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601« Verlag-Fernsprecher No. S95S.
Freitag» den 25. Dezemdrr.
RedaktionS-Fernsprecher N». St.
1903.
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i Worgen-Ausgabe.
-V Wegen des MeihnachtsfeÄes erscheint dir nächste Ausgabe am Montagnachmittag.
Deutschland als Mille und Uorflellung.
Der Wille, das geradeaus gehende Begehren, verlangt, sich durchzusetzen, will die Welt erobern, tritt als mächtigste Potenz, die zerstört und aufbant, in die Erscheinung; aber die Vorstellung, die reine Anschauung, begnügt sich mit dem Erkennen und klärt sich zu philosophischer Ruhe ab oder wird zur künstlerischen Objektivität. Man weiß, daß Schopenhauer aus diese Gegensätze von Wollen und Vorstellung sein Systeni gegründet hat. Sicht man sich m unserem Deutschland um, so möchte man wohl finden, daß wir, auf das Politische hin angesehen, in einem Mikrokosmos der von dein Frankfurter Weisen in die bekannte -.Formel gefaßten Welt lchen. Deutschland als Wille und Vorstellung, es ist so rührend wunderlich, dabei auch lragisch, und schließlich läßt sich alles begreifen. Eigentlich hapert es ja mit dem Bilde etwas. Tenn gerade, daß der Wille eben nicht da ist, daß dafür aber um so beträchtlicher die nichts wollende, nichts heiß umklammernde „Vor- j jtettung" sich breit macht, gerade dies gibt dem Bilde sein Besonderes. Den starken Willen haben Regierungen und Parteien nur gewisserniaßen in der Theorie, und praktisch tun sie nicht viel mehr, als daß sie immer wieder erklären: Wir haben einen festen Willen, und wir werden ihn durchsetzen. Dies erklären sie, wie gesagt, aber es gefischt nichts dergleichen. Die Regierung will in Wahrheit nicht viel anderes, als sich möglichst geschickt durchwinden. Sie hat kein Programm, für das sie leben und sterbm will, sondern sie blickt immer nur auf dieSchwierig- feiien an sich und ist glückselig, wenn sie wieder einmal irgendwie aus ihnen herausgekommen ist. Sie geht nicht durch denWald mit derAbsicht, jenseits irgend ein bestimm- ws Ziel zu erreichen, sondern sie hat sich zwischen den Baumen verirrt und ist froh, irgendwo wieder ins Freie M kommen, sei es auch zum Ausgangspunkte zurück. Die Parteien aber, wie steht es mit ihnen? Man kann dem Aotter Harden nicht Unrecht geben, wenn er von den Mnservativen bemerlkt, sie wären entsetzt, falls etwa Wangenheim znmReichskanzler ernannt würde, oder wenn ""die Zentrumsleute vor einem, klerikalen Kanzler M läßt. Gewiß, die Konservativen wären am Ende r Herrlichkeit, wenn ihnen der scheinbar höchste, schein- logischste Wunsch, die Macht vollkommen in die Hand bekommen, erfüllt würde, und mit dem Zentrum M es ganz ebenso, erst recht ebenso. Man kann aber Wr gehen und schließlich von jeder unserer großen
Parteien aussagen, daß der Wille zur Macht im Grunde genommen nur ein aufgeklebtes Ornament an einer Be- tätigung ist, die sich im Kreise ewig hernmtreibt und im Kleinkriege des Tages ihre Kräfte verschwendet. Mit Bedauern hat man festzustellen, daß solcher Vorwurf den Liberalismus gleichfalls trifft, vielleicht ihn am meisten trifft, und nicht ohne einen Zusatz von ironischer Vergnügtheit ist ferner zu konstatieren, daß es mit der Sozialdemokratie nicht anders steht. Droht ihr irgendwo das Schicksal, in die Mehrheit zu gelangen, so zuckt sie schleunig zurück. In einem der thüringischen Staaten konnte sie im Vorjahre die Mehrheit im Landtage erhalten, aber damit dies Unglück vermieden werde, nahm ein in zwei Wahlkreisen gewählter sozialdemokratischer Kandidat in dem sicheren Wahlkreise an, um in den: unsicheren durchfallen und dem gemäßigt liberalen Gegner das Feld überlassen zu können. Einen Vizepräsidentenposten im Reichstage konnte die Sozialdemokratie haben. Unmittelbar nach denWahlen erklärten dasZentrum und viele national- liberale Blätter es für selbstverständlich, daß die zweitstärkste Fraktion mich im Präsidium vertreten sein sollte. Aber die Sozialdemokratie tat alles, um sich die Möglichkeit^ eurer Machterweiterung nach dieser Seite hin zu verschließen, und so wurde der unmögliche Herr Singer präsentiert, natürlich damit er abgelehnt werde.
Aber die „Vorstellung", die blüht in deutschen Landen, jene Vorstellung, wie sie Schopenhauer meint, jene reine Erkenntnis, die sich damit begnügt, erkannt zu haben, jem Bescheidenheit, die schon beglückt :st, wenn sie den Zusammenhang der Dinge ersaßt zu haben glaubt, die alsdann nichts weiter begehrt, die sich verletzt fühlt durch den Kamps der Leidenschaften, die sich aus dem „Karma" der Realität gern in das Nirwana des seligen Schauen» rettet. Da hat es die Regierung freilich leichter, als sie es zu haben brauchte. Man tut ihr wirklich nichts Ernstliches, sie braucht sich über keine Partei zu beklagen, vor keiner zu zittern, sie überschätzt aufrichtig die Schwierigkeiten, mit denen sie fortwährend im Kampfe liegt. Im Vertrauen gesagt, sie könnte sich ihre Siege rmmchmal noch leichter machen.
Deutsches Deich.
* Tie Fraktionsliste des Reichstags, abgeschlossen am 18. Dezember, ist jetzt vom Bureau ausgegeben worden. Aus dieser geht hervor, daß 3 Mandate durch Tod er- ledig: sind: ein sozialdemokratisches (Chemnitz), ein polnisches und das Mandat des Frhrn. v. SchÄe für Osnabrück. Unter den übrigen 394 Mitgliedern zählen 51 zur deutsch-konservativen Partei, 20 zur Reichspartei (Freikonservative), 6 zur deutschen Resormpartei, 13 zur wirtschaftlichen Bereinigung, dem neuen Sammelnamen für bisherige konservative Wilde und Antisemiten, 100
zum Zentrum, 15 zur polnischen Fraktton, 50 zu den Nationalliberalen, 10 zur Freisinnigen Vereinigung, 21 zur Freisinnigen Volkspartei, 6 zur Deutschen Volks- Partei, 80 zur sozialdemokratischen Partei, während 23 Mitglieder keiner Fraktion angehören, darunter 10 Elsaß-Lothringer, 5 DerUschhannoveraner. Außerdem gehören keiner Fraktion an Graf Ballestrem, Fürst Bis- marck, v. Dallwitz, Deppe-Schaumburg, Jessen-Flensburg (Däne), Pfarrer a. D. Krösell, der sich bezeichnet als „deutschsozial, reindeutsche Mittelstandspartei", Nauck- Mecklenburg-Strelitz und der Elsässer Baron de Schmidt Bei der FreisinnigenBereinigung sind dieAbgg. v. Verlach und Dr. Pütthoff als Hospitanten neben den acht Mitgliedern aufgeführt. Bei der deutschen Dolkspartei ist neben fünf Mitgliedern Mumenthal-Kolmar als Hospi» tant aufgeführt.
* Gegen die Einführung von Achselstücken auf
den Offizierpaletots wendet sich eine Zuschrift von militärischer Seite in der „Königsb. Hart. Ztg.": Wenn auch die neue Uniformänderung keine kostspielige ist, sie wird — wahrscheinlich zu niedrig — auf nur 4 Mark veranschlagt, so ist doch begründeter Anlaß vorhanden, den kostspieligen fortwährenden Uniformänderungen, ohne die es früher auch ging, und zwar schr gut ging, grund» sätzlich entgegenzutreten. Der Zweck der heutigen Neuerung besteht darin, die verschiedenen Offiziers- ck-argen auch im Paletot an einem äußeren Abzeichen zu erkennen, was bisher nur bei den Generalen vermöge ihres roten Paletotfutters der Fall war. Mein dieser Zweck wird dennoch nicht erreicht, sobald sich die Offiziere im Mantel, im Umhang, dem Spencer oder im schwarzen Kautschuk-Regenpaletot befinden, da diese Bekleidungs» stücke des Sitzes usw. halber keine Achselstücke erhalten können. Überdies wird damit das Prinzip möglrchstec Gleicharftgkeit der Offiziersuniform noch mehr durch» krochen; auch bedingen sie, wie bemerkt, eine abermLlig« Verteuerung der Uniform, zumal sie, dem Regen ausge- setzt, ziemlich oft der Neuerung bedürfen würden. Die Neuerung scheint daher, da sich ihr Bedürfnis bis jetzt weder im Kriege noch im Friedensdienst geltend machte/ nur den Parolen und Rekrutenvereidigungsfeierlichkeiten usw. in Berlin und Potsdam im Winter ihre Entstehung zu verdanken und sie kann nur als wenig nützlich, kost, spielig, ziemlich überflüssig und unwillkommen bezeichnet lverden.
* Beobachtnugsleitern sollen, wie der „Deutschen Warte" aus militärischen Kreisen gemeldet wird, denv- nächst bei der Feldartillerie eingesührt werden. Sie sollen von einem deutschen Artillerie-Offizier konstruiert sein und bei Krupp in Essen hergestellt werden, nachdem noch einige Berbesserumgm in dem Mechanismus ange» bracht worden sind. Dieses neue Mittel zur Beobachtung der eigenen Schnßwirkung -und der Bewegungen und Maßnahmen des Gegners kann sowohl auf den Protzen
Feuilleton.
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Wodans Nächte.
Kulturgeschichtliche Plauderei von Dr. L. Nessel.
L ®enn die Sonne ihren Tiefstand erreicht hat, die Wter -er Nächte sich ins Ungemessene, die der Tage ins W<Avindeude dehnt, wenn der Kalender Winters An- M bezeichnet, dann tritt der alte Heidengott Wodan in M Rechte: die wilde Jagd beginnt. In den „Zwölften", U, iMt, die mit dem Weihnachtsheiligabend beginnt und M dem Treikönigsabend endet, braust er mit seinen ."Ngen, seine:: Rüden und Rossen, Hallo und Hussa
Wtmd, nächtens durch die Lüfte. <
, « Nähe und lärmende Laute und ächzendes Stöhnen ^oten sein Kommen.
Düster-Traurige, das gerade um die Jahres- E. h erum allen Dingen geheimnisvoll anhaftet, mag [J ettn heidnischen Vorfahren wohl in erster Linie An- fcaLf* Einern festlichen Begehen der „Zwölften" gegeben In gewissen: Sinne ist dann auch die Zeit der
Stimmen künden
<oi^k^gd. uichts weiter als ein Abschluß der großen altfJs •?' bie im November beginnen. Lag doch dem ^/»Nischen Fest ursprünglich der Gedanke zugrunde,
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&ie ßru ‘ 3em Julifest, dem Fest der Wintersonnenwende, 8rin .' unter Führung Wodans und seiner Gemahlin
Ä^sint den seelische:: Geistern /eichiedenen — ihren Urmua
also den Seelen der «s^euenen — ihren Umzug hielten. Ferner dürfte ch.Weis für die Identität der „Zwölfte::" mit einem dgW^wschen Totenfest der Umstand angesehen wyrden, $L, 0lL> Mägde in den Spinnstuben der Perchta oder 5 o C ;.r. <nne Gabe, in Gestalt eines geflochtenen Teig- oszh-^rzubringm hatten. Diese Opfergabe — die später Üfoip • ^ Utt 3 von Hirschgeweihen angesehen wurde — blieb*®? 1 Symbol dafür gewesen sein, daß die Hinter- ben Toten ihren Haarschmuck opferten. Der- Mß°^Etgzgpst nannte man Parchten, Pärchen, Barchen, «swohl die heutige Bezeichnung Barches entstanden: noch heute iibliche Besfteuung dieses Gebäckes
mit Mohn — dem Symbol des Todes — weist auf die Totenfestopfevgabe hin.
Dieser Kult der Spinnstubenmägde hat sich dann auch noch in nmnchen Gegenden Deutschlands, so z. B. in der Uckermark und in Mecklenburg, bis auf den heuftgcn Tag erhalten. Dort droht man dm Mägden, die nicht abgc- sponnen haben, damit, daß der Wode und der Frick kommm würden, und ihnen den Wocken zerzausm und besudeln werde; im Harz übernimmt Frau Harke, in Thüringen Frau Holle, in Süddmtschland Frau Berchta diese Mission.
Die Zahl der Eigenschaften, die der Dolksmuud den „Zwölften" beilegt, ist keine kleine. Heiligkeit und Geheimnisreichtum zeichnm sie aus. Der Witterungsverlauf für das kommende Jahr wird in den „Zwölften" zu- sammmgebraut: in jeder Nacht wird das Wetter für einen ganzen Monat festgelegt. Träume zur Zeit der „Zwölften" sind äußerst bedeirtungsvoll und gehm meistens in Erfüllung. Wer einen Blick in die Zukunft tun will, tut es in der Zeit der „Zwölftm". Bleigießm, Eiweißgerinnm muß, soll es irgmd eine Bedmtung für das kommmde Jahr habm, in die Zeit der „Zwölften" verlegt werden. Will ein Mädchen ihren Zukünftigen erschaum, so hat sie an einer der zwölf Nächte Glockmschlag mitternachts in dm Spiegel, in ein mit Wasser gefülltes Faß oder in einm Tümpel zu schauen. Die Macht der zwölf Nächte wird heute noch in gewissen Gegend für so groß ange- sehen, daß nian Zimmer und Haus mit Weihwasser be- sprmgt, sie mit Weihrauch ausräuchert, uu: sich vor dem Zauber der bösm Geister wirkungsvoll zu schützen. Dieser S:tte des Weihrauch-Verbrennens gemäß heißm dann die „Avölften", namentlich in den Gegmdm, wo ein der- art:ger Brauch stattfindet, auch Rauchnächte.
Das nächtliche Sturniestosm, besonders in Wald- reicher Gegend, das zurzeit der Jahreswende anhebt und cm bis zwei Wochen anzuhaltm Pflegt, mag wohl in der Phantasie unserer heidnischen Vorfalwm dm Gnn:d zu der Vofttellung gegebm habm, daß über dm Wipfeln ihrer Wälder berittene Geister und bellende Hunde ein- herjagten. Wilde Jagd, Wudes Heer, Wuotisheer,
Wutheer, Wütenheer, Wildes Geja-ig usw. hat der Volks» mund diese Stum:erscheinung genannt. Der Auslegung nach führt Wnotan, der alte Göttervater, in dieser Zeit ein großes Gefolge von berittmm und nnberittenm spenstern unter schrecklichem Tosen und Lärmm durch die Lüfte. An Stelle Wuotarls tritt in Westfalm und Niedcr- sachsm Hackelberg, in der Lausitz Dietrich v. Bern, in Niederhessm Kärl der Große, in Schwabm Berchtold, in Schleswig König Wel, in der Mark der alte Sparr, in Dänemark König Waldemar, in England König Artus usw. In Thüringen schreitet der getrme Eckart dem wilde:: Zuge voran und wan:t jeden am Wege Stehenden, denn unter Geschrei, Peitschmgeknall :,u8 Hundegebell geht es über Feld und Wald, alles tötend und m:t sich fortreißend, was nicht ausweicht oder sich zu Boden wirst.
Das Wesen dm wilden Jagd hat uns Gottfried August Bürger aus das treffendste in seinem Gedicht „Der wilde Jäger" geschildert, in dessen Schlußstrophm es unter be» zeichnm der Klangmalerei heißt:
Er rafft fick aus durch Wald und Feld Und flieht, laut heulend Weh und Ach:
Doch durch die qanze weite Welt Rauscht bellend ihm die Hölle nach,
Bei Taq tief durch der Erde Klliftc,
Um Mitternacht hoch durch die Lüste.
Im Nacken bleibt sein Antlitz steh'n,
So rasch die Flucht ihn vorwärts reißt:
Er mutz die Ungeheuer sch'n,
Laut angchetzt vom bösen Geist,
Mutz seh'n das .llnirsche» und das Jappen Der Rachen, welche nach ihm schnappen.
Das ist des wilden Heeres Jagd,
Die bis *um jüngsten Tage währt Und oft dem Wüstling noch bei Nacht Zu Schreck und Graus vorübcrfährt.
Das könnte, müßt er sonst nicht schweige^
Wohl manches Jägers Mund bezeugen.
Auch Goethe hat die wilde Jagd in seinem Gedicht „Der getrme Eckart" poetisch behandelt. Nur sind in diesem Gedicht die Hauptteilnchmer an der Jagd weib» licheOlespenster, die Hulder, die, wie bereits obm erwÄ)nt, der DolkSmiund in dem Umgehm der Frigg, -er Fvan
