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sa. Jahrgang.

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Berlags^sernsprecher No. 2S5S.

Donnerstag» den 14. Iannar. Redaktions-Fernspr-cher No. 52 . 1904.

Abend -Ausgabe.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 13. Januar.

Auf der Tagesordnung steht zunächst >die Besprechung | jjj Interpellation Auer und Genossen, betreffend Maß­regeln gegen die Wu-rmkrankhett. Abg. Stützet fZentr.) stellt fest, die Krankheit sei in dem rheinisch- Mftsälifchen Revier schon im Jahre 1880 eingeschleppt worden. Taffache sei, daß die Gefahr, die anfangs unter­schätzt wurde, mit dem Umfange der Berieselung in den Gruben wachse. Manche der Erkrankten täten nichts da­gegen, weil sie keine Beschwerden davon hätten. Überaus schwierig sei es in den Gruben, auf Reinlichkeit zu halten. Besonders zu beklagen seien die wirtschaftlichen Folgen für die Erkrankten. Das Leiden sei keine eigentliche Berufskrankheit, sondern nur ein Unfall. Es müsse auch dafür gesorgt werden, daß bei Erwerbsunfähigkeit im Falle der Krankheit die betreffenden Arbeiter voll entschädigt würden. Abg. Hu6 iSvz.j bestreitet, daß die Krankheit bereits etwas zurückgegangen sei, wie gestern der Handelsminister Möller behauptet habe. Nicht einmal die zeitweilige Einstellung der Berieselung habe so geholfen, wie man es erwartet habe. Für Sauberkeit in den Gruben geschehe trotz aller Verord­nungen nicht genug. Die Zustände sind im wesentlichen aber genau so wie früher. Besonders in den außcrwest- sälifchen Gruben ist in dieser Beziehung nicht das min­deste geschehen. erster Linie ist die preußische Berg- vevwaltnng schuld daran, daß die Krankheit so ver­heerende Dimensionen angenommen hat. Wir haben seit langen Jahren Maßnahmen verlangt. Die preußische Kergverwaltung aber hörte nicht ans uns, sondern über­schüttete uns mit Hohn und Spott. Die Untersuchungen, mit denen gestern der Minister aufwartete, sind sehr problematischer Natur. Das geht aus den Berichten der Ärzte selbst hervor. Den Herd der Krankheit in den Gruben zerstört man nicht, und die Farrcnkrautkur, die man bei den Kranken anwendet, ruiniere die Arbeiter. Es ist die richtige Pferdekur und eine gefährliche Experimentiererei. Erst bringt man die Arbeiter durch diffc Kur auf den Hund, und wenn sie dann runterge­bracht sind, liegen sie ans der Straße. Wir haben in dieser Frage nach allen möglichen Richtungen positive Vorschläge gemacht. Die negative Tätigkeit liegt in diesem Falle auf der Gegenseite. Wir haben eine ge­nügende Entschädigung der erkrankten Arbeiter verlangt. Wir haben verlangt, daß den Arbeitern Trinkwasser in die Gruben geliefert werde. Können Sie sich vorstellen, daß die Arbeiter acht Stunden lang unter Tage bei 20 bis 80 Grad Wärme arbeiten können, ohne einen Schluck Wasser zu trinken? Das geht nicht. Das Berieselungs- wasser, auf das sie jetzt angewiesen sind, ist aber ver­sumpft. Demgegenüber behülft man sich einfach mit der Redensart, die Wurmkrankheit fei eine Berufskrankheit. Bon einer Seuche könne keine Rede sein. Wie kommt es

dann, daß es auch Ziegeleiarbeiter gibt, die dieser Krank­heit verfallen sind, daß auch die Kinder der Bergarbeiter so heftig an der Wurmkrankheit leiden? Der Staats­sekretär hat gestern die Frage des Abg. Sachse gar nicht beantwortet. Wir wollen aber wissen, ob man weiterhin die Mittel der Knappschastskassen zur Bekämpfung einer Seuche verwenden will. Am schlimmsten sind die Ver­hältnisse in den Gruben, in denen vorzugsweise polnische Arbeiter beschäftigt sind. Wann wird man sich endlich entschließen, für diese Arbeiter die Bekanntmachungen über die Bekürnpfung der Krankheit auch in der polnischen Sprache zu veröffentlichen? Die Arbeiter werden be­straft, wenn sie die Kübel nicht benutzen. Warum bestraft man denn die Grubenbesitzer nicht, wenn sie die nötigen Vorsichtsmaßregeln vernachlässigen? Warum bewilligt man nicht endlich unsere alte Forderung: die Anstellung von Arbeiterkontrollenren bei der Inspektion der Gru­ben? Vor kurzem ist von den Knappschafts-Ausschüssen in Bochum beschlossen worden, daß die Wurmkranken im Sinne des Jnvalidengesetzes nicht erwerbsunfähig sind. Wenn dieser Beschluß vom Minister bestätigt wird, ist das uralte Pensionsrecht der Bergarbeiter zerstört. Da­gegen müssen wir Protest einlegen und weiterhin ver­langen, daß das Reich für die notwendigen Maßnahmen und die Enffchädignng der Betroffenen nach den Vor­schriften des Seuchengesetzes sorgt. Wir haben in Gelsen­kirchen ein ausgezeichnetes bakteriologisches Institut, das aber zu sehr überlastet ist. Es ist notwendig, daß das Reich dieses Institut mit Geldmitteln unterstützt. Wir haben im Etat einen Posten zur Bekämpfung des Typhus und der Tuberkulose. Warum sollen wir keinen Posten zur Bekämpfung der Wurmkrankheit einsetzen? Ich habe schon vor Jahren die Wurmkrankheit als einen Betriebsunfall bezeichnet. Wenn die maßgebenden Stellen sich dieser Auffassung anschlietzen, so kann diesen Kranken die Unfallrente gewährt werden. Man könnte ferner auch Verseuchte aus Grund des Jnvalidengesetzes in Heilan­stalten schicken. Wichtig ist ferner die Abkürzung der Arbeitszeit. Es ist in unserer Zeit nicht mehr statthast, die Arbeiter 10 bis 12 Stunden arbeiten zu lassen. Da­durch schwächt man den Körper des Arbeiters und macht ihn widerstandslos gegen die Krankheit. Wenn uns die Beteiligung der Arbeiter an der Grubenkontrolle ge­währt würde, so würde ich jedem Versuch, das in partei­politischem Sinne auszunutzen, energisch entgegentreten. Es handelt sich um die Gesundheit von Hunderttausenden von Arbeitern) da wäre es vollkommen verkehrt, wenn wir hier parteipolitische Absichten verfolgen wollten. Aus diesem Grunde braucht man also unseren Wunsch nicht abzulehnen. Hätte man die verseuchten Arbeiter mit der­selben Sorgfalt behandelt wie das verseuchte Vieh, dann märe schon manches gewonnen. Die Krankheit hätte nicht diesen Umfang angenommen. Bis jetzt haben wir es fertig gebracht, die Gemüter in den Bergwerksbczirken zu beruhigen. Wenn jetzt nichts geschieht, können wir nicht die Verantwortung übernehmen, daß uns das weiter gelingt. (Beifall bei den Sozialdemokraten.) Minister Möller hält dem Vorredner vor, daß er im letzten Teil seiner Ausführungen agitatorisch gesprochen

habe. Wie kann er bestreiten, daß die Zahl der Kranken abgenommen hat? Ich habe Zahlen angeführt, wonach 00 Prozent der Kranken geheilt worden sind. Das ist Tatsache. Warum hat denn der Vorredner kein Rezept mitgeteilt, wie wir es besser machen sollen? In keinem Lande der Welt ist so viel gegen die Krankheit geschehen, wie bei uns. Was ich gestern über die Todesgefahr der Krankheit gesagt habe, halte ich aufrecht. Es ist amtlich überhaupt noch kein einziger Fall bekannt geworden, in dem die Wurmkrankheit zum Tode geführt hätte. Trotz, dem erkennen mir die Größe der Gefahr an. Die Berg­arbeiter haben gewiß manches zur Bekämpfung der Krankheit getan, aber sie dann in hohem Maße zu agitato­rischen Zwecken ausgcnutzt. Es ist richtig, daß die Maß­nahmen für die Arbeiter unangenehm sind. Anderer­seits sind sie für die Grubenbesitzer mit großen Kosten ver- bunden. Mit der Aufwendung von Mitteln ist wirklich nicht gespart worden. Es ist so viel aufgewendet worden, wie in keinem anderen Lande. Der Vorredner hat sich über das Redeverbot der Arzte beschwert. Dies Verbot geht mich nichts an. Ich kann mir aber denken, daß es vielleicht deshalb ergangen ist, weil in den Versamm­lungen des Bergarbeiterverbandes nicht sachlich verhan­delt worden ist. (Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Daß die Einführung von Arbeiterkontrolleuren not­wendig sei, bestreite ist. Seitdem wir das Institut der Einfahrer geschaffen haben, kann von einer solchen Not­wendigkeit nicht mehr die Rede sein. Huk; verlange, daß die Polizeiverordnungen gegen die Wurmkrankheit nicht nur in deutscher Sprache erlassen werden sollen. Solch ein Verlangen würde in keinem Lande der Welt außer in Deutschland gestellt werden. (Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Eine Bemerkung des Vorredners über den Kuxenbesitz einzelner Bergwerksbcamten war durchaus ungehörig. Bemerkungen, wieunverschämter Geselle", waren wir bisher nicht gewohnt in deutschen Parlamenten gegen königliche Beamte zu hören. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Die Zuführung von Trink« wafser in die westfälischen Gruben ist deshalb nicht so notwendig, weil dort die Arbeiter die Gewohnheit Höchen, bis zu 3 Liter Kaffee mit in die Grube zu nehmen. Daß die Arbeiter durch die lange Arbeitszeit für die Krankheit disponiert würden, ist nicht richtig. Wenn die Larve in den Körper kommt, so entwickelt sie sich. Die Arbeitszeit beträgt feit Jahrzehnten in den westfälischen Gruben acht Stunden, in besonders heißen Gruben aber nur sechs Stunden. Damit stehen wir wohl an der Spitze aller Länder. Regierungskommissar Geh. Medizinalrat Professor Dr. K irchner (schwerverständlich) erörtert die Frage vom medizinischen Standpunkt. Es ist gleich nach dem Auftreten der Krankheit untersucht worden, ob die Wurmkrankheit auch außerhalb der Bergwerke vor­komme. Es ist festgeftellt worden, daß das nicht der Fall ist. In diesem Sinne handelt es sich also taffächlich um eine Berufskrankheit. Eine Übertragung der Krankheit auf Kinder ist nur in einem einzigen Falle konstatiert worden. Es ist richtig, daß man anfangs nur die Schwer- kranken in Behandlung genommen,' gerade die Kranken, die einen gesunden Eindruck machen, sind ja eben deshalb

Oie Nevolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(76. Fortsetzung.)

Gottfried nahm sich die Mahnung Schwertfegers wohl zuHerzen. So scharf ÄreSprache desBeobachters" wurde, so aufregend seine Leitartikel nun wirkten, es schieir sich dm Behörden keine Handhabe bieten zu wollen, dem kecken Schreiber mit dem Strafgesetzbuch zu Leibe zu Mhen, und schon dachte man daran, nun doch die plumpe Waffe der Landesverweisung gegen denlästigen Aus­länder" in Anwendung zu bringen, da schmunzelte eines Tages der Herr Staatsproknrator in Elberfeld, als er beim Morgenkaffee sein Brötchen in den mit Zichorien Wsch gebräunten Trank der Levante stippte und dabei durch die Gläser seiner goldenen Brille sorgsam den Leit- Mtikel des neuestenBeobachters" las.Friedrich der Große als Kritiker unserer heutigen Zustände" lautete lein Titel, und als Motto waren die Worte des Monarchen dorgesetzt:Der Irrtum der meisten Fürsten besteht in dem Glauben, Gott habe die Menge von Menschen, deren Wohlfahrt ihnen anvertraut ist, blas aus ganz besonderer ^rge für ihre Größe, ihr Glück und ihren Stolz ge­schaffen, und ihre Untertanen seien nur zu Werkzeugen und Dienern ihrer zügellosen Leidenschaften bestimmt. Mer der unmäßige Hang nach dem falschen Ruhm, 'oaher die brennende Begierde, alles mt sich zu reißen, Wer die Härte der Auflagen, womit das Volk belastet

, ."Das ist famos, das ist ganz famos!" rief derBeamte, m ° Gattin verwundert aufschaute und äußerte: fiw r ^ex, was hast du denn nur? Dies Blättchen ja heule mal eine besondere Freude zu be-

Tut's auch, tut's auch!" rief der Hüter der Gesetze, ist dieselbe Freude, die der stolze Löwe oder Leu

empfindet, wenn ihm eine leckere Beute, nach der er so lange gelechzt, eines Morgens unerwartet in die Höhle gerät."

So geht's nun wohl dem armen Zeitungsschreiber an den Kragen?" srug Frau Arnoldinchen nicht ohne einen Anflug von Mitleid.

Wer gründlich!" rief der Prokurator triumphierend und richtete sich in seiner ganzen Länge gähnend vom Kaffeetische aus.Mag der Mosjöh auch noch so geschickt die ketzerischen Meinungen des Alten von Sanssouci an den Faden seiner hetzerischenAusführungen gereiht haben, die böse Absicht liegt offenbar und das souveräne Gesetz macht auch vor den Meinungen eines Landesvaters, vor­ausgesetzt, daß er schon eine entsprechende Zeit ein­balsamiert ist, nicht Halt. Ich sag' dir, Tünchen, die neueste Anklageschrift deines Herrn und Gemahls wird was ganz besonderes. Die verdiente, unter Glas und Rahmen den kommenden Geschlechtern ausbewahrt zu werden."

Ja, sa, ich weiß es ja, Schatzi, daß ich Ursache Hab', stolz auf dich zu sein," sagte die Prokuratin zärtlich, und Herr Alex Leiensiepen strich sich den Schnauzbart, nahm me Brille herunter und putzte die Gläser mit Ausdauer und Gründlichkeit. Am nächstfolgenden Tage schon wurde Gottfried Hülskamp, als Ausländer fluchtver­dächtig, wegen Aufreizung in Untersuchungshaft ge­nommen und zwei Monate daraus zu fünf Monaten Ge­fängnis verurteilt. Er konnte sich gratulieren, daß er verhältnismäßig milde und von der politischen Ver- solgungswut noch wenig angekränkelte Richter fand.

Die Absicht, die Regierung in den Augen einer breiten Leserschaft herabzusetzen und zum Klassenhaß anzureizen, gurge aus dem Arttkel und der Tätigkeit des Angeklagten zweifellos hervor, hieß es im Urteil. Auch der Umstand, daß er sich dabcsi aus die Aussprüche Friedrichs des Großen stütze, könne daran nichts ändern. Selbst ein preußrscher König könne Ideen aussprechen, welche ge­

fährliche Wirkungen im Volke erzeugten. Der König stände über dem Gesetze, der Angeklagte aber unter ihm. Immerhin könne es einigermaßen strafmildernd für ihn ausgelegt werden, daß er der fälschlichen Meinung war, er dürfe mit der Meinung eines Königs seine Pläne fördern und- hausieren gehen.

Auch gegen Schwerts'eger wurde wegen Verbreitung des Artikels Anklage erhoben. Wer er wurde mit der Untersuchungshaft verschont und kam mit zwei Monaten Gefängnis davon, ein Umstand, der ihm in einer Hinsicht zu gute kam. Hatte sich nämlich bis jetzt Frau Schwert­feger zu einerEhescheidung noch nicht recht geneigt gezeigt, so erhob sie jetzt selber die Trennungsklage mit der Be- gründung, daß sie mit einem Manne nicht weiter zu­sammen zu leben vermöge, der sich gegen Ordnung und Gesetz und gegen S'önig und Vaterland so schwer der- gangen.

Schwertfeger büßte seine Strafe ab. Sie hatte aber keineswegs abschreckend auf ihn gewirkt. Er verbohrte sich nur in den Gedanken, die ganze Preßfreiheit sei eine Spiegelfechterei, wenn es dem Staatsbürger sogar ver­wehrt sein solle, an den bestehenden politischen Zuständen und au den Handlungen der Negierung eine beliebige scharfe Kritik zu üben. Während Gottfried, den er an jeden: Besuchstage im Gefängnis getreu besuchte, unter dom strammen Regiment eines hochkonservativen Gefäng­nisdirektors, eines ehemaligen Kavalleriemajors, seine Strafe weiter verbüßte, verfolgte der Kaufmann unent­wegt seine revolutionären Pläne. Er hielt poliffsche Versammlungen ab, knüpfte überallVerbindungen an und veranlaßte sogar einen Arbeiteransstand gegen seine früheren Kollegen, denen er ihren Scheinliberalisinus, der dock) nur ein Liebäugeln mit der herrschenden Gewalt sei, zum Dorwurs machte. Er hatte längst mit ihnen als mit Philistern gebrochen und war schon seit Jahren von ihnen angefeindet worden, weil er nicht mit ihnen heulte und seine Arbeiter besser bezahlte. Jetzt, wo er