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ifsliaiViur iagblatt
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BerlaaS-Fernsprecher No. 2958.
Donnerstag» den 24. Dezember.
RedaktivuS-FernIprecher R». 52.
1983.
IHorgen-Ausgabe.
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Vertag des „Wiesbadener Tagölalt".
Kostale Meihnachtsgedanken.
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luf der Höhe des Mittelalters, im elften Jahr- hmdert, geschah es, daß zuerst die Einrichtung des sogen, itteäfriebens (Treuga Dei) aufkam und zunächst in ‘ eich, dann auch in Deutschland nnd anderen Län- Eingang fand. Meser Gottesfriede wollte den Mgen Fehden, die ohne Unterlaß und an zahllosen Mm zwischen Rittern, Grafen und Fürsten, Äbten und Möfen im Gang ivaren, zu steuern versuchen. Ganz Wägen konnte man sie nicht, das sah jedermann vollkommen ein, denn diese bunte Vielheit des mittelalterlichen Lehnwesens und der daraus entspringende endlose Zwiespalt der Interessen, welche immer wieder neue Wesucht und Kämpfe hervorrief •— das alles schien mit Leben der Menschen unzertrennlich verknüpft zu sein, lind so beschränkte man sich darauf, diese endlosen Kämpfe wenigstens nach Möglichkeit zu mildern, und als taä wirksamste Mittel hierfür erkannte man die allge- Mine Unterbrechung dieser stetigen Folge von Fehden, die Festsetzung gewisser Ruhepausen, in denen alle Waffen uchew alle Feindseligkeiten aufhören mußten, in denen Me Fehde weder angesagt noch ausgesuchten werden Este. Zuerst setzte man gewisse Tage der Woche fiir Diesen Gottesfrieden fest, dann bestimmte Zeiten des iBres, insbesondere die Advents- und Fastenzeit. Es Ar die .Kirche, welche sich zur Hauptbeschützerin dieser Mus wohltätigenFnstitution der Treuga ,Dei machte in allen Ländern die Brecher des Gottesfriedens mit m schwersten Strafe, die ihr zu Gebote stand, mit der Kommunikation, bedrohte.
Leiste gibt es in der europäischen Kulturgemeinschaft «re blutigen Fehden unter den Gliedern eines Staats- Mls mehr — aber das Bedürfnis nach einer Zeit des Dursfriedens ist darum auch jetzt noch vorhanden. Denn Wpfm ist allgemeines Menschmlos, von Fehden ist § unsere Zeit ersMt — nur derm Art nnd Form frei- M sich durchgreifend gewandelt. Nicht mehr Ritter Lehnsleute in schweren Eisenrüstungen stehen sich der, wohl aber Kämpfer aus politischem und Mch sozialem Gebiete. Parteien, soziale Gemein
schaften, Interessengruppen mannigfaltigster Art, die zwar nicht mit Schwert und Lanze fechten, aber mit anderen Waffen, die viel stärker und viel mehr Aken scheu verwunden tonnen als jene primitiven der Vorzeit. Selbst wenn diese Waffen des sozialen Kampfes nicht vergiftet sind, selbst wenn nicht Hatz und Neid und Verleumdung die Kampfesworte und Kampfestaten inspirieren, so üben doch schon namentlich die gefährlichen Waffen der sozialen Massenkämpfe, Streik, Aussperrung, Boykott usw. oft eine so verhängnisvolle Wirkung aus, daß sie mehr Menschen zugrunde richten als die Einzelkämpfe des Mittelalters. Ist also auch die formale Rechtssicherheit und die Sicherheit des bloßen Lebens heute in den Kulturstaaten in einem hohen Grade gewährleistet, so haben wir doch dafür eine Unsicherheit des sozialen Lebms eingetauscht, die nicht weniger schlimm ist als die allgemeine Rechtsunsicherheit in der Zeit der mittelalterlichen Fehden. Wie aus Grund eines stillschweigenden Übereinkommens hat man sich allmählich daran gewöhnt, die Weihnachtszeit als eine Zeit der Treuga Dei für die sozialen Kämpfe anzusehen — es ist wohl die einzige Periode des Jahres, die bereits ziemlich allgemein diese Signatur erhalten hat. Das ist erklärlich genug, denn gerade hier, in dieser Vorstellung der Treuga Del ist ein natürlicher Vereinigungspunkt gegeben, an dem die alten religiös-kirchlichen Traditionen mit den allgemein menschlichen Erwägungen. mit dem sozialen Empfinden unserer Zeit leicht zusammmtresfm können. Wenn die einen für kurze Zeit aller Gedanken an Kampf und Streit sich deshalb entschlagen, weil sie jmes weltgeschichtlichen Momentes sich erinnern, wo nach der religiösen Überlieferung die frohe Botschaft des „Friedens auf Erden" allm Menschen verkündet wurde — so tonnen es die anderm, selbst die von aller überlieferten Religion Losgelösten, indem sie von dem religiösen Inhalt dieser Tradition nur das Soziale und das allgemein Menschliche feschalten: daß es über jeder besonderen sozialm
Gemeinschaft, der der Einzelne als Kämpfer ongchört, noch eine höchste, allgemeinste und allumfassende soziale Gemeinschaft gibt: die. welche alle Menschen umschließt. In dieser Gemeinschaft aber kann es keinen Streit und Hader mehr geben, weil hier alle gleich und alle durch dieselbe Solidarität der Interessen verbunden sind. Cs ist der Unterschied in der Wahl des Standortes, der sich hier geltend inacht: die scharfm Kontraste einer Gebirgslandschaft verschwinden oder lösen sich auf in feine Wellenlinien. wenn man sie nicht mehr vom Tale aus betrachtet, sondern von: höchstgelegenen Gipfel. Solche Höhm- betrachtung ist freilich nicht immer möglich und auch nicht einmal immer wünschenswert;. aber daß sie im regel- inäßigen Tempo auch des sozialen Lebms stets wieder- kehren, ist eine gleiche Notwendigkeit für Kirchliche wie Unkirchliche. Religiöse und Ungläubige — die eben alle Menschen, darum also auch alle soziale Kämpfer sind und der Treuga Del bedürfm. 8. r.
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MeskoinmWn zur Sekiiinpfilug der Trunksucht.
Leitsätze über die Aufgaben der von der König!. Preußischen Regierung geplanten Landeskommission zur Bekämpfung der Trunksucht sind vom „Deutschen Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke" wesentlich in der von Dr. med. Laquer-Wiesbaden entworfenen Fassung der Regierung und dem Landtag übermittelt worden. Dieselben Leitsätze hat auch der Sächsische Landesverband gegen den Mißbrauch geistiger Getränke als Unterlage einer von ihm beantragten derartigen Landeskommission für das Königreich Sachsm den Sächsischen Ständekammern unterbreitet:
I. Die AlkohvI-Landes-Kommission ist notwendig:
a) weil nur eine zentrale Zusammenfassung aller Kräfte und oller Mittel erfolgreich ist: d) weil die Landeö-Kommission mit ganz anderen Mitteln und Kräften und in ganz anderem Maßstabe als die Freiwillig-sozialen arbeiten kann: sie bewahrt vor unnützer Vergeudung und Zersplitterung der Kräfte:
c) weil sie die Aufgabe hat, über den verschiedenen Richtungen stehend, in voraussetzungsloser Weise die objektiven Verhältnisse, die betreffs des Alkohols in toto obwalten, zu prüfen und die Ergebnisse allen Richtungen, Vereinen, Orden usw. ohne Ausnahme zugänglich zu machen.
II. Die Kommission zerfällt in vier Abteilungen:
1. eine biologisch-ärztliche,
2. eine sozialpolitisch-rechtliche
3. eine volkshygienische,
4. eine sittlich-kulturelle.
III. Es besteht bisher keine gesetzliche Verpflichtung, Nerven- bezw. Trinkerheilanstalten ins Leben zu rufen, obwohl Ansätze dazu sich im Jnvaltbitäts- und Altersversiche- rungsgesetze finden. In dieser Beziehung bedarf es daher noch immer einer wetteren gesetzlichen Regelung.
IV. Ein unmittelbares, berechtigtes Interesse an der Bekämpfung des Mißbrauchs berauschender Getränke haben:
1. die Arbeitgeber, die sich tüchtige, gesunde, widerstandsfähige Arbeitskräfte sichern wollen,
2. die Krankenkassen, denen der Alkoholmißbrauch große Lasten auferlegt,
3. die Unfall-Berufsgenoffenschaften. denen er gewaltige Rentenzahlungen auferlegt,
4. die Jnvalidttäts- und AlterK-Dersicherungs-An- stalten, welche den durch Alkohol beschleunigten Eintritt der Invalidität hinausschieben müssen.
V. Die ländlichen, städtischen und staatlichen Einrichtungen für Armen-, Waisen-, Kranken-, Irren-, Befferungs- und Strafrechtspflege werden durch die Bekämpfung des Alkoholismus entlastet. Um eine amtliche Anzahl anzusühren, so wurden in den Irrenanstalten Preußens 1901 80 000 Kranke verpflegt, davon waren 8400 trunksüchtig.
VI. Die Kosten werden durch die unausbleiblichen Folgen, die zur wirtschaftlichen und sittlichen Gesundung unseres Volkes führen müssen, reichlich eingebracht werden. VII. Neben dieser Landes-KommissioN bleiben freiwillige Einrichtungen, Vereine, Verbände, Orden zur Bekämpfung des Mißbrauchs berauschender Getränke un. entbehrlich.
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Feuilleton.
Oie Gnkels.
Eine Weihnachtsgeschichte von B. Hcrwi.
• • • und baß es nun grab' am Heiligabend sein iS • • . . erbarmen Sie sich, Herr Allinger. . 's war all groß genug, müssen wir unsere schöne, jsralt an Weihnachten in bie kalte Erb' legen . . . "bn man boch nie vergessen... das Marjellchen Erinnerung hoch nie aus dem Herzchen . . ." sie auch nicht, liebe Adelheide, soll sie auch ! Wir alle, Sie und Bruder Franz und ich wollen ./T^benken an die holde Dlutter bei Hanna nicht ver- W - - . so jung das Kind ist . . . das Traurige hat Eindruck gemacht."
ja, Herr Allinger, das hat'sj es kam ja auch so - die Frau Doktor hatte nicht ans Sterben ge- dte Tanne mutzt' ich doch noch besorgen . . .
' Tagen und die Tür von der Stub' ließ sie nicht um den Nadelduft zu riechen . . . vorher Marjellchen unter dem Baum und griff in die "Ainte zum Erbarmen . . . grab' zogen die 11™* 1 durch die Straß' . . . da . . . Herr Allinger, sannen sie wieder ... das hatte die Frau so gerne und schon der selige Herr Doktor ... ach Gott, • • und wenn sie noch so beschäftigt war und die Kataschtnchens auf die Teller packte : &/VWI und die Nüss' — sobald sie den Choral von . /ratze hörte, lief sie ans Fenster, faltete die Hände lang mit:
gfe" 5 ® 0 ™ Himmel hoch, da komm' Ich her."
. 1 leise krähender Stimme stimmte sie es jetzt an, treue Dienerin, dann übermannte sie das e». sie barg den Kopf in die große schwarz- ^^hürze.
. ^eine achtjährige Hanna hatte versucht, mit ^««Yürzchen die Scheiben klar zu bekommen, — es
sah aus, als ob die Kindertränen daran sestgefroren waren.
Jetzt hauchte sie mit dem kleinen, heißen Mund darauf, nnd richtig, sie konnte hinaussehen . . . aber alles war weiß, die Dächer und die Balkons, die Laternen und die Straßen, alles voll Schnee. Und die vielen Menschen, die mit der Musik mitzogen und die kleine Kapelle im Takt begleiteten, sahen aus wie wandelnde Schneemänner.
Leise öffnete das Kind das Fenster und nun schmetterten die Trompeten in die Höh':
„Vom Himmel hoch, da komm' ich her . . ."
So lange die Töne noch aus der Ferne zu hören waren, lauschte Hanna und faltete die kleinen Hände.
„Erbarm' dich, trautstes Kind, nun stehst du am offenen Fenster . . . komm nur, die Onkels warten schon .... sie nehmen dich heute mit in ihre große, schöne Stadt, wo dein Muttchen früher auch gewesen ist . . . da wärst du's gut haben, ich kormne bald nach und bringe dir alles mit, das Vögelchen und Muttchens Nähtisch . ."
Onkel Eduard nahm das Kind auf den Arm und trug es die Treppe hinab, und Hanna preßte die glühende Wange an die bärtige des jungen, stüttlichen Mannes und legte ihre Händchen um seinen Hals . . . und sagte leise und innig:
„Mama hat'S mir immerfort gesagt, ich soll euch lieb haben, ich hätte auf der Welt nur noch die und die alte Heideberg."
.... Und diese drei waren ihr treu geblieben, hatten sie gepflegt und geliebt und erzogen, nnd die Jahre waren vorüber gerollt, aus dem lieblichen Kind war ein fleißiges Schulmädchen, war allmählich ein Backfischchen geworden . . . zierlich nnd gescheit, der Abgott der alten Adelheide, das Lebensinteresse der Onkels . . .
Sie wollten nicht mehr viel von Geselligkeit, von Freuden außer dem Hause wissen, — sie nahmen es ernst mit ihrer Pflicht, — ihre Geschäfte, draußen die große Fabrik, deren Inhaber und Leiter sie waren, und hier im Hause das Kind. Das ward ihre Welt. Sie beobachteten die Schularbeiten, die Spiele, sie gingen mit Hanna
spazieren, erklärten ihr die Bäume im Wald, daS Korn auf den Feldern, erfüllten ihr jeden Wunsch, und waren ans die Schulfreundinnen und die Bekannten, die sie auf den Wegen fanden, ganz effersüchttg . . .
Sie beneideten die alte Hetdeberg, die bei dem Kinde ^nachte, wenn Krankheiten kamen, die ersten Arzte wurden geholt, Ladungerr von Spielzeug, Büchern, Puppen . . . der Gedanke, daß ihr Liebling je aus dem Alter, da kleine Mädchen mit Puppen spielen könnten, herauskam, fiel ihnen nicht ein.
Die Freunde lachten sie aus.
Sonderlinge wurden sie genannt.
„Daß die Allingers nicht heiraten!" wunderten sich viele.
„So glänzende Partien, — mit die besten im weitesten Kreise . . . die große Fabrik und die stattlichen, liebenswürdigen Menschen, gebildet und gut . . . ."
„Zu gut, wirklich zu gut... da bringen sie der kleinen Nichte Opfer über Opfer . . . und vernachläffigon sich selbst und werden es so lange treiben, bis sie zu alt zum Heiraten sind."
„Kaum daß sie eine Erzieherin genommen, die Hauptperson ist doch die alte Ostpreußin mit dem unmöglichen Dialekt."
„Ein sogenanntes Erbstück der Mutter. . . denkt Ihr noch an die reizende Melitta .... so jung mußte sie davongehen .... wartet mal . . . vor sieben Jahren starb sie ... da war sie noch nicht dreißig, Eduard kann jetzt achtunddreißig sein und der Franz vierzig.... na, ist das etwa zu alt zum Heiraten . . . die kriegen noch die schönsten Mädchen, wenn sie nur wollen . . .*
Aber sie wollten nicht. Beide nicht.
Sie fühlten idas Junggesellentum nicht als lästiges Joch.
Alljährlich hcsnchtcn sic mit dem Nichtchen die Gräber der Eltern im fernen Ostpreußen. Dann gingen sie an die Sec, lagen am weichen, weißen Strand nnd fuhren mit dem Liebling hinaus ins blaue Meer.
Rach der Konfirmation zeigten sie ihr die Wunder der Alpenwelt, die Kirchen und Museen großer Städte.
