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ss. Jahrgang.
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16.
BerlagS-Ferusprechcr N». 295«.
Montag» den 11. Januar.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1904.
übend -Ausgabe,
Me rvird's im Ueichslag?
Dienstag um 2 Uhr nimmt der Reichstag seine durch Sie Weihnachtsferien unterbrochene Tätigkeit wieder auf. Die bisherigen Leistungen des neuen Reichstages waren nur sehr dürftig. Die Herren Volksvertreter, bie am 3 Dezember zusammengetreten waren, erledigten in 8 Sitzungen die Verlängerung des Handelsprovisoriums mit England und die erste Lesung des Etats und gingen -ann am 5. Dezember in dch Weihnachtsferien.
Nach dieser mehr vorbereitenden Tätigkeit wird jetzt die eigentliche parlamentarische Arbeit ihren Anfang nchmen. Auf einige scharfe Attacken darf man sich bald nach dem Wiederzusammentritt des Reichstages gefaßt machen, da zunächst einige Interpellationen zur Erledigung gelangen, von denen insbesondere eine sehr explosiver Natur ist. Es ist dies die Interpellation der Konservativen, welche die Regierung um Aufklärung ersucht, weshalb die.Kündigung der 1891 bis 1894 abgeschlossenen Tarifverträge noch nicht erfolgt ist. Die Interpellation wird vom Grafen Kanitz begründet werden, der als Mann der scharfen Tonart bekannt ist. Da der konservative Wortführer zudem in einer unlängst abgehaltenen konservativen Versammlung ausdrücklich erklärt hat, daß er es bei seinen Ausführungen im Reichstage an der gehörigen Deutlichkeit nicht fehlen lassen werde, so darf man sich auf einen „wilden Kriegstanz" gefaßt machen. Über die Antwort der Regierung auf die konservative Interpellation kann übrigens kein Zweifel bestehen, nachdem der Staatssekretär Graf Posadowsky bereits bei Debatte iiber das Handelsvertragsprovisorium mit England am 12. Dezember v. I. erklärt hat, er lehne es im gegenwärtigen Stadium der Verhandlungen mst der größten Bestimmtheit ab, sich auch nur auf Angriffe gegen die Handelsvertragstzolitik der Regierung zu äußern.
Von dem Etat werden voraussichtlich nicht so viel Abstriche gemacht werden wie im Vorjahre, da der Etat diesmal alles in allem mit Sparsamkeit aufgestellt wor- den ist. Zu den Forderungen, deren Sreichung ziemlich sicher ist, gehören die Gehaltserhöhungen für die Oberstleutnants, während die Forderungen für die Unteroffiziere bewilligt werden dürften. Scharfer Widerspruch wird auch gegen den Fortbestand der ostasiatischen Brigade erhoben werden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Reichstag die Regierung durch Streichung eines Teiles dieser Position zur schrittweisen Auflösung der ostasiatischen Brigade veranlassen wird.
Als entschieden kann bereits das Schicksal der „kleinen Finanzreform" gelten. Me Vorlage wird in der Budget
kommission, an die sie verwiesen wurde, entweder sang- und klanglos begraben werden, oder es wird von chr nur die eine Bestimmung zum Gesetz erhoben werden, wonach die Überschüsse des 'Reichshaushalts zur Schuldentilgung bestimmt werden. Dagegen können die wesentlichen Bestimmungen der Vorlage, wonach die indirekten Steuern von vornherein dem Reiche verbleiben sollen bis auf die Verbrauchsabgabe von Branntwein und der Betrag der Matrikularbeiträge in der Regel den Durchschnittsbetrag der Verbrauchsabgabe von Branntwein nicht übersteigen soll, wohl als gescheitert gelten, da sich hierfür unbedingt nur die konservativen Parteien und in bedingter Form die Nationalliberalen erklärt haben.
Zu den Vorlagen, welche im Bundesrat schon erledigt sind und dem Reichstage bald nach seinem Zusammentritt zugehen dürften, gehören der Entwurf über die Friedenspräsenzstärke des Heeres, das Servisgesetz, die Vorlage über die kaufmännischen Schiedsgerichte und die Börscngesetznovelle. Von diesen Vorlagen werden voraussichtlich nur die beiden letzteren ninfangveichere Verhandlungen erfordern. Was die Kaufmannsgerichte betrifft, so hat die Regierung sich jetzt dafür entschieden, daß sie in der Regel an die Gewerbegerichtc angegliedert werden sollen. Widerspruch dürfte im Reichstage ganz besonders gegen die Bestimmung erhoben werden, wonach die Kaufmannsgerichte nur für Gemeinden mit mchr als 50 000 Einwohnern obligatorisch sein sollen: voraussichtlich wird der Reichstag diese Grenze heruntersetzen.
Scharfe Kämpfe werden sich vor allem um die Börsengesetznovelle erheben, die vom Bundesrat schon genehmigt ist. Dagegen ist die Novelle zum Reichsstempelgesctz, die eine Ermäßigung der Börsensteuergesetze bezweckt, im Bundesrat noch nicht erledigt. Zu den noch ausstehenden Gesetzen gehören ferner das Militärpensionsgesetz, die im alten Reichstage unter den Tisch gefallene Vorlage über die Reichsgavantie für die Eisenbahn von Dar-es-Salaam nach Mrogoro und der Gesetzentwurf über die Entschädigung für unschuldig erlittene Untersuchungshaft. Was die Garantie für die ostafrikanische Bahn betrifft, so dürfte der neue Reichstag angesichts der ungünstigen Finanzlage kaum mehr Neigung zur Bewilligung der Vorlage aufweisen, als sie der alte Reichstag gehabt hat. Dagegen dürfte das Gesetz über die Entschädigung für unschuldig erlittene Untersuchungshaft höchstens in bezug auf Einzelfragen Schwierigkeiten verursachen, denn über die grundsätzliche Zustimmung der Volksvertretung zu diesem Gebot der Gerechtigkeit kann kein Zweifel bestehen. — Die glatte Erledigung der Aufgaben des Reichstags wird im übrigen ganz davon abhängen, ob der neue Reichstag sich von dem chronischen Übel der Beschluß- unfähigkeit frei zu halten weiß, an dem der alte Reichstag so schwer gelitten hat.
Politische Übersicht.
Ostasien.
I.. Berlin, 10. Januar.
Wir haben Gelegenheit gehabt, festzustellen,_ daß das Vertrauen hiesiger maßgebender Kreise auf die Erhaltung des Friedens in Ostasien unerschüttert ist. Es müßte etwas ganz ^Außerordentliches, nämlich ein Wweichen Rußlands oder Japans von der bisher verfolgten Linie, erntreten, damit die Zuversicht auf die Erhaltung des Welffriedens schwinde. Offenbar stützt sich die ruhige Auffassung der deutschen diplomatischen Welt auf die Berichte unserer Vertretungen in Petersburg und in dein westlichen Hauptstädten, wo wegen der Bündnis-Verpflichtungen Englands gegenüber Japan und Frankreichs gegenüber Rußland naturgemäß vortreffliche Beobachtungsposten gegeben sind. Jedenfalls bcharrt man an unterrichteten Stellen bei der Anschauung, daß die Umrisse einer tragfähigen Verständigung zwischen Rußland und Japan bereits vorhanden sind, und daß es nur noch darauf ankommen wird, sie mit entsprechenden bindenden Vereinbarungen auszufüllen. Rußland respektiert den Einfluß Japans auf Südkorea, Japan respektiert die Vorherrschaft Rußlands in der Mandschurei, imb ; es wird sich wahrscheinlich auch dazu bequemen, Nordkorea in dis russische Einflußsphäre übergehen zu lassen, wenn es dafür! die vertragsmäßige Sicherheit erlangt, in Südkorea der anerkannte Herr werden zu sollen. Warum bei dieser! Sachlage ein Krieg wahrscheinlicher als die Fortdauer des Friedens sein soll, ist wirklich nicht einzuschen. In Berlin jedenfalls glaubt man an Frieden und nicht an Krieg, Die Schwierigkeit liegt eigentlich nur darin, daß beide Mächte noch nicht den Weg von ihren unerfüllbaren, nur zu Kompensationszweckeu gestellten Forderungen zu jenen Forderungen gefunden haben, die jede Macht der andern zugestehen Willens ist. Wenn Rußland ein Besitzrecht im südkoreanischen Hafen Masompho beansprucht, wenn andererseits Japan Sonderrechte in der Mandschurei verlangt, so sind das eben die Punkte, von denen man in Petersburg wie in Tokio weiß, daß sie schließlich werden aufgegeben müssen, nur. daß der Modus zur Verzicht- leistung auf sie eben noch nicht gefunden worden ist. Aber er wird gefunden werden. Das Wie ist Sache dev Verhandlungen, das Was steht fest.
Stimmungsbild aus Makedonien.
e. S a l o n t k i, 6. Januar.
Die Ereignisse in Ostasien haben die Aufmerksamkeit non Makedonien abgelcnkt, und da auch in der Insurrektion infolge des Winters eine gewisse Kunstpause eingetreten ist, glaubt man wahrscheinlich im Auslande, eS herrsche dort eitel Ruhe und Frieden. Das ist aber leider nicht der Fall. Die von den Militärbehörden an-
Oie Nevolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(73. Fortsetzung.)
„Wie! man uns entfernt hat, das haben Sie vielleicht mit Vergnügen bemerkt", meinte der Kaufmann, „aber leider waren wir nicht zugegen, als Sie von der Volkswut gemaßregelt wurden."
„Der Unterschied ist einzig der, daß Sie beide von den Roten, ich aber von den Schwarzen an die Lust gesetzt wurde. Ich hatte gerad' genug von dem Geschwafel des Kruphusars und seiner Konsorten und wollte mich hmausmachen, da drängt so'n Schwarzrock mit seiner Lechgarde in den Saal. Na, das wollt' ich mir denn doch an- höreu. Eh' sich's einer versah, stand der Römling auf der Tribüne, fuhr wie der Teufel mit der Gewalt eines wohl- gedrillten Predigerschnabels den aufmuckenden Roten über die Schnauze und legte los. Ter Zweck war der, für eine ultramoutane Landtagskandidatur Stimmung zu machen. Donnerstag und Frydag! das ging mir denn doch noch mchr gegen den Strich, als wenn sie den Kruphusaren als Volksvertreter aufgestellt hätten. Ich versuch' erst mein Mitbringsel, den Michels Kawelm, wieder zu seinem gewaltigen Pfiff anzureizen, aber der Kerl erweist sich als mn trauriger Pfaffenknecht und weigert sich der Tat. Na, da Hab' ich denn mit Zwischenreden die Predigt gestört und glaubte gerad' den schwarzen Bruder am Rednerpult ein plwrmal ordentlich all adsurckum geführt zu haben, kriegte sogar Beifall von den Roten, als die Pfaffenknechte plötzlich über mich herfallen und mich gröblich, Wenwauch ohne weitere Gefahr für Leib und Leben, aus dem Tempel beförderten. Na, und da bin ich denn nun."
„Wir sind politische Gegner, Herr Freiherr, ccher daß man Sie auch herausgeschmissen hat, das führt Sie meinem Herzen näher", sagte Schwertfeger. „Jetzt lachen dm Schufte da drinnen noch, und der .Kruphusar bildet Ich wahrscheinlich noch ein, er kam' aufs Pferd und könnte reiten, aber verflucht und zugenäht! es könnte mich reizen, persönlich in den Kampf mit dieser Bande einzutreten und ^n Stelle des Maubergs Klaas mich selber zum Kaudi- oatm zu proklamieren."
„Donnerwetter, das ist ein Wort!" rief Gottfried freudig.
„Und ehe ich es dulde, daß unser Wahlkreis von einem Pfaffen vertreten wird! . . . Himmeldonnerwetter!" fluchte der Freiherr und schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Geben Sie gewiß dem Herrn Schwertfeger die Stimme und wirken für ihn?" frug Gottfried.
„Ten Deuwel tu' ich! So ganz rot, so schreiend rot, wie der Kruphusar, sind Sie ja am End' nicht, Herr Schwertfeger, aber gerad' noch rot genug, so was, wie scharf rosa will ich sagen. Und nehmen Sie mir's nicht übel, Sie mögen ein vortrefflicher Herr sen, aber Rot und Rosa das sind zwei Farben, die ich nun mal nicht leiden kann. Und eh' eine davon zum Sieg kommt, eh' . . ."
„Sie wollen sich doch nicht etwa selber anfftellen lassen?" frug der junge Journalist.
„Und warum nicht, warum nicht? Ja, ich fühl' geradezu ordentlich 'ne feierliche Verpflichtung dazu in mir, nachdem die Schufte dadrin einen treuen Diener des Königs so schlecht behandelt haben. Nee, die sollen nicht auch zuletzt noch lachen, die Schwarzen und die Roten! Hol' mich der Deuwel, wenn ich mich nicht aufstellen lass'!"
Er war aufgesprungen und blickte kampflusffg drein.
„Und dann: wär' meine Kandidatur nicht etwa aussichtsreich ? Alles hätt' ich für mich, was nicht hinter den zwei verfluchten Farben hervennt, und die Regierung würde mich gewiß besonders stützen. Jahrzchnte Hab' ich mich als Freund des Volks gezeigt, und es müßte doch kurios zugehen, wenn mich das nun im Stich lassen wollte."
„Und glauben Sie, daß der geringe Mann in mir 'nen Feind erblickt?" frug Schwertfeger. „Ich Hab' das meine ehrlich dazu beigetragen, hier in der Gegend die Geister zu wecken, und wenn der Mob auch hinter dem Kruphusar herrennt und die Pfaffen eine Anzahl hinter sich haben . . . .Da wollen wir doch mal erst sehen."
„Jetzt erst kommt die rechte Zeit für den „Beobachter". Jetzt heißt's für mich, die Ärmel cmfgekrempelt und in die Hände gespuckt!" rief Gottfried kampfesfroh.
„Das heißt Wohl schon mit anderen Worten: Jetzt nimm dich in acht, Peitersbroich?" sagte der Gutsbesitzer gedehnt.
„Denken wir an das, was der brave Pastor Bröker vorhin gesprochen hat. Seien wir Brüder auch im Widerstreit, Herr Baron", sprach Schwertfeger milde aus dem Gefühl einer gewissen Übermacht. „Tragen Sie mir's nicht nach, wenn ich Sie aus item Felde schlage." >
„Oho, so weit sind wir noch nicht!" rief Peitersbroich.
„Ihr Blättchen und Ihr Anhang machen Ihnen den Kohl allein noch lauge nicht fett!"
„Nur nicht um die Haut des Bären streiten, ehe er erlegt ist", niahnte Gottfried. Dann lachte er plötzlich laut und rief: „Und da gerät man schon in Rage und betrachtet sich mit feindlichen Blicken, wo man Hand in Hand den schönsten Sieg gewinnen könnte. Daß äber auch noch keiner daran gedacht hat! Es sind ja doch zwei Mandate vakant, eins für das preußische Parlament und eins für's Frankfurter."
„Hm, b-a§ ist wahr", brummte der Freiherr. „Wer was soll's? Wir können die Sitze doch nicht auS- würfeln."
„Aber verteilen, brüderlich verteilen nach Gefallen. Sie Herr Baron, wollen Ihrem König vor allem dienen, also gehen Sie nach Berlin, und für Herrn Schwertfeger ist das Reichsparlament -der fruchtbare Boden, wie mir scheint."
„Wie Jhnm scheint . . . Na gut, der Vorschlag hat etwas für sich. Aber so sehr ich Sie persönlich schätze und von der Lauterkeit Ihrer politischen Gesinnung überzeugt bin, es geht mir doch, nehmen Sie mir's nicht übel, etwas gegen den Strich, daß ich mit einem Radikalen pakffeven soll."
„Dann versuchen Sie doch den Kampf mit drei Gegnern, mit nur, mit den Schwarzen und dem Mob. Wenn Sie darin nicht unterliegen, lasse ich aus Hochachtung Ihr Brustbild auf alle unsere Klingen schlagen", entgegnete Schwertfeger geärgert.
„So werden Sie doch nicht gleich grob. Me Sache ließe sich am Ende überlegen. Also mit einer Teflung in die Mandate, wie dieser Nachfolger des Kolumbus vorgeschlagen, wären Sie einverstanden?"
