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**• Jahrgang.

Erscheint i« zwei Ausgabe«. — Bezugs-Preis: durch den Verlag »« Psg. monatlich, durch di« Post S Mk. s© Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

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p. 603.

Berlags'Fernsprecher No. 2955.

Dienstag» den 28 . Dezrmder.

RedaktionS-FeruIprecher N». 52.

1903.

Morgen^AusBabe.

tt.

je Hcform Her höheren MlhensAle.

Die Betrachtungen über diesen Gegenstand in Nr. 581 i'er Zeitung handelten von der etwaigen äußeren Um- siültung der höheren Mädchmschute, bie allerdings ,D im Bereiche der Wahrscheinlichkeit liegt. Eine «nde Notwendigkeit aber ist die innere Reform, die an dieser Anstalt in der nächsten Zeit vollziehen mutz. Hier den Finger in die Wunde zu legen, ist darum eine Menge Sache, weil das alljährlich zur Verteilung ge­langende Schulprogramm dem Laien nur einen unge­nügenden Einblick in den Unterrichtsbetrieb gewähr:, illifen wir aus der letzten dieser Schriften einiges zur seren Beleuchtung heraus.

Stolz beginnt der Verteilungsplan mit den Klassen Seminars. 84 Unterrichtsstunden werden darin ge- i, darunter 8 von dem Direktor, 62 von Oberlehrern Oberlehrerinnen und nur 14 von Lehrerinnen oder ihrem. Außer einer halbbeschäftigten Lehrkraft aus r Reihe der ordentlichen Lehrer und Lehrerinnen bean- rucht das Seminar also die ganze unterrichtliche Tätig­keit des Direktors, sowie dreier Oberlehrer; wirklich eine ziemlich teure Einrichtung für 51 Schülerinnen, von denen genau %, also 17, von auswärts waren. SDfefe aus­wärtigen Schülerinnen verbilligen freilich mit ihrem Schulgeld die Anstalt um einen Betrag von rund 2000 Mark, d. h. wenn sie dasselbe voll bezahlen. Dock) ist es ein eigenartiges Beginnen, wenn bei der Schulgeld- krlaßkominission von auswärts Gesuche eürgehen mit dem Hinweis auf das gute Geschäft, das die Stadt an den Auswärtigen macht ■— der Füll soll schon vorge- foirnnm sein —. Das Seminar kostet die Stadt nach den obigen Ausführungen allein anLehrkräften mindestens 24 000 Mark, ein ganz nettes Sümmchen, besonders wenn man bedmkt, daß für das Geld dem Staate eine Pflicht abgmommen wird. Es ist ja richtig, daß unter den Schülerinnen ein großer Prozentsatz junger Damen ist, deiche nie darauf rechnen, als Lehrerin angestellt zu Verden, und da deren Väter zu unseren kräftigsten Steuerzahlern gehören, so kann man nicht schlechthin den Vorschlag machen, bei dem in aller Kürze eintretenden Raummangel das Seminar einfach eingehen zu lassen. (Immerhin aber ist die Sache der Erwägung in den ein- Wügigen städtischen Körperschaften wert. Auf alle Fälle wäre es zweckmäßig, den Staat daran zu erinnern, des er unserem Bezirk mindestens noch ein Lchrerinnen- Eeminar schuldig ist.

- Mit dem Verteilungsplan ist der Stundenplan nahe tkvvandt, der jedoch selbstverständlich in dem Programm nicht enthalten sein kann. Leider hat die Anstalt, dem 3% der Zeit folgend, nur Vormittagsunterricht ein­gerichtet, d. h. so' weit die Stunden unterzubringen toowm. Die Einrichtung ist gewiß zu empfehlen, sofern

die Unterrichtszeit vier Stunden am Vormittag nicht überschreitet. Als die Einrichtung an den höheren Lchr- anstalten vor einigen Jahren gefordert wurde, da wurden zur Erreichung des Zweckes alle Hebel in Bewegung ge­setzt. Daß sich die Sache nicht bewährt hat, wissen heute die meisten Eltern, die es täglich sehen müssen, ^datz re vielleicht nicht ganz kräftigen Kinder nach fünfstündigem Unterricht geistig und körperlich so abgespannt sind, daß ihnen das Essen nicht zur Lust, sondern zur Last wird. Sollte man da nicht lieber endlich zum Rückzug blasen?

Der Verteilungsplan und der sich anschließende Lehr­plan zeigen ferner, wie die einzelnen Lehrkräfte in der Anstalt beschäftigt werden. Seine helle Freude muß man an der neunsprössigen Leiter der Titulatur der Lehrkräfte haben. Da nach einer neuen ministeriellen Verfügung der Zeichenunterricht von den bisherigen Lehrkräften nicht mehr gegeben werden darf, sondern ein geprüfter Zeichen­lehrer — also eine neue Kategorie von Lehrern — ange­stellt werden muß, so schlage ich vor, die Religionslchrer auf dem Programm in evangelische und katholische und die technischen Lehrerinnen in Handarbeits- und Turn- lehrerinnen zu trennen, dann besteht der Lehrkörper der Anstalt aus einem Dutzend verschiedener Kräfte. Ob man sich bei solcher Spezialisierung gegenseitig wohl so recht herzlich zugetan ist, wie es im Interesse einer gemesii- samen Erziehung liegt? Das ist unmöglich, wenn man sich beispielsweise überzeugt, daß einzelne Mittelschul- lehrer, die sich durch eine Prüfung das Recht zur Ver­wendung in allen Klassen erworben haben, fast ausschließ­lich in den Unter- und Mittelklassen untergebracht wer­den, während diejenigen Lehrkräfte mit dem Titel „Lehrer" auch in den Oberklassen beschäftigt werden und das sogar in den Hauptfächern, wie Rechnen und Deutsch. Es unterliegt ganz gewiß keinem Zweifel, daß diese Lehrkräfte ihrer Aufgabe voll und ganz gewachsen sind — wird doch etwa derselbe Lehrstoff unter ungleich schwie­rigeren Verhältnissen von jedem Volksschullehrer seinen Schülern übermittelt — aber wenn es richtig ist, daß auch in der Schule nach Gesetzen und nicht nach Launen regiert werden muß, dann sollten die erworbenen Berechttgungen und die gegebenen Bestimmungen für die Unterrichts­verteilung maßgebend sein.

Ter Stoffplan, nach welchem sich die Arbeit in der Schule vollzieht, ist selbstverständlich an die ministeriellen Grundlage;: gebunden; die Ausdehnung desselben aber wird für'stoe Schule, ja sogar für jede Klasse, eine andere sein. Individuelle Gestaltung des Unterrichts ist eine Kunst, die kein Lehrer aus dem Auge lassen sollte. Trüben aber kann es seinen Blick, wenn er diese Seite seiner Tätigkeit unter den Gesichtswinkel folgender Sätze des letzten Programms stellt: „Eine weitere Bitte geht da­hin, den häuslichen Arbeiten eine fortdauernde Beachtung zu schenken" und „Familien — die nicht in der Lage sind, für eine sorgfältige häusliche Überwachung zu sorgen — sollten lieber eine Schule wählen, die rascher zu einer ab geschlossenen Schulbildung führt." Solche Auslassungen können die häuslichen Arbeiten leicht allzusehr in den

Vordergrund rücken, während es doch der Stolz einer

jeden Lehranstalt— auch der höheren — sein sollte, die Hausaufgaben auf das geringste Maß zu beschränken und also selbst dem Schüler den größten Dienst zu leisten. Das sollte sich schon aus der Tatsache ergeben, daß die Vormittagsstunden zum Lernen die geeignetsten sind und daß die Eltern das hohe Schulgeld doch nicht bezahlen, um den Schwerpunkt des Lernens ins Haus zu verlegen. Das Fachlehrersystem hat die Hausaufgaben der Schüler in manchen Schulen unverantwortlich gesteigert und — was ebenso schlimm ist — eine schlechte Verteilung der­selben zur Folge gehabt. Übrigens werden noch immer eine Menge Unterrichtsstoffe mitgeführt, die sehr gut entbehrt werden können. Der Schreiber dieser Zellen hat selbst in seiner Jugend beispielsweise mit Mühe den Bibelspruch gelernt: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Friede, Freude, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit." Dieselbe Stelle schnurren seine Kinder heute noch als Memorierstoff herunter, um später dieselbe Erfahrung zu machen, daß solche Stoffe weder Trost noch Kraft in den inneren und äußeren Kämpfen des Lebens zu geben vermögen. Das schöne Adventslied PauIGerhards: „Wie soll ich dich empfangen" wird noch heute mit seinen zehn Strophen ganz aus­wendig gelernt, um ganz vergessen zu werden, während es doch eine dankbarere Aufgabe wäre, die Kernstellen daraus unverlierbar einzuprägen. Dasselbe gilt natür- lich von weltlichen Dichtungen. Wozu wird, um nur eins zu erwähnen, die „Bürgschaft" von Schiller ganz memo- riert, während man dock) mit dem drllten Teil der zahl­reichen Strophen denselben Erfolg in unterrichtlicher und erziehlicher Hinsicht erreichen kann, wenn die nebensäch­lichen Teile nur inhaltlich angegeben werden. Als vor wenigen Jahren auch dem weiblichen Element — d. h. durch eine Oberlehrerin — Einfluß auf die Leitung der höheren Mädchenschulen durch die Behörde vermittelt wurde, da erhoffte wohl manche geplagte Mutter auch eine Besserung im Punkte Hausaufgaben; ich glaube, es kann eine Erfüllung dieser Hoffnung nicht festgestellt werden. .

Klagen wie die vorstehenden hatten bisher wenig Aussicht auf Berücksichtigung, was aus folgender Stelle des Programms hervorgehen dürfte: „Die höhere

Mädchenschule muß wenigstens eine mittlere Begabung

ihrer Schülerinnen voraussetzen" — und „bei Kindern

unter dem Mittelmaß der Begabung sollte man darauf verzichten, sie in eine höhere Schule zu schicken." Das ist ein ziemlich,!) eutlicher Wink für die Eltern und man kann nur wünschen, daß in dem Leiter einer höheren Lehran­stalt noch nie der Vater mit dem Direktor in Konflikt ge­raten sei, noch in Zukunft hineingeraten möge. Wenn man in der glücklichen Lage ist, sein Material so zu sichten, daß nur -eine Elitetruppe die Anstalt besucht, dann ist der Prozentsatz der Sitzengebliebenen — 2 % —■ wohl zu begreifen und der Unterricht für solche Kinder muß als ein Vergnügen angesehen werden. Doch wir glauben selbst, daß diese Zustände noch nicht ganz ein-

Femlietmr.

Marques Dalcroze und feine Kinderlieber.

» m* war beim Krefelder Fest des „Allgemeinen deut­en Musikvereins". Bier Tage, an deren jedem wir ^ndestens geschlagene fünfundzwanzig Stunden mit Mstk durchgegerbt, -geätzt, -geschwefelt wurden, waren W vorüber; auch schon zwei Nummern der Schlußauf-

Ehrung hatte man unter immer häufigeren Seufzern »tt Erleichterung beifällig ausgenommen. Nunmehr sollte x? 5 biu neues Violinkonzert von Dalcroze beschert wer- M auf das Erscheinen des Tonsetzcrs, der sein Werk dirigieren wollte, harrten alle gespannt — nicht zum innigsten die bildsauberen Krefelderinnen, denen da- noch kein Hnsaren-Regiment verliehen war, und ’ e somit dem Zivil immerhin noch ein bedingtes Juter- 3. e entgegenbrachten. Doch der Ersehnte ließ sich nicht Mcken. In aller Eile verständigte man sich darüber, die ^.tragsordnung zu ändern, zwei der fernerhin noch stehenden Kompositionen spielen zu lassen. Alles ver- _• Bens; noch immer schauten wir ängstlich nachTalcroze Was war dem armen Manne zugestoßen? Endlich er, schob sich indessen, die linke Hand m der ^sentasche, recht gemächlich durch die Reihen der Musiker i?“ 1 Dirigentenpulte hin — er hatte eben nur "neu feigeren, kräftigenden Nachmittagsschlaf getan. Aber

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m er da mit rötlich strahlendem Antlitz, schief sitzender .^tvatte und vorgedrücktem Spitzbüuchlein vor uns stand,

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R ne to Lächeln, seinem Blick, seinem ganzen Gehaben gab oi' Otto Erich Hartleben sagen wurde, „ein wahrhaft p „> Mensch" zu erkennen. ... , .

K^.Gute Menschen erweisen sich als rechte Kmderfreundc. sie sg unverheiratet sind wie nur möglich.

ne anal 10 unverpeirarei “:v;

gibt es jedoch zwei Arten von Kindcrfrcnnden: solche, iünge Erdenbürger ab sch lecken (was sehr unhygicnisch

ßiit dummen Schmeicheleien langweilen und mit

Zuckerwerk überschütten — was sehr bequem ist. Hin­gegen finden sich auch solche, die für Kinder denken, was das Gehirn schon mehr anstrengt (wenn man eins hat) Zn den letzteren gehören Männer wie Alfred Lichtwarl und feine Kreise, die auch das Leben des Kindes durck die Kunst sonniger und fröhlicher gestalten, zugleich aber ohne Pedanterie sein Auge von frühauf zum Leben er­ziehen wollen. Zn ihnen ist ferner Jacques-Dalcrvze zu rechnen. Die Schweizer mit romanischem Blutein­schlag — man denke vor allem an Rousseau und Pesta­lozzi — scheinen für theoretisch und praktisch bedeutsame Lösungen wichtiger Erziehungsfragen in außcrordent- lichenr Grade befähigt zu sein. Auch Dalcroze hat sich eine „pädagogische Provinz" geschaffen und mit Geschick und Glück ausgebaut. Er reformiert die Spiele der Kinder, will sagen, die Gesellschaftsspiele.

Bor etwa fünf bis sechs Jahrzehnten, ehe ich den Drill, Zopf nnd die geistigen Freivicrtelstunden der Gymnasialerziehung kennen lernte, wurde ich in einen sogenannten Kindergarten geschickt. Ungern ging ich hin. Ich war eine Art Wunderkind (weshalb auch später ans mir nichts geworden ist), hatte als solches bereits in sehr grünen Semestern allerhand hochverräterische Anwand­lungen von Unabhängigkeit und konnte nicht verstehen, warum ich zu Hause, am Flügel, in der Beschäftigung mit dem Puppentheater oder Baukasten tun durfte, was mich freute, wogegen ich in jenem „hortus deliciarum" stets mit vierzig anderen zugleich auf Geheiß einer liebenswürdigen älteren Dame dasselbe Lied singen, die gleichen Arm- und Beinstrecknngen vornehmen, die gleiche heitere oder traurige Miene anfstecken mußte — ohne nur im geringsten zu wissen, weswegen. Hochgeschätzte Freunde rm Alter von 5 bis 7 Jahren versichern mich, daß es ihnen heutigestags ähnlich ergehe. Sie sehen nicht ein, warum die Schule sie in ihren Bann zwingt, noch ehe sie zur Schule zu gehen verpflichtet sind, und sie be­greifen vollends nicht, daß ihnen angemutet wird, der­gleichen noch gar als Vergnügen zu betrachten! Damit

oll beileibe nichts gegen Julius Fröbel und die Fröbelia- ner gesagt sein. Nur scheinen mir solche Kinder aus der ersten goldenen Freiheitszett denn doch einen besseren Segen ins Leben mitzunehmen, denen man nicht mit sauersüßem Grinsen ins Ohr schreit: „Jetzt, liebe Kleinen, wollen wir einmal recht lustig sein" — nämlich nach der Schablone —, und welche spielen, wann sie mögen und was sie mögen. Zum Beispiel Buben, die auf freiem Felde oder in einer stilleren Vorstadtstratze ohne strategische Anleitung Erwachsener ihre Schlachten zurüsten und schlagen, oder kleine Mädchen, die sich aus eigener Phantasie mit Topsscherben, Sand, ein paar irgendwo abgerupften Blumen und drei aufgesparten Gntserln ihre Puppenküche Herrichten. Warum denn schon den Kleinsten das Beste, was sie mit auf die Welt gebracht haben, das bißchen Individualismus, mit Ge­walt austreiben? Ja, heißt es: man muß die Kinder beschäftigen; sonst machen sie Dummheiten. Schlimm ge­nug, antwort' ich, wenn sie keine Dummheiten ausführen; das gibt dann bedauernswerte Kopfhänger oder gar Mucker. Und wenn sie zu Hause nicht beaufsichtigt wer­den können, so lade man sie anderwärts auf eine Gartcn- wiese oder während des Winters in einen warmen Saal, lasse auch eine geflügelte Gouvernante mit dem Lilien­szepter als Ordnulngsbehörde herumspazieren, gestatte aber dem einen Pflegling, nach seiner Art in einer Ecke still vor sich hin zu sinnieren, und dem anderen, sich nach Lust zu raufen und herumzubalgen. Für die nötige Uni. formierung sorgen dann später schon der Schuldespotis- mns, der pappdcckelne Gesellschaftszwang mit hergebrach­tem Gesichterschneiden und Formclgeplapper, der harte, zur Einordnung in Schema 14, Intern F und zu früh­zeitiger Entsagung zwingende Kampf ums Brot, die politische Parteischachtelei und weiß der Himmel sonst noch was.

Sofern es aber überhaupt wünschenswert, sofern es niöglich ist, Kinderspiele in eine Art System zu bringen, muß dabei der Weg beschritten werden, den Dalcroze ein.