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Donnerstag» 39. September 1913.

Kbend-ktusgabe.

Nr. 436. » 63. Jahrgang.

Oie eiserne Mauer im Westen.

Nach einer von Ungeduld getragenen langen Warte­zeit und seit fast fünf Monaten tu den Ländern des Vierverbands sähnlichst herbeigewünscht, setzte am 24. September die große englisch-französische Offensive ein. Kurz vorher machten sich bereits die Wetterzeichen des h c r a n n a h e n d e n Sturmes bemerKiar.^Es häuf­ten sich die Anzeichen, daß Engländer und .Franzofen sich zu einem Angriff größten Stils vorbereiteten. Truppenverschiebungen würden bekannt, die Ankunft neuer englischer Transporte, die Verbreiterung des bis­herigen Gefechtsftreifens der Engländer, die Anlage technischer Arbeiten, eine besonders lebhafte Flieger­tätigkeit — das waren die Vorboten kommender großer Ereignisse. Diese Kenntnis verdankten wir in erster Linie der Wachsamkeit unserer Flieger, welche ebenso wie die feindlichen bestrebt waren, den Schleier der Zu­kunft zu zerreißen. Andererseits machten auch die geg­nerischen Flugzeuge sich an die Arbeit, _ hinter die Kulissen unserer starken Westfront Einblick zu ge­winnen. Ein gänzlich erfolgloser Angriff auf den Bahn­hof Metz, der betrügerische Überfall auf die offene Hauptstadt Württembergs, die sinnlose Beschießung eines Personenzuges bei Donaueschingen verraten Äre hierbei zum Ausdruck gebrachte Absicht, etwaige G e g e n- maßregeln unserer obersten Heeresleitung zu ver­hindern. Diese die kommenden großen Angriffe einlei­tenden Unternehmungen hatten mehrfach erfreuliche Erfolge der deutschen Flieger anfznweisen. Ebenso wie über der Erde fanden unsere Feinde auch auf n,wd unter derselben einen wohlvorbereiteten und ebenbürti­gen Gegner. Als Beginn ihrer großen Offensive waren die Franzosen im Kampfraum der Champagne. bereits Anfang voriger Woche in Minengängen an die deut­schen Stellungen herangegangen. Die Wachsamkeit unserer Pioniere bemerkte rechtzeitig dieses Unter­nehmen. Mehrere der vorgetriebenen Stollen wurden durch die dagegen von uns vorgeführten erfolgreich in die Lust gesprengt. Dieser aus der Wintevschlacht in der Champagne rühmlichst bekannte blutgetränkte Kampfraum mußte den s ch ä r f st e n Anprall des Feindes aushalten. Auf einer Breite von mehr als 30 Kilonieter, von Prosnes, einem kleinen Oft nördlich des Trnppenlagers von Chalons, bis zum Westrande -der Ar- gonnen setzte der französische Angriff ein, der dann den Erfolg hatte, eine deutsche Division dazu zu zwingen, die vorderste Linie zu räumen und die etwa 3 Kilometer dahinter gelegene zweite einzunohmen. .. Hier wurde der französische Angriff am 26. ein gedämmt, auch am 26. und seither scheiterten alle Versuche, den -ersten Er­folg zu einem neuen zweiten. M erweitern. Mit einer Spanmrng wie selten lasen wir -die Heeresberichte dieser Tage. Unsere vielleicht sorgenvolle Hoffnung hat sich erfüllt. Aus dem Einbruch wurde kein Durch­bruch. Aus der ersten Linie wurde hier ein.T r ii m- m e r s e I d grausigster Art- Auf ihm kämpften die Ver­teidiger in bewährter Kraft so lange, bis die herbeigeeilten Reserven in der 2. L i n i e eine un -über­st e i g b a r e Mauer errichteten. Sie -harrten aus bis zum letzten, sie opferten sich durch Tod oder Ge­fangenschaft, bis die einbrechende Sturzwelle an der hinteren Stellung zimr Stchen kam. Durch einen -er-, folgreichen Gegenangriff entrissen die deutschen Ver­teidiger fast 4000 Gefangene dom Feinde. Während am 25. sich auf den äußersten Flügeln dieser Gefechts­zone die hartnäckigsten Kämpfe abspielten, legte der Gegner am 26. seine ganze Kraft auf die Mitte der deutschen Champagnestellung. Es wäre verfrüht, wenn man sagen wollte, die deutsche Stellung seifend gül­tig vor neuen Stößen gesichert, die Franzosen durften nicht wieder angreifen. Sicherlich wird der Anstuvnl sich wiederholen. Nicht minder rücksichtslos setzt dann die französische Heeresleitung ihre Sturmkolonnen zum Stoß an. Die “ bisherigen Angriffe waren vielleicht nur ein Vorspiel, von welchem man nicht sagen kann, ob die Fortsetzung im Sinne der Einleitung -gespielt wird. Vielleicht tastet General Josfre auch diesmal nur nach den schwachen Punkten unserer Linie, viel­leicht setzt er den wirklichen Hebel an einer an­deren Stelle, vielleicht aus der ganzen'Front an. Un­gewiß liegt hier die Zukunft, gewiß ist nur die er­probte Tapferkeit unserer Soldaten, die in Stunden ernster Gefahr den ehernen Schild vor uns halten und ebenso unbedingt sicher die kluge Voraus­sicht unserer obersten Heeresleitung. Seit Monaten wurde der Angriff -erwartet, nicht nur hier in -der Champagne, sondern auch weiter nördlich in den neuen Durchbrnchsstellcn im Kampfraum westlich, nordöstlich und südwestlich von Lille. In diesem großen Gefechts- abschmtt e r I a h m t e zuerst die Sturmkrast der E u g- lä n de r. Die Hilfe von der See fette aus ertvics sich n»r von kurzer Dauer. Am 25. September wurde vsn drei Schiffen eins pm Sinken gebracht, wodurch

ich die beiden anderen auch gezwungen sahen, den heimatlichen Hafen auszusuchen._ Das zielsichere oeuer unserer Küstenbatterien brachte ihre Geschütze bald zmrr Schweigen. Diese englischen Schisse waren wähl keine Kriegsschiffe, denn sonst hätte es unsere oberste Heeresleitung in ihren: Bericht zumAusdvuck gebracht. Es handelt sich wohl nur um Monitors, auf welchen Geschütze -montiert wurden- Der von Ipern aus unter­nommene Angriff wurde in der -Schienengabel der den den Eisenbahnen vor-getragen, welche von hier nach CoMines und Roulers führen. Der bis ^zum Nah­kampf durchgeführte Angriff wurde nach «dem Miß­erfolg am 24. und 25. September am 26. nicht mehr er­neuert. Die verhältnismäßig geringe Gefangenenzahl von zwei Offizieren und 1.00 Mann beweisen, -mit wel­cher Erbitterung Angreifer und Verteidiger. aus­einanderplatzten. Die stattliche Beute von 6 Maschinen­gewehren aber läßt auf die Kraft unserer Gegenoffensive an -dieser Stelle schließen. Die englische Frontlmre scheint eine erhebliche Verbreiterung nnch Süden erfahren zu haben. Die Söldner Großbritan­niens kämpfen jetzt auch südlich Ipern in dem Raume gegenüber Lille und südlich Armentieres im Kanalgebret von La BaMe. Aui 25. -gelang es dem Angreffer in deni Gebiet um Lille eine -deutsche Division aus der ersten in die zweite Stellung zurückzudrücken. Weitere Erfolge konnten unsere Feinde jedoch mcht erreuhen. Unsere Führung hatte für so rechtzeitige Heranführung frischer Kräfte gesorgt, -daß unmittelbar nach dem feind­lichen Angriff zur Gegenoffensive geschritten wurde. Lange -durften die Engländer sich nicht ihres Deil- sieges erfreuen. . r , r .

Überblickt man so das Ergebnis der bisherigen Offensive, so bars man wohl sagen, daß w i r als Ver­teidiger -mit ihr woh l zu f ri e d en sein können. Eme verlorene erste Linie kn nördlichen und -südlichen Kmnpf- raum beeinträchtigt in keiner Weise die Gunst unserer gesamten Lage aus der Westfront. Hinter unseren ersten Linien befinden sich unsere zweiten und weiter rück­wärts die Befestigungen dauernde r Art. Das ganze Verteidigun-gssystem ist so ausgebaut wor­den, die -langen Monaten wurden so trefflich g e-

nsitzt, daß 'wir mit Vertrauen den kommenden

Stürmen entgegenschen dürfen. Die tote Kraft dieses Gebildes von Stein und Eisen wächst durch die leben­dige ihres Verteidigers. Wenn das Ziel unserer Feinde auch ein noch so weit gestecktes sein mag, wenn das Werkzeug auch noch so gestählt wurde, selbst „diese große Kraftprobe werden wir ebenso glücklich überstehen wie die bisherigen. Den Arm unserer tapse- ren Kämpfer stählt das unerschütterliche Vertrauen der in der Heimat Gebliebenen.^ dl.

Der Höhepunkt der Spannung.

Die kennzeichnende Zurückhaltung der feindlichen Presse.

Berlin, 30. Sept. (Zens. Mn.) Zur Kriegslage schreibt die „Germania": Mit Riesenschritten sind wir in diesen Tagen dem Höhepunkt des Kriegs nahegekommen. Jeder emp­findet" die bis zum äußer st en getriebene Spannung aus militärischem und politischen Gebiet. Die feindliche Presse warnt znn^ erstenmal vor N l- e r s ch ä tz u n g der errungenen Erfolge, mahnt zur Zu­rückhaltung und weist aus die gewaltigen Schwie­rigkeiten der zu lösenden Aufgaben hin.

Der Munitionsanfwand der Franzosen.

Rotterdam, 30. Sept. „Daily Mail" meldet aus Paris, daß während des dreitägigen Bombardements mehr als eine Million Geschosse von ftanzösischer Seite ver­feuert wurden.

Ein deutscher Krmeegruppenbefehl in der Champagne.

In der vom 8. Reservekorps herausgegebenen „Champagne- Kriegszeitung" finden wir folgenden, auf die französische Offensive bezüglichen Armeegrnppenbefehl:

Hente hat die französische Artillerie vor der ganzen Front der Armeegruppe mit dem Trommelfeuer einge­setzt, das einem Angriff vorauszugehen Pflegt. Es scheint, daß die französische Heeresleitung wieder hier in der Cham­pagne zu einer neuen verzweifelten Kraftanstrengung an­setzt, um die d e u t s ch e K a m p s f r o n t zu durchbrechen. Kameraden, laßt uns in dieser ernsten Stunde geloben, daß jeder einzelne, niag er im Schützengraben, in den Batterien, den Befehlsständen oder sonst wo stehen, seine Pflicht tun wird bis zum äußersten. Wo immer der Ansturm kommt, soll ihn unser wohlgezieltes Feuer empfangen; im Sturm- und Handgranatenangriff wollen wir den Feind hinauswerfen, wo er eindringt. Wenn wir hierzu den eisernen Willen, die todesmutige Entschlossenheit haben, dann muß jeder feindliche Angriff zerschellen, und das Vaterland kann ruhig auf die eiserne Mauer blicken, die feine Söhne hier bilden. Und nun im Vertrauen auf Gott dem Kampf ent­gegen !

gez. Fleck, Generalleutnant und Führer der Armeegruppe.

Die Verwundung des Generals Marchand.

W. T.-B. London, 30. Sept. (Nichtamtlich. Drcchtbericht.) Die „Times" meldet aus Paris, daß der verwundete General Marchand, der durch Faschoda bekannt geworden ist, eine Kolonialbrigade befehligte, welche den Angriff in der Cham­pagne eröffnet-:. Er erhielt eine schwere Gefchoßwunde im Unterleib.

Ein anderer französischer General durch vorzeitige Minencxplosion verunglückt.

W. T.-B. Paris, 30. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der „Figaro" meldet, General Gremier, der Versuchen auf dem Manöverfelde bei Satory beiwohnte, ist durch die Explosion einer Miwe schwer verletzt worden. Sein rechter Schenkel wurde zerschmettert. Ein Hauptmann und mehrere Sappeure wurden ebenfalls verletzt.

Das Uriegsbudget im französischen Senat.

Bis jetzt 30 Milliarden Kriegskosten.

W. T.-B. Lyon, 29. Sept. (Nichtamtlich.) -Lyon Röpnblicain" meldet ans Paris: Aumont verlas in der gestrigen Sitzung des Senats seinen Bericht über die proviso­rischen Budgetzwölftel. Auf eine Anfrage erklärte Ribot, daß augenblicklich Silbergeld im Wert von 12 Millionen monatlich geprägt werde. Diese Zahl werde demnächst auf 22 Millio- ,'icn steigen. Der Senator Debierre erklärte, daß die unge- bcure Summe von 3 0 M i l l i a r d e n, die bisher für den Krieg ausgegeben worden sei, die schärfste Kontrolle notwendig niachc. Debierre kritisierte sodann einige Lieferungsabschlüsse der Intendantur. Unterstaatssekretär T h i e r r y entgegnete, die anfänglich vorgekommenen Fehler seien auf die Desorgan,- sation infolge der Mobilmachung zurückzuführen. Die Inten­dantur bemühe sich, die Fehler gut zu machen. Die Ausgaben der Intendantur seit Kriegsbeginn überstiegen 10 Milliarden. Die Zahl der -Abschlüsse, an denen Kritik geübt werden könne, mache nur 1 Prozent aus. — Die Budgetzwölftel wurden so­dann angenommen, worauf sich der Senat bis zum 14. Oktober vertagte.

Die Prozestvcrschleppung gegen den Mörder Jaurös'.

Br. Genf, 30. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bin.) Der Prozeß gegen den Mörder Jan res' wird, wie „Petit Parisienne" erfährt, von einem Mon-at zum andern verschleppt. Da die Staatsanwaltschaft an-kwblich ncch mit der Prüfung des umfangreichen Materials beschäftigt ist, kann es vor Ende Oktober nicht zum Urteilsspruch kommen.

Zur Uebevflitzgung schweizerischen Gebietes f durch zwei deutsche Zkieger.

Ei» aufgeklärter Irrtum.

IV. T.-B. Bern, 29. Sept. (Nichtamtlich.) Amtlich wird bckanntgegeben: Nach einer Mitteilung der kaiserlich deut­schen Gesandtschaft wurde auf Grund der durchgeführten militärischen Untersuchung festgestellt, daß am 21. September zwei deutsche mit der Gegend nicht vertraute Flieger be: dunstigem Wetter sich in Schweizer Gebiet verirrten, und daß einer davon eine Bombe fallen lieh. Sowohl gegen di« Schuldigen als auch gegen die Wiederholung ähnlicher Vorkommnisse sind strengste Maßnahmen getroffen worden.

Zur Neubelebuug der Industrie in Belgien.

Amsterdam, 29. Sept. (Jens- Bln.) Wie die „Gazet van Brüssel" erfährt, haben die Verbündeten beschlossen, um der Industrie in Belgien wieder aufznhelfen, die dafür not­wendigen R o h st o f f e in das Land gelangen zu lassen, u-niet der Bedingung, daß sie nicht an ge fordert werden uni- daß die Erzeugnisse daraus frei ansgeführt werden dürfen. Bekanntlick ist auch die deutsche Verwaltung b-strebt, die Wiederaufnahme der Arbeit zu fördern.

Belgischer Verzicht aus die Kapitulatiousrechtc in Marokko.

W. T.-B. Lyon, 30. Sept. (Nichtamtlich.) „La Döpeche" meldet ans Le Havre: Die belgische Regierung unterzeichnet« ein Protokoll, worin sie für ihre Konsuln, Untertanen und Unternehmungen in der französischen Zone Marokkos auf die Kapitulationsrechte verzichtet. i,

Oer Krieg im Grient. Rumänien macht einstweilen nicht mobil

Dreablehnen.de Antwort desMinisterprSfidenten an die vierverbandsfruendlichen Kriegshetzer.

W.T.--B. Bukarest, 29. Sept. (Nichtamtlich.) Di« Ver­treter der neuen p a r l a m e n t a r i f ch e n Liga, die Sonntag in ihrer ersten Sitzung den Beschluß gefaßt hotte, die Regierung zu einem entschiedenen Auftreten gegen die Freunde der Ze n t r a l m äch t e in Rumänien und zu einem bewaffneten Anschluß an den Vierver- b a n d aufznfordern, erschienen gestern beim Ministerpräsi­denten B r a t i a n u, um ihm diesen Beschluß zu überreich«». Der Ministerpräsident hörte die Abordnung an und erwiderte dann in einer Ansprache, in der er u. a. sagte:

„Das Verlangen nach Mobilmachnng gibt Ihrem Schritt ein Gepräge, das auch die Prüfung der Zulässigkeit anderer von Ihnen erörterter Fragen nicht gestattet,