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ifsbatontr TsAtsü.

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Jjj, 607« «erlagS-Fernsprecher N». 2858.

Donnerstag» den 31. Dezember.

Redaktions-Ferulprecher N». 52.

ISS».

Horgen-flusgahe.

Jüv öcrs 1. HucrrtcrL 1904

auf das

^Wiesbadener Tagblatt"

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Die VimMyriliig der loplcn Gesetze.

6 in Neujahrswunsch.

;'SSenu man die letzten 20 Jahre überschaut und bo- ickt, wieviel auf dem. Gebiete der Sozialpolitik geleistet j so muß man zugeben, daß viel geschehen ist, man kann igar sagen, es ist zuviel geschehen, freilich nicht in den» nrte, daß nun genug geleistet sei an sozialer Fürsorge, "ern zuviel, als daß die endlose Reihe von sozial- ischen Gesetzen, Verordnungen und _ Ausführungs- itimmungen in zweckentsp rechend er Weise durchgeführt rden kann. Der Art und Weise, wie diese Gesetze durch- ihren sind, wird man in Zukunft eine größere Auf- lerksamkeit zumenden müssen, zumal die bestehende 'hwierigkeit mit der alljährlich zunehmendm Zahl der setze immer mehr in Erscheinung treten wird.

Als der Gesetzgeber die Kranken-, Unfall- und alidenversicherungsgesetze erließ, errichtete er be- vere Körperschaften als Träger der Versicherung, glich die Krankenkassen, Berufsgenossenschaften,_ Ver- erungsanstallen. Er schuf auch für die Entscheidung f Streitigkeiten besondere Schiedsgerichte, ein Reichs- rsicherungsamt und verschiedene Landes-Versicherungs- nter, welch letzteren gleichzeitig die Aufsicht über die rufsgenossenschasten und Versicherungsanstalten ob- gt. Eins aber hat der Gesetzgeber unterlassen, näm- die Schaffung besonderer lokaler Behörden, die die fichernngsgesetze in ihren Bezirken durchzuführeir >en und als Hülfsorgane der höheren Instanzen gen. Ein Versuch, besondere Lokalbehörden zu schassen, 'bei dem Erlaß des neuen Jnvalrdcn-Versicherungs- Ptzes gemacht, aber an dem Widerspruch des Reichstags Weitert; die jetzigen Bestimmungen des Jnvaliden- 'ersicherungsgesetzes über die Rentenstellen sind jeden- D ohne praktische Bedeutung geblieben. Die Durch­

führung der Versicherungsgesetze, soweit sie nicht von den Trägern der Versicherung selbst besorgt wird, wie auch die Durchführung der übrigen Schutzgesetze liegt vielmehr rn den Händ^en der Gemeinden oder Polizeibehörden, und es muß einmal offen ausgesprochen werden, daß diese Be­hörden ihrer Aufgabe — selbstverständlich mit rühmlichen Ausnahmen — nicht gewachsen sind. Wie sollte es auch anders sein? In den großen Stadtgemeinden gibt es für die Durchführung der sozialen Gesetze besondere Be­amte, in den kleineren Städten wird vom Bürgermeister, ebenso wie in den Kreisen vom Landrat verlangt, daß sie das ganze Rechtsgebiet einschließlich der gesamten Sozial­politik beherrschen. Bon einem Beherrschen des Stoffes kann hier gar nicht mehr die Rede sein, ein tieferes Ein­dringen in die einzelnen Gesetze ist unmöglich, und da den Gemeinden doch ursprünglich andere Aufgaben zugewiesen sind, so ist es nur natürlich, daß sich die Beamten den eigentlichen Gemeindesachen in erster Linie widmen, wo­bei dann die nebenher mit verrichtete Ausführung der sozialen Gesetze zu kurz kommt. Wer sich einmal rn kleineren Städten umgeschaut hat, weiß, wie wenig da­selbst von den sozialen Gesetzen zu merken ist.

Ehe daher an den Erlaß neuer sozialpolitischer Ge­setze gegangen wird, muß eine große organisatorische Auf­gabe erledigt werden, die Schaffung besonderer sozialer Stadt- und Kreisämter, denen rmr die Durchführung der sämtlichen sozialen Gesetze obliegt. Wesentliche Mehr­kosten würden dadurch nicht entstehen, da ja die Beamten bei anderen Behörderr entbehrlich, werden. Bon den Be­amten der neuen Behörden wäre eine vorherige besondere Ausbildung zu verlangen, nicht nur ein Studium der ge­samten Sozialpolitik, sondern auch ein tieferes Ein­dringen in das sozialökonomische, hygienische rmd in ge- ivissern Umfange auch in das technische Gebiet (Schutz­vorrichtungen an Maschinen usw.).

Die Erledigung dieser organisatorischen Aufgabe würde einen gewaltigen Fortschritt bedeuten, denn die zweckentsprechende Durchführung der sozialen Gesetze wäre gesichert, während jetzt die Gemeinden die ihnen aus diesem Gebiet zugewiesenen Aufgaben vielfach als ein läsüges Nebenamt betrachten.

8. r.

Nolilsschr Übersicht.

Über die Zustände im Heere

führt die „Korrespondenz für Zentrumsblätter" bittere Klage, indem sie schreibt: „Selbst die konservativsten und militärfrommsten Blätter haben längst aufgehört, an unserer Armee alles mustergültig und bewunderimgs- würdig zu finden. Es vergeht nachgerade kein Tag mehr, wo nicht auch in diesen Blättern bittere Klagen geführt werden über den immer ärger werdenden Luxus, die nicht abrüstende Neuerungssucht, die Pflege des äußeren

Scheines, Pompes und Schauspielertums im Heere. Man darf ruhig behaupten, daß noch niemals eine so allge­meine und vorwiegend abfällige Kritik an unserem Heer­wesen geübt worden ist wie gegenwärtig. Der Kreise, aus denen sich unser Offizierkorps seit jeher vorzugs­weise rekrutiert hat, hat sich eine tiefgehende Erbitterung bemächtigt, weil die finanziellen Ansprüche, die jetzt an einen Offizier gestellt werden, über ihre Kraft gehen. Sie können das Geld, das diese ewigen Liebesmahle, Ge­schenke, Festlichkeiten, Uniformänderungen usw. ver­schlingen, nicht mehr anftreiben. Mit Ingrimm sehen sie die Zeit herannahen, wo nur noch die Söhne von Jn- dnstnebaronen, Börsenmagnaten und Geldaristokraten die Kosten des Offizierlebens, zumal in den „besseren" Regimentern, erschwingen können und ihre eigenen Söhne mit den weniger angesehenen Regimentern vorlieü nehmen oder überhaupt auf den bunten Rock verzichten müssen. Aus alten Soldatenfamilien sind enrpörte Stimmen laut geworden: man werde keinen Sohn mehv für die Armee hergeben und sie warnen die Elten: ent­schieden davor, ihre Söhne die Offizierskarriere ergreifen zu lassen, wenn sie sich nicht ruinieren wollten. Nicht minder taut ertönen die warnenden Stimmen, welche die innere Kraft und Tüchtigkeit der Armee bei der Vor­liebe für Firlefanz, Schneiderkunststückchen, Parade- und Manöverdrill und Schauspielerei dahinschwinden sehen.. Zugleich wird geklagt, daß Vorgesetzte und Mannschaften durch die unaufhörliche Dressur für den Schein und das „Dekorative" zwecklos überlastet und abgehetzt würden. Mit den Betroffenen klagt endlich die Gesamtheit der Steuerzahler über das militärische Pensionierungswesen. Über jedem Offizier schwebt jeden Augenblick das Damoklesschwert in Gestalt des blauen Briefes, der er­teilt wird nicht sowohl, weil der Offizier für seinen Posten nicht mehr brauchbar wäre, sondern wegen irgend einer Zufälligkeit oder wegen Nichtbefövderung. Die Verab­schiedeten, die noch in den besten Jahren zu steheir pflegen, sind mit mehr oder weniger Recht unzufrieden mit ihrem Schicksale und die Steuerzahler müssen die Kosten tragen." Alle Kritik, alles Klagen nütze nicht das min­deste. Das sei um so auffallender, als die Krifiker sich teilweise auf den Kaiser selbst berufen können. Dieser hat fick) z. B. wiederholt gegen den Luxus in der Armee ausgesprochen und in einer Kabinettsorder ausdrücklich erklärt, er wolle, daß es auch dem minder Wohlhabenden ermöglicht werde, die Offizierslaufbahn einzuschlagen, und der Offizier sei ihm der liebste, der mit bescheidenen Mitteln auszukommen wisse. Trotzdem wachsen der Luxus und immer unerschwinglicher werdende Ansprüche an den Geldbeutel der Eltern. Wie kommt das? Aus Anlaß des Forbacher Falles soll eine neue scharfe Kabinettsorder ergangen sein, die den zunehmenden Luxus verurteilt und den Kommandeuren zur Pflicht macht, aufs strengste darauf zu achten, daß die Offiziere

Feuilleton.

Dar verflossene Musikjahr.

(Ein kritischer Rückblick.)

Ein weiteres Jahr musikalischer Entwickelung liegt nter uns. Ob die Jahreszahl 1603 einst eine bemer­kenswerte Stelle in der Musikhistorie einnehmen wird? f'as zukünftige Geschlecht wird darüber einen abschlictzcu- ‘ "reu Bescheid geben können als wir, die wir zu stark dem unser Urteil beeinflussenden Getriebe der Gegcn- ai stecken. Doch soviel läßt sich wohl auch jetzt schon Hand der Tatsachen erkennen: Ein an großen Er- gnissen reiches war das Jahr 1603 nicht. Ja, wenn Wr die künstlerischen Geschehnisse durch die schärfere Lupe der vergleichenden Kritik betrachten, dann werden r sogar zu dem Schluß kommen, daß es innerhalb des rtzten Dezenniums kein in gleichem Matze physiognomic- Aes Jahr gab. Die sogenannten Ereignisse zeitigten künstlerisch fast durchweg ein geringes positives Ergeb­nis. Es sei nur an den Frankfurter Sängerwettstreit, °n die Berliner Richard Wagner-Feste erinnert. Anßer- iich freilich verstand man allen Veranstaltungen den nötigen Glanz zu geben. Die Musik- und Sängerfeste nehmen einen immer breiteren Raum ein. Wie gesagt: quantitativ ein mächtiger Aufschwung auf allen musika- iischen Gebieten, doch in bezug auf den künstlerischen Wert ein häufig recht fragwürdiges Resultat. Das Reproduktive an ma88a-Musizieren drückt dem verflosse­nen Jahr den Stempel auf. Unser Musikleben flutet Dwaliig in die Breite. Behielt es dabei die ursprüng- nche Tiefe, dann könnten wir uns dieser Expansiön von Jerzen freuen. Doch in betreff des letzteren Punktes Mt es bedenklich genug aus. Zwei große Verluste pachte uns das Jahr 1603. Hugo Wolf und Hermann Mmpc schieden aus dem Kreise der Auserlesenen für *u>mer. Ersterer weilte ja schon seit sieben Jahren nur nominell unter den Lebenden. Geistige Umnachtung ^srhullte diesem großen Geist, diesem seltenen Menschen küe Welt, in der er sich nach einem Leben voll Entbeh­

rungen zum Siege durchgerungen hatte. In Hugo Wolf ist der Kunst ein kostbarer Schatz entrissen worden, der sich bei dem kurzen Leben dieses Mannes nur zum klein­sten Teil der bewundernden Menschheit offenbaren konnte. Große Hoffnungen sind mit diesem neudeutschen Liedersängcr zu Grabe getragen worden. Und doch wie reich ist seine künstlerische Hinterlassenschaft. Unter seinen zahlreichen Werken befindet sich kaum etwas von geringe­rem Werte. Das Jahr 1803 nahm sich des Toten natur­gemäß ganz besonders an. Auf fast keinem Programm unserer Lieder-Abende fehlte der Name Hugo Wolf. Auch die mit des Komponisten Herzblut geschriebene Oper „Der Corregidor" erschien wieder auf dem Spiclplan. Diesem unersetzlichen Verlust reiht sich der Tod Hermann Zumpes, des Münchener Generalmusikdirektors, in trau­riger Folge an. Zumpe wird ja für die Nachwelt nicht die gleiche Bedeutung haben wie Hugo Wolf. Selbst- schöpferisch war er nur in engem Rahmen tätig. Seine künstlerische Bedeutung gipfelte in seinem Beruf als be­geisterter Vermittler zwischen Kunstwerk und Publikum. Für die Förderung wahrhafter Kunstübung und die Er­haltung künstlerischen Geistes setzte er feige ganze Kraft ein. Gleich Hugo Wolf war er ein echter, wahrer Mensch. Diesen beiden gewichtigen Verlusten steht an Neuent- deckungen nichts Gleichwertiges gegenüber. Zwar tauchte gleichfalls aus Süddeutschlaud ein neuer Liederkom­ponist auf, dem die öffentliche Meinung ein günstiges Horoskop ausstellte und der vielleicht berufen sein könnte, auf Hugo Wolfs Fundament weiter zu bauen. Theodor Streicher ist der Name des jungen Tvnsctzers, der in dem verflossenen Jahre zum erstenmal die Augen der großen Öffentlichkeit auf sich lenkte. Auch ein junger Münchener, Ernst Böhc, machte des öfteren von sich reden. Als getreuer Schüler der modernen sinfonischen Richtung offenbarte er eine nicht unbeträchtliche Indi­vidualität, auf deren weitere Entwickelung man immer­hin gespannt sein darf. Weitere neue Namen sind Ermanno Wolf-Ferrari, ein Deutsch-Italiener, dessen Chorwerk „Das neue Leben" bereits zahlreiche Auffüh­rungen in Deutschland erlebte, und Paul Scheinpflug, ein geborener Bremenser. Beide erschienen 1603 gleich­

falls zum erstenmal in dev größeren Öffentlichkeit. Unsere bereits wohl akkreditierten zeitgenössischen Tonsetzer ließen herzlich wenig von sich hören. Weder Richard Strauß, noch Max Schillings kamen mit einer erstklassi­gen Neuschöpfung heraus. Denn Strauß' „Taelleser" und Schillings „Hexenlied" sind beides nur Schöpfungen von sekundärer Bedeutung. Desgleichen hüllten sich Siegmnnd von Hausegger, Gustav Mahler, Wetngärtner und die anderen modernen Sinfoniker in Schweigen. Fast scheint es, als ob nach dein gewaltigen Ringen und Vorwärtsstreben der voraufgegangenen Jahre auf diesem Gebiete der musikalischen Produktion ein Erlahmen der Kräfte eingetreten sei. Nicht viel besser war cs mit der Kammermusik bestellt. Zwar gab es eine ganze Anzahl Novitäten, doch von dauerndem Wert dürfte kannr eine dieser Neuerscheinungen sein. Zahlreich traten die Licöer- komponisten auf den Plan. Auf diesem Gebiet zeitigte das Jahr 1603 eine Überproduktion, die in keinem Ver­hältnis zu dem vorhandenen Bedürfnis steht. Und wie ivenig Gehaltvolles oder auch nur Hoffnungsvolles gab cs darunter! Moderne Lieder-Abende kamen in Schwung. Biele Sänger betrachten es als eine besonders vorteil­hafte Idee, ausschließlich Novitäten zu bringen. Der Grundgedanke ist sicherlich kein schlechter, es kommt nur darauf an, wie viel Annehmbares sich unter der Masse befindet. Hier wäre weniger vielleicht mehr. Auf keinem Gebiet kann sich die Halbkunst so vordrängen, wie in der Liedkompvsition. Hoffentlich führt die nächste Zu­kunst eine Reduktion auf das normale Maß herbei. Er­folgreicher war die dramatische Produktion. Die be­kannten Opern-Autoren, wie Schillings, Hnmperdinck, Kienzl, Zöllner, Leoncavallo, Mascagni, brachten zwar nichts Neues heraus. Hingegen hatten Goldmark mit dem „Götz von Berlichingen" und D'Albert mit seiner Oper „Tiefland" einen ernsthafteren künstlerischen Er­folg zu verzeichnen. Desgleichen schufen Friedrich Klose mit dem „Märlcin vom Fischer und seiner Frau", Recnizek mit der Volksoper „Till Eulenspiegel" und der hochialentvolle Lev Blech mit seinem „Alpenkönig und Menschenfeind" drei Büynenwerke von wirklicher Be­deutung, die in Zukunft noch von sich reden machen dürs-