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A°. 41
Verlags-Fernsprecher No. 2958.
Dienstag» den 86. Januar.
Redaktions-Fernsprecher N». 52.
Sor ge getragen.
1904 .
Borgen-Ausgabe.
Isüv gtcßruar unö März
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„Wiesbadener Tagblatt"
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Strafgesetzbuch und Ztrutvolhug.
Auf die Reform des Reichsstrafgeschbuchs verwies kürzlich der Staatssekretär Nieberding den Reichstag, M über den Zeugniszwang gegen Mitglieder der Presse verhandelt wurde. Daß man bei dieser freundlichen Verweisung auf eine allgemeine Umarbeitung des Straf- «ffchbuchs ein bißchen lange aus die Erfüllung berechtigter Wünsche würde warten müssen, darüber war man sich im Reichstage alsbald einig. Aber es gibt noch wichtigere Dinge als den Zeugniszwang gegen Redakteure und ^umalisten, womit selbstverständlich nicht gesagt sein soll, daß diese Einzelfrage nicht wichtig genug ist, und toemt alle zur Strafrechtspflege gehörenden Reform- forderungen bis zur Revision des ReichsstrafgesetzbuchZ vertagt bleiben sollen, dann werden damit Zumutungen gestellt, die entschieden abzuwehren sind. Warum beispielsweise soll mit der Reform des Strafvollzuges bis zur Verabschiedung eines neuen Strafgesetzbuchs gewartet werden? Gewiß stehen beide Fragen im engsten Zusammenhänge, aber der Strafvollzug könnte sehr wohl für sich allein behandelt werden, könnte wenigstens inso- wüt vereinheitlicht und verbessert werden, daß er schon mit dem Geiste des jetzigen lL-trasgesetzbuchs mehr zusammenstimmte, als es leider der Fall ist. Der Ruf nach einem Strafgesetzbuch, das den gründlich gewandelten Anschauungen vom Wesen des Verbrechens und von der entsprechenden Sühne besser angepaßt wäre, ist so laut und allgemein gerade darum geworden, weil uns allen die Mängel eines schablonenhaften Strafbetriebes zum Bewußtsein gekommen sind, weil überall der Wille lebendig wird, die Vollstreckung der Freiheitsstrafen fruchtbringend zu individualisieren. Dies könnte auch durch eine vorläufige Reform des Strafvollzugs wenigstens vorbereitet werden, und die Aufgabe wäre jedenfalls leichter als die einer Ausarbeitung eines neuen Strafgesetzbuchs. In der „Deutschen Juristenzestung" spricht Professor Libmann in Kiel davon, daß unsere einsichtigen Strasanstaltsbeamten überall bewegliche Klagen an- stimmen üb« das große Heer geistig Gestörter und hoch
gradig Defekter in unseren Strafanstalten, daß es unmöglich sei, sie in zweckmäßiger und gerechter Weise zu behandeln, daß man immer wieder ^der Gefahr ausgchetzt sei, sie durch unvernünftige Disziplinarmaßregeln volug, physisch und intellektuell, zugrunde zu richten. Die Miß- stände, auf die da hingewiesen werden, dürfen von Rechts 'wegen, sobald man sie erst erkannt hat, auch nicht einen Tag länger als nötig fortdauern. _ Freilich kann eine vollständige Reform erst Platz greifen, wenn das Strafgesetzbuch' selbst auf neuen Grundlagen auHebaut sein wird, aber ein Provisorium, das die größten Mängel beseitigte, wäre bei gutem Willen sehr wohl durchführbar; ja, es ließe sich denken, daß schon auf >dem Verwaltungswege VKlderungeu eintreten könnten, gelegentlich sogar die erforderlichen Verschärfungen, daß also eine Anpassung des gegenwärtig ziemlich -mechanisch betriebenen Strafvollzuges an die vertieften Anschauungen vom Wesen des Verbrechens wie der sühnenden Strafe erfolgen könnte, ohne daß darum gleich der gange große Apparat der Reichsgesetzgebung in Bewegung gesetzt zu wenden brauchte. Auf alle Fälle aber muß verlangt werden, daß die'Reform des Strafgesetzbuchs und des Strafvollzuges so schnell wie möglich in Angriff genommen wird. Jahr auf Jahr vertröstet man uns. und es geschieht nichts. Die Gründlichkeit der Vorbereitung hat etwas Peinliches, und wenn man bedenkt, daß endlose Unter- suchnngen und Kämpfe beginnen wer-den, sobald einmal die betreffende Reichskommisston am Werke ist, so resigniert man sich bei Zeiten und erwartet eine Vollendung 'des grohenUnternehmens Wohl gar erst nach Jahrzehnten. Inzwischen aber werden unsere Nachbarn ringsum ihre Strafgesetzbücher längst reformiert haben. Beinahe überall sind nach Beratungen, die ebenfalls unendliche Jahre dauerten, die Entwürfe der neuen Gesetzbücher fertig- gestellt, so in.der Schweiz und in Österreich, während das neue norwegische Strafgesetzbuch schon seit dem 1. Januar 1904 in Kraft ist. Warum müssen wir auf diesem Ge- biete ins Hintertreffen geraten? Wir sind es leider schon, aber dann sollte wenigstens das Möglichste geschehen, damit der Zwischenraum zwischen den anderen und uns nicht übermäßig groß wird.
Preußischer Landtag.
(Schluß aus der Abend-AuSgabe.)
Abg. Bachem (Zentr.s: Ich möchte gerade jetzt, wo die Depression so überraschend ieberwunden ist, eine reinliche Scheidung -wischen dem Reick und Preußen in finanzieller Beziehung. Redner vergleicht die glänzende Lage Preußens mit dem armen Reiche. Preußen müsse dem Reiche gegenüber entgegenkommender sein. Redner bedauert, daß die Landwirtschaft an dem allgc- meincn Aufschwünge nicht teilgenommen hat und die Gemeindesteuern schlechte Resultate ergeben. Wenn! der Minister für Gehaltserhöhungen nicht zu haben fei, solle man wenigstens die Wohnungsgelbznfchüffe erhöhen, namentlich wo jetzt viele Wohnhäuser iür Nnterbeamte errichtet würden. Der Finanzwinister hat eine außerordentlich lobende Besprechung der Syndikate eintreten lassen, wie sie nicht vorher gehört wurde,- das K.hlen- snndikat hat er unbedingt gelobt und das Zustandekommen des
Stahlwerksverbandes als unerläßlich bezeichnet. Da gibt eS doch Leute mit gutem Urteil und großer Erfahrung, die anderer Ansicht sind, namentlich über die Bedeutung und das Verdienst des Kohlcusyndikats. Wenn der preußische Ftnanznrinister ein solches Lob erteilt, so wenig an ihnen auszusctzen hat, bann ist er mich verantwortlich für ihre Geschäftsgebarung. Die Kohlen- und Erzbergwerke stehen außerhalb der Syndikate, folgen aber ihrer Politik. Die Syndikate sind Bereinigungen von »roß. Produzenten. Will man mit ihnen rechnen, so mutz man doch bas Interesse der Konsumenten auch im Auge behalten, und dazu ist besonders die Staatsregierung berufen. Konsumenten sind nicht bloß die eigentlichen Verbraucher, sondern große Zweige der heimischen Industrie. Der Schutz der breiten Volksmaffen und der Industrie als Konsument muß Aufgabe der Staatsverwaltung sein. Gras Stirum hat auf die Schifsahrtsabgaben hin» gewiesen, wollte man zu diesem System übergehen, so würde man in den Kreisen meiner rheinischen Heimat außerordentlich wenig Geggiliebe finden. Es ist etwas historisch Gewordenes, daß die Schiffahrt aut dem Rhein, auf den großen Strömen überhaupt abgabenfrei ist- das kann man nicht einfach rtickwärts revidieren. Redner richtet dann die bekannten Einwürfe des Zentrums gegen die Polenpolrtik.
Frnanznnnister v. Rhcinbaben: Ich kann aufs bestimmteste erklären, daß dem Wunsche des Abg. Bachem auf Revision der Politik seitens der Regierung keine Folge gegeben wird. Aus dem Hinweis des Grafen Kanitz, daß die polnische Bevölkerung in den letzten Jahren stärker zugenommen habe wie die deutsche, resultiert nicht, daß den Polen von der Ansiedelungskomwission erhebliche Mittel zuflosscn, soweit sie Güter ankauften. Der schwache polnische Besitz ist schon fast ganz in die Hände der An- siedelungskonrmisston übcrgegangen. Es gelingt leider nur noch in geringem Matze, polnischen Besitz zu bekommen. Es ist aber richtig, daß in größerem Matze deutscher Besitz in polnische Hände überging. Uber die Syndikate habe ich neulich nicht im allge- meinen ohne Einschränkung gesprochen, sondern nur vom Kohlen- syndikat und des vielleicht entstehenden Stahlwerksverbandes. Man kann überhaupt nicht einfach sagen, die Syndikate stnd nützlich oder schädlich, sondern das Urteil über ste hängt von der Art ihrer Wirksamkeit und ihren leitenden Persönlichkeiten ab. Ich würde es bedauern, wenn wir im allgemeinen im wirtschaftlichen Leben zu einer Syndizierung kämen. Aber das Kohlcn- synbtkat hat durchaus nützlich gewirkt. Hätte es nicht bet der Hochkonjunktur die Preise aus einer angemefienen Höhe gehalten, so Hütten wir eine Häufle bekommen, der ein um so tieferer Fall gefolgt wäre. Auch eine Ausgabe deS StahlwcrksverbandeS wird es sein, der Überproduktion entgegenzutreten, und endlich ist eS eine Aufgabe der Syndikate, die Preise im Jnlanbe mäßig z» halten, denn teilweise hat man ihnen mit Recht vorwcrfen können, daß sie die Inlandspreise zu hoch hielten. Redner wendet sich bann gegen die Ausführungen Richters über die Finanzlage. Er hätte nicht übersehen dürfen, daß seit 1895 582 Millionen Schulde« getilgt wurden, aber 812 Millionen neue Schulde» gemacht wurden. Die Aufwendungen für die Eisenbahn sind nicht alle eine Vermehrung des werbenden Vermögens. Die Schuldem- tilgung von 3 / 5 Proz. ist nur gesting. Das Anlagekapital von 6 Milliarden in Eisenbahnen ist bei dem enormen Fortschritt der Technik ein Risiko. Die Thesaurierung ist das einzig sichere Fundament der Ftnanzgebarung. Der Etat für das näclffte Jahr ist balanciert, indem die Einnahmen höher veranschlagt stnd. Auf hohe Etsenbahncinnahmen dürfen nicht hohe dauernde Ausgaben basieren. Es müßten notwendige Ausgaben zurückgestellt wchchcn. Bachems Ansicht, Preußen brauche die Beziehungen zum Reiche nicht fester gestalten, ist unrichtig. Wenn die Zuschußanleihe im Rcichsetat ausgenommen wird, wirb Preußen um wettere 38 Millionen belastet.
Kultusminister Dr. Sinkt verteidigt, was in den letzten Jahren bei uns für die Volksschule aufgewendet sei und erinnert an die Vermehrung der Lehrerbildungsanstalten. Der Minister verliest dann eine Erklärung der Staatsrcgiernng, wonach die Regierung nach wie vor eine Beseitigung der Härten der Recht?- Unsicherheit aus dem Gebiete der Unterhaltung der Volksschulen für geboten erachtet. Es fänden deshalb seit längerer Zeit Bes«
KeniUeton.
Lappische Heilkünstler.
Plauderei von M. Kossak.
Es ist neuerdings behauptet worden, daß die meisten Gewohnheiten und Bräuche der Noma-denvölker sich nicht aus ihrer gemeinsamen Veranlagung, sondern aus ihrer Lebensweise entwickeln. Ihre starke Stütze findet diese Ansicht in der Übereinstimmung mancher Sitten des Volkes Israel zur Zeit als es ins gelobte Land zog, mit denen der heutigen Lappländer. Die Juden dürfen doch aber nun und nimmer, wenn sie auch zeitweise ein nomadisierendes Leben führten, zu den Nomadenvölkern gezählt werden. Andere, noch heute bei den Lappen üblichen Bräuche lassen sich bei den verschiedenilichen Völkern während der Völkerwanderung Nachweisen. Ganz besonders intereffante Resultate in dieser Hinsicht hat die Forschung auf dem Gebiete der Heilkunde ergeben.
In gewissen apokryphen Schriften, die ehedem vereinzelten, ziemlich unbekannt gebliebenen Vibelausgaben beigefügt waren, ist von eigentümlichen Wasserkuren der Juden die Rede, die in Verbindung mit einer streng vegetarischen Diät bei fast allen Magen- und Darm- krankheiten gebraucht wurden. Wenn man den mancherlei Hokuspokus, der sie bekleidete, abzieht, so bestehen sie im Wesentlichen darin, daß die Kranken täglich so und so viele Waschungen der Füße und des Kopfes vornehmen mutzten. Da das Waffer aber meist knapp war, so begnügten sie sich, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb, die betreffenden Körperteile in Tücher zu hüllen, die mit allen beliebigen Flüssigkeiten, die sich nicht anderweitig verwenden ließen, getränkt waren. Diese Deutung geben wenigstens die Gelehrten dem Umstande, demzufolge ste die Tücher in flüssige Rückstände ihres Speisematerials tauchten. Die Mahlzeiten der Patienten bestanden, da Früchte und Getreide wie Gemüse ebenfalls weist nicht zur Verfügung standen, aus Wurzeln, Gräser
samen nsw. In ganz ähnlicher Weise behandeln die lappischen Heilkünstler Verdauungsstörungen: Wenn sie auch in der Regel Wasser in genügender Menge haben, so ziehen sie zu den Umschlägen doch die Brühen vor, in denen dies oder jenes gekocht wird. Auch werden nur Kopf und Füße der Kranken naß eingeschlagen. Die diätische Kur dagegen wird mit Hülfe gewisser Tundrapflanzen gebraucht, die meist roh genossen werden. Es ist seitens der schwedischen Arzte vielfach vor dem Genuß dieser Kräuter und Wurzeln gewarnt worden, da man meinte, daß leicht durch Verwechslung dieser mit ähnlich aussehenden Schädlingen Vergiftungen Vorkommen könnten, aber tatsächlich hat man diese kaum in einem einzelnen Fall Nachweisen können. Das erscheint um so erstaunlicher, als meist kleine Kinder die Pflanzen sammeln. So seltsam diese Kuren auch in mancher Beziehung sind, so läßt sich nicht ableugnen, daß sie in zwiefacher Hinsicht ein sehr gesundes Prinzip verfolgen, nämlich das der Enthaltsamkeit und Abhärtung, respektive der Reinlichkeit. Allerdings läßt sich darüber streiten, ob es von unserem Standpunkt ans reinlich ist, Spülwasser und Ähnliches anstatt reinem Wasser zu Waschungen und Umschlägen zu verwenden, aber schließlich darf man nicht verlangen, daß die Lappen, die meist in größerer Anzahl ein enges Zelt bewohnen und überhaupt gewohnt sind, sich mit ihren Tieren und Gerätschaften auf dem knappe- sten Raum zusammenzndrängen, dieselben Begriffe von Sauberkeit haben sollen wie wir. Die Hauptsache bleibt, daß ihre Kuren bei Magen- und Darmkrankheiten häufig ausgezeichnete Resultate erzielen.
Jeder vernünftigen Motivierung entbehren im Gegensatz zu den beschriebenen Kuren andere, die bei akuten Krankheiten gebräuchlich sind. Renntiergeweihe, pulverisiert und in Renntiermilch gekocht, die getrockneten Schwanzflossen gewisser Fische, gedörrte und gestoßene Dorschleber und dergleichen mehr sind beliebte Medikamente bei allen fieberhaften Krankheiten. Wunden behandelt man dagegen, indem man Wegwartbläiter auflegt, auf frische Brandwunden streut man Holzkohlen
asche mit Tran angerührt und der Schnupfen wird durch
Einatmen von recht dickem Rauch vertrieben.
Die Heilkünstler der Lappen stnd in der Mehrzahl der Fälle alte Männer ans ihrer Mitte, die auch im Geruch der Zauberei stehen. Sie wenden denn auch viele sogenannte sympathetische Kuren an, bei denen die Strahlen der ans- und untergehenden Sonne und der Mond im letzten Viertel eine wichtige Rolle spielen. Besonders originell ist das Ausläuten der Krankheiten, das vorzugsweise bei Säuglingen, überhaupt bei Kindern, angewendet wird. Merkt man, daß ein Säugling irgendwelche bedenklichen Anlagen besitzt, an Krämpfen leidet oder kranke Augen hat, so wartet man vorerst einen recht stümntschen Tag ab, alsdann schreitet der Wunder- doktor mit einer großen Glocke in der Hand, die er. Zauberworte murmelnd, beständig schwingt, durch die Tundra, gefolgt von der Mutter mit dem Kinde. Da der Mann sich ein verhältnismäßig gar nicht so unbe- deutendes Honorar für seine „Behandlung" bezahlen läßt, so schließen sich stets eine Anzahl anderer Kranker der Frau mit dem Kinde an, um kostenlos an dem Ausläuten teilzunehmen. Der Wundertäter darf sich nämlich während der Prozedur weder umdrehen noch im Herbeten seiner Sprüchlein unterbrechen lasten. So muH er sich das ungebetene Gefolge ruhig gefallen lassen, bis er wieder ins Lappenlager zurückgekehrt ist, dann aber haben jene bereits das Weite gesucht. Es ist vorgekom- men, dcch solch Wundertäter in einem derartigen Fall auf Entschädigung geklagt hat,' doch ist er vom Gericht! mit seiner Forderung abgewiesen worden. Der Sinn der Zeremonie ist der, daß der Sturm die Krankheiten, die vermöge des Ausläutens aus den Körpern der Leidenden herausgeireten sind, auf Nimmerwiederkomme« enfführe.
Am bedenklichsten ist die Tätigkeit dieser Hnlkünstler in allen Fällen von Augenkrcmkheiten. Bekanntlich haben die Lappen in der Mehrzahl Triefaugen, die zum großen Teil davon herrühren, daß die geringfügigsten Augenentzündungen, die sich im Kindesalter zeigen«
