkehr unterhielt.
Sie zuckte auch jod-esmal nervös zusammen, wenn die laute, rücksichtslose Stimme des Herrn Brüggemann aus dein Spielzimmer herübevdröhnte, und mißbilligend sah sie deni Oberamtmann Schmalhof nach, wenn er breitspurig, mit dem Roten Adlerorden vierter Klasse geschmückt, durch den Saal schritt, mit pfiffigem Lächeln die tobenden Paare beobachtet. Auch die Damen Bvüggemann und Schmnlhof wollten sich nickt recht in tue Umgebung einfügen; Frau Brüggomann. eine starke Dame von 40Jahren, prunkte in überladener Toilette von Samt und Seide und echten Spitzen, strahlend von Gold und Diamanten, die an sich ein Vermögen repräsentierten. Dagegen machte Frau Oberamt' mann Schmalhof mit ihrem gedrückten Wesen in ihrem schwarzseidenen Kleide einen säst kleinbürgerlichen Eindruck, während ihre beiden Töchter, derbe ländliche Schönheiten, in rosa Chiffon-Kleidern, sich prächtig zu amüsieren schienen. Und da der Reichtum ihres Vaters bekannt war, so wurden sie namentlich von den jungen Offizieren, die aus der nächsten Garnison gekommen waren, stark umschwärmt.
Man plauderte und lachte, «man amüsierte sich mit diesen frischen, derben, jungen Damen auch weit besser als mit den Komtessen und Baronessen, die nur allzu oft die kleinen Leutnants mit einer hoheitsvollen Würde empfingen, wenn sie auch in betreff der Jugendfri-sche und Schönheit oftnmls sich mit den Schmvlbofs nicht «inessen konnten — einige allerdings ausgenommen, die «dann aber von den jungen Herren ihrer Bekanntschaft mit Beschlag belegt waren, so daß anan sich ihnen kaum nähern konnte.
Käthe Schuhmacher beobachtete die GeseMchast uni lächelndem Erstaunen. Mit ihrem feinen «Gefühl bei» merkte sie sehr wohl die Unterschiede, welche innerhalb der Gesellschaft stattfanden. Der gräfliche oder freiherrliche Name «galt hier alles, mochte der Träger oder di« Trägerin dieses Namens auch oft wenig «hervorragend sein. Allerdings gab es auch manche prächtige Erscheinung.
Da war vor allen die fast achtzigjährige Gräfin Barnstovff, die wie ein Fürstin das ganze Fest zu beherrschen schieir. Ihr silberweißes Haar, «das sich in üppigen Wellen um ihr schönes, frisches Greisinnsnanlitz schmiegte, wurde durch ein blitzendes Diamantendiadem gekrönt: eine prachtvolle Perlenkette umschlang Hals und Nacken; ihren Busen schmückten «der Luisenorden und das Kreuz irgend eines adligen Tamenstiftes; ft? war eine wahrhaft fürstliche, vornehme Erscheinung und nahm die Huldigungen der Gesellschaft mit froimdlichom, liebenswürdigenr Lächeln entgegen. Für jeden hatte sie ein freundliches Wort; selbst mit Frau Schmalhos unterhielt sie sich in liebenswürdigster Weise und ließ sich die Töchter der Frau Oberamtmann vorstellen, die ihr hocherrötend «und mit einem tiefen Knix die Hemd küßten. Frau VriiggemannallerdingL und ih r« sechs-
