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sa. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch die Rost 2 Mk. 5« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

20,000 Abonnenten.

Unzcigen-Preis:

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Samstag, den 80. Januar.1004.

Verlags-Fernsprecher No. 2958.

Abend -Ausgabe.

Mßland in der Sackgasse.

tfa wird neuerdings so dargestellt, als könnte ikc «,!iisck-japanische Konflikt doch nicht ohne Krieg gelöst ^rden Wir glauben an diese Darstellung nicht, wir loiiben an die Erhaltung des Friedens, und da die Tinge ^mnächst ihre definitive Entscheidung, ob Krieg oder Orteten erhalten sollen, so mag in Klürze nochmals zu- ^Mnengestellt werden, was die Erwartung eines fried- Ausgangs rechtfertigt, beinahe gebietet. .

Rußland hat erfahren müssen, daß Japan nicht allein iteM daß es sein energisches Wftreten nur gewagt hat, mckl'es sich auf mächtige Bundesgenossen stützen kann.

gibt freilich viele Leute, die nicht recht daran glauben möchten, daß England das Schwert ziehen könnte, aber L Vorstellung von tet vermeintlichen Zaghaftigkeit der *Äen Politik sollte man nach dem Riesenkampse in Südafrika doch fahren lassen. In London ist die Fest- sebwm Rußlands in der Mandschurei prompt mit dem Ewdringen der Engländer in Tibet -beantwortet worden, pine Leistung, deren nur eine Weltmacht mit der Viel- Wqkeit ihrer Brittel fähig ist. Die Russen wissen jetzt, jeder Schritt vorwärts, den sie von Norden her tun, von den Engländern mit zwei Schritten im Süden lvett- aemacht werden wird. Wer den Dalai Lama zu seinem Basallen hat, der lvirtt von der religiösen Seite her auf seine Bekenner bis hinein nach Sibirien, und das tut jetzl England. Der britisch-japanische Bündnisvertrag ver- ttlichtet England zunächst nicht zur Intervention, wenn t-, zum Kriege zwischen Japan und Rußland kommt, aber diesem Vertrage entspricht es, daß England Japan nicht im Stich lassen wird, falls es zunächst Niederlagen erlitte, ßn Petersburg ist es sehr verübelt worden, daß die in <Wm angekauften japanischen Kriegsschiffe mit englischer Bemannung abgingen. Daraus bat man sich in London nichts gemacht, vielmehr es für nützlicher gehalten, daß die russischen Staatsmänner wissen, wie weit sie gehen dürfen.

Nützlich auch ist es ohne Zweifel, daß man an der Newa darüber belehrt worden ist, wi.e unerschütterlich die Vereinigten Staaten am Grundsatz der offenen Tür in der Mandschurei sesthalten, genau so unerschütterlich wie Japan, dem die offene Tür nur verweigert werden könnte, wenn sie auch den Vereinigten Staaten, auch England, verweigert werden soll. Der Entschluß hierzu wäre die Herausforderung der beiden angelsächsischen Mächte zum Kriege, und diesen Entschluß wird Rußland nicht fassen, da es Wahnsinn wäre, ihn zu fassen. Teslmlb wird es auch zum Kriege mit Japan nicht kommen. Man erkennt keinen Grund, der Rußland zum Kriege veranlassen

könnte. Korea will Rußland ja _ klüglicherweise den Japanern überlassen, die Mandschurei aber wind ihm von Japan gar nicht streitig gemacht, _ und das, was den Russen dort von den Japanern streifig gemacht wird, die wirtschaftspolittsche Alleinherrschaft, das wird eben auch von England und den Vereinigten Staaten niemals zu­gelassen werden, so daß hier die Nachgiebigkeit zur freilich unmutig erfüllten Pflicht für Mißland wird.

Nur dann noch untre trotz dieser klaren Sachlage ein Krieg zu befürchten, wenn man in Tokio entschlossen wäre, eine unvermeidliche. Abrechnung schon jetzt vorzunehmen, und wenn man gleicherweise inWashington und in London bereit wäre, den Zeitpunkt dieser Abrechnung selbständig zu bestimmen, also mit den Japanern zu glauben, daß der gegenwärtige Moment der zweckmäßigste sei. Ob man in Tokio, in London und in Wasbington so denkt und danach zu handeln willens ist, darüber weiß niemand etwas und man mag finden, daß diese Ungewißheit be­drohlicher ist als diejenige, die über den letzten russischen Entschließungen schwebt. Es gibt eine Vernunft in den Dingen, die stnan ganz objektiv herausschälen kann, ohne daß damit gesagt ist, daß die beteiligten Faktoren auch immer vernunftgemäß handeln. Diese Logik der augen­blicklichen Situation aber ist, daß Rußland kein Interesse am Kriege hat, weil es durch ihn nur dann etwas ge­winnen könnte, wenn es imstande wäre, es mit drei Groß­mächten zugleich aufzunehmen. Diese Logik ist ferner, daß die beteiligten drei Mächte sehr wohl etwas von einem Kriege mit Rußland hätten, nämlich die gründliche Sicherung alles dessen, was gegen das russische Vordringen zu schützen ihnen ein Lebensbedürfnis ist. Daraus folgt aber, wie gesagt, keineswegs, braucht wenigstens nicht zu folgen, daß nun wirklich der Entschluß zum Losschlagen gefaßt werden tönte. Wir glauben nach wie vor fest an die Erhaltung des Friedens, und wir fürchten nicht, daß dieser Glaube widerlegt werden wird.

Politische Oberlicht.

Berlin-München.

L. Berli n, 28. Januar.

Zwischen Berlin und München herrscht tiefster Friede und engste Freundschaft. Zwar ist das selbstverständlich, sollte es wenigstens sein, und welche Entrüstung würde an den offiziellen und offiziösen Stellen geäußert werden, wenn jemand jemals gewagt hätte oder wagen würde, etwas anderes als das Vorhandensein von Frieden und Freundschaft zu behaupten. Indessen haben diese Dinge ihr eigenes Kolorit, und wer sich der Frendenausbrüche erinnert, mit denen das Zentrum den Sturz des Ministeriums Crailsheim begrüßte, der wird wissen, daß

das Verhälfiris der Berliner Stellen zum Ministerium Podewils nicht notwendig so zu sein brauchte, wie es zu dem. vorangegangenen Ministerium gewesen ist. Wer man hat sich eben in die Verhältnisse geschickt, und die Gerechtigkeit erfordert, zuzugeben, daß etwas anderes nicht möglich war. Nun gibt es freilich einen trefflichen Kitt, der efivaige Brüche leimen könnte, und das ist (so wunderlich verworren, steht es bei uns in Deutschland) das Zentrum selber, die Partei also, die sich in Rdünchen eines leider großen Sieges mit Recht rühmen darf. In München treibt das Zentrum eine Politik, die alsFörde­rung" der Reichsinteressen schwerlich ausgelegt werden kann, in Berlin aber sind Regierung und Zentrum die denkbar besten Freunde, und der Reichswagen käme ans dem Geleise, wenn das Zentrum etwa im Reichstage Opposition machen wollte. Wer das fällt ihm gar nicht ein, braucht ihm auch nicht einzusallen. Diese Partei ist immer noch dieregierende" und sie ist es heute -vielleicht mehr als je zuvor, da das leitende System es beim Wachs­tum der sozialdemokratischen Fraktion ans Kämpfe nicht ankommen lassen möchte, von denen _ die bürgerlichen Parteien zerrüttet werden könnten. Ein anmutiges Bei­spiel, wie geschickt das Zentrum im Brückenschlägen zwischen Berlin und München dann ist, wenn es den Zentrumsinteressen nützt, hat man im Kaisertoast des Grasen Ballestrem vor Amen, in der Aufforderung, Front zu machen gegen jene Witzblätter,die es sich WM Beruf gemacht haben, die kaiserliche Person und die kaiserliche Würde h-erabzuziehM." Das geht für jeden, der hören kann, aus denSimplicissimus" und dieJugend". Das bayerische Zentrum, das soeben einen heftigen Kampf gegen beide Blätter führt, bekommt also von Berlin her einen ungemein geschickten, man möchte sagen meister- haften Sukkurs. Denn was wäre selbstverständlicher, als daß hier an allen maßgebenden. Stellen jetzt dieselbe Richtung verfolgt wird, die an derJsar eingeschlagen worden ist! Zwar hat sich der bayerische Klerikalismus die An- würfe desSimplicissimus" gegen Personen und Ein­richtungen von spezifisch norddeutsch-berlinischem Eharak- ter immer mit Behagen gefallen lassen, und sein« Wut ent- flammt erst, wenn sich der,Simplicissimus" am Zentrum selber vergreift. Wer die Unterschiede klug verschwinden zu machen, das war die Ausgabe, und man muß sagen, sie ist nicht übel gelöst worden.

Schippclsche Ketzereien.

Man wird wohl bald von einemFall Schippe!" hären und lesen. Herr Schippe! hat es gewagt, im Wahl- verein für den dritten Berliner Reichstagswahlkreis An­sichten über die Zollpolitik auszusprechen, die bisher von der Sozialdemokratie niemals geduldet worden sind. Er hat sich nicht dazu verstehen wollen, die Politik der Agrar­zölle zu verurteilen. Er hat wörtlich erklärt:Es ist

Die Nevolutzsr.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(90. Fortsetzung.)

Aber eine noch wirksamere Arznei brachte der wackere Geistliche eines Tages in Gestalt eines liberalen Blattes aus der Provinzialhauptstadt. Unter dem TitelsAus dem Flüchtlingslager in London" war dort ein Feuilleton- bries veröffentlicht, der von dem Leben und Treiben der politischen Flüchtlinge aus Deutschland in der Tbemse- stadt handelte, wo sie sich meist in der Kneipe des braven Schwaben Schnäbele abends ein Rendezvous gäben.Der Zuzug derer, die glücklich den Häschern im teuern Vater­lande entkommen, wird täglich größer", hieß es Hort. »Biele, die der englischen Sprache einigermaßen mächtig sind, finden leicht Stellung in englischen Handelshäusern, da man hier die Tüchtigkeit der Deutschen längst schätzen gelernt hat. Andere ernähren sich durch Sprach-Unter- richt. Einige, die vermögend sind, waren klug genug, ihre Gelder vor den verschiedenen Putschen außer Landes zu schaffen. Sie unterstützen die bedürftigen Gefährten nach Kräften. Zu diesen Glücklichen gehört auch der frühere Großkaufmann Schwertfeger, welcher vor etwa vierzehn Tagen in Begleitung einer jungen Frau, einer sehr schönen und pikanten Erscheinung, hier eintras. Man vnll wissen, daß sie bei der bergischen Revoluttons-Be- wegung, gleich ihm, stark beteiligt war. Sie sei gleich­sam die rechte Hand dieses Freiheitsmannes gewesen und habe schon vor Jahr und Tag, als noch die Zensur wütete, selber heimlich die revolutionären Flugblätter verteilt, Welche seinerzeit ein, so großes Aussehen machten und die Behörden so in Alarm brachten. Man will wissen, daß sie bei diesem kühnen Geschäft eine gefährliches Renkontre wit einem Gendarmen hatte, wobei der Hüter des Ge- sttzes den kürzeren zog. Auch erzählt man sich, diese seltene Frau wäre die geschiedene Gattin eines gewöhn- Men Schleifers. Wer sie aber sieht, in Kleidung und Wesen ganz lady-like, ist geneigt, diese Erzählung für ?ju Märchen zu halten, wie deren ja unter den gegebenen Umständen leicht entstehen. Herr Schwertfeger, _ eine Ev sympathische Persönlichkeit von ernstem, gefestigtem

Wesen, gedenkt nicht in England zu bleiben, sondern will

sich in den Vereinigten Staaten eine neue Heimat gründen. Er will nur noch einige weitere Flüchtlinge aus Deutschland erwarten. Gestern soll übrigens sein Freund und Waffenbruder, der hochbegabte Publizist Gottfried Hülskamp, eine der schneidigsten, . liberalen Federn in Westdeutschland, gelandet sein. Die biederen Häscher im Lande der Dichter und Denker, die sich schon auf die fiir Ergreifung Schwertfegers und Hülskamps ausgeschriebene Belohnung spitzten, dürften also um die schöne Aussicht geprellt sein."

Das ist ja großartig!" rief Gottfried enthusiasmierl. Ta fällt mir nun wirklich ein Stein vom Herzen, daß Schwertseger und Mieten in Sicherheit sind."

Und Sie sind es ja auch und sind bereits an der Küste Albions gelandet", sagte der Pastor lächelnd.

Das ist eine Finte, eine famose Finte. Dadurch sollen die Spürnasen irregeleitet werden. Und zugleich ist es ein Gruß Schwertfegers an mich. Er wird wohl mit dem Artikelschreiber in irgeu-d einer Verbindung stehen und ihn zu diesem famosen Kniff veranlaßt haben."

Sie sind ja ganz aufgeregt", äußerte Bröker ver­gnügt.Jetzt muß ich Sie sogar Ihres Beines wegen zur Ruhe mahnen. Also die Welt ist noch nicht so grau für Sie, wie Sic manchmal denken ."

Ja, sehen Sie, lieber Pastor", rief Gottfried,dort pulst doch wieder Leben und Streben, dort winkt doch wieder Kampf und Arbeit, dort blüht eilte neue Hoffnung, eine gesunde Hoffnung!"

Bröker lächelte wieder.Mehr als in aller Philo­sophie des guten Pasters, wollten Sie sagen. Nun, ich bin Ihnen nicht böse drum. Die hülfreicheu Hände meiner Gedanken sind lilienweiß und strecken sich aus Wolken entgegen, aber Ihr wollt nun einmal welche von Fleisch und Bein. Nun gut, ganz gut. Aber der liebe Gott möge sie beide segnen."

Die Nachricht aus England wirkte in der Tat aufs Günstigste aus Gottfried ein. Nur der Gedanke an Agnes drückte ihn oft nieder. Er hätte ihr so gerne Nachricht gegeben, aber er tat sich Gewalt an und schwieg. Welche Hoffnungen hätte er ihr bieten können, ihr, die doch an ihren Vater gefesselt war. Ja, wenn sie unab­

hängiger gewesen wäre, so wie Mieten, unabhängiger auch von allem Darum und Daran einesguten Hauses"! Ach, mit einem gegenseitigen Verzichten mußte dieser Frühlingstraum wohl enden, und Gottfried fühlte schon die Wehmut solcher Eufiagnng mit all ihren Schmerzen.

Agnes war kaum besser daran als er. Schon der Empfang, den ihr Herr Manuel nach ihrer Heimkehr ans Freit bereitete, hätte genügen können, eine weniger feste Natur zu unterdrücken. Aber- Agnes wollte kämpfen, ob der Kamps auch noch so bitter war. Ein Brief des Ohms Röntgen über die seltsame Verlobungsgeschichte während des Kampfes der Revoluttonäre mit den Soldaten hatte alle bösen Geister in der absolutistischen Seele des Gärtners rebellisch gemacht. So wütend war er lange nicht gewesen, und die Wut hatte sich bis zur Heimkehr des Mädchens noch gesteigert. Und als ihm Agnes ans seine Vorhaltungen erklärte, sie würde nie von Gottfried lassen, da schrie er sie an:Dann wirst du von mir lassen müssen, denn mit dem Schatz eines Rebellen mag ich nichts inehr zu tun haben und wenn die zehnmal meine einzigste Tochter war'."

Tann wirs mich nur aus die Straße, Vater. Ich weiß es ja längst, daß wir zwei auf die Dauer nicht mit- einander auskommen können. Ich gehöre zu Gottfried, zu ihm und zu seinen Ideen, und ich hätt' es dir schon früher sagen sollen, daß ich ihm geholfen Hab' und daß ich auch eine Revolutionärin bin. Ich habe sogar, lmt der Sache der Freiheit zu dienen, den Landrat von Rettern an der Nase herumgeführt, habe Veranlassung gegeben, daß die Rebellen ungestört eine Versammlung abhalten konnten und daß Gottfried nach der Haus­suchung keine weitere Schererei hatte. Und wenn nun auch die Revolution niedergeschlagen ist und ein kläglich Ende genommen hat, ich bin doch stolz darauf, daß ich, und war's auch noch so bescheiden, etwas dafür getan Hab'. Und ob der Gottfried auch in fremde Lande fliehen muß. oder ob sie ihn vielleicht gar fangen, ich halt' tteu zu ihm und bin stolz darauf, die Braut eines Freiheits- kämpfers zu sein, wie er einer ist."

Herr Manuel glaubte mufallen zu müssen, als er solches hörte. Er warf sich in eine Ecke des Kanapees