53. Jahrgang.
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Ko. 1«.
Verlags-Fernsprecher No. 298S.
Donnerstag» den ?♦ Januar.
RebaktionS-Fernsprecher N». 52.
1804 .
Abend »Ausgabe.
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Von Alfred Mocglich.
Durch die Presse läuft augenblicklich wieder einmal der Hinweis auf den Stillstand bezw. Rückgang der französischen Bevölkerung, gleichzeitig aber auch ein Vergleich mit den deutschen Bevölkerungsverhältnissen. Die Gegenüberstellung der Volkszunahme in beiden Ländern hat vielfach die Befürchtung geweckt, Deutschland stehe mit seinem enormen Geburtenüberschüsse am Vorabende einer unglückseligen Übervölkerung. Damit wurde der Name eines Mannes wieder wachgerufen, der einst hoch am wissenschaftlichen Firmament leuchtete und auch heute noch eine weitgehende Verehrung genießt: Robert
Malthus. Als Malthus vor etwa hundert Jahven sein so berühmt gewordenes Buch über die Prinzipien der Volksvermehrung oder richtiger der Übervölkerung — „An Essay on the principle of population" London 1798 — in die Öffentlichkeit brachte, glaubte die damalige wissenschaftliche Welt das Ende der Menschheit nahe. Denn was der englische Nationalökonom mit vieler Kühnheit und mit bestehenden Belegen begründete, war: Jede Bevölkerung hat die natürliche Tendenz, sich ungefähr nach je 25 Jahren in geometrischer Progression zu vermehren, also nach denZahlen 1, 2, 4, 8, 16, 32 u. s. f., während der ihrer Ernährung dienende heimische Bodenertrag nur in a ri th meti sch er Progression, also nach dem Zahlenfortschritt 1, 2, 3, 4, 5, 6 u. s. f. zunimmt, sich also in je 23 Jahren nur um die einfache Menge des ursprünglichen Quantums vermehrt. Darnach müßte z. B. ein Volksbestand von 1 Million Menschen nach 25 Jahren auf 2 Millionen, nach 50 Jahren auf 4 Millionen, nach 76 Jahren auf 8 und nach 100 Jahren auf 16 Millionen, also auf das Sechzehnfache, anwachsen, während eine Million Zentner aus dem entsprechenden Boden gewachsener Nahrungsmittel in denselben Zeitabständen sich :mr auf 2 bezw. 3, 4 und 6 Millionen Zentner steigern würde — ein Mißverhältnis zwischen Brot und Mäulern, das schließlich in nichts anderem verlaufen könne, als in dem allmählichen, aber sicheren vollständigen Untergange des Menschengeschlechts infolge von Nahrungsmangel. Nur die vorbeugende Beschränkung der Geburtenvermehrung und die positive Eindämmung durch Laster, Seuchen, Elend und Krieg sei imstande, diese unvermeidliche Folge der übergroßen Vermehrung bis zu einem erträglichen Grade abzuschwächen.
Das. ungefähr ist in rohen Zügen der Inhalt des „Malthusianismus." Ein gewisser grausamer Zug wohnt ihm inne. Schon Adam Smith hat ihn andeuttmgsweise verfochten, und später Buckle und fast alle National
ökonomen des vorigen Jahrhunderts haben das Grundgesetz des Malthus als unumstößliches Prinzip mit übernommen. Es war kein Wunder. Denn Malthus hatte seine verblüffenden und damals unwiderlegbaren Beweisziffern vornehmlich den nordamerikanischen Kolonien entnommen, die sicki zu jener Zeit in einen: bisher nie gekannten Stadiuin enornister Entwicklung befanden. Lebte der Übervölkerungsapostel aber heute, so würde er schon die ersten Fundamentalsätze seines großen Dogmas hinfällig werden sehen. Gerade die hochkultivierte französische B>evölkerung zeigt infolge der dort vorherrschenden Kulturanschauungen seit einem Jahrhundert das beängstigende Bild relativen Rückgangs.
Aber auch in Deutschland und in allen übrigen Staaten Europas, wo sich keine abnorme landfremde Einwanderung geltend macht, geht das Bevölkerungswachstum nur mit durchaus gemessenenSchritten vorwärts. Die stärkste Geburtenvermehrung zeigen die flavi- schen Gebiete mit ihren geistig und wirtschaftlich sehr niedrig stehenden Volksschichten, ebenso in den mchr kultivierten Ländern die auf den untersten sozialen Stufen stehenden Bevölkerungsgruppen.
In wie ivenig besorgniserregender Weise sich tatsächlich die modemen Kulturvölker vermehren, kann man an dem nicht gerade volksarmen Hessen-Nassau zahlenmäßig abmessen. Hier kommen auf den Quadratkilometer nach der letzten Volkszählung 120,9 Bewohner gegen 104,2 im Reichsdurchschnitt und sogar nur 35 in Mecklenburg- Strelitz und 54 in Ostpreußen. Die Bevölkerung vermehrte sich während des 19. Jahrhunderts nur sehr mäßig, pro Jahr im Durchschnitt um ca. 0,80 %. Das Königreich Sachsen zeigte einen Zuwachs von durchschnittlich fast doppelt soviel: 1,51 %. Innerhalb der heutigen Provinzgvenze betmg die Bewohnerschaft Hessen- Nassaus vor hundert Jahren ungefähr 800 000 Köpfe. Nach den Lehrm des Malthusianismus müßte sie im Jahre 1900 ungefähr auf das Sechzehnfache, also auf zirka 13 Millionen, angewachsen sein. Die Wirklichkeit bleibt hinter dieser Rechnung aber weit zurück, so weit, daß jede Diskussion eigentlich überflüssig erscheint. Es wurden nämlich gezählt:
1816 mnd 958 000 Bewohner 1855 „ 1324 000
1900 „ 1 898 000
Statt eines Sechzehnfachen also nicht viel mchr, als eine gute Verdoppelung während eines ganzen Jahrhunderts! Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß diese Vermehrung nicht allein durch den Geburtenüberschuß, sondern auch durch eine starke, landfremde Zuwandemng entstanden ist.
Die Bäume wachsen also auch! in Hessen-Nassau nicht in den Himmel. Überhaupt darf man, gestützt auf die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft und der Be- völkerungslchve und -Statistik, allgemein sagm: Es ist
kein Unsegen für ein einigermaßen gut verwaltete, noch weniger für ein wohlhabendes Landesgebiet, immer volkreicher zu werden, sondern umgekehrt: solange die natürliche Volksvermehrung infolge eines bemerkenswerten Geburtenüberschusses eine hohe ist, solange hat das Volk Lebensenergie und Existenzfähigkeit in sich. Der Geburtenüberschuß Hessen-Nassaus ist aber ein normaler, und zwar zunächst infolge außerordentlich günstiger Sterblichkeitsverhältnisse. Im Jahre 1900 entfielen auf je 1000 Bewohner 33,0 Geburtei: und 18,9 Sterbefälle, so daß sich der Geburtenüberschuß auf 14,1 °/ 00 stellte; im Reiche war er etwas höher, 15,1, und zwar infolge höherer Geburtenziffer, die dort 36,9 °/ 00 betrug.
Selbstredend steigt mit der Volkszunahme weder der Bodenumsang, noch in gleichem Verhältnis der Boden- ertrag. Es wäre aber töricht, von unserer Getreide bauenden Landwirtschaft n:ehr zu verlangen, als sie leisten kann oder billigerweise leisten will. Je volkreicher ein Land wird — und das wird es nur Hand in Hand mit einer tüchtigen Industrie, also mit einem kaufkräftigen Element — desto mchr wird sich die Landwirtschaft den lohnenderen Zweigen ihres Betriebes, der Viehzucht, dom Gemüseanbau, der Obstkultur zuwenden. Das weitere besorgt der natürliche Ausgleich, den der moderne Handel und Verkehr in der Hand haben. Tie einheimischen Industrie- Hände schaffen Werte genug, um sie vorteilhaft unter einer verständigen Handelspolittk umzusetzen gegen den fehlenden Getreidobedarf, den das dünner bevölkerte, aber fruchtbare Nachbarland oder das Ausland abgeben muß. Allerdings konnte Malthus _ die Größe des modernen Handels und die Leichtigkeit und Schnelligkeit des Verkehrs unserer Zeit auch nicht annähernd ahnen. Seinen sich so feindlich gegenüber stehenden „Progressionen" zum Trotz sind Hungersnöte innerhalb eines wirklichen Kulturlandes zu einer Unmöglicheit und Kriege wie Seuchen zu einer außerordentlichen Seltenheft geworden.
Nur in den Köpfen der Pessimisten und der Tendenz- Politiker kann es unter diesen Umständen eine „Über- völkerungsgefahr" gebe:: und es ist nicht zu verstehen, warum Malthus noch heute zu den von der Wissenschaft meist zitierten Nationalökonomei: gehört.
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Politische Übersicht.
Ostasien.
L. 39 e r 11 it, 6. Januar.
Trotz verschiedener Einzelmeldungen, die, losgelöst dom Gesamtbild der Situation, bedrohlichen Charakters zu sein scheinen, wird hier an einer friedlichen Auffassung der Lage in Ostasien festgehalten. Man nimmt an, daß noch langwierige Verhandlungen nötig sein werden, uni ein endgültiges Kompromiß durch beiderseits befriedigende
Oie Nevolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
l70. Fortsetzung.)
Gottfried hauste noch in der Gartenwohnung des Schwertsegerschen Anwesens. Er hatte es sich behaglich eingerichtet in seinem Zimmerchen und fühlte sich wohl bei seiner neuen Tätigkeit, die ihn ganz in Anspruch nahm. Es wäre ihm hart angekommen, hätte er jetzt seinen Wanderstab wieder ergreifen müssen, und so war ihm die Mitteilung seines Verlegers und Freundes, daß die Negierung einstweilig noch keine Lust zu haben scheine, einen politischen Märtyrer aus chm zu machen, sehr angenehm.
„Unser Blatt hat Boden gewonnen und es ist der Grund zu einer gesunden WÄterentwickelung gelegt", sagte Schwertseger. „Aber Sie sollen sehen, wie man schon Sorge tragen wird, daß wir schlank bleiben und nicht zum fetten Zettnngsbourgeois werden. Tie Revolution h>at es versäumt, reinen Tisch zu machen, und diese Dummheit müssen wir schwer bezahlen. Ich ärgere mich jetzt über mich selbst, daß wir so maßvoll, so zahm geblieben sind und auf die Ehrlichkeit der Gegner gebaut haben. Die jenseits der Vogesen haben die Technik besser los. Sie sind durch Übung Meister geworden und wir sind nur gutmütige Dilettanten und schließlich nichts weiter werft als daß man uns, daß man dem täppischen deutschen Michel, das Fell über die Ohren zieht."
„Das Recht, darüber ein Wehgeschrei zu erheben, wollen wir uns wenigstens nicht verkürzen lassen", lachte Gottfried.
„Und für die Wahlbewegung wolle:: wir uns mal recht die Hemdsärmel aufkrämpeln. Der Rummel fängt schon an. Für morgen nachmittag ist in Schlepenrath eme Volksversammlung einberufen worden. Das wollen wir doch nicht versäumen. Ich habe schon Weisung gegeben, daß unser Blatt da zur Verteilung kommt, damit wir auch in jener Gegend Boden gewinnen."
„Das kann ja eine interessante Fahrt werden", sagte
Gottfried erfteut. „Ich meine, wir sollten schon früh hinaus, damit wir in der Kirche mal sehen, wie sich Paswr Bröker dazu stellt. Er ist doch der einzige von den Geweihten weit und breit, der sich nicht ängsüich unter den Schutz und Schirm der „Maßgebenden" duckelt und ihnen keine Heerfolge leistet."
„Er ist ein stiller Freund unserer Sache", bestätigte Schwertseger, „und wie ich ihn kenne, weist er uns nicht die Tür und macht kein schief Gesicht, ivenn wir uns nach dem Gottesdienst zu einem Glas selbstgekelterten Stachelbeerweins bei ihm einfinden. Daß dies Getränk etwas Vorzügliches sei, ist das einzige Vorurteil, das er sich groß gezogen hat und mit rührender Liebe verhätschelt. Also machen wir ihm das Vergnügen, ihn morgen nach der Predigt darin zu bestärke::. Nachher speisen wir dort in: goldenen Stern so gut, wie es nur irgend geht, zu Mittag und Helsen nachher im Saal das Auditorium bilden, um die Volksstimmung weiter zu studieren. Ich Hab' was davon verlauten hören, daß der Lehmupps Hannes, der Kruphufar, da eine große Rede schwingen wird. Sie hatten ihn ein paar Wochen eingesteckt wegen des Spektakels, de:: er damals bei der Söhliger Demonstration vollführt hat. Jetzt wird er deshalb ordentlich geladen sein, und der Spaß kann gut werden. Jedenfalls sehen wir auch da, wo wir nächstens einzusetzen haben, und ob wir den Klaubergs Klaas mit seiner gut demokratischen Gesinnung und seinem- trockenen Humor wirklich aufstellen sollen oder . . ."
„Oder den Kaufmann Schwertseger!" rief Gottfried aufspringend.
„Wie kommen Sie auf die Idee?" frug der Kaufmann. .
„Die Idee liegt doch nahe genug. . Ich habe längst daran gedacht, aber ich wollte warten, bis Sie das erste Wort darüber fallen ließen. Sie sind für die Sache wie geschaffen, jedenfalls besser wie dieser doch immerhin ungebildete Biedermann aus Tykrath, den eine Anzahl zahme Vermittelungsbrüder vorgeschlagen haben."
„Er hat einen gesunden Verstand, und das Vertrauen der unteren Schichten ist ihm gewiß. Der Sache kann
es nur gut tun, wenn derartige Elemente mit in die Kammer geschwemmt werden. Man hat den Wahlmodus sa schon, tückisch genug, so eingerichtet, daß die „Stützen des Thrones" die Vorhand haben, und daß die der Regierung wenig gefährlichen Vertreter von „Bildung und Besitz" vorwiegend die Bänke drücken. Erscheinungen, wie der Klaubergs Klaas, sind dort vielleicht in ihrer Vereinzelung wirksamer als solche, wie der Ernst Schwert- feger. Man muß auch das dekorative Element bei der Zusammensetzung der Kammern etwas in Betracht ziehen. Bor allem sollten die industriellen Bezirke nicht nur durch Fabrikanten, durch Arbeitgeber, sondern ebenso gut durch Arbeitnehmer vertreten werden. Also präparieren Sie sich einstweilen daraus, den Biedermann im „Bergischen Beobachter" auf den Schild zu heben."
„Ich- finde aber, daß S i e als Vertreter des heiniischen Jndustriebezirks eine geradezu ideale Erscheinung wären", erklärte Gottfried mit großer Lebhaftigkeit. „Sie sind kein einseitiger Repräsentant Ihres Standes, das Volk hat Vertrauen zu Ihnen, und der Stimme:: aller besseren Arbeiter sind Sie sicher."
„Aber der Mob in seiner Überzahl bringt am Ende einen Kruphusaren durch."
„Das käme denn doch noch sehr darauf an. Es wäre eine Aufgabe, eine schöne Aufgabe für Sie, und mir wäre es eine Wonne, mich so recht für Sie ins Zeug legen zu dürfen. Damit wollte ich mir erst vollständig meine Sporen als Journalist verdienen."
Schwertseger schritt einigenmle aufgeregt in: Zimmer auf und nieder. Dann meinte er: „Eigentlich ist es doch nicht freundschaftlich von Ihnen, mir solch einen Floh ins Ohr zu setzen. Aber -L-ie haben kein Glück damit. Ich fühle zwar, wie das Vieh schon anfängt, darin herumzukrabbeln. aber ich werd' es schnell wieder 'nausbringen."
„Ich aber hoffe, daß meine Anregung auf fruchtbaren Boden ^fällt", antwortete Gottfried. „Jedenfalls ist in dieser L-ache das letzte Wort noch nicht zwischen uns gefallen."
(Fortsetzung folgt.)
