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Ä». Jahrgang.

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32 . BerlagS-Fernsprecher No. 2983. MjllMvch» Wtt 20 . IlNttMIk. Redaktions-Fernsprecher No. 82. 1904 .

Abend-Ausgabe.

Dentscher Reichstag.

e,«tlch!iidweft-Afrika. Interpellation wegen des rnsfischen Spitzeltums in Deutschland.

Berlin, IS. Januar.

Am Bundesratstische: von Tirpitz, Richthofen,

T) r Stübel. Auf der Tagesordnung steht der Nachtrags- r rt ät für Südwestafrika.

Kolonialdirektor I)r. Stübel begründet die Vorlage, fik durch den plötzlichen Aufstand der Hereros notwendig aeioorden ist. Ausführliche Nachrichten sind infolge der gestörten Verbindung nicht eingetroffen. Doch ist nicht In-unehmen, daß der Aufstand schon niedcrgewvrsen ist. Telegraphisch ist um sofortige Hülfe gebeten und mit- aeteilt worden, daß Windhoek schwer bedroht sei. Redner acht auf die kulturellen Verhältnisse der Kolonie, die «ahl der Farmen, den Viehstand und dergleichen mehr rin. Die Gesamtbevölkerung des Schutzgebietes am 1 Amuar 1903 betrug 4640 Köpfe, davon 183 Frauen -md Kinder. Die von dem Aufstande betroffenen Bezirke Kiiidhoek, Karibib und Omaruru haben zusammen eine Bevölkerung von 1800 Weißen, davon 1542 Deutsche, unter diesen sind 489 Beamte und Schutztruppensoldatcn, rie Zahl 'der Frauen beträgt in diesen drei Bezirken 250, Ke der Kinder 318. Unter den erwachsenen Männern Kr drei Bezirke sind 216 Ansiedler und Farmer. Größere Orte sind Groß- und Klein-Windhoek mit zusammen 684 Einwohnern, Karibib mit 164, Okahandja mit 139, Omaruru mit 155, Hohewarte mit 166, Otjimbingwe mit 59 Einwohnern. Abgesehen von diesen sechs größeren Orten verteilt sich die weiße Bevölkerung in den beiden Bezirken auf nicht weniger als 118 einzelne Wohnplätze, Ke vielfach nur 1, 2, 3 Weiße zählen. Die Zahl der Farmer km Bezirk Karibib beträgt 21. im Bezirk Wind­hoek 78, in Omaruru 15, zusammen im Aufstandsgebiet 114. Der Viehbestand im Besitze weißer Farmer stellt sich folgendermaßen: Es befinden sich in den 3 Bezirken 17 800 Stück Rindvieh, 1350 Pferde und 56 000 Stück Kleinvieh. Sucht man nun nach den Beweggründen der Erhebung der Hereros, so mutz davon ausgegangen wer­den, daß diese Eingeborenen die Zeit vor der Okkupation des Landes durch uns noch nicht vergessen haben, die Zeit, wo sic vollkommene Freiheit, Ungebundenheit, Zügellosigkeit genossen. Schon im Jahre 1896 ist es zu Unruhen, zu einem Aufstand der Hereros gekommen. Damals sind die beiden Haupträdelsführer standrechtlich erschossen worden. Die beiden Hauptstämme aber haben sich damals ruhig verhalten. Seit jener Zeit sind die Hereros durch die zunehmende Besiedelung in ihrer Be­wegungsfreiheit eingeschränkt, und da hat sich wohl die

Erinnerung an die frühere Selbständigkeit Meder ein­gestellt. Außerdem sind sie in ihrer wirtschaftlichen Selbständigkeit beschränkt durch das Verbot des Schulden- machens. Dazu sind vielleicht noch falsche Nachrichten hinzugekommen über eine Niederlage unsererseits im Süden der Kolonie. Das alles mag vielleicht zusammen- gcioirkt haben, um den Aufstand allgemein werden zu lassen. Die Verwaltung trifft keine Schuld. Ähnliche Aufstande sind ja auch in den Kolonien anderer Staaten öfter vvrgekommen. Jetzt muß jedenfalls zunächst auf Hülfe Bedacht genommen werden. Ich hebe da besonders noch hervor, 'daß auch die jetzt notwendige Verstärkung der Schutztruppen nur als eine vorübergehende gedacht werden kann.

Abg. Spahn (Zentr.j weist daraus hin, daß im vor­liegenden Falle die Aufruhr-Bewegung schon im No­vember wahrzunehmen gewesen sei.

Abg. Bebel (Soz.j drückt die Ansicht aus, daß vor­aussichtlich den jetzigen Forderungen für die Kolonie noch weitere Nachfolgen würden. In Südwestafrika sehen wir wieder einmal, ivie die Kulturnation die ein­geborene Bevölkerung zwingt, zu den Waffen zu greifen, um ihre Existenz zu erhalten. Der Aufstand, der jetzt ausgebrochen ist, übcrtrifft an Ausdehnung alle Auf­stände der letzten zwanzig Jahre. Die Forderung, die die Regierung an uns stellt, ist gar nicht so gering,' man darf den Aufstand natürlich nicht in eine Linie stellen mit unserer China-Expedition, die gleich in die Hunderte von Millionen hineingegangen ist. Wundern muß ich mich, daß man im Kolonialamte gar nicht die Gründe kennen will, die die Hereros zum Aufstande veranlaßt haben. Der Kolonialdirektor Stübel hat sich heute ja über die vermeintlichen Gründe etwas weiter ausgelassen als der Reichskanzler. Da war mir recht intereffant die Bemerkung in einem Briefe, den der Herr Kolonial­direktor verlesen hat. Wenn die Hereros jetzt zum Auf­stande schreiten, so ist es ein Verzweiflungskaurpf. Also einen Verzweifluygskampf kämpfen die Eingeborenen. ImVorwärts" wird heute ein Brief veröffentlicht, in dem behauptet wird, daß die Europäer Trunksucht und Unzucht nach Südwest-Afrika gebracht haben. Wir er­leben es ja immer, daß die Weißen ihren schwarzen Brüdern Laster und Schnaps bringen. In andernBriefen ist zu lesen, daß die Eingeborenen mit Gegenständen ge­schlagen werden, mit.denen man nicht einmal das Vieh schlagen würde. Die Weißen stehen ja höher als die Schwarzen, aber es gibt Weiße, die viel tiefer stehen. Es ist etwas faul im Staate Dänemark. Wer hoch steht, fällt tief. So in diesem Briefe. Es ist nicht zu bestreiten, daß wir den Eingeborenen Afrikas Laster gebracht haben. Wenn die Völker aber 'durch die Empörung zum Auf­stande fortgerissen werden, muß mehr vorhanden sein als diese Gründe. Die Grundlagen ihrer Existenz und

ihres Eigentums müssen in Frage gestellt sein. (Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten. Fortgesetzte Unruhe rechts.) Das würde sich kein zivilisierter Mensch gefallen lassen. (Unruhe rechts.) Mir scheint, daß die Hereros so weit sind, daß es sich um Sein oder Nichtsein handelt. Ein Kvlvnialsreund hat in derDeutschen Tageszeitung", die doch gewiß nicht regierungsfeindlich ist, ganz beson­ders heftige Angriffe gegen die Kolonialverwultung er­hoben. Ich habe vermißt, daß die Regierung heute da­rauf geantwortet hat. Der Artikelschreiber, vr. Förster, hat darauf hingewiesen, daß durch den Bahnbau rechts und links von der Bahnstrecke die Ansiedelung weißer Farmer begünstigt wird, die den Eingeborenen von seinem Eigentum vertreiben. Kann nian es den Leuten übelnehmen, daß sie sich gegen die Räuber zur Wehr setzen? Soll ich Sie, meine Herren, an die alten Ger­manen erinnern, die den römischen Eindringlingen die Spitze boten? Und diese Abwehr feiern wir heute noch als ein nationales Fest. Wenn jetzt schon eine Expedition nach Afrika gesandt und die Ruhe wiederyergestcllt wer­den muß, so will ich nur hoffen, daß man keinen R a ch e z u g unternimmt, sondern mit möglichster Scho­nung vorgeht. Ich frage mit vr. Förster die Kolonial- verivaltnng: Ist etwa beabsichtigt, die Hereros von dem Hererogebiet zu verdrängen? Hier spielt eine Verord­nung des Gouverners Leutwein vom Oktober 1903 her­ein, die uns leider nicht zugänglich war. Aber die Herren am Regierungstisch werden über diese Dinge ja Bescheid wissen. Liegt die Schuld am Aufstande an dem Regime, könnte man das Nachweisen, so würden wir den Nachtragsetat ab lehnen» da jetzt aber die Gründe im Dunkeln liegen, werden wir uns der Abstimmung enthalten. Das berührt aber nicht im geringsten unsere Stellung zur Kolonialpolitik im allgemeinen. Jetzt wird eine Mil­lion gefordert, mehr Millionen werden kommen. Und während hier eine große Mehrheit diese Summen be- Mlligt, sitzen wir in der Budgetkommission mit heißem Bemühen, da 20 000, dort 60 000 M. zu streichen, um eine gesunde Finanzpolitik in die Wege zu leiten. Das sind schöne Gegensätze! (Beifall bei den Sozialdemo­kraten.)

Die Abgeordneten von Norman« (konf.), Müller» Sagan, Sattler (nat.-lib.), Schräder (freist Ver.) und Tiedcmann (Rp.), sowie Stortz (südd. Volksp.) und der Abgeordnete Liebermann von Sonnenbcrg sprechen namens ihrer Freunde ihre Zustimmung zu der Vor­lage aus. Darnit schließt die erste Lesung. Sodann Mrd der Nachtragsetat für 1903 debattelos ln zweiter Lesung angenommen. Dafür stimmten alle Parteien, die Sozialdemokraten enthielten sich der Abstimmung. Auch der Ergänzungs-Etat für 1904 wird debattelos in zweiter Lesung angenommen.

Oie Revolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl. (81. Fortsetzung.)

Durch Jungens, die sich allenthalben dreist herum- trieben, war es inzwischen im Städtchen krmd geworden, daß von der Kluse her Militär heranziehe. Hin und wieder trug auch ein Lufthauch den Schall von Trommeln her. Tann hörte man Schüsse fallen, und es wurde kmid, daß die Soldaten mit den Rebellen in Fühlung ge­kommen seien.

Da werden die verfluchten Kerls bald laufen wie die Hasen," äußerte sich Herr Röntgen mit großer Genug­tuung, als der Knecht die Meldung gebracht hatte, vom Dachfenster aus könne man deutlich sehen, wie das Militär, in einzelne Trupps aufgelöst, vom Berg her gegen das Kloster vorrücke, doch würde aus den Gärten um den Brandteich darauf geschossen, so daß das Bor­rücken nur langsam geschehe. In dem- Augenblick hörte man auf der Straße ein verworrenes Geschrei. Huf- Wäge und Rädergerassel erscholl, und als man vor­sichtig hinter den Gardinen hinausspähte, erblickte man ... zwei Leiterwagen, hoch mit Monturen und Waffen be­laden, wie sie, von einem Haufen verwahrlost aussehender Kerle eskortiert, eilig auf dem schlechten Pflaster vorüber hasteten.

Da schleppen sie das Zeughaus fort. Die haben's <wer eilig", sagte Settchen, doch der Vater ineinte:Wer t«, ob sie weit mit ihrem Raube kommen. Unsere Aauen Jungen sind auch fix auf den Beinen und ihre Wuchsen wissen ihr Wörtchen zu sagen. Und das, was da versengeld gibt, kommt für sie ja kaum in Betracht. Einer von ihnen jagt ja gleich ein ganzes Dutzend fort."

Inzwischen -wurde das Gewehrfeuer heftiger und kam vach und nach immer näher . Und plötzlich rief das kleine Mllchen, das sich an einem auf die Gärten und Wiesen un Westen des Städtchens hinausgehenden Fenster postiert Wtte:Da, da, jetzt kommen ihrer 'ne Anzahl hier herum- Küaufen. Sie ducken sich hinter den Hecken und schießen; 'von kann es deutlich sehen."

* «Und die sehen ganz anders aus als das Pack von uochip", sagte Settchen.Guckt nur, sie haben alle Hüte

mit Hahnenfedern und stecken in hübschen, grauen Röcken. Eben schleichen ihrer welche um die Ecke beim Stinkjakob seiner Talgschinelze."

Die gange Familie drängte sich aus Fenster und blickte hinaus.

Die sehen wirklich ganz geregelt aus", erklärte Herr Röntgen erstaunt. Agnes aber zog sich hinter die andern zurück. Es wurde ihr so eigen zu Sinn, als sie unfern in dem Garten hinter dem niedern Gebäude die Ge­stalten der Freiheitskämpfer auftauchen sah. Seit fte- ihren Vetter ins Gefängnis geführt hatten, war das Interesse an der freiheitlichen Bewegung bei ihr zurück­getreten. Das politische Gezänke hatte kein Interesse für sie und sie verstand nichts davon. Hier aber gab es wieder Taten, und lebhaft überkam sie die Erinnerung an die Zeit, >da sie aus Sympathie für Gottfried und aus Freude an seinen Ideen sich selbst mit an der Bewegung beteiligt hatte, soweit sich ihr die Gelegenheit bot. Und jene Männer dort unten, das waren Gesinnungsgenossen ihres Vetters; sie kämpftenfür die Ziele, die Gottfried ver­trat, sie opferten sich für das, was sie für recht hielten, hatten vielleicht, wie der Herr Schwertfeger, eine ange­sehene und behagliche bürgerliche Existenz darum aufge- geben. Nein, die sich da im Garten sammelten, das waren keine zusammengelaufcnen, wüsten Kerle wie die, die vorhin mit dem Raub vorbeih asteten; es waren offen­bar Leute, welche selbst bei ihrem ungesetzlichen Treiben auf sich und ihre Sache hielten. Sie fühlte eine warme Sympathie in ihrem Herzen aufsteigen für diese Kämpfer in den Federhüten, eine gewisse Kameradschaftlichkeit, und etwas wie Haß gegen den geordneten, bürgerlichen Bieder­mann übertäm sie, als der Onkel plötzlich mit offenbarer Schadenfreude ausrief:Kiek, kiek, jetzt schlupfen da hinten längs den Hecken geduckt ein Dutzend von dm unsrigen daher, auf Kringlers Schafstall zu. Tie da unten können das nicht so sehen. Paßt aus. ob ihnen die Soldaten nicht bald .da herum in den Rücken fallen. Haha, ich seh's schon kommen, wie der ganze Revolutzer- trupp unversehens umstellt wird, und- heidi, dann sitzen die Mäus' in der Falle!"

Eine lebhafte Sorge um das Schicksal der Freiheits­kämpfer, die sich eben wieder hinter dm Heckm perteiltm und zu schießm begannen, kam über sie. Nein, diese Lente durften nicht so schmählich in die Falle geraten, sie muß­

reu gewarnt werdm. Sie, sie allein wollte.das besorgen, sie wollte die Zirmen retten. Und als nun der Ohm, be­sorgt, daß vielleicht eine der Soldatentugeln sich durch das Fenster verirren könnte, den Seinm befahl, ihm in die Gemächer auf der anderen Seite des Hauses zu folgen, nahm Agnes die Gelegenheit wahr, schlüpfte die Treppe in den Parterrestock hinab- und durch ein Hinterpförtchen in der: Hof. Unter dem blühendm Maibaum, in dessen Geäst sich die Vettern Laubensitze angebracht hatten, fand sie einen passmden Platz, von dem aus sie Wer die hohe Hosmauer wegblickm konnte, ohne daß man sie selbst vom Hause aus zu erblicken vermochte. Sie stellte sich auf die Zehen, winkte mit ihrem Taschentuch und rief:Heda! Ihr da! Paßt auf!" Aber die Freischärler hatten nur Obacht auf die sich vor ihnen näher pruschenden Soldaten, während sich bereits zweihundert Schritte links von ihnen hinter den Gebäuden des Schafstalls die andem anschick­ten, vorzugehen. Agnes erkannte die Gefahr, und kurz entschlossen, sprang sie Wer das Sträßchen weg hinter die Hecke des Gartens, in dem sich die Freischärler geduckt hatten und unausgesetzt aus die Soldaten vor ihnen feuer­ten. Sie hob einen Stein auf, schleuderte ihn unter die Leute, um sich bemerklich zu nrachen, und als sich einige nach ihr umsahen, rief sie hastig:Bon links her fallen Euch Soldaten in die Seite! Wmn Ihr nicht in ihre Händ' wollt fallen, dann schnell, schnell, folgt mir!"

Um Himmels willen, Agnes, das bist du ja!" ließ sich da eine Stimme vernehmen und einer der Freischärler, die rauchende Büchse in der Hand und das Gesicht ge­schwärzt von Pulverdampf, sprang auf sie zu.

Gottfried, du, du?" rief sie in Freude und Sorge. Ta schlüpfte er durch eine Lücke in der Hecke und ergriff ihre Hände.Kind, wie kommst du hierher?" frug er in Freude und Erstaunen, und sie entgegnete hastig, unwill­kürlich seine Hände an ihreir heftig klopfenden Busen pressmd:Ich bin hier bei meinem Ohm zum Besuch. Aber das ist ganz gewiß nur so gekommen, daß ich dich finden und dich und deine Kameraden retten sollt'. Sich, dort hinter dem Gebäude HWeu sich ihrer wohl schon an die zwanzig hingeschlichen und sie werden gleich anfangen, aus Euch zu schießen, und der Ohm freut sich schon, daß Ihr dann gefangen werdet. Da Hab' ich mich denn da­durch getan, um Euch zu warnen."

Und wußtest nicht, daß ich dabei war?"