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Der Roman.

Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblattr.

Nr. 225.

Sonntag» 26. September.

< 915 .

(Schluß.)

Zriedels Liebe.

Roman von Anny von PanhuyS.

(Nachdruck verboten.)

Jetzt kamen die Träger mit der Bahre für Hans Buckenbach. In Friedels starren Blicken blitzte ein Ent­schluß auf, sie erhob sich und laut und deutlich sprach sie: „Ich kann nicht warten, bis der Vater Nachricht bringt, ich niuß selbst gehen", und ohne Ms die Mutter zu achten, die sie betroffen mit plötzl'chem Verstehen anblickte und dennoch zurückzuhalten suchte, ohne des verkniffene spöttischen Lächelns der Exzellenz zu achten, wollte sie die Lage verlassen.

Blaß bis auf die Lippen ward das vornehme Gesicht des Holländers: „Ich darf Wohl meine Begleitung an­bieten", seine Nasenflügel vibrierten leise, das war das einzige äußere Zeichen seiner Erregung.

„Ja, bitte Herr van Moelen, begleiten Sie Friede!", bat die Gräfin, sie Versiahte ihrer Tochter gegenüber keinen Einwand mehr. Friedels Antlitz war wie ver­steinert vor Schmerz, das nahm der Mutter den Mut, fetzt von passend und unpassend zu reden.

Schnellen Fußes schob sich Friede! durch die Men­schen, die ans dem Platz vor der Logentribüne nmher- standen, und sie schob die am Zaun Stehenden ganz ein­fach beiseite und öffnete eine kleine Tür, durch die sie zuweilen den Starter hatte den Platz verlassen sehen. Neben ihr ging Jonkheer van Moelen. Ihm war zu­mute, wie einein, der zum Hochgericht geführt wuvde.

Der Gestürzte war bereits fortgebracht, er lag noch auf der Bahre in dem Schuppen inmitten der Renn­bahn. Der Arzt machte Versirche, den Ohnmächtigen ins Loben zurückzurufen, neben ihm standen Oberst Sor- hagen und noch einige Herren.

Friede! tmt hastig ein, und ohne von ihrem Vater, der auf sie zueilte, oder von den anderen Anwesenden Notiz zu nahmen, kniete sie neben der Bahre hin.

Ohne Regung war das braune, hübsche Jungen­gesicht uüd so farblos, so entsetzlich farblos.

„Hans, mein lieber, lieber Hans, stirb nicht", rang es sich heiß und angsterfüllt von Friedels Lippen.

Erschüttert standen die Männer.

In diesem Augenblick schlug Hans BuckeNbäch die Lider auf. Verständnislos glitten seine Augen durch den Raimr und blieben dann an Friedels schönem Gesicht Haften, das sich dicht Wer ihn neigte.

,^Hans", schrie das junge Mädchen ans, rmd all ihre tiefe, warme Liebe zitterte mächtig durch seinen Namen.

Ein miides, doch unendlich glückliches Lächeln irrte um den Mund des Erwachten. „Friede!, ich habe dich lieb, Friede!, nur dich!" Gleich einem Hauch glitten die Worte an des Mädchens Ohr.

Fünf Minuten später konnte Hans Buckenbach schon wieder auf den Beinen stehen, und er saß bei der Heim­fahrt in Frederik van Moelens Automobil, der brachte ihn selbst ins Hotel zurück und der sorgte für ihn wie für einen jüngeren Bruder. Daß auch der Graf Friedei liebte, das wußte er ja nun, es mußte also irgend ein Mißverständnis zwei Menschen auseinander gebracht en, (Me doch für einander bestimmt waren. Und was tun konnte, die veidon zu vereinen, (das sollte ge­

schehen. Ihm war's, als hätte er gegen den jungen Herrenreiter eine schwere Schuld zu sühnen, tvonn er an den Gedanken dachte, den er gehabt, (da er den Ge­stürzten so starr auf dem Rasen liegen sah. Wenn er tot wäre! so war sein sündhaft Denken gewesen. Er bat don Grafen um eine Unterredung am nächsten Morgen.

Tief und traumlos schlief Hans in dieser Nacht, und er mußte sich am nächsten Morgen erst besinnen, was gestern mit ihm vorgegangen. Es grenzte schier ans Wunderbare, daß er bei dem Sturze ohne jode -Verletzung davongekommen. Armes „Hexcnkind", dein Eigensinn brachte dir den Tod! Annes, wildes „Hexenkind"!

Mit der ersten Post erhielt der Graf (den Brief, -den er mtf seine Depesche von Magda erwartete Magda Bergen schrieb.

„Mein geliebter Hans!

!Zo will ich Dich noch einmal nennen, zum letzten­mal, denn Deiire Depesche sagte nrir kurz und klar, daß Du mich eigentlich niemals geliebt 'hast, sonst hätte Dich mein Auftreten nicht so erregen können. Du weißt, ich hing mit jeder Faser meines Seins am Theater, die Kulissenluft schien mir notwendig zum Atmen, und als sich mir die Gelegenheit bot, noch einmal vor das Publi­kum, denke nur, vor das Berliner Publikum, hinzw treten, da vergaß ich das Wort, das ich Dir gab, vergaß beinahe Dich darüber und dachte nur das eine: Spielen, spielen! Berfallummuscht stand ich -daun auf den Brettern des berü'hinten Ibsen-Theaters. Das Ibsen- Theater, lwo nur «ganz große Künstler austreten, .Hans, das Gefühl, das jubelnde Glück, (das -mich erfaßte, das kann ich Dir nicht schildern. Wie erschrak ich, als ich Deine Depesche erhielt!

Aus einem Wunderfüßen Traum riß sie mich, jäh und unvermittelt. Immer wieder las ich die wenigen Zeilen, und ich wußte, das war das Ende. Ich habe eingesehen ich ging ans falschem Woge, da ich glaribte, meine Liebe würde mir ersetzen, was ich ihretwegen auf- gab. Meine Liebe, die wohl imstande gewesen wäre, Opfer zu bringen, wenn Du ihr (diese Opfer erleichtert hättest. Aber irgend ein anderes Empfinden, das Du mit Liebe verwechselst, zog Dich zu mir- Ich habe bas eingesehen, und deshalb wollen wir uns trennen, Hans. Ohne Groll und ahne Bitternis wollen wir eins dein anderen ein gutes Andenken bewahren.

Ich habe Dich noch immer lieb, Hans, und ich Werde Dich niemals vergessen, aber ich will meiner Kunst trat bleiben, weil — ich ohne sie nicht sein kann. Das weiß ich, seit ich einmal wieder spielen durfte. .Der Direktor des Ibsen-Theaters machte mir einen sehr günstigen Engagements-Vorschlag, ich werde den Kontrakt unter­schreiben. Wiedersehen werden wir uns wohl nie mehr, und deshalb wünsche ich Dir zum Schluß noch alles Glück -für die Zukunft. Meinen Eltern hcche ich vorhiü meinen Entschluß verkündet. So schwer es ihnen wird, sie werden sich daran gewöhnen müssen, baß ihre Tochter keine kleine Gräfin wird; -dafür will ich aber meine ganze Kraft elnsetzen, eine große Künstlerin zu welldech