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Dienstag, 28. September 1915.

ktbend-ktusgabe.

Nr. 452. » 63. Jahrgang.

Hochspannung.

Die Operationen unserer Gegner sowohl auf dem östlichen wie auf dem westlichen Kriegsschauplatz bezeich­nen augenblicklich den Höhepunkt der Leistungen, die die Feinde nach ihren militärischen Machtmitteln überhaupt auszuführen vermögen, und auch sonst scheinen sich die Verhältnisse immer mehr zuzuspitzen und einer Entscheidung entgegenzueilen. Man ist daher wohl berechtigt, augenblicklich von einer kritischen Lage zu sprechen.

Im Westen haben die Engländer und Franzosen die seit vielen Monaten vorbereitete Offensive begonnen, über die soviel geschrieben und geredet worden ist, und von der unsere Gegner einen völligen Umschwung der Lage erwarten. Sie haben Zeit genug gehübt, alle Vor­bereitungen für dieses Unternehme:; in der ausgedehn­testen und besten Weise zu treffen. Nicht nur hat Frankreich seine gesamten Bestände an wehrfähigen Leuten aufgeboten, während des Sommers ausgebildet uwd fetzt in die Front geschickt, sondern auch England hat große Verstärkungen nach dem Festlande gebracht. Auch Munition ist in zahlreicher Menge im In- und Auslande beschafft worden. Damit war die Möglichkeit einer anhaltenden Beschießung der deutschen Stel­lungen gegeben- Man kann auch annehmen, daß die Westmächte überhaupt alles, was ihnen an Perso­nal und Material zur Verfügung sicht, jetzt ein­gesetzt haben, und daß die verschiedenen »Angriffe, die sie auf der ganzen Front von der Nordsee bis zu den Vogesen unternehmen, eine letzte gewaltige Kraftanstrengung darstellen, urn endlich das seit Jahresfrist erstrebte Ziel, die Ve r t r e i b u n g der deutschen Truppen aus Belgien und Nord­frankreich zu erreichen.

Rußland versucht auf den verschiedenen Kampf­plätzen, in die seine Front zerrissen, trotz der vorher- gegangsnen Niederlagen erneuten Widerstand zu leisten, und ist ebenfalls an verschiedenen Stellen zur Offen­sive übergegangen. Es ist nicht anzunehmcn, daß die russische Heeresleitung dabei von dem Gedanken ausgeht, sie könne die bisher siegreichen Truppen der Verbündeten überall schlagen und zurückwerfen, einen vollständigen Umschwung der Lage herbeifMren und oas verlorengogangene Gebiet von Westrußland und Galizien wiedcrgewinnen. So weit werden sich auch die optimistischen Gedanken und Wünsche der russischen Heerführer nicht versteigen, sondern es handelt sich um die erneute russische Unterstützung der West- m ä ch t e. Es sollen dadurch die Kräfte der Verbündeten an Ort und Stelle gefesselt und dadurch größere Truppenverschicbungen verhindert werden. Die ganzen russischen Operationen sind nur verständlich, wenn man sie im Zusammenhang mit den Ereignissen im Westen betrachtet.

Auf dom Balkan ist noch keine volle Klärung ein­getreten. Vorläufig hat man es auf seiten der Zen­tralmächte nur mit der Vorbereitung einer Offen­sive gegen Serbien und bei Bulgarien und Griechenland mit der Mobilmachung der gesamten Streitkräfte zu tun. Was sich daraus entwickeln wirld, läßt sich vor­läufig mit Sicherheit noch nicht erkennen. In auslän­dischen Blättern ist aber vielfach von einer Landung englischer und französischer Truppen in Saloniki die Rede, um entweder mit Zustimmung und Hilfe Griechenlands oder unter Verletzung der griechischen Neutralität den Serben unmittelbare Hilfe zu bringen. Wie sich Griechenland zu einem solchen Vorgang« stellen wird, ist noch nicht klar. An den Dard an eilen scheinen die Westmächte erneute Vorbereitungen zu einem allgemeinen An g r i f f auf die türkischen Befestigungen auf Gollipoli gemacht zu haben. Wenig­stens sollen nach ausländischen Berichten starke Trup­penmassen auf den der türkischen Küste vorgelagerten Inseln versammelt sein. An welcher Stelle sie einge­setzt werden, ob unmittelbar auf der Halbinsel Gallipoli oder Wester nördlich am Meerbusen von Sarros oder gar bei Dedeagatsch oder im Süden an der kleinastati- fchen Küste bei Smyrna, ist noch unklar- Jedenfalls scheinen sich aber auch dort neue größere Unter­nehmungen vorzubereiten. Wiederum ein Zeichen von den gewaltigen Anstrengungen, die unsere Gegner an den verschiodenften Stellen machen, um einen Erfolg zu erzielen. Völlig im dunkeln liegt noch die Rolle, die Italien dabei spielen wird. Es ist bekannt, daß die Weftmächte einen starken Druck amsaeübt haben, um Italien zur Teilnahme an einer der erwähnten Unternehnrunqcn zu bewegen. Bisher ist aber noch kein positiver Erfolg bekannt geworden. Es ist aber wohl möglich, daß plötzlich italienische Truppen in Saloniki oder an der türkischen Küste er­scheinen. „

Diese gewaltigen Anstrengungen unserer Gegner hüb«: auf den verschiedensten Teilen zu neuen

großen Gefechten und Schlachten geführt, die noch überall in der Entwicklung begriffen und an keiner Stelle entschieden sind. Im Westen hat der große Angriff der Westmächte nur an zwei Stellen einen tetkweifen Erfolg erzielt. Noch >den letzten Nach­richten aber hat sich sogar schon ein gewisser Umschwung der Lage angchgrhnt. Bei Lille hat/die sofort angefetzte deutsche Gegenoffensive den feindlichen Angriff voll- kornmen zum Stehen gebracht. Alle erneuten Ver­suche des Feindes, seine Offensive fortzusetzen, sind unter schwersten Verlusten für ihn vollkommen geschei­tert. Und ähnlich hat sich auch die Lage in der Cham­pagne gestaltet. Auch dort konnten alle feindlichen Angriffe ab gewiesen werden. Dadurch ist es also den Engländern und Franzosen unmöglich goinacht, ihre am ersten Tage erzielten taktischen Erfolge weiter cms- zunutzen und sie strategisch zu verwerten- Wenn es den Gegnern nicht gelingen sollte, weitere Kräfte heranzu- ziehen und die Angriffe unter Einsetzung starker frischer Truppen zu erneuern, kann man schon . jetzt sagen, daß der feindliche Durchbvuchsversuch an diesen Stellen jedenfalls wiederum gescheitert ist. wenn wir auch natürlich auch hier oder an anderen Stellen wei­tere allerheftigste Angriffe zu erwarten haben.

Die von den Russen ausgeführten Gegenangriffe halben weder an der Düna, noch im Raume von Wilna, noch endlich im S ü d o st e n einen wirklichen Erfolg er­zielt. Auf den beiden ersten Punkten konnten sie über­all abgewiesen und zurückgeschlagen werden. Die Ver­bündeten haben auf der ganzen Front von der Düna bis zum Nordrand der Pripetsümpfe überall Weitere- Fortschritte gemacht und den Gegner zurückgeworfen. In Ostgalizien und Wolhynien sind die Verbündeten in den vorhergehenden Tagen allerdings durch tee russi­sche Gegenoffensive zunächst zu einer Zurücknahme ihrer Front gezwungen worden, aber die russischoGegenoffensive ist dort jetzt nach dem neuesten österreichisch--ungarischen Bericht vollständig zum Stehen gekommen. Die Russen fluten schon wieder zurück. Die Durchbruchsversuche sind überall gescheitert. Dasselbe gilt von den Versuchen des Gegners, von Bessarabien Ms die rechte Flanke der Armee Pflanzer-Baltin einAudrücken. So haben die sämtlichen russischen Angriffe kein einziges durchschlagendes Ergebnis gebracht und nur idazu ge­führt, daß die Widerstandskraft des russischen Heeres durch die dabei erlittenen schweren Verluste immer weiter vermindert wird.

vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.

Aur großen feindlichen Dffensive im westen.

Das Urteil eines Militärkritikers.

Berlin, 28. Sepi. (Zeus. Bin.) Zum neuen Angriff der Engländer und Franzosen im Westen schreibt Major M o r a ht im „B. T.": Wir sind weit davon entfernt, den englisch-fran­zösischen Angriff n i ch t e r n st zu nehmen. Ein neuer Abschnitt des großen Krieges hat begonnen. Mag die Überzahl der Feinde hier und da die vordere, vielleicht auch die zweite Derteidignngsfront zurückdrängen, immer wird er auf neue Stellungen hinter den genommenen stoßen. Wenn wir Zeit fanden, uns mit der Verwaltungsorgani­sation der besetzten feindlichen Länder zu befassen, so widmeten ivir noch gründlichere Arbeit der Be­festigung unserer Verteidigungsstellungen im Westen. Einen taktischen wie einen strategischen Sinn können wir aus den bisherigen Anstürmen bis jetzt nicht her- ausschälen. Es sind gewaltige Aufgaben, die der Herbst uns auferlegt; vor ihrer Lösung schrecken wir und unsere Verbündeten nicht zurück.

„Durch kommen sie nicht!"

Köln, 28. Sept. (Zens. Bin.) Der „Köln. Ztg." wird von ihrem nach dem westlichen Kriegsschauplatz entsandten Bericht­erstatter unterm 27. September gedrahtet: Ich erreichte gestern in nächtlicher Fahrt das Hauptquartier der Champagne- Arme e. Der ganze südliche Horizont war von Geschützblitzen umzuckt. Auf den Straßen bewegten sich Kolonnen, doch ohne jede Unruhe. Im Hauptquartier ist die Stimmung spannungsvoll, aber durchaus zuversichtlich. Die französische Offensive erfolgt in den alten Gegenden der Winterschlacht nördlich vom Lager von Chalons, sie ist aber bedeutend ausgedehnter. Die Jnfanterieangriffe erstrecken sich über die ganze Front von Auberive bis zu den Argonnen. Der Artilleriekampf zieht sich auch weiter westlich hin. Die Kämpfe sind schwerster Art. Einzelheiten können noch nicht bekanntgegeben werden. Das Gesamtergeb­nis ist, daß wir die Front gehalten haben. Ich sprach noch gestern den Oberkommandiercnden, der sich etwa so ausließ, es sei ein ungeheurer Angriff, mit äußerster Energie geführt und begleitet von einem Artilleriekampf, wie er noch nicht erlebt wor­den sei. Wir haben überall die Front gehalten bis jus eine Stelle, wo eine Division zurückgedrängt stmrde. Das sind Zwischenfälle, mit denen man im Krieg rechnen mutz. Wir

werden es wieder ausgl^ichen. Einen entscheiden­

den Erfolg wird diese Offensive keinesfalls haben.

Es wurden während meiner Anwesenheit fortwährend Ge­fangene eingebracht, die schwer erschöpft aussahen. Die Ver­wundeten und Abgelöften, die von der Front kamen, erzählen von der außerordentlichen Wildheit des Gefechts, sowohl des Geschützfeuers wie des Handgemenges Mann gegen Mann in den Gräben. Sie erkennen die Bravour und Hart­näckigkeit des Gegners an, sind aber voll un­bedingter Zuversicht. Das Schlußwort lautet stets: „Durch kommen sie nicht!" Ich traf soeben wiederum den Oberbefehlshaber. Er sagte mir: „Die Nacht verlief gut, wir haben alles gebalten, obwohl wir eine große Über­wacht festgestellt haben." Er wiederholt auch heute: „Durch kommen sie nicht, unsere Leute halten herrlich. Das Herz wird einem weit in Freude und Dank in der Berührung mit diesen Männern. Sagen Sie das zu Hause." <-

Lin neutrales Urteil über die Offensive im westen.

W. T.-B. Basel, 27. Sept. (Nichtamtlich.) Der „Bund" bespricht ausführlich die englisch-französische Angriffsbewegung und faßt sein Urteil wie folgt zusammen,: Bisher ist der Kampf n o ch n i ch t zu überblicken. Wie immer unter solchen taktischen Verhältnissen, ist der Angreifer in die zer­schossenen ersten Gräben des Verteidigers eingedrungen, mußte aber ungeheure Blutopfer bringen, ohne das Endergebnis sichergestellt zu haben. Doch erfolgte 'der Angriff mit einer Wucht und Genauigkeit, die Erfolge ver­spricht. Jeder Durchbruch kann gelingen, wenn genügend vorgeschossen und geopfert wird. Vorläusig steckt der Angriff im Artois zwischen der ersten und zweiten Verteidigungslinie, wo er wahrscheinlich teilweise neu formiert werden muß, da die Angriffstruppen schwer gelitten haben und die auf die ersten Gräben eingeschossene Artillerie unter Einrichtung neuer Beobachtungsstellen nach vorn gezogen wer­den mutz. Erst wenn der Angriff vor die dritte und stärkste Verteidigungslinie der Deutschen, die zahlreiche dauernde Stützpunkte aufweist, gelangt, wächst der Durch­bruchsversuch in die Entscheidung hinein. ES ist er­sichtlich, daß der europäische Krieg in die stärkste« Spannungen hineingewachsen ist.

Zur Heldentat des bayerischen Fliegerunteroffiziers Böhm.

Berlin, 28. Sept. (Jens. Bln.) Zu der im Berichr der Obersten Heeresleitung ausdrücklich erwähnten Heldentat des Fliegerunterosfiziers Böhm meldet die „Badische Presse" v noch des näheren: Vier feindliche Flugzeuge näherten sich Sonntagfrüh der Stadt Freiburg. Abgehalten durch die Ballonabwehrkanonen und Abwehrgeschütze gelang es den Franzosen nicht, über die Stadt zu kommen, um ihre Bomben abzuwerfen. Die Flugzeuge beschrieben vielmehr einen Bogen nach Norden, um von dort her die Stadt zu erreichen. Bald daraus wurden sie von dem Unteroffizier Böhm, der einer Feldflregerabteilung mrgehört, angegriffen. Es gelang den: Tapferen, der sich allein in seinem Flugzeug befand und gleichzeitig dieses führen und seine Waffe bedienen mußte, in einem feindlichen Flugzeug den Führer, in einem anderen Flugzeug den Passagier durch mehrere wohlgezielte Schüsse zu tüten und die beiden Flugzeuge zum Absturz zu bringen. Die beiden Insassen wurden gefangen genomwen. Der schneidige bayerische Fliegerunteroffizier wurde vom Grotzherzog von Baden, der sich zufällig in Freiburg aushielt, beglückwünscht und sodann ins Armeehauptquartier befohlen, wo sich der Oberbefehlshaber über den Vorfall Be­richt erstatten ließ und die tapfere Tat im Auftrag des Kaisers durch die Verleihung des Eisernen Kreuzes 1. Klasse belohnte.

Frankreichs Nriegskredite.

W. T.-B. Paris, 28. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der „Temps" meldet: In dem Bericht an den Senat über den Gesetzesantrag, betreffend die provisorischen Budgetzwölftel, gibt Senator Aimond eine Aufstellung über die Finanzlage Frankreichs Ende 1915. Danach erreicht dte Gesamtheit der bis zu diesem Zeitpunkt eröffneten oder geforderten Kredite die Summe von 30,S Milliarden Franken. Hiervon entfallen 73 Prozent auf die eigentlichen militärischen Aus- gäben 7 Prozent aus den Dienst der öffentlichen Schulden,

11 Prozent auf Unterstützungen, 1 Prozent aus den Ankauf von Lebensmitteln für die Zivilbevölkerung und 8 Prozent auf die allgemeine Verwaltung des Landes. Der Ausfall an Ein­nahmen und Steuern beträgt 25 bis 27 Prozent. 1914/15 be­trugen die Einnahmen des Staatsschatzes aus direkten und indirekten Steuern nicht ganz 8 Milliarden. Bis zum 31. August 1915 waren 8900 Millionen aus Landesvertei- digungsschatzscheine und Obligationen eingenommen. Bis Ende 1915 werden die Einnahmen aus Schatzscheinen und Obligationen schätzungsweise 13 Milliarden betragen. Die von der Banque de France bis zum 27. September dem Staate gewährten Vorschüsse erreichten 6650 Millionen. Aimond weist schließlich daraus hin, daß die Begebung einer lang­fristigen Anleihe nunmehr notwendig werde, um die ffir die Weiterführung des Krieges notwendigen Mittel zu erhalten. Die Unterhandlungen zur Aufnahme einer französisch-eng­lischen Anleihe in den Vereinigten Staaten zur Verbessnung des Wecky'elkurses seien auf dem besten Wege zum AbMutz.