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Montag» 27. September 1913.
Kbend-Kusgabe.
Nr. 430. ♦ 63. Jahrgang.
Der Krieg.
vom französisch-belgischen Kriegsschauplatz.
Die große französisch-englische Offensive
Die Möglichkeit eines feindlichen Durchbruchs
auf der Westfront besteht nicht mehr!
8. Berlin, 27. Sept. (Eig- Drähtbericht. Zenls. Bin.) Über die militärische Lage erfahren wir noch folgendes: Während die Kämpfe bei Wilna und Dünaburg günstig verlaufe» und weitere Fortschritte zeitigen, hat die Lage im Westen anscheinend hier und da in Deutschland Befürchtungen hervorgerufen. Wie wir mitteilen können, sind diese Befürchtungen völlig grundlos. Die große französisch-englische Offensive hat, wie schon jetzt gemeldet werden kann, ihren Zweck vollkommen verfehlt. An allen Punkten, wo nach rasendem und stundenlangem Artillcriefeuer die heftigen feindlichen Angriffe besonders stark einsetzten, sind die nötigen Reserven rechtzeitig zur Stelle gewesen und die Möglichkeit eines feindlichen Durchbruches besteht nicht mehr. Tie feindlichen Verluste sind besonders bei den Engländern in der Gegend von Loos enorm gewesen. Die französischen Berichte behaupten, die Deutschen hätten bei dem vorgestrigen und gestrigen Kampfe 12000 Gefangene verloren. Daß auch wir Verluste an Gefangenen gehabt haben, ist richtig und bei der Art dieser Kämpfe nicht weiter verwunderlich. Wie groß diese Verluste gewesen sind, steht noch nicht fest; eine Ausrechnung kann auch nicht vor einigen Tagen erfolgen. Auf alle Fälle sind aber diese angebli^cn deutschen Gefangenenzahlen weit übertrieben. Andererseits ist es ein ganz außerordentlicher Erfolg, daß eine in der Verteidigung stehende Truppe, wie das an mehreren Stellen der wcitausgedehnten Front der Fall war» Tausende von Gefangenen zu machen wußte. Die jetzt im Gange befindlichen Kämpfe, deren ungewöhnliche S chw ere auf der Hand liegt, werden noch mehrere Tage anhaltcn, aber, wie schon gesagt, ihr Zweck ist nicht erreicht und wird nicht crrcich t w cr- d e n, und zu irgend welchen Besorgnissen liegt nicht der mindeste Anlaß vor.
Das Ziel ver neuen französisch-englischen Gffensive.
Genf, 27. Sept. (Zens. Bln.) Die Pariser Fachkritik meint, wie hier in französischen Blättern zu lesen ist, die bei Arras und Ypern sowie in der Champagne begonnenen heftigen Kämpfe würden bis in den Oktober hinein dauern. Die Hauptziele sind Geländegcwinne zwischen Suippes und der Aisne sowie nördlich von Arras, doch soll auch an allen anderen Abschnitten nach Möglichkeit Tag und Nacht vorgegangen werden.
Die französischen Behauptungen über die
angeblichen Erfolge der grohen Gffensive.
W. T.-B. Paris, 27 . Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Amtlicher Bericht von gestern nachmittag: Im Artois behaupteten wir im Laufe der Nacht die gestern eroberten Stellungen, bestehend aus dem Schloß von Carleul, dem Friedhof von S o u ch e z und den letzten Schützengräben, die der Feind noch östlich der befestigten Stellungen — Labyrinth genannt —besetzt hielt. In der C h a m p a g n e dauern die hartnäckigen Kämpfe auf der g a n z e n Front noch an. Unsere Truppen drangen in die deutschen Linien auf einer Front von 2 5 Kilometer bis zu einer Tiefe von 2 bis 4 Kilometer ein. Wir behaupteten im Lauf der Nacht alle eroberten Stellungen. Bis jetzt wurden etwa 12000 Gefangene gezählt. Von der übrigen Front ist nichts zu melden, außer einem Feuerüberfall unserer Artillerie auf die deutschen Schanzwerke von Launois und Ban de Sapt. Die Darstellung im englischen Kriegsbericht.
W. T.-B. London, 26. Sept. (Nichtamtlich.) Feldmarschall French meldet von heute: Gestern früh griffen wir den Feind südlich des Kanals von La Bassee, östlich von G r e n a y und Vermellcs, an und eroberten die vordersten Laufgraben auf einer Front von 5 Meilen. Wir durchbrachen die Linien an einigen Stellen bis auf 400 Dards und eroberten den Westrand des Dorfes Loos, die Bergwerke ringsherum und den Hügel 70. Andere Angriffe wurden nördlich des Kanals unternommen, wodurch starke Reserven des Feindes nach diesem Punkte gezogen wurden. Es kam-zu harten Kämpfen, die den aanzen Tag andauerien. Bei Einbruch der Nacht besetzten die Truppen die Stellungen entlang des Kanals, die sie am Morgen innehatten. Bei Hooge unter- atofenen wir einen anderen Angriff zn beiden Seiten der
Straße von M e n i l. Bei dem Angriff nördlich der Straße ' gelang es uns, das Bauerngehöft Belle wurde und einen Bergrücken zu erobern, doch eroberte der Feind diese Stellung zurück. Südlich der Straße eroberten wir ungefähr 600 Uards feindlicher Laufgräben und befestigten das eroberte Gelände. So weit bisher bekannt, machten wir 170 0 Gefangene, eroberten acht Kanonen und mehrere Maschinengewehre, deren genaue Zahl noch nicht sest- steht. — Die Mitteilung in dem Bericht der deutschen Obersten Heeresleitung vom Freitag, daß wir am Tage vorher versucht hätten, südlich des Kanals von La Bassee zum Angriff über- zugeheg und der Angriff unter dem deutschen Artilleriefcuer zusammengebrochen sei, ist falsch; cs wurde kein Angriff versucht.
Aus dem französischen Senat.
W. T.-B. Lyon, 27 . Sept. (Nichtamtlich.) „ProgreS" meldet aus Paris: Der Senat hat,einen Gesetzesantrag angenommen, der die Meldepflicht für Metalldrehbänke, hydraulische Pressen und Dampfhämmer borsieht. Ferner hat der Senat einen Gesetzesantrag angenommen, welcher die Regierung für die Kriegsdauer ermächtigt, in A l g i e r E n t- eignungen vorzwnehmen, so weit diese im öffentlichen Interesse liegen.
46 Millionen Franken zur Anwerbung von Scnegal- negern.
Br. Rotterdam, 26. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Bei dem von der französischen Kammer bewilligten Kredit von nahezu 46 Millionen für die Anwerbung von Senegalnegern meinte Ceccaldi, daß der gegenwärtige Bestand von 69 000 Mann, die insgesamt aus Westafrika rekrutiert wurden, bis auf 150000 erhöht werden könnte.
Ein französisches Lebcnsmittellager verbrannt.
W. T.-B. Paris, 27. Sept. (Nichtamtlich.) „Petit Parisien" meldet aus Marseille: Eine Fabrik, welche seit einigen Monaten für die Lagerung von Lebensmitteln für die Armee diente, ist gestern durch einen Brand zerstört worden. Das Feuer nahm außerordentlich schnell einen großen Umfang an. Erst nach fünfstündigen Löscharbeiten konnte die Gefahr eines weiteren Umsichgreifens des Brandes als beseitigt gelten.
Die „Humanitä" warnt vor der Unterschätzung der Deutschen.
W. T.-B. Paris, 27. Sept. (Nichtamtlich.) Die „Humanite" erklärt, es sei ein Fehler, wenn man Deutschland als erschöpfte Nation hinstelle. Die Wirklichkeit sei ganz anders. Deutschland sei in industrieller, finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung glänzend organisiert. Nordsrank- reich und Polen sei in deutschen Händen. Die „Humanite" fragt, was in Frankreich geschehen solle. Das Parlament sei berechtigt, dies zu erfahren. Es handle sich darum, daß die Regierung vor dem ganzen Parlament llare und genaue Aufklärungen über Hilfsquellen und M e n s ch en- material gebe, welche zur Verfügung stünden. Die Erklärungen vor den Kammergruppen und in den Ausschüssen genügten nicht mehr, und wenn die öffentliche Debatte aus Gründen der Landesverteidigung gefährlich scheine, müsse man schließlich doch zu geheimen Kammersitzungen greifen.
Ein französisches Schiff torpediert.
W. T.-B. Lyon, 27. Sept. (Nichtamtlich.) „Progrös" meldet aus Dünkirchen: Das französische Schiff „Saint Pierre" wurde in der Nacht vom 22. zum 23. September im Pas de Calais torpediert. Es versank sehr schnell. Der Kapitän und vier Mann der Besatzung wurden gerettet.
Die 60. Kriegswoche.
Die Besetzung Wilnas, der deutsche Kanonendonner an der serbischen Grenze, die Mobilmachung Bulgariens und der Anfang einer neuen großen englisch-französischen Offensive waren die wichtigsten Ereignisse .der zurückliegenden Kriegs- Woche. Durch einen genialen Schachzug spaltete . der Feldmavschall Hrndenburg die russische Front der Wilna- Armee Zwischen Dünaburg und Wilna in der Gegend von Swenzsany, wodurch die Russen sich gezwungen sahen, den stark ausgebautcn Platz an der Wilija aufzugeben, zumal die Armee Gailwitz ans Südosten die linke Flanke des Feindes bedrohte. Ein zweima l i- g e r Durchbruchsversuch in növdlicher Richtung wurde erfolgreich abgeschlagen. Die Armee HindeNburg hatte auf dem südlichen Ufer der Wilija zn festen Fuß gefaßt. Die energischen Anstrengungen der Russen richteten ihr Ziel in den nächsten Tagen auf ,zwei Punkte. Erstens sollte die von West nach Ost vordringende Arniee Hindenburg um jeden Preis sestgahalten werden. Die erbitterte tagelange Gegenwehr bei Oschmjana und am Gawia-Abschnitt zeigen das zur Genüge. Dies Ziel wurde von der russischen Heeresleitmig nicht erreicht. Vergleicht man die Gefechtslinie unseres Feindes am 18. September bei Wilna mit der am 24. desselben -Dtöncsts, so ergibt sich innerhalb dieser einen Woche eine R ii ck w ä r t sve r l e g u n g v o n r ii n d 8 0 K i l o- meter von Westen nach Osten. Diese gewaltige Leistung zeugt für die nng eb ro chene Warschkrast unserer heldenhaften Truppen und ist ein
beträchtlicher R a ü m v e r l u st für die Russen. In zweiter Linie kan: cs unserem Gegner darauf an, sich nach Norden Luft zu machen, «um die deutsche U m- klammerung zurückzudrücken. An drei verschiedenen Stellen versuchten die Russen die Flußuser der Wilija und die breiten Sumpfniederungen zu Merschreiten. Bei dem Städtchen Wilejka war ihnen ein Keiner Erfolg be- schieden, die beiden östlich und westlich gelegenen Sperren waren allen Anstürmen gewachsen. Es ist wirklich staunenswert, wie geschickt und weit aiusholend die UmsassuMsbewegungen Hindenburgs angeisetzt wurden, daß diese Mer 100 Kilometer von Wilna entfernten Übergangsstellen von uns so frühzeitig besetzt werden konnten. Die unerläßlichen Vvstbodingnngen dieses Erfolges sind das vollste Vertrauen der Führung in die unermüdliche Marsch- und Gesechtskraft der TrMpen und in die Leistungen hinsichtlich der Zu-. fuhr an Munition und Lebensmitteln unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen. Dies bisherigen russischen Anstrengungen nach Norden besitzen wenig Aussicht auf Erfolg. Die ersten zum Festhalten der Sperren vorausgesandten Truppen sind sicherlich im Laufe der letzten Tage genügend von uns gestärkt worden, so daß ein ernstlicher Ansbruch der Russen nicht mehr zu befürchten sein dürfte. Die für die Russen günstigste Gelegenheit, sich nach Norden zu Raum und Luft zu verschaffen, ist sehr bald abgslaufen. Die m die Flanke der etwa nach Norden durchbrechenden Russen führende Straße ist an ihrem Kopfende bei S o l Y bereits in deutscher Hand. Diese große Gefahr scheint die russische Heeresleitung vollauf erkannt zu haben. Ihre Truppen leisten daher noch Widerstand in einer Gefechtsbreite von 100 Kilometer, was auf mindestens eine Stärke von 8 Armeekorps in diesem.Raume schließen läßt. Aus ihrem äußersten linken Nägel sperren starke russische Kräfte die Übergänge über die Beresina gegen die Angriffe der Armee des Prinzen Leopold von Bayern. Ein anderer Teil, dieser bayerischen Heeresgruppe känrpst noch weiter südlich mit Erfolg an dem Oberlauf der Schara. Die deutsche Heeresleitung fesselt den starken Feind in der Front, s p e r r t den Ausgang ans den nördlichen Sperren und öffnet mit Erfolg den Zutritt zu den südlichen, über welche der Weg in den Rücken der Russen sMrt. Die .aussichtsvollen Operationen werden sicherlich noch einige Zeit in Anspruch nehmen. An der Front der Armee Mackensen dürste die unseren Zwecken nützliche Gefechtslinie' erreicht sein. Auf dem ost- galizischen und südpolnischen .'ilriegsschauchlatz scheu wir unsere und die verbündeten Truppen weiter in erfolgreicher Abwehr. Alle russischen Versuchs, die kritische Lage der Wilna-Armee durch iwütende Angriffe gegen die Frontlinien südlich der Pripet-Sümpfe zu ihren Gunsten zu wenden, waren ohne Erfolg. Ebensowenig vermochten die Verteidiger von Dünaburg unser erfolgreiches Dorgchen gegen die Südwestfront der Festung auszuhalten. Das Schicksal dieser letzten westrnssischcn Festung nähert sich mit Windeseile. In dem Raume zwischen DünMurg und der Ostsee machten die Russen den vergeblichen Versuch, die Angriffstruppen vor der, Düna-Festung durch eine Zurückeroberung des Brückenkopfes bei Lennewaiden im Rücken zu gefährden.
Ans dem nördlichen Donau-Ufer beteiligten sich zum ersten Male deutsche Batterien bei der Nieder- kämpsung serbischer Batterien bei Semendria. Gegenwärtig läßt sich noch nicht erkennen, ob dies der Anfang zu einer deutschen Offensive gsgen den äußeren Anstifter dieses .Weltkrieges bedeutet oder ob dieser Kanotien- donner die lange Spanne Wartezeit der noch unschlüssi- aen B.alkanstaaten nun endlich kürzen soll. Die zunehmende Überflutung Galiziens durch die herein- brechenden russischen Heere, die Ungunst des serbischen Geländes, die Gefahr der Einschleppung von Seuchen, dies alles veranlaßt« in den Dezembertagen vorigen Jahres die österreichische Heeresleitung die endgültige Abrechnung mit dem moMustigen Nachbar vorläufig noch hinauszuschieben. Es ist noch nicht Kar erkenMar, in welchem Zusammenhänge die Unternehmung unserer Artillerie bei Semendria mit der erfolgten Mobilmachung Bulgariens steht. Me entscheidende Stunde hat bald für alle Balkanstaaten geschlagen. Das scheint jedenfalls sicher zu sein. Me Wucht unserer glänzenden Siege wird die Entschluß- kraff der beteiligten Staaten stählen, wenn es sich um. die Endbestimmung haMelt, in wessen Wagschake das Schwert zu legen ist. Von Semendria fiihrt in dem Dal der Morava und Nisara über Nisch der beste Schienenweg nach Sofia und im weiteren Verlauf nach Konstantinopel. Der Kanonendonner von Semendria läßt daher eine Reihe von Kombinationen zu, die aber in einem Augenblick, wo die Diplomatie noch nicht üasz letzte Wort gesprochen hat, keiner emgehendA: ^Bewertung öädürsen.
