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Po. 606 ,
Berlass.Fernsprecher N». 2858.
Mittwoch» den 30. Dezember.
RedaktionS-Ferufprecher Ro. 52.
1903.
Abend -Ausgabe.
Ilür öas 1. GucrrlaL 1904
auf das
Wiesbadener Tagblatt"
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Crimmitschau.
. Solange ein Krieg tobt, zumal ein wirtschaftlicher Krieg, ist es schwer, die Grenze zwischen Schuld und Un- Mld scharf zu ziehen. Man sagt uns, daß die Fabrikan- ■ ien in Crimmitschau, selbst den besten Willen voraus- ^gesetzt, die Forderungen der streikenden Arbeiter nicht er- Wen können, weil sie sich andernfalls ruiniereri wurden. Ob das wahr ist, darüber zu urteilen fehlt uns die Kom- l petmz. Wenn behauptet wird, daß die Textilindustrie Sachsens und besonders Crimmitschaus nur mit äußerster Rühe aus jahrelangen Stockungen jetzt herausgekommen fei, und daß sie die Belastung, die in einer Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichen Löhnen wie bisher liegen mußte, Wechterdings nicht ertragen könnte, so sollte man wernen, daß die Arbeiter, vielmehr die Stveikführer, das ebenfalls Wen. und einsehen müßten, daß sie also den Zeitpunkt für die Geltendmachung ihrer Forderungen kingerweist Itotagi hätten. Andererseits ist wohl anzunehmen, daß die Fabrikanten, wenn sie den Zehnstundentag überhaupt IfotoiHigen könnten, dies Zugeständnis inzwischen beretts . gemacht hätten, da die Verweigerung der Konzession sie ohnehin mit dem Ruin bedroht. Denn die Möglrchke^ rückt näher und näher, daß es in Crimmitschau nur noch Besiegte und nirgends Sieger geben wird. Die konkurrierenden Fabrikdistrikte ziehen naturgemäß die Auf- träge an sich, die in Crimmitschau nicht ausgeführt wer den können. Das Geschäft ist für diese Saison vollständig verdorben, und wenn es im Frühjahr, wo die neue Saison beginnt, wieder ausgenommen werden sollte, so wurden die Fabrikanten erst recht nicht die Verkürzung der Arbeits- r zeit bei unverkürzter Fortdauer der alten Lohne ge- : währen können. <Bo ist ein Dilemma da, ans dem der Ausweg von Tag zu Tag schwieriger wird. Fe komplr- Werter aber die Verhältnisse liegen, desto schmerzlicher
wird jeder unbefangene Beobachter bedauern, daß es uns in Deutschland beinahe überall an den Voraussetzungen fehlt, die es zwar nicht ermöglichen müsseii, wohl aberer- möglichen können, solche verheerenden Lohnkämpse schon im Beginn zu verhindern oder doch ihre böse Wirkung zu verringern. Gewiß gibt es auch in England Streikbewegungen, aber an der Größe der englischen Industrie gemessen, sind' sie selten im Vergleich mit denen, die zeitweilig bei uns das ganzeGebäude desWirtschastslebens zu erschüttern drohen. Zum mindesten fehlt den englischen Streiks das Moment der Gehässigkeit, der^starrsinnigen, einseitigen Parteinahme der Regierung für die Arbeitgeber, des rücksichtslosen Hochmuts, mit dem die Arbeitgeber die Arbeitnehmer als Menschen zweiter Klasse zu betrachten und zu behandeln lieben.
Hätteii wir die gesetzliche Anerkennung der Berufsvereine, hätten wir eine geordnete korporative Zusammenfassung der Arbeiterinteressen, denen die gleichwertigen Verbände der Arbeitgeber ihr Recht ohne Hintergedanken zubilligten, hätten wir ferner einen geregelten, auf dem Fuße der Gleichheit sich vollziehenden Verkehr zwischen den Körperschaften hüben und drüben, so würden die meisten Lohnstreitigkeiten (und die Frage der Arbeitszeit gehört ja mit dazu) geschlichtet werden können, ohne daß es der gewalttätigen Mttel entweder des Ausstandes oder der Aussperrung bedürfte. Wir wollen bei dieser Ge- legeicheit gar nicht erst auf die Frage eingchen, warum England keine Sozialdemokratie von dem Umfange und der Intensität wie Deutschland hat. Die Antwort wurde lauten müssen, daß England in dieser Beziehung daruni glücklicher als Deutschland dasteht, weil der ganzen Nation und den gesetzgeberischen wie den administrativen Funk- tionen von Regierung und Verwaltung der Gedanke der Gleickberechtigung in Fleisch und Blut übergegangen ist. Möglich, daß ein Umschwung des Geistes unserer Gesetzgebung und Verwaltung, unserer Parteien,, unserer Arbeitgeber im Sinne der englischen Zustände die Sozialdemokratie nicht alsbald abschwellen lassen würde; denn sie ist durch Grundfehler, die auf diesen Gebieten begangen worden sind, so stark geworden, daß sie sich ans eigener Kraft wohl auch dann erhalten würde, wenn die Fehler wieder gut gemacht würden. Wer darum bleibt doch die Verpflichtung bestehen, sich von eingewurzelten Frrtümern sreizumachen. Man bedenke, daß die rund 600 000 Arbeiter, die als überzeugte Nichtsozialdemo- krateii jüngst in Frankfurt durch ihre Delegierten laut nach Reformen verlangt haben, schließlich nur die mäßigen Ansprüche erhoben, die hier skizziert worden sind, daß aber wenn ihre Ansprüche unerfüllt bleiben, ihr Übergang zur Sozialdemokratie nur eine Frage der Zeit sein
^^Ter Lohnkamvf zu Crimmitschau enthält Lehren, die nur der in den Wind schlagen kann, der mit frivoler Leichtfertigkeit jedes Verantwortungsgefühl von sich weist.
Politische Übersicht.
Russisch-Deutsches.
L. Berlin, 29. Dezember.
Es ist noch kein Dermin für den Wiederbeginn der Handelsvertragsverhandlun gen in Petersburg bestimmt. Vielmehr, wenn er von den beiden Regierungen bestimmt sein sollte, so ist er doch noch nicht bekanntgegeben worden. Anfänglich hieß es nach dem, unvermutet schnellen Abbruch der hier im November gepflogenen Verhandlungen, daß die Delegierten Deutschlands schon vor Weihnachten nach der Newa reisen sollten. Die Angabe war, wie sich inzwischen herausgestellt haß unzutreffend. Wann nun aber weiter verhandelt werden soll, steht dahin. Nur das ist sicher, weil selbstverständlich, daß eben weiter verhandelt werden wird. Wie man weiß, werden in sonst unterrichteten Kreisen die Aussichten dieser Verhandlungen nicht sonderlich hoch bewertet. Gewiß kann es auch anders und besser kommen, aber einsüveilen ist man zum Zweifel berechtigt. Indessen ist immer daran festznhalten, daß die Delegierten selbst das Material doch nur vorzuberetten und keine entscheidenden Beschlüsse zu fassen haben. Naturgemäß werden die Delegierten hüben und drüben bis zum letzten Augenblick die äußerste Hartnäckigkeit im Festhalten an den ihnen mitgegebenenJnstruktionen zeigen, dann aber wird es Sache der Regierung selber sein, ent- weder bei den Vorschlägen und Forderungen ihrer Vertreter zu beharren oder aber — sich gewissermaßen über deren Kopf hinweg — zu verständigen. Die Möglichkeit also, daß dies letztere geschieht, die Möglichkeit, daß die Entscheidung vom Standpunkt allgemein politischer Inter- essen und diplomatischer Rücksichten erfolgt, ist jedenfalls mit ins Auge zu fassen, wenn man sich klarzumachen suchte was aus den Verhandlungen mit Rußland wohl heraus- kommen könnte. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, kann naturgemäß auch nicht gesprochen sein.
Ostasicn.
L. Berlin, 29. Dezember.
Wir haben 'erneut -Gelegenheit gehabt, zu erschien, daß an hiesigen maßgebenden Stellen auf die Bewahrung des Friedens in Ostasien gerechnet wird. Allerdings kann man sich nicht verhehlen, daß die bisherigen Verhandlungen zwischen Petersburg und Tokio, soweit sie zur Kenntnis anderer Kabinette gelangt sind, die Haupt- differenzen unverändert fortbestchen lassen, aber man hat die beruhigende Zuversicht, daß es ans beiden Seiten mit Befriedigung ausgenommen werden würde, wenn ein Ausweg gezeigt würde. Offenbar wird nicht mit der Absicht, dre Ange doch zum Kriege zu treiben, sondern mit der aufrichtigen Absicht, sich zu verständigen, verhandelt. Schließlich ruht die Entscheidung wohl bei England. Brauchten die Petersburger Staatsmänner nicht zu
Oie Revolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(64. Fortsetzung.)
Die beiden ließen sich nun am Kaffeetisch nieder, und Ugnes fühlte sich so heimisch, daß sie bald alle trüben Gedanken vergaß. Auch Mieten schüttelte alles Leid von sich ab. Eins betrachtete verstohlen das andere und fand Mimec größeres Wohlgefallen daran, und Agnes gab dem Wald noch besonderen Ausdruck, indem sie der jungen 8wu impulsiv die Hand hiustreckte und sagte: „J , nd)t
ttahr, Mieten, es war doch eine ganz gute Idee vmr mir, daß ich hier herausgekommen bin."
1 Fn dem Augenblicke ertönte die Schelle an der Gartenpforte. Mieten sprang auf.
I „Er ist es! Ach, wird er sich wundern, Sie hier zu sehen", sagte sie freudig erschrocken und eilte ans Fenster. ^Dann aber rief sie, aufs unangenehmste überrascht:„Um Gottes willen, der dicke Mespelbach, der Gendarm!
L „Was soll das?" srug Agnes emporfahrettd und die narbe wechselnd.
„Opgemakt!" schrie draußen der Beamte > „Um Gottes willen! Wir haben die Schluppcher^noch nicht versteckt", raunte Miekeil dem Mädchen zu. „sonst alles gut verborgen. Schnell, die gcnlze schachtet m den Ofen!"
. „Schab drum", sagte Agnes, dann, aber nahm sie Hrrell den Pappkusten, zertrat ihn. um seinen Umfang zu verringern und warf ihn mit seinem Inhalt ins Feuer.
* Unterdes öffnete Mieten das Fenster und rief den Beamten an: „Was wollt Ihr hier? Bei mir hat die ^Ezei nix zu suchen. Hier geschieht mx Unrechts.
. , „Das wird sich ja bald finden", tönte die grobe stimme des Gendarmen. „Schnell aufgemacht, lvenn Ä das Törchen nicht eintreten soll. Was braucht Ihr ."Ach überhaupt einzusperren. Höchst verdächtig das. 1 „Das mach' ich, wie ich will. Eine einsam wohnende cvrau kann nicht vorsichtig genug sein!"
„Na, wie's mit der Einsamkeit bestellt ist, das werden
wir ja bald sehen! Also ausgemacht und das ein bißchen Mell."
„Es hilft nix, ich muß den Kerl hereinlassen. Aber haben Sie nur keine Angst, Fräulem", wandte sich Mieken an Agnes. „Wenn's darauf ankommt, sind wir zwei gegen einen, und wir werden, schon mit ihm fertig werden. Vor allen Dingen: Sie sind hier, um mich zu bestelleil, daß ich nach Eigersbusch flicken kommen soll."
„Ja, ja, nur deshalb bin ich hier, selbstverständlich", flüsterte Agnes, und Mieken ging hinaus und öffnete dem Gendarmen die Pforte.
„So, nun schließen Sie gleich wieder zu, damit der Verbrecher nicht etwa 'nausslitschen kann", befahl er.
Mieken sah ihn erstaimt an. „Der Verbrecher?" srug sie. „Ich weiß von keinem Verbrecher. Fch bin hier allein mit einer jungen Dame, die mich zur Arbeit bestellen
",Na, Ihr wißt Euch gut zu verstellen", höhnte er. „Ein Gesichtchen machen wie ein Engel im Himmel und dabei 'neu Staatsverbrecher verstecken. So was sieht Euch verdammtem Weibervolk ähnlich. Wer Geduld, ich werd' ihn schon erwischen."
„Na, dann erwischt ihn meinetwegen, von dem ich keine Ahnung Hab'."
„Ihr wollt also nicht wissen, daß Euer Mann, der m den nächsten Tagen vor die Assisen kommen sollt', entsprungen ist, nachdem er vorher in seiner Riichlosigkeit einen Wärter niedergeschlagen hat?"
Mieken starrte ihn mit weit aufgerisseuen Augen an. „Fort, der Jupp fort? Entwischt?" rang es sich freudig von ihren Lippen.
„Tut niir nicht so", entgegnete er. „Das muß nmn sagen: verstellen könnt Ihr Euch verflucht gut. Wer jetzt keine weiteren Fisimatentcher! , Ich muß das, ganze Haus durchsuchen und wenn er's mir so machen will, wie mit dem Gefängniswärter, dann ist dies" — hier klopfte er aii den Lauf seiner Büchse — „die beste Medizin für ihn. Dann soll ihm schnell kein Zahn inehr weh tun."
«Sucht nur, sucht nur vonr Vochaus bis unter die
Pfannen und steckt Eure Ras' in jedes Mauseloch 'rein. Mir soll's recht sein", sagte sie mit innerem Frohlocken.
Er schmunzelte und strich sich den Bart: „Na, wenn das nicht Verstellung bei Euch ist, dann scheint Ihr ja ordentlich froh zu sein, daß er sich weggemacht hat. Denn daß er nun nicht gemütlich bei seinem hübschen Weibchen hauseii kann und daß er doch wahrscheinlich die Grenze bald zwischen sich und das Gericht bringen wird, das seht Ihr doch ein. Also, vorab wollen wir doch mal sehen^ ob er sich hier bei Euch nicht das Zehrgeld hat holen wollen und sich ein paar Tage gönnen will, Euch gründlich adjüs zil sagen. Verflucht noch mal, ich würd's ihm nicht verdenken."
„Derartige Redensarten könnt Fhr Euch sparen. Sw gehören nicht zu Eurem Geschäft. Ich rat' Euch gut,,hier nur zu ttin, was Eures Amtes ist", sagte sie abweisend und blickte trotzig in seine begehrlichen Augen.
„Das also ist das Schloß des Malefikanten", brummte er, durch die Haustür in den Flur tretend. „Und das hier ist Wohl das eheliche Wohngemach?" Er öffnete die Tür und erblickte .Agnes, die mitten im Stübchen stand und seine marttalische Erscheinung mit einigem Angstgefühl betrachtete.
„Äb, nicht allein", sagte er unangenehni überrascht, „Wer ist die Person hier?"
„Die Person ist jemand, der Ihr mit Respekt eiitgegm- zntreten habt, Herr Gendarm!" fuhr ihn Mieten an. „Nehmt Euch in acht, hier aiich nur einen Ton anders zu sagen, als es Eure Vorschrift ist."
„9lur nicht so hitzig, junge Frau", entgegnete er. „Wer sich gar so sehr dem Gesetz gcgenWer ausspielt, der wird nachher oft uoch recht klein. Wer meinetwegen, ich kaiin auch den Galanten spielen. Also darf ich mich gehorsamst erkundigen, mit wem ich hier die Ehre habe?"
„Fch heiße Agnes von der Pforten und biii die Tochter des Gärtnereibesitzers Emanuel von der Pforten zu Eigersbusch."
„Ah, des sogenannten Herrn Heckengrafen. Der Herr ist mir per Renommee nicht unbekannt", sagte der Gendarm wesentlich höflicher. „Und darf man fragen.
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