1. Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
Morgen-Ausgabe.
Sonntag, de« 31. Januar.
62. Jahrgang. 1804.
El nickt Gedanken, jede wirklicke Arbeit, ia selbst die I»
Sind nicht Gedanken, jede wirkliche Arbeit, ja selbst die 2 fcSrMte Tugend Kinder de« Schmerze«? Wie au« schwarzem « «rdelwind geboren — wahre Slnstrengung, gleich de» Kämpfen " fl.« Gefangenen, sich frei zu machen — das ift Gedanke. f, ”r werden durch Leiden vollendet. Carlyie.
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(IS. Fortsetzung.)
Leven.
Roman von O. von Kis-Killay.
.Entschuldigen Sie, Herr Pastor", sagte sie bo- fcmg'en, »ich habe Sie vielleicht durch mein Kommen ge-
^ „Setzen Sie sich bitte", antwortete der Pastor, ihr einen StiÄ herbeirückend, „ich habe es mit der Arbeit riicht so eilig."
Nachdem Thora Platz genommen hatte, ließ auch er sich aus seinen harten sessel nieder. Einige Augenblicke herrschte Schweigeit, Thora wußte nicht das rechte Wort -u finden.
„Ich bin zu Ihnen gekommen, Herr Pastor", begann sie endlich abgebrochen, „ich will Ihnen beichten ..."
In dem Gesichte des Pastors, das chr aufmerksam zu- aMindt war, ging eine jähe Veränderung vor. Seine Augen schossen Blitze.
„Beichten?" erwiderteer grollend, „ich bin lutherischer Geistlicher, und wir sind, gottlob, in einem lutherischen Lande. Die Beichte ist ein Fallstrick des Teufels und ich habe nichts damit zu tun."
Ter fast drohende Tor: seiner Stimme machte ihn urplötzlich wieder zum Priester, den Thora gesucht. Ja, er imrfte drohen, schelten, er war das unpersönliche
Prinzip.
„Ich habe nrich nicht richtig ausgedrückt", sagte sie, hie Augen bittend zu ihm erhebend, „ich fühle mich belastet und suche Hülfe und Rat."
„Sie suchen Hülfe und Rat bei mir?"
„Ja. O, ich brauche eine Hand, die mich auf den rechten Weg führe!" rief Thora in austvallendem Gefühl, ich kann mich allein nicht zurechtfinden, es ist so dunkel in mir."
Des Pastors Augen ruhten durchbohrend auf ThoraS Gesichte während sie sprach, sie vermochte sich aber nicht denn Ausdruck zu deuten. Er schwieg eure Weile, dann sagte er langsam.
„Ich denke, es wäre natürlicher, wenn ein junges Weib sich in ihrer Anfechtung, welcher Art sie auch sei, an ein anderes Weib wende un d nicht an einen Mann. Sie batten die Hülfe zur Hand, in der edlen, erhabenen Seele, zu welcher Sie Gott geführt hat."
Thora starrte den Sprecher betroffen an.
„Die Baronesse? Lieber würde ich mir die Zunge obbeißen, als ihr etwas davon sagen. Sie hat nur Sinn und Verständnis fiir sich selbst. Und zu Ihnen bin ich gekommen nicht als zu einem Manne, sondern als zum Seelsorger . . . Was hat der Unterschied der Geschlechter hierbei zu tun? Ich dächte, unser Heiland selber hätte diesen Unterschied nicht gemacht. Ta Sie eine andere Ansicht zu vertreten scheinen, Herr Pastor, bedaure ich sehr. Sie gestört zu haben."
Sie erhob sich.
Während ihrer strafenden Worte hatte der Pastor den Kops gesenkt Sein Gesicht trug einen fast demutr- gen Ausdruck, als er jetzt durch ein Zeichen Thora auf- forderte wieder Platz gu nehmen.
„Der Herr hat durch Ihren Mund gesprochen und mein widerstrebendes Fleisch gezüchtigt. Ich bin bereit Sie zu hören, bitte, sprechen Sie."
Thoras Bußstimmung war verschwunden. Sie fichlte sich diesem Manne gegenüber, den sie selber in emem ^nr- tume betroffen hatte, auf gleiche Stufe gestellt und es kostete sie eine Überwindung ihm ihre Seele bloszulegen. Sie konnte jedoch nicht mehr zurück und begann ihre Beichte, in dürren Worten die Tatsache berichtend, ohne nach Rechtfertigungsgründen zu suchen iind ihre Herzensnot zu berühren.
Als sie geendet, fragte der Pastor, der während ihrer Erzählung den Blick zu Boden geheftet, dagesessen hatte.
„Nun, und was wollen Sie von mir?"
„Ich will Ihren Rat, — womöglich Trost!"
„Können Sie das Geschehene ungeschehen machen?"
„Nein. — gibt es aber eine Ruhe für nrich in der Zukunft?"
Ter Pastor erhob sich und begann auf- und abzn- gehen.
„Nimmermehr, so lange Ihr Herz verstockt und verhärtet ist, wie jetzt", er blieb vor Thora stehen und seine Augen funkelten, „Ihr Otterngezüchte, wer hat Euch gewiesen, daß Ihr dem zukünftigen Zorne entrinnen werdet? Und wahrlich, du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahlt hast!"
Thora war ebenfalls auf gestanden, und sah dien strengen Mann an, die Augen mit Tränen gefüllt:
„Das will ich von Ihnen ja wissen — wie soll ich bis zum letzten Heller zahlen?"
„Durch Butze!"
„Weiß Gott, mir tut meine Schuld leid, und könnte ick sie ungeschehen machen —"
„So lange Sie sich in Hochmut über andere erheben, haben die Hammerschläge f>e§ Gewissens Ihr Herz noch nicht mürbe und weich geschlagen. Ich habe vorhin Ihres Herzens Härtigkeit erkannt. Sie haben Worte der Geringschätzung und des Tadels über die edle Frau fallen lassen, der Sie nach Gottes Willen in Demut untertan sein müßten, denn Sie stehen in ihrem Dienst. Gott ist ein Gott der Ordnung. Eine schwere Schuld hat Sie zu ihr geführt, lassen Sie den Teufel zum Bundesgenossen Gottes werden!"
Die verschiedenartigsten Gedanken und Gefühle hatten sich in Thoras Seele gekreuzt, während sie mit gesenktem Blicke vor dem Pastor stand. Eins war klar: von diesem vom Weihrauchduft benommenen Heiligen war kein sicheres Urteil zu erwarten. Der Schluß seiner Rede war denn doch zu stark, sie blickte bestürzt zu ihm auf. Ihre Augen begegneten sich zum ersten Male voll. Der Pastor erschrak und verwirrte sich. Die Nähe des schonen Mädchens kam ihm in der Mgeschlossenheit des Zimmers plötzlich beängstigend zum Bewußtsein. „Des Teufels Bundesgenosstn!" schoß es ihm durch den Sinn.
Und der Teufel kam heimlich kichernd an ihn herangeschlichen und tippte ihn an, — da wurde er der neuen Offenbarung des Weibes gewahr. Das verführerische Antlitz mit den roten Lippen und die edlen Formen des schlanken und doch üppigen Leibes traten aus der Halb-
dämmerung leuchtend hervor, so daß der Priester wie geblendet die Augen schloß. Er hörte, wie eme weich« Stimme in sremdländrschem Akzent einige Worte sprach, die er nicht verstand, dann schloß sich die Tür und er war wieder allein und alles war nach wie vor.
Der Teufel aber hatte sein Werk getan nud huschte grinsend davon.
Schweigend ruht die sibirische Taiga. Di« ©ttettnm des Waldes sind verstummt, nur von Zeit zu Zeit Lürd die Stille durch Schnaufen und Stcmipfen von Pferden unterbrochen, die aneinander gekoppelt, plötzlich auS Träumen auffahren.
Jir silberglänzenden Wölkchen eingebettet, schwebt ein leuchtender Vollmond ain dunklen Himmelszelt. Seine Strahlen -gleiten über die stillen Wipfel, huschen liebkosend an den Stämmen herunter und lassen sich durch das Laubdicktcht in glänzenden Tupfen aus den mostgen Boden nieder. In dem zitternd«: Lichte ist ein geheimnisvolles Leben und Weben tief im Dunkel des Dickichts erwacht, wohin nur selten, vielleicht auch nie des Menschen Fuß gedrungen ist. Es sind die Urgeister des Wäldes, welche Zwiesprache halten, ewige Gedanken Gottes, auch in der Verborgenheit Schönheit kündend und Schönheit verkörpernd ....
Von einer Lichtung des Waldes hotten Menschen Besitz genommen.
Vor unzähligen Jahren war es, daß eine Feuersbrunst, auf unerklärliche Weise entstanden, den . Wald hier zerstörte und auf eben solche unerklärliche Weise sich selber Halt gebot. Die verkohlten alten Baumstämme rings herum legen davon Zeugnis ab.
Um ein großes Feuer, dessen Rauch gnalmend emporsteigt, lagern Männer in den verschiedensten Stellungen und schlafen, — wilde Gesellen, deren dürftige Kleidung aus Hemd und Hosen von Sackleinewand besteht.
Nur einer unter ihnen liegt wach, auf die Ellbogen gestützt, und schaut sinnend ins Feuer. Etwas abseits steht ein Zelt, dessen Wände hevabgelassen sind. Jetzt tritt ein Mann aus demselben hervor und bleibt stehen. In der geisterhaften Beleuchtung möchte man ihn für ein Erdmännchen halten, so fahl ist sein Gesicht, und so unirdisch die kleine graue Gestalt.
Es ist Dmitri Michailowitsch Gromin, der Chef der kleinen Expedition. Er kann nicht schlafen, denn wieder hat ihn das Sumpffieber gepackt. Er wirft einen Blick auf das Lager und nähert sich unbemerkt dem in Träumereien versunkenen Manne.
„Nun, Buroff, kannst du keinen Schlaf finden?" fragt er, ihm einen Schlag aus die Schulter versetzend.
'Der Angeredete springt auf.
„Mit demselben Rechte dürfte ich die Frag« cm Sie stellen, — warum schlafen Sie nicht, Dmitri Michailo- witsch?"
Dmitri Michailowitsch kauert sich auf dem Boden nieder, indem er dem anderen bedeutet, seinem Beispiele zu folgen.
„Es geht heute nicht damit, — das Fieber ist wieder da — und da kommen einem die Gedanken — wie lange werde ich es noch machen?" —*
„So lange die Arbeitslust noch da ist", erwidert Durosf, ihm hell in die Augen blickend, „Sie sind noch jung, Dmitri Michailowitsch."
(Fortsetzung folgt.)
Männergesang-Verein UonCQI*rfi9L
Heute Sonntag, den 31. Januar, Nachm. 4 l A Uhr präcise:
II. Concert
in den oberen Sälen des „Casfn©“, Friedrichstrasse 22.
Wir laden hierzu die verehrt, passiven Mitglieder und Inhaber von Gastwirten mit dem Bemerken ergebenst ein, dass die Einführung’ VOE1
Sicht - Mitgliedern (Damen wie H erren)
Untersagt ist. Der Vorstand. f 355
Zither« Club.
InmUiig, den 6. Fehranr 1004. Abends I ITlir, im Saale des Math. Vereinahanse», Dntzlieimerntra.ae 341
Grosser Maskenball,
wozu wir unsere geehrten Mitglieder und Gäste ganz ergebenst Einladen.
Der Vorstand.
Als Legitimation ffir Masken werden Sterne k 1 Wh. ausgegeben und können solche täglich bei den Herren Ci. Gottwald, Faulbrnnnen- strasse 7, JJ. *ta«««-n, Kirchgasse 63, J. «9nag-. Sedanpl. 1, W. Hlep«, Moritzstr. 87, .9. Hahn. Kircbtrasse 51, in Empfang genommen werden. Mnas-nprcis 1.1*0 Wie. — Airlitmniken SO Df.
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