Beilage
2 In Gegenwart einer jungen Dame wurde ihre ^ 2 Pensionsfreundin gelobt. — »Sie in allerdings klug ^
« und schön," sagte jene. »Aber sie hat einen Fehler: sie ist *
* nicht sehr sauber. .Wieso?" fragten alle. -
2 „Ja, itjre Hände sind nämlich stets fast ebenso schmutzig, ^
2 wie bei uns die Füße. . . . ." *
2 Grigorowitsch. [»
(87. Fortsetzung)
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Gva ßeoni.
Roman von Marie Bernhard.
„Nur nicht in dieses weichliche Scheusal von einem Sofa, ich bitte um einen soliden Holzstuhl, — danke! Nun, Eva, Sie sehen teufelsmäßig hübsch aus und verdrehen den Herren bös die Köpfe, wie ich mir habe sagen lassen! Wundert mich übrigens gar nicht! Ihre Zeit füllen Sie wohl sehr edel .und nützlich mit Totletten, Tanzen, Schlafen und Kokettieren aus?"
Ich fühlte mich getroffen und antwortete daher m ungeduldigem Ton: „So ziemlich! Blieben Sie noch
lange nach unserer Abreise oben in Tirol?"
„Nun, wir machten unsere Arbeiten fertig, und schön füll wurde es dazu, als die russische Sippschaft davongefahren war. Sie begruben den Sohn übrigens dort, er hat das gewünscht, und seinem Vater soll es sehr recht gewesen sein. Wo die prachtvolle Tannengruppe steht, da ist das Grab, — wissen Sie, dort, wo wir einmal da? Gewitter beobachteten?"
Ob ich wußte!!
„Ihr Freund Vernon sah aus, wie eine Gewitter- Wolke von dazumal; er sprach eigentlich kein Wort, sagte zu niemand Lebewohl und fuhr am Tage nach der Be- erdigung fort, — er nach Ost und die Gemahlin nach West: lebend dürsten die zwei sich schwerlich Wieder
sehen! Eine wunderschöne Ehe! — Ist das hübsche Armband ein Geschenk von Ihrem Verlobten?"
Die Plötzlichkeit dieser Frage und der durchdringende Aufblick der scharfen, klugen Augen bewirkten, daß ich zusammenschrak, — ist konnte nicht anders.
„Mein — mein — das ist — woher könnten Sie — " stammelte ich.
jL^Nun, versuchen Sie mrr nicht, nur in? Gesicht zu dafür fohlt Ihnen zum Glück jede Befähigung!
' ich weiß? Aus sehr guter Quelle, sage ich Ujnen, • eben darum komme ich ja! Geschichten erzählen ist
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nicht mein Fall,. . . aber dennoch bin ich heute eigens hergekommen, um Ihnen, Eva Leoni, eine Geich te — eine wahre natürlich! — zu erzählen!"
Ich tvurde unruhig und rückte auf dem Sofa hin i her.
w „Sitzen Sie doch still! Es hilft Ihnen nichts, zu- )ören müssen Sie! Hinterher koimnen Sie vielleicht doch roch zur Vernunft und fangen ein menschenwürdiges Leben an, — Sie sehen, ich gebe Sie selbst jetzt noch nicht auf, und helfen würde ich Ihnen gern! Nun halten Sie ich auch tapfer, — Sie wissen, der Arzt muß dein Kranken oft sehr weh tun, und dieser sträubt sich aus allen seinen Kräften gegen die helfende Hand!"
Das war keine ermutigend« Anleitung! Was sollte ich hören? —
„Versprechen Sie, mich mit keinem Wort zu unterbrechen", sagte Doktor Langenfeldt, die Arme gelassen über der Brust kreuzend, „das kann ich nicht leiden! Alle Achs und Ohs lassen Sie unterwegs, und fragen können Sie zum Schluß, ich will mich möglichst kurz fassen! —
•-Es gab einmal eine sehr reiche, stolze
Gräfin, die war Witwe und besaß eine einzige schöne Tochter, die sie bis zur Abgötterei liebte. Alle, welche die
Gräfin kannten, wußten zu sagen, sie habe me jemand m ihrem Leben annähernd so geliebt, wie dreses Kind; der Gedanke, das Mädchen könnte heiraten und von chr gehen, war ihr verhaßt! — Aber natürlich! Das Mädchen wollte heiraten und auch von chr gehen! Es landen sich eine Menge Bewerber ein, denn Schönheit und Geld wrro ja die Männer kirren, solange die Erde besteht! . Zwei darunter standen längere Zeit in der Gunst der lungen Schörcheit gleich hoch, — der eine davon war chr Vetter , ein angehender Diplomat, klug, fein, aalglatt, berechnend, sehr talentvoll, in der Malerei fast em Künstler; ihm war die reizende Kousine mehr Mittel zum Zweck,— sie war reich, er war arm, sie würde seinem Hmishalt glänzend vorstehen! Er schmeichelte chr, er malte sie, einmal und noch einmal, er dichtete sie an, er trieb Kultus mit. chr! Der andere, sein geschworener Freund von der Schulbank her, tat nichts von dem allen, — er war ein armer, «chrenhaster, sorgloser Offizier, der um fernes Freundes willen das Haus der Gräsin besuchte und gar- nicht daran dachte, die gefeiefte Tochter zu umwerben, bis er anfing zu merken, daß sie sich an seinen herrschen schwarzen Augen, seinem ritterlichen Wesen und ferner schlichten Manier stark die Flügel versengt hatte. Das war für chn eine große Versuchung, denn die Komtesse war eine glanzvolle Partie und ein entzückendes Geschöpf;
— dennoch blieb er standhaft, da er die Absichten seines Freundes kannte, und vermied es eine Zeit lang, das Haus der Gräfin zu betreten.
Damit goß er riur Öl ins Feuer! Das verwohnte Fräulein, das er in Gesellschaft wiederholt antraf, stellte ihn zur Rede, schmollte, wurde traurig, — sein Herz erwärmte sich mehr und mehr für sie, und eines schönen Tages waren die Beiden ein glückliches Brautpaar.
Die Gräfin Mutter war damit sehr unzufrieden! Wenn sie schon ihre angebetete Tochter fortgeben mußte, so sollte es ein Fürst, ein Prinz von Geblüt, zum mindesten der gräfliche Vetter sein, dem, mittels seiner Begabung, hohe Ämter und Würde:: dereinst nicht entgehen konnten, . . . nickst aber ein armer, bürgerlicher Offizier, der nichts, absolut nichts in die Wagschale zu werfen hatte, als ein paar schöne Augen und ein heißes Herz! Aber vernünftige Mütter richten gegen unvernünftige Töchter, wenn sie dieselben lieben, nie etwas aus; die Verlobung wurde bekannt gemacht, rief große Sensafion hervor, und der gräfliche Vetter war der erste, der seiner schönen Kousine glückwünschend die Hand küßte und seinem Freunde yratu- lierte, — freilich mit einem Zuge um Augen und Lrppen, der damals schon manchem zu denken gegeben haben soll!
— Die jungen Leute verbrachten das erste Jahr ihrer Ehe in einer Garnison, schwelgend in einem wahren Taumel des Glücks, — im zweiten Jahre wurden sie in eine Haupt- und Residenzstadt versetzt, der Offizier wurde befördert, und der Zufall fügte es, daß sie gerade in dieselbe Stadt kamen, in welcher der Graf seinen diplomatischen Studien oblag. — Man freute sich gegenseitig sehr, die alten Beziehungen wurden mit Eifer aufge- nomnren, und der Graf führte seinen guten Freund in verschiedenen Kreisen ein, unter anderen in einem solchen, wo man wahnsinnig hoch spieüe. Der Offizier ließ sich mitreißeir, er ging, er kam wieder, er gewann, er verlor, verlor nochmals, geriet in Verlegenheit. Seine Schwiegermutter, die ihn entschieden nicht leiden mochte, bezahlte zweimal, durch die Tochter veranlaßt, seine Schulden,
K ihm aber das zweite Mal einen Brief dazu, sie gebe hrenwort, nie wieder seiner Spielwut Vorschub zu leisten. Das Ehrenwort dieser Dame galt soviel, wie das eines Edelmannes! Das wußte auch der Offizier, und er faßte die allerbesten Vorsätze, zumal angesichts seiner
Frau, die sich namenlos um ihn sorgte.-Aber sein
Freund lachte chn aus, daß er dem verlorenen Glück nicht nachjage und nannte ihn euren schmachtenden Selgdon, der beständig die eigene Frau anseufze. Die Häuslichkeit schien dem jungen Mann auch nicht mehr so ideal als
51 . Jahrgang. 1903 .
früher. Seine Gattin hatte weniger Zeit für chn, sie sah viel an der Wiege chres kleinen Töchterchens, das sie selbst stillte, und waren die Beiden beieinander, dann empfana. er, infolge seines Schuldbewußtseins, eine grotze SäMt ihr gegenüber. Bei jedem Augenaufschlag glaubte ev einem stummen Vorwurf, einer unausgesprochenen Klage oder einer angswollen Frage in chrem Blick zu bege gnen, die Urchefangenheit war dahin; die Betdm liebten,woht einander noch, aber sie quirlten sich Menidrtig. Selten« imd seltener erklang die wunderschöne Sttmrm, ^ geniale Klavierspiel des Mannes, ... ich habe vergeben. Ihnen zu sagen, daß er musikalisch hrwhbegabt vmr und sich das Herz seiner Gattin hauptsächlich durch sE Lieder, die er mit dunkler, weicher Stimme und yrn reißendem Vortrag gesungen haben soll, erobert hatte, — Sie wissen ja, von Musik verstehe ich nichts und halte sie für ganz nichtsnutzig. Hier aber spielte sie eine Rolle, , natürlich auch nicht zum Guten! — Wort, der
Offizier entfremdete sich seiner Häuslichkeit mehr und mehr, verstrickte sich immer fieser in die Sprelwut, verlor enorme Summen, ging umher wie ein Unsinniger, und inuß wohl auch, da er bis dahin ehrenhaft ,gewesen war. von Sinnen gewesen sein, als er sich von semem Fpeimoe bereden ließ, Wechsel auf den Namen semer gräflichen Schwiegermutter zu fälschen, die besagter Freund alsbald
kursieren, ließ. _ r , , ~
Sie können sich denken, was nun stflgte! — Selbst wenn die Gräfin hätte zahlen wollen, es wäre zu spät gewesen, die Anzeige war bei den Behörden, und dem Regiinentskommandeur gemacht, und derSchuldi-ge wußte, was ihm bevorstand: Ausstoßung vom Militärs tande und mehrjährige Festungshaft als gemeiner Sträfling! Er glaubte, dies nicht überleben zu können: — bevor er aber seinem Dasein gewaltsam ein Ende machte, wollte er Rache nehmen cm dem, der sich seinen Freund genannt und all' sein Unglück, wie er meinte, verschick-det hatte! Er schlich sich in dessen Wohnung mit unglafiblichev Raffiniertheit ein, — der Gedanke, daß der Freund nach seinem Tode oder nach der gerichtlichen Scheidun g vo n feinier btcfc tneUcicfyt 7U)ch f^wnfßfireit fottttte,
brachte ihn zur Raserei! — und als der kl uge Leg ationS- rat nichts cchnend von einem Ausgange hermkehrbe und die Tür seines Wohnzimmers öffnete, sah er sich alsbald dem hochglühenden Blick seines einstmaligen Frmndes. den er ins Verderben gerissen, sowie dessen Pistolen., mündung gegenüber, welch' letztere nicht verfehlte, ihr« Schuldigkeit zu hm, — zum Tode getrosten smck d« Diplomat zu Boden. Ein sofortiger Deibstinordverfuch des Offiziers mißglückte; seine Hand war doch woht nicht- fest genug, rmmittelbar nach einem verübten Morde euren! solchen an sich selbst zu begehen, . . . er wm verwundet, aber nicht lebensgefährlich! — Sein Urteil, zmrml er nicht einmal zur momentanen Unzuvechnmrgsfahrgkett seine Zuflucht nehmen wollte, sondern fest imd bestimmt erklärte, die Tat mit voller Überlegung begangen haben, larrtete, wie vorauszuseben gewesen, auf ÄÄ>, —v die Gnade des Monarchen wandelte dieses Urteil, in Rück, sicht auf feine bisherige makellose Führung, in lebens- längliche Festungshaft. — Seine Gattin durste ihn, ans ihr besonderes Gnadengesrrch, noch einmal schen, ehe man den Sträfling fortbrachte, — es soll ein schrecklicher Ab- schied gewesen sein! Die junge Frau weigerte sich auf das bestimmteste, eine gerichtliche Scheidung, die sich niühÄos hätte bewerkstelligen lassen, herbeizufübren, fluvn Mädchennamen wieder anzunehrrren und zu ihr« Mutter zu ziehen, — ia, sie wollte die Mutter nicht ein- mal sehen; es schien fast, als lege sie ihr imd ihrem nner- bittlich ausgesprochenenEhrenivort. nie mehr eine helfends Hand zu reichen, das Los ihres Gatterr zur Last; sie zog mit ihrer einsfigen Jugendgespieliu und ihrem Kinde in eine mitteldeutsche Stadt und ist dort, kaum ein halbes Jahr nach der eben erwähnten Katastrophe, gestorben! — (Fortsetzung folgt.)
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