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—=111 Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i*~—■]

Nr. 226.

Dienstag, 28. September.

, 1915.

S. M. S. Grille r

Copyright 1615 by Carl Duncker, Berlin - . *) Roman von Otto Elster.

(Nachdruck verboten.)

1.

„Ich bin ja überzeugt, liebe Wera", sägte die Baronin von Haidebrink zu ihrer Tochter, „baß du deine Freundschaft keiner Unwürdigen geschenkt hast, aber ich hege doch einige Besorgnis, ob Küthe Schuhmacher sich in unserem Kreise wohl fühlen wird."

„Aber ich bitte dich. Mama", entgegnete Wera eifrig, „weshalb sollte Käthe hier nicht heimlich werden? Sie ist ein schönes und, was wohl mehr besagt, kluges und gebildetes Mädchen aus guter Familie . .

„Aber doch bürgerlicher Familie . . ."

„Ich bitte dich, Mama, was will das heute besagen? Käthes Vater war ein angesehener Arzt in der Residenz, ihre Mutter ist eine hochgebildete, feine Dame, ihr Bruder ist Offizier — was kommt da auf den Namen an?"

„Du sagtest doch, ihr Bruder fei Kaufmann?"

„Ja, das ist der Älteste — aber er ist Vertreter eines großen Handelshauses im Ausland. Er foü ein fahr tüchtiger Daenfch sein und unterstützt feine Mutter in hochherzigster Weife. Da ist doch der Name Neben­sache."

„Ich habe ja auch nichts gegen diese giiten büvger- * lichen Familien, das weißt du doch, mein Kind. Wer du kennst auch unsere Kreise. Da sitzen die Arnims, die Modells, die von der Hahden. die Witzendorsfs und wie alle die Herren von: alten Adel heißen, seit langen Zei­ten auf ihrem Gruud und Baden, sind mit diesem - verwachsen und, ich will es zugeben, durch dein steten alleinigen Umgang mit ihresgleichen ein wenig eng­herzig geworden . .

„Sag" nur dreist „hochmütig", Mama", lachte Wera, „weil sich in ihren Köpfen die Welt ganz anders 'dar­stellt, als sie wirklich ist. Wer sich die Luft der großen Welt um die Nase hat wehen lassen, der findet diesen Hochmut einfach lächerlich."

„Tu hast dich allerdings während deines Aufent­halts in Berlin gründlich davon befreit", entgegnete die Baronin nicht ohne Empfindlichkeit.

„Als Rote Kreuz-Schwester hätte mir dieser Hoch­mut auch seltsam zu Gesicht gestanden."

Die Baronin seufzte leicht auf. Der Entschluß ihrer Tochter, sich der freiwilligen Krankenpflege zu widmen, war ihr durchaus nicht sympathisch gewesen. Es hatte harte Kämpfe gekostet, ehe Wera die Erlaubnis dazu erhielt. Wenn auch die Baronin zu klug war. um den engherzigen Standpunkt ihrer Stcmdesgenossen zu teilen, so lag die Tradition ihrer alten Familie sie war eine geborene Gräfin Bohvonhof — ihr doch allzu-

*) Die Formel „Copyright by . . ."wird vom amerika­nischen Urheberrecht genau in dieser Form verkamst. Würden wir die Worte nicht in der englischen Sprache, die in den Ber» tzinivien Staaten von Amerika die offizielle Staatssprache ist, fitze«, ko würde uns der amerikanische Urheberschutz, versagt werden und daraus uns und dem Autor ein großer Wirtschaft» Gcher Schaden erwachsen.

schr im Blute, als daß sie jenen Standpunkt nicht hätte verstehen, ja, zum Teil hätte billigen könnest.

„Du darfst iene Leute, die ihren alten Namen Hoch- Halten, nicht allzu scharf verurteilen, Wera", sagte sie, selbst ein wenig hochmütig: ,cs steckt ein guter Kern in ihnen und der Stolz auf die alte Familie >hat auch seine Berechtigung. Er ist oftnials der Antrieb zu großen und edlen Taten."

„Ich spüre in unserer Nachbarschaft wenig 'davon", entgegnete Wera mit einen: ironischen Lächeln. „Doch da fährt der Wagen vor! Wien. Mama — du wirst dir ja nun bald selbst ein Urteil über Käthe Schuh­macher .machen können. In einer Stunde bin ich von der Bahn zurück."

„Adieu, mein Kind, und fahre nicht zu raisch. Me Werde sind jung und müssen noch geschont werden . ."

„Keine Sorge, Mama — ich weiß mit Werden um- zugehen . - ."

Damit eilte Wera hinaus, zag sich das durchaus nicht mchr neue Jackett an, stülpte sich einen mit einer Spiel- hahnieder geschmückten Jagdhut auf die starken, stroh­blonden Flechten, erkletterte rasch und gewandt den hohen Kutschersitz des Jagdwagens und ergriff Zügel und Peitsche, während der Kutscher, der alte Heinrich, den Rücksitz einnahm. J

Ein Zungenschlag und die flotten Jucker zogen an und trabten munter die Birken-Allee Hinunter, die vom Gut und Herrenhaus zur großen Straße führte.

Die Baronin sah ihrer Tochter nach, während ein nachdenklicher Zug sich auf ihrem guten und noch immer hübschen Gesicht geltend machte. Ihre Tochter bereitete ihr manchmal rechte Sorge. Sie war so ganz anders geartet wie die Töchter der nachbarlichen Gutsbesitzer; freier uicd selbständiger in ihren Ansichten, so daß sie schon öfter Anstoß bei den alten adligen Damen erregt hatte. Dabei war Wera kein schönes Mädchen. Ihre kräftige Gestalt war allerdings von blühender Gesund­heit, aber wenig elegant; ihr Gesicht war von Wind und Wetter gerötet: ihre graublauen Angen blickten frei und offen in die Welt: ihr großer Mund zeigte lachend große, schneeweiße Zähne und ihr starkes H^ar war von einem unansehnlichen, stimrpfen Blond. Gesundheit und Kraft lag in ihren Bewegungen, das machte ihre Schön­heit aus und ließ sie sympathisch erscheinen, trotz der fehlenden Eleganz und Feinheit. Dabei gab sie wenig auf moderne Kleidung: ein praktisches Jagdkleid, kurz geschürzt, so daß man ihre derben Stiefel feben konnte, war ihre liebste Tracht.

Ganz das Gegenteil war ihre feine, elegante und trotz ihren fünfundvierzig Jcchren noch immer schön« Mutter. In ländlicher Stille, auf dem einsam ge­legenen Schloß ihrer gräflichen Eltern ausgewachsen, sträng behütet von ihrer hocharistokratischen Mutter, der Gräfin Bchrenhof, hatte die Baronin nur ab und an einen Blick in die große Welt getan, wenn sie mit ihren Eltenl des Winters einige Wochen in Berlin verlebte, um die Hofbälle m besuchen. Bei einer solchen Ge-

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