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Berlage zum Wiesbadener Tagklatt

605» MorSen-Ansgabe.

MiliWsch, den 30. Drremder.

81. Jahrgang. 1903.

Die Jugend ist nicht reich an Zeit; — ja, vielleicht arm. £ gieb ne, wie Geld, mit sparender Hand aus; zadle keinen KJ Augenblick hin, ohne damit so viel zu erkaufen, als er wert ist. §

B. Ioung. 0»

(86. Fortsetzung^

dt« front.

Roman »on Marie Bernhard.

Die Vorübergehenden standen ftiH oder wandten uenifl|ten§ im langsamen WÄterschreiten bewundernd die Kopse, als wir einsüegen. Susi kicherte und erklärte, dis mache ihr nun „grausam viel Spatz." — — „Und ichau, Evi", fügte sie dann hinzu und wendete ihr reizen­des Köpfchen seitwärts, „an dem altm Hern;, der da stcht, links weg, hast du einen besonderen Verehrer ge- fimdm, denn der verschlingt dich mit den Augen! Für M hat er fernen Blick, — nun, ich bin eine neidlose tzeel' und gönn' dir's, du süßes Fratzerl du! Ln avant, Miami"

MWährend die Pferde mit unserem Gefährt davon- irausten, blickte ich nochmals zurück, — und in der Tat, da stzmd der Fremde von gestern wie angewurzelt und starrte uns nach; sollte das wirklich einzig mir gelten, eher hatte Susi sich einen ihrer üblichen Scherze gemacht? k Seelenfroh und mit vollauf befriedigter Eitelkeit kamen wir nach einigen Stunden wieder an. Sufi trank chi Tee bei mir, wir bauten Luftschlösser, wie es sein toriirbe, wenn ich erst Frau Baronin von Rothkirch, meiner Ast Schwägerin sein würde, und diese Schwägerin schalt in sehr ungeduldigem Ton auf meine kranke Großmutter, die immer noch mit wichtigen Nachrichten verschont wer- tat mußte und bedauerte mich und ihren armen Clemens Günther abwechselnd, denn jeder von uns durfte sich ja mit Stolz zu seiner Wahl bekennen, und nun diese lange, dumme, aber allerdings, wie selbst Susi zugeben mußte, jmiweMge Heimlichkeit! — Sodann rekapitulierten wir deMÜgt die bei der heutigen Airsfahrt erlebten Begeben­heiten: — wir hatten den Fürsten Wachtberg getroffen, der ims natürlich begleitete, und dem, wie Susi sagte, Wichstöblich die Augen übergegangen seien bei meinem Anblick in dem Landauer, -—■ auch Manuel und der Earl rSmmnerfield, der in künftiger Woche nach seinen Be­dungen abreisen wollte, hatten uns ein Stück Weges das Eckest gegeben, — Clemens Günther natürlich vor allen, — kurz, das Begrüßen, Nicken, Plaudern hatte kein Ende sMomnen. und neben unserem prachtvollen Diererzug deren beständig die elegantesten Herren in Uniform und All einhergaloppiert und hatten uns, wie Susi sich ans- drückte, „nichts als den lauteren Zucker zu kosten ge- pben!" — Abends fuhren wir ins Schauspielhaus, wo dir „Don Carlos" sahen; es war schon völlig dunkel als dir emstiegen, und die Wagenlaternen warfen ein so un- WisseS Licht, — daher irrte ich mich wohl, als ich in cmem schattenhaften Umriß, der unbeweglich zur Seite jstnd, den alten Herrn zu errtdecken glaubte, den ich nun ~« mehrmals auf der Straße gesehen hatte. —- Tie Tage flogen dahin, — ich kam nicht zum Nach­ten, und es war mir recht so! Wozu führte es, unbe-

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Nur bis 5. Januar 1904.

"Wespen Verlegung meiner Lager und Umgestaltung meiner Geschäftsräume und im Hinblick auf die bevorstehende Inventur sehe ich mich veranlasst, deine grossen Vorräthe zu verkleinern und will, um dies rasch zu bewirken, Aussergewohnliches bieten.

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hagliche, dunkle Gefühle in mir aufzustören, wie es da­mals geschah, als ich mit Clemens Günther im Musik­saal war? Seit jenem Tage hatte ich nicht mehr meine

Hände auf den Tasten gehabt, ich fürchtete mich vor der Döusik .... sie hätte mir mit der Zeit vielleicht den

Schlüssel zu meinem Innern gegeben, und an das, was sich dort tief verbarg, mochte ich nicht rühren.

In den stillen, sonnigen Herbsttagen, die nun folgten und in denen die hinsterbende Natur uns ihren letzten schönen Scheidegruß schickte, siedelte ich in ein paar andere Zimmer über, die sich besser durchwärmen lassen sollten, als die biHerigen. Der Frechere von Richthoseu, der immer gütig gegen mich war, wenn auch nie mehr mit­teilsam und vertraulich, wie an jenem ersten Tage, hatte das selbst so bestimmt, und jeden Morgen wurde in dem hübschen Kamin meines kleinen Salons ein knisterndes Feuerchen für mich angefacht, was vorläufig nur eine lustige Spielerei war, denn draußen wehte es noch warm. Die Fenster dieses kleinen Salons gingen in den Vorgarten hinaus, und aus ihnen sah ich am ersten Tage meiner Übersiedelung, als ich mich ziemlich spät erhoben hatte und zufällig hinaussah, die mir nun schon wohlbekannte Erscheinung des weißbärtigen Herrn unter einemcher voll- belaubten Bäume des Vorgartens stehen und aufmerksam nach unserem Hause hinüberspähen.

Ich drückte mich hinter eine bunte Gardine, um nicht in meinem weißen Morgenkleide seinen Blick auf mich zu lenken und ihn meinerseits ungestört beobachten zu können. Er war sehr gut gekleidet und hatte, trotz seiner gebeug­ten Haltung, etwas unleugbar Vornehmes in seiner ganzen Erscheinung. Da er mir heute bedeutend näher war, als an den vorhergehenden Tagen, und ich vollauf Muße hatte, ihn zu betrachten, so konnte ich feststellen. daß er feine, wenngleich verhärmte und gramdurchsurchte Züge besaß und fast übergroße, sehr dunkle Augen, die zu der fahlen Gesichtsfarbe und dem schneeigen Weiß seines Haares und Bartes in einem auffallende;: Kontrast standen. Er war wirklich auffallend hübsch, „mein alter Herr", wie Susi ihn" lustig getauft hatte, — aber ivas konnte ihn veranlassen, dieses Haus zu umschleichen, fetzt sogar den Vorgarten zu betreten und sich bei niemand melden zu lassen? Scheu und sehnsüchtig wunderten seine schwarzen Augen an den Fensterreihen hm, — wen suchte er? Ich huschte ms Zimmer zurück, kam dann ruhig zum Fenster gegangen, öffnete es ziemlich geräuschvoll und lehnte mich hinaus. Mein alter Herr führ zusammen wie blitzgetroffen, warf den Kopf in den Nacken und starrte so verzückt zu mir empor, wie ein gläubiger Beter zu einem Herligenbilde!

Das machte mich doch betroffen! War es wirklich um meinetwillen, daß er kam? Konnte er vielleicht ein Maler sein, den mein Äußeres anzog und der mich zu studierm wünschte? Aber wamm kam er dann nicht ins Haus, mn kurz und bündig sein Anliegen vorzutragen? Irgend- WÄche unlautere Absicht konnte man ihm unmöglich Zu­trauen; aber welcher Art der Zauber war, der ihn her- zog, das konnte ich nicht enträtseln.

Es schien ihn übrigens zu ängsttgm, daß ich ihn ent­deckt hatte, dmn er ging eilig davon, und am kommenden Vormittag sah ich ihn nicht wieder, — nur gegen Abend, wenn die Dämmerung herabgesunken war und man die Laternen zu entzündm begann, kam er regelmäßig in dm Vorgarten, stand regungslos an einm Baum gedrückt und

blieb so eine ganze Zeit lang. Niemand im Hause, außer mir, vatte ihn bemerkt, und ich hatte auch nur mit Sust über rhu gesprochen, — sie hatte gelacht und endlich ge­meint, es möchte ein Gemütskranker sein, der von einer fixen Idee beherrscht sei, die er irgendwie in Zusammen­hang mit rnir brächte, oder er habe eine sonderbare Ähn­lichkeit entdeckt, jedenfalls sei er ein närrischer Kauz.

- -— - Nun kam ein grauer, freudloser Oktober­tag, — welch denkwürdiger Tag es für mich wrrrde! wo der Himimel bleifarben und tief ^ über ien Baum- Wipfeln hing, kein Regen herabstel, kein Wind erfrischend wehte, nur eine beklommene Schwüle draußen _ lastete. Clemens Günther hatte nur am Morgm sin reizendes, goldenes Armband gebracht, er war aber etwas zerstreut gewesen und selbst meine Mitteilung, ich hätte gestern spät noch gute Nachrichten von Hannwh gehabt, und der Zustand meiner Großmutter bessere sich derartig, daß in einigen Tagen schon eine Rücksprache möglich sei, ver­mochte nicht, ihn dauernd aufzuhellen; er küßte meine Hände und sagte mir freundliche Tinge, aber sein Blick war unstet und er brach zuweilen mitten in einem Satz ab. Mir fiel Sufis gestrige Äußerung ein: „Dil, Evi, 's wird wirklich Zeit, daß Ihr Ernst macht mit der Hoch- znt, ich furcht', der Clemens Günther lebt furchtbnr leichtsinnig und spielt in dem schrecklichen Klub bis in die Nacht hinein!" Ich sagte aber nichts davon.

Abends sollten wir uns bei einer bekannten Familie wiederseben: das Diner war aus irgend einem Grunde heute verfrüht worden und gleich danach begab ich mich ans mein Zimmer und kleidete mich um. Im Vorgarten war niemand zu sehen, es war auch noch zu hell.

Da pochte es leise bei mir an; der Bediente reichte mir auf silbernem Teller eine Karte entgegen. — „Doktor F. Langenfeldt, approbierter Arzt, Spezialist für Lungen- leiden!" — Ich traute meinen Augen nicht!

„Ist die — die — Dame draußen?" fragte ich.

„Jawohl, gnädiges Fräulein, im kleinen Vorzimmer."

„Führen Sie sie hier herein!"

„Nun, Eva Leoni, das hätten Sie sich wohl nicht ge­dacht- daß ick Ihnen hier einen Besuch abstatten würde! Mt diesen Worten trat der weibliche Doktor frisch und rotwangig, grau und knapp und zwecknräßig bekleidet, ein Lodenhütchen ohne jeglichen Schmuck ans dem Kopf, zu

mir ins Zimmer. .

„Ich bin sehr erfreut, Doktor Langenfeldt", begann

ich, nicht sehr wahrheitsgetreu. ^ v o •

Ach machen Sie doch keine dummen Redensarten, Kind! Ich weiß recht gut. Sie können mich nicht leiden, und nun wollen Sie mir weismachen, Sie freuten sich! Wenn Sie überdies wüßten, warum ich hergekommen mn, hätten Sie sich und ;nir die Phrase geschenkt! — ^ch werde hier in Berlin meinen Wohnsitz auffchlagen, Ahrenz hat eine gute Assistenzarztstelle hier an der chirurgischen Klinik erhalten, iind ich werde nnch als Spezialist für Lungenkranke an seiner grünen Seite niederlassen, — in acht Tagen spricht uns der Standes­beamte zusammen! — Ob es hier viele Lungenkranke

ß ^!®a§ weiß ich wirklich nicht! Aber wollen Sie sich nicht setzen?"

(Fortsetzung folgt.)

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