Einzelbild herunterladen
 

Aus der ttriegszelt.

Wie der Zar den Dampfhammer nicht sah . . . Nachdem Kar Nikolaus II. höchstselbst das Kommando seiner Heeres- tefte mit der „Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo-Taktik" übernommen hat, wird er sich auch etwas um militärische

t tnge kümmern müssen. Vielleicht geht er auch einmal nach nglanid, um sich über Geschütz- und Munitionsfabrikation zu unterrichten. Da könnte es freilich sein, dass er trotz der gegenwärtigen Bundesgemeinschaft ähnlich bittere Erfahrun­gen machte, wie sie sein Vorgänger gleichen Namens auf dem Throne, Nikolaus L, dem der Krimkrieg das Herz brach, Plnno 1844 dort erproben mutzte. Die folgende kleine Ge­dichte, für deren Wahrheit der grosse Eisenbahningemeur lax Maria von Weber in seinen Skizzen „Vom rollenden Flügelrads" sich verbürgt, illustriert deutlich, wie jedenfalls amals noch im stolzen Britenlande der Wunsch des „Herr­schers aller Reutzen" nicht zum obersten Gesetz erhoben tpurde: JameS Nasmyth, der es liebte, sich den „ersten Schmied der Welt" nennen zu hören, hatte die gewaltigen Werke zu Patricroft begründet, wo neben dem Kruppschen der erste Dampfhammer in Tätigkeit war. Der galt als eine »Art Weltwunder, und er ist in der Tat nach Weber der „Vater der grotzen Geschütze", in letzter Linie auch unserer Riesen- mörser von heute. So wollte denn auch Nikolaus I., als er 1844 England bereiste, diese berühmte Schmiede besichtigen. James Nasmyth aber war ein eisenköpfiger, freier Mann alten Schlages, der vom „Bedientendienst beim moSkowitischen Tyrannen" zu sprechen liebte, wenn auf den Zarenbesuch die Rede kam. Und er traute seinen Augen und Ohren nicht, als eines Sonntagsmorgens ein Adjutant des Kaisers vor die in tiefster englischer Sonntagsruhe liegende Fabrik und sein Wohnhaus fuhr, sich durch einen vorausgeschickten Jäger laut als Fürst K. anmclden tiefe, sporenklirrend zu ihm emporsticg, von einem Diener gefolgt zu ihm ins Zimmer trat und den Besuch des Kaisers für den Nachmittag ankündigte. Der Meister, schon über dieses Benehmen empört, antwortete mit ; mühsam behaupteter Ruhe, „dass es ihm leid tue, wenn der Kaiser wenig Bemerkenswertes sehen werde, denn die Fabrik stehe des Sonntags wegen still". Der Adjutant hatte mit jfetnem sardonischem Lächeln erwidert, „es müsse doch ein ! leichtes sein, sie für ein paar Stunden in Gang zu setzen. Die Gnade seines Herrn, des Kaisers, sei dem Meister für 'btefe Gefälligkeit gewitz." Während dieser Äutzerung hatte der chornehme Russe aus einer ihm von dem hinter ihm stehenden Diener präsentierten Bonbonniere genascht und, die Absätze 'zusammenschlagend, mit den Sporen geklirrt. Ta war dem Meister die Galle übergelaufen. „Herr", schrie er ihn an,

< „die Gnade meines Herrgotts ist mir lieber als die Ihres 'Kaisers! Und wenn ich auch ein solcher Lump sein wollte, für ihn am Sonntag arbeiten zu lassen, so würden meine Leute keine solche Lumpen sein!" Totenbleich war der Höfling vor den dröhnenden Worten und funkelnden Augen des fleien Mannes zurückgeprallt und hatte nur noch schüchtern die Frage gewagt: „Würden Sie und Ihre Leute denn auch für Ihre Königin nicht Sonntags arbeiten?" Worauf Rasmy.h, bei dem angesichts des entsetzten Schranzen der Humor schon wie­der das Übergewicht gewann, erwiderte: „Vielleicht, weil sie <flne hübsche, junge Frau ist, und Gott will, wie der Franzose sagt, was das Weib will. Aber ich bin gewitz, sie wird es Nimmermehr wollen!" Und der Kaiser von Ruhland hat die Riesenhämmer von Patriroft nie gesehen.

Ofenpest im Kriege. Datz das Leben und die Wirtschaft- lichen Verhältnisse in den grossen Städten der Zentralmächte durchaus nicht so sehr unter dem Druck des Krieges leiden, wie gewisse feindliche Hetzblätter sie hinzustellen belieben, acht aus einem in den „Daily News" veröffentlichten Artikel des New Dorker Zeitungsverlegers A. Robert Mountsier her- vor, der feine in Ofenpest gemachten Bobachtungen ausführ, »ich wiedergibt. „Das ungarische Vülk spricht nicht nur wie Mann, e» steht auch fest zusammen in allen Dingen deS > öffentlichen Lebens. Die Ofenpsster machen weder Rovo- , Cution, noch droht ihnen der Hungertod — wie verschiedene

englisch! und amerikanische Blätter dem Publikum weitz- machen wollten! Selbstverständlich haben die Gesellschafts­kreise ihre Bälle und Festlichkeiten aufgegeben. Die Gesell­schaftsspalten in den Zeitungen sind mit Kriegsnachrichten gefüllt, und die Vergnügungsklubs sind leer. Die Damen der Aristokratie sind tagaus, tagein mit Eifer in den Lazaretten als Krankenschwestern tätig. Die meisten Ofenpester Sport- leute sind zwar im Felde — aber trotzdem ist der Ofenpester Futzballklub in Tätigkeit; ja, was noch mehr ist: es werden zahlreiche Wettspiele abgehalten. Auch die Tennisplätze auf der Margareteninsel und in der Umgebung der Stadt sind fröhlich belebt; denn es ist durchaus nicht wahr, dass jeder gerade gewachsene Mann an der Front oder tot ist; und selbst Krankenschwestern bedürfen körperlicher Bewegung. Auch scheinen genügende Gummibestände vorhanden zu sein — an Tennisbällen ist kein Mangel. Auch sonst lebt man in Ofen­pest fast ebenso ungebunden wie früher. Arm und reich be­suchen ihre Stamm-Kaffeehäuser, und die Spaziergänger fehlen nicht in den Strassen. Jeden Nachmittag und Abend ist der „Ring" von gutgekleideten Menschen überflutet. Die Schneider machen gute Geschäfte. Da? Fleisch ist teuer; aber alle Arten Gemüse sind ausreichend vorhanden, und die Ernte soll vorzüglich sein."

Die Stadt der Armut und der Trauer. Eine interessante, weil siir die in Serbien herrschenden Zustände bezeichnende Schilderung von Risch, das für die Kriegsdauer an Stelle Belgrads zur serbischen Reichshauptstadt erhoben wurde, sendet ein Berichterstatter des „Gaulois" seinem Blatte: „Nisch ist wahrhaftig eine sehr traurige Hauptstadt. Die wenigen Neubauten, die man erblickt, sind primitiv, billig und schlecht ausgeführt. Auch die Einrichtungen der Häuser sind mehr als bescheiden. Selbst die königliche Residenz macht einen kläglichen Eindruck. Es erscheint unbegreiflich, wie die Regie- rung sich in einer so armen Stadt einzurichten vermochte. Ich habe nur das Kriegsministerium besucht; es besteht aus sechs Zimmern! Infolge des Raummangels wurden viele BureauS in anderen Ortschaften und im Hauptquartier untcrgebracht. ES versteht sich, dass dies nicht geeignet ist, die Erledigung der Staatsgeschäfte zu erleichtern. Bei einem Spaziergang durch die düsteren Strassen erblickte ich eine Tafel mit der Auf­schrift „Französischer Klub". Ich kletterte die Treppen empor, fand aber nur einen Diener in dumpfer Verlassenheit. Ich konnte nur erfahren, dass die in Serbien lobenden französi­schen Unternehmer, die gleichzeitig mit der Regierung nach Nisch üborgesiedelt waren, diesen „Klub" gegründet hatten. Die Kaffee- und Gasthäuser in Nisch sind erbärmlich. Ebenso ist es mit den Hotels bestellt. Ich beklage jeden Menschen, der gezwungen ist, länger als einen Tag darin zu wohnen. Als ich den Bürgermeister der Stadt über die Gründe dieser trost­losen Zustände befragte, erwiderte er: „Seit Kriegsausbruch hatten wir uns um andere, dringlichere Dinge zu kümmern. Zuerst galt es, die Regierung unterzubringen; dann muht: das Verteidigungswesen instand gesetzt werden; und schlieh- tich trat die Sorge für die Verwundeten und Kranken in den Vordergrund." Aber all diese Kriegssorgen sind nichts im Vergleich mit den schweren Prüfungen, mit denen die entsetz- liche Typhusepidemie die Bewohner von Nisch heimgesucht hat. Ganz Serbien war verseucht, und es mangelte überall an Bekämpfungsmitteln. Es gab weder genügende Ärzte noch Pflegerinnen. Die von der Krankheit Ergriffenen stürzten zu Hunderten in den Strassen nieder und lagen so oft viele Stunden lang, bevor ihnen Hilfe gebracht werden konnte. In ganz Nisch ist wohl kein einziges Gebäude verschont geblieben, manches Haus beherbernte allein 20 Kranke. Die Züge flibrcn mit Wagen voller Todkranker ein. Die Krankenhäuser waren überfüllt. Auch der Bahnhof war bald belegt. Die Sterblich­keit war ungeheuerlich; eS gab 390 und mehr Todesfälle an einem Tag. 30 Prozent der Ärzte fielen der Epidemie zum Opfer. Dabei gab es anfangs im ganzen Königreich Ser- bien 318 verfügbare Arzte für eine Bevölkerung von fünf Millionen! Erst französische, englische und Hilfsaktionen deS neutralen Roten Kreuzes vermochten eine allmähliche Ber- Minderung der Epidemie herbeizusühren. Auch heute ist der TyphuS noch nicht ganz verschwunden. . . . überall in Nisch hat man den Krieg vor Augen. Die Gäste in den Kaffee­häusern haben fast alle ihre Gewehre neben sich gestellt. Allenthalben zeigt sich die primitive Art dieser Volksorgani- sation. Alles ist im Kriege, und der Krieg ist überall."

LnanIwortNch Nr die CAtiftlcttung: 8. ». Rsaeakotl ta BHcftaftca.

(itlit tot 8. CäeUenttraMcn vot-vnLdriukerri In M-ib-de»