Verlag: Langgasse 27.
2O,OOO Kv^nnerrtrn.
ss. Jahrgang.
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Verlags-Fernsprecher No. 2958.
Dienstag» den 12. Januar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1904.
Abend «Ausgabe.
Sparer und Spieler.
Es hat zu allen Zeiten Leute gegeben, welche sich redeten, das Geheimnis entdeckt zu haben, wie man Ms Häckerling Gold macht. Vom sagenhaften König Mas, unter dessen. Händen sich alles in Gold verwandelt hoben soll, bis zu der geschichtlichen Figur des Schotten Lfm Law, der zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts die Franzosen^ für die Wahnidee zu begeistern verstand, hasi man durch beliebige Herstellung von Papiergeld beliebig viel Neichtümer schaffen und alle Menschen zu Wohlstand bvingen könnte, hat es zahlreiche Weltbeglücker gleichen Schlages gegeben, und die John Laws sind auch heute noch nicht ausgestorbeu.
Ter John Law neuesten Datums ist der Berliner Zeitungsverleger August Schert, sonst Gesellschaft mit beschränkter Haftung, als Volks- und Wektbeglücker aber Person für sich. Auch Herr Scherl glaubt das Geheimnis entdeckt zu haben, wie man aus Häckerling Gold Echt. Er glaubt dieses Geheimnis sogar schon seit Anfang der neunziger Jahre erforscht zu haben, aber die Öffentlichkeit hat sich bisher mit Herrn Scherl und seiner Mt- und Volksbeglückung weniger beschäftigt, weil man dieselbe bisher als private Liebhaberei betrachtet hat. Da aber jetzt mit einer gewissen Bestimmtheit behauptet wird, daß das preußrsche Staatsministerium gesonnen sei, den Scherlschen Plänen zur praktischen Durchführung zu verhelfen, so hat die Öffentlichkeit allen Anlaß, sich mit diesen Plänen zu beschäftigen, wenn wir es auch bis auf iveiteres als unglaublich erachten, daß das preußische Ataatsnmnistertum sich auf die Pläne jenes Geschäfts- Mchers einläßt.
Der Plan des Herrn Scherl erinnert uns an ein Vorkommnis aus der neuesten Geschichte. Als der Biuren- krieg ausbrach, hielten sich in Johannesburg eine Unmasse subsistenzloser polnischer Juden auf, von denen man befürchtete, daß sie in der von Männern entblößten Stadt rauben uird plündern könnten. Kurz entschlossen machte man deshalb diese subsistenzlosen Leute zu Sicherheitswächtern, um ihnen auf diese Weise Unterhalt zu geben und sie am Stehlen zu verhindern. Indes, so genial der Plan war, er mißlang dennoch. Die eigenartige Sicherheitswache verhinderte zwar gewissenhaft andere am Stehlen, aber nur aus Geschäftsinteresse, denn sie stahl selber.
An diese Sicherheitswache erinnert uns der Plan des Herm Scherl, der auf folgender Erwägung beruht: Alle Menschen spitzten gern, aber kein Mensch spart gern; wenn es mithin gelingt, das Sparen mit dam Spielen zu ver
binden, so wird der Spieltrieb den Spürsinn erzeugen! Auf diesem Grundsatz beruht das Scherlsche Sparsystem. Herr Scherl will eine Vermittelungsanstalt zwischen den Sparkassen und den Sparern begründen. Von den Sparern sollen wöchentlich Betrage von 60 Pfennig, 1 Mark, 2 Mark und mehr erhoben werden, die regelmäßig abgehoben werden. Diese Abholung ist der^erste Teil der Scherlschen Votksbeglückung, die sich die-Sparanstalt jedoch — Geschäft ist Geschäft! — recksi anständig honorieren lassen will. Die Abholung soll selbst bei einer Wocheneinlage von nur 60 Pfennig wöchentlich jährlich 3 Mark betragen. Nummer 2 der Volksbeglückung besteht darin, daß die Zinsen der eingezahlten Kapitalien den Sparern nicht ausgezahlt werden. Und die Nummer 8, die zugleich die Krone des Scherlschen Planes ist, besteht darin, daß von den angefammelten Zinsen alljährlich eine Verlosung verairstaltet wird, bei der die Sparer entweder viel oder wenig oder gar nichts gewinnen können.
Jeder Sparer, der wöchentlich 4 Mark eingezahlt hat, erhält am Ende des Jahres ein Los, wer weniger ein gezahlt hat, einen entsprechenden Anteil. Ungefähr zwei Drittel sämtlicher Lose bringen nur einen Gewinn von 20 Mark jährlich, so daß Sparer, welche 60 Pfennig pro Woche einzahlen, also ein Achtel Los erhalten, einen „Gewinn" von 2,60 Mark erhalten, während sie 3 Mark Abholegebühr zu zahlen haben und noch dazu ihre Zinsen verlieren. Mit dieser Sparanstalt für diejenigen, welche nicht alle werden, soll dann noch ein Wochenblatt verbunden werden, dessen Jnserateneinnahme ein Entgelt für die weltbeglückende Tätigkeit des Herrn August Scherl bilden loll.
Wir müssen es bis. auf weiteres für 'ausgeschlossen halten, daß die preußische Regierung einem so abenteuerlichen und wirtschaftlich wie sozialpolitisch hoch gefährlichen Plan zustimmen könnte oder gar zugestimmt hat. Es ist eben eine unwahre Behauptung, daß die Spiel neigung" einer Bevölkerung ein gegebener Faktor ist. sondern sie hängt von den Erleichterungen und Der lockungen ab, mit denen man ihr entgegenkommt. Ir. Konrads Handwörterbuch der Staatswissenschaften sagi Max v. Hackel mit Recht: „Einen unmittelbaren oder
mittelbaren volkswirtschaftlichen Nutzen, z. B. die Be förderung des Spartriebes, durch das Gewähreulassen de, Glücksspielunternehmungen zu vermuten, widerspricht einer allgemein gemachten Erfahrung." Diese Worte sind nicht auf das Scherlsche System gemünzt, aber sie passen vortrefflich darauf. Wir halten es, wie schon betont, für undenkbar, daß die Regierung ihre Zustimmung diesen abenteuerlichen Pläneir erteilen könnte, welche uns lebhaft an jenen Däann erinnern, der stets „einen zum Abgewöhnen" trank, und- an jenen Verein zur Ausrottung der Spielsucht, der die Mittel zur Förderung seines Zweckes durch eine Lotterie aufbringen wollte!
Preußischer Kaitdlag.
Berlin, 11. Januar. Die erste Plenarsitzung deS Herrenhauses, die am 16. d. M. stattfindet, ist auf nachmittags 2 Uhr anücraumt mit der Tagesordnung: Wahl des Präsidiums und der Schriftführer. — Generaloberst Graf Schlieffen, Chef des Generalstabes der Armee, ist auf Präsentation des Domkapitels von Brandenburg in das Herrenhaus berufen worden.
Politische Mersrcht.
Ostasien.
L. Berlin, 11. Januar.
Wie wenig Einsicht und Verstand manchmal bei dem wichtigen Amte der Berichterstattung aufgefvendet wird, dafür hat man ein beinahe tragikomisches Beispiel in einem langen Petersburger Telegramm eines hiesigen Blattes vor sich. Es wird da mit lebhaften Farben geschildert, welche Unruhe die maßgebenden Kreise beseelt, und daß die Hoffnungen auf Bewahrung des Friedens zu schwinden beginnen. Wenn man nun aber zu hören be- gierig ist, worauf sich diese düstere Darstellung stützt, so erfährt man mit angenehmem Erstaunen, daß sie, wenigstens nach dem mitgeteilten Material, unzutreffend sein muß. Denn es wird berichtet, Graf Lambsdorff sei vom Zaren beauftragt worden, ein Communiyuä abzufasseu, das demnächst veröffentlicht werden soll, und das fünf Hauptpunkte enthalten wird, die denn auch alsbald sorgfältig aufgezählt werden. Was findet man da aberA Nichts als Beweise dafür, daß die russische Diplomatis bereit ist, vielmehr schon am Werke ist, die Anlässe zu einem kriegerischen Zusammenstoß zu beseitigen. Nach dem angeblich zu erwartenden „Communiquä" will Ruß- land den Japanern in Südkorea die wirtschaftliche wie die strategische Oberherrschaft einräumen, will den Japanern ferner in Nordkorea voll kommerzielle Freiheit gewähren, nur freilich nicht die Errichtung befestigter Plätze. Dafür aber soll zwischen der Mandschurei und Korea eine fünfzig Kilometer breite neutrale Zone ge- bildet werden, wo weder Rußland noch Japan Be- festigungswerke anlögen dürfen. Endlich ist Rußland gern bereit, Japan ebenso wie den anderen Mächten dis ^offene Tür" für die Mandschurei, einschließlich Mukden und Niutschwang, zuzugestehen, kurz, man erfährt aus dieser Petersburger Mitteilung, daß die Bedingungen, unter denen die Beilegung des russisch-japanischen Konflikts schon seit einigen Tagen erwartet werden durfte, unverändert günstig geblieben sind. Und dabei hält es der Berichterstatter für angemessen, von einer wachsenden Beunruhigung zu sprechen! Das Gegenteil ist das Rich-
Oie Nevolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(74. Fortsetzung.)
XXVII.
Wie Micken Abschied aus Eigcrsbusch nahm und wie sich Agnes über genosiene Zuckerplätzchen trübe Gedanken machte. Wiederum etwas von der Politik und wie der Abgeordnete Schwertfegcr ein Ärgernis an den Zuständen nahm. Wie er und sein Redakteur Gottfried Htilskamp für die gewagten, aber weisen Ansichten des alten Fritz büßen mußten und wie sie darauf begannen, eine neue Umwälzung im Bergischen in die Wege zu leiten.
*
Die Wählbewegung setzte kräftig ein. Die Aussichten schienen anfänglich für Schwertfeger noch ziem- lich unbestimmt, obgleich er weder Mühen noch Kosten sparte und fern Organ den„Bergischen Beobachter", zum größtenTeile unentgeltlich über das ganzeLand verstreute. Die kräftige Sprache Gottfrieds tat zwar gute Wirkung, Her die geringere Arbeiterbevölkerung, die in der großen Nchrzahl war, mißtraute, von ihren Führern aufgehetzt, dein Kapitalisten und Fabrikanten, wenn sie ferner bisherigen Tätigkeit auch Achtung zollte. Sie hatte den Lehmupps Hannes, den „Kruphufaren", >als Kandidaten aufgestellt und evmöglichte es chm durch die Beiträge, die sie von ihrem armen Verdienst aufbrachte, wacker herumzufahren und wütend zu agitieren. Da fiel eines Tages der Kruphusar schmählich in den Dreck und mußte eine Zeillang von der Bildfläche verschwinden. Das hatten die Bauern in Kilwerscheidt in Schuld, Der Hannes sollte ihnen sein Evangelium predigen, aber der alte bürholt, -der in jener Gegend angesessen war, hatte seinen besonderen Pik auf den Agitator, denn er erinnerte sich, Nie sich der Hannes bei dem Fest in Kaltenberg ruppig "fimg, und wemr der Alte auch der Partei Schwertfegers Ncht grün war, so hatte er doch die freundlichen Worte >wch im Gedächtnis, mit denen ihn damals der Kaufmann dor Verunglimpfung schützte und ehrte.
Die wüste Hetze, die der Kruphusar mit Verleumdungen und Beschimpfungen gegen seinen Wahlgegner be- kneb, verdroß den Alten noch besonders, und als mm der O-beinige Hetzer in der großen Scheune des Wirts Hassel
. brück, die in Ermangelung eines geeigneten Saales für die Berfammlling ausgeräumt war, im besten Zuge war, da geschah, was der alte Veteran vorher mit einigen Getreuen überlegt hatte. Ein halbes Dutzend handfester Bauernburschen holten sich den Hannes von dem Faß herunter, von dem aus er feinen Sermon hielt, banden ihn auf einen Stuhl fest und der fingerfertige Dorfbarbier seifte ihm die eine Hälfte des Kopfes gründlich ein und entfernte auf dieser Hälfte sowohl das rotborstige Hcmpt- haar, als den struppigen Bart so gründlich, daß die barbierte Hälfte wie eine Speckschwarte glänzte und auch nicht ein Stöppelchen mehr darauf zu sehen war. Alsdann jagten sie den Kruphufaren von hinnen. Mit seinem Agitieren war es nun ans einmal aus, denn als Halbgeschorenen konnte er sich nicht blicken lassen und es widerstrebte ihm auch, sich die noch stehende Haareshölste so glatt polieren zu lassen, wie die andere Seite seines Hauptes. Überdies hatte sich der Spott an ihn geheftet. Er war tatsächlich kalt gestellt, verkroch sich in seine Hütte in den Wupperbergen und versuchte vergebens, was ihm eine mitfühlende Seele angeratm hatte, den Haarwuchs durchZwicbelsaft und Eigelb zu beschleunigter Tätigkeit anzufpornm. Mer ehe sich die ersten Stoppeln zeigten, da war es geschehen; der verhaßte Gegner hatte obgestegt, zumal der ursprünglich ausersebene, den Arbeitern sympathische Kandidat, der Klaubergs Klaas, energisch für Schwertfeger eintrat. So war der Kaufmann für das Parlament in Frankfurt gewählt, während kurz vordem schon der Freiherr von Pestersbroich über die Schwarzen und Extrem-Roten obgesiegt hatte und als Mitglied der preußischen Nationalversammlung gen Berlin reiste.
Schwertfeger verließ Geschäft und Gattin nicht ungern. Sein Kompagnon und Schwager war gerade von einer großen Geschäftsreise zurückgekehrt, und mit dem Manne verstand er sich nicht gut. Ter Madame Schwertfeger aber war die politische Tätigkeit ihres Mannes in der Seele verhaßt, und in den: beschränkten Standesgefühl, das sie als Tochter eines alten Patriziergeschlechtes aus Elzerfeld entwickelte, deuchte ihr die Herausgabe einer Zeitung und die damit verbundene buchdruckerifche Geschäftstätigkeit als etwas Herabwürdigendes für einen
Grossisten, Exporteur und Fabrikanten. Gottfrieds war ihr besonders ein Dvrn im Auge, und wenn sie ihn je bei ihrem Manne erwähnte, tat sie es nur in der Form: „Dein Zeitungsschreiber". Längst hatte sich Schwert- fcger daran gewöhnt, seine eigenen Wege zu gehen, aber diese hochmütige und gehässige Mißachtung dessen, wofür er sein Bestes einsetzte, ärgerte ihn so, daß er dis erste passende Gelegenheit benutzte, gen Frankfurt auf- zubrechen. —
„Was soll ich Dir schreiben?" hieß es int ersten., firrz« gehaltenen Briefe an seine Frau. „Meine politischs Tätigkeit, die meine ganze Kraft in Anspruch nehmen wird, interessiert D i ch nicht, die Kleinodien in den herrlichen Juwelierläden oder derartige Dinge Dir zu beschreiben, langweilt mich hingegen, und zärtliche Beteuerungen erwartest Tu wohl nicht von mir. Blicke also in unsere Zeitung, wenn Du etwas von mir erfahren willst. Ich habe meinem wackern Redakteur Hülskamp versprechen müssen, ihm Stimmungsbilder aus der Bundestags- und Reichsparlamentsstadt für den „Beobachter" zu schicken. Ich werde mein Möglichstes run, und er wird meine Schilderungen Wohl journalistisch sc» ausputzen, daß sie jeder gebildete, geistig angereosts Mensch nicht ungern lieft. Denke, sie seien für Dich mit- gefchrieben und sei im übrigen überzeugt, daß ich mir das Leben hier leidlich angenehm gestalten und mich vor Schnupfen, Halsweh und anderen gesundheitlichen Schädigungen möglichst hüten werde."
Zur sechen Zeit erhielt Mieken einen Brief von ihm, der wesentlich anders lautete. Er erzählte ihr von seiner Ifeise, von der Schönheit der alten Reichsstadt von der Gesellschaft von Parlamentariern, die sich da zusammen- gefunden, von seinen Vorarbeiten und politifchen Plänen und von derSorge, die er sich mache, daß er sie so allein in ihrem Häuschen zurückgelassen habe, wo er nun so weit von ihr fort sei. Er sinne hin und her, wie dem an» besten abgeholfen werden könne und er würde ihr bald mehreres über diese Frage und ihre Lösung schreiben. —-
Eines Tages nun erschien Meken auf Eigersbufch und wurde, wie immer, von Agnes mit Freuden empfangen. Dann aber betrachtete das Mädchen die Freundin mit Staunen und rief: „Mer was ist denn mit
