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Donnerst«^ de« 24. Dezember.
61. Jahrgang. 1903.
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* Wm! bu dich selber hassest, wie kannst du Liebe hege»?
* Wie kannst du Segen spenden, ruht in dir selbst kein Segen?
53 Hammer.
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(88. Fortsetzung.)
Cva Front.
Roman von Marie Bernhard.
Und lvar nun darum jene Zeit meines Lebens die beste? Wenn ich von meinem jetzigen Standpunkt darüber urteilen wollte, so hieße das vovgreifen, — aber selbst damals, in dem tollen Wirbel, der mich gefaßt hatte und mit sich riß, sagte ich mir zuweilen: The best of life is dut intoxication!! Nun, dann erlebst du also jetzt das beste deines Lebens, — genieße es nur reckst! Und dann kreuzte blitzschnell der Gedanke meinen Sinn: soll das wirklich das beste sein?
.„Wer, wie gesagt, angestrengter darüber uachtzu- grübeln, mich rvirklich in mein Seelenleben zu versenken, dazu hatte ich keine Zeit! — Am Tage noch der Hochzeit batte ick selbst den Freiherrn von Richthofen um eine Unterredung gebeten und ihm mit niedergeschlagenen Augen und swckendem Atem die große Nachricht von meiner Verlobung mit seinein Neffen Clemens Günther mügetellt, sowie den Grund, warum diese Verlobung fürs erste geheim bleiben sollte. Mir fiel, während ich sprach, seine Äußerung am zweiten Tage meines Auferrt- baltcs in seinem Hause ein: „Da Clemens Günther bei der Hochzeit Ihr Kavalier sein und ja auch sonst wahrscheinlich vielfach zu Ihnen in Beziehung treten wird, so möchte ich Sie nicht absichtlich gegen ihn einnehmen!" — Was hatte diese Warnung geniitzt? Was nützt es der Motte, wenn man sie vor der Flamme warnt? Mir hätte die ganze Welt Warnungen zurufen, böse Geschichten über seine Vergangenheit zuraunen können, — ich hätte M >tolz zugenifen: „An meiner Hand tritt er in ein neues Wen, wird er ein anderer Mensch!" Denn das glaubte ch wirklich im heiligen Ernst!
Ich war innerlich gegen viele Einwendungen, selbst BNwurfe des Oheims gerüstet, allein Herr von Nicht- Hofen war viel zu taktvoll, vor allem aber mich viel zu Deltkimdig, um das Unmögliche zu versuchen, ein acht- zchnchhriges, leichtgläubiges, lieheglüheudes Mädchen- Mz von dem Geliebten abwendig machen m wollen! —- das Faktum mit unbewegter Miene hin, als etonS Unabänderliches, kam mit keinem Wort aus seine Mitteilungen von neulich zurück und billigte es durchaus, mtz wir vorerst die vollständige Genesiina nieiuer Groß- mtter abwarten müßten, ehe wir die Verlobung der- ' »Eichten, die ja. auch ohne diese Einwilligung über- M keine Gültigkeit haben könne. Nur ganz aus der Mtsmmng deutete er mit wenigen Worten darauf hin E Susi ihm meine Großmutter als eine überaus reich v^uterte Dame geschildert habe und wie solcher Reichtrim Mdwsts bei einem Bündnis mit Clemens Günther un- . AMick sei, denn er wäre mft wahrer Leidensckaft bei 5"?"! Soldateiiberuf, der freilich schon durch das kamerad- Mtlrcke Zusammenleben und Mithaltm einen gewissen Aufwand bedinge.
Zum Schluß gab der Freiherr seine Bereitwilligkeit zu unfern bräutlichen Verehr
erkennen, unter so
in seinein Hause, ,em Schutz der Sennora Coldras, zu gestatten, und machte die allgemeine Anmerkung, daß eine wahre und echte Wecke (diese zwei Worte betonte er sehr!) oft eine völlige Umwandlung des Menschen zur Folge hatte und dag es kaum einen mächtigeren Zauber auf Erden gebe, als den einer tiefen und großen Liebe, Ich bezog das natürlich sofort auf Clemens Günther, obgleich der Freiherr keinen Namen nannte, und fand das Gesagte durchaus zutreffend.
Mit dieser Unterredung, vor der mir doch ein wenig bange gewesen war, schüttelte ich den letzten Rest von Überlegung, der noch in meiner Seele Wurzel fassen wollte, geflissentlich von mir ab: das lag alles hinter mir, und nun auch kein Zurückblicken mehr, kein Wenn und Aber, kein Zögern und Bedenken! Hinein ins brausende schäumende Leben I Da vor dir steht der volle Becher, — zaud're nicht, — setz' ihn an die Lippen, — trinke, genieße in raschen, durstigen Zügen!
Ich hatte mich immer gefreut, wenn man mir sagte, ich sei hübsch, ich hatte es wohl auch selbst des öftern ge- filnden; aber aus meinem Gesicht ein förmliches Studium su machen, das war mir früher doch niemals eingefallen! Jetzt fiel es mir ein, und daran war der Kultus schuld, den Clemens Günther mit der Sckiönheit im allgemeinen und mit der meinigcn im besonderen trieb. Er wurde nicht müde, in immer neuen Wendungen die seidene Fülle meines weichen, gelockten Blondhaares zu preisen, mein frisches, zartes Kolorit, die schwarzsamtnen Augen mit den langen, dunklen Wimpern, die Grazie meiner Gestalt, die Leichtigkeit jeder Bewegung — und so ging das ins Unendliche weiter. Ich mußte überdies noch viele andere Huldigrmgen entgegennehmen, denn da niemand wissen sollte, daß ich verlobt war, so wäre es auffallend ge- wesen, die zcchl reichen Aufmerksamkeiten, mit denen nrcm mich überschüttete, zurückzuweisen. Mein Zimmer und das danebenliegende, früher von Susi bewohnt und jetzt gleichfalls zu meiner Verfügung, glich einem Garten, alle Tische und Schränke waren nnt Den reizendsten Buketts bestellt, und eS gewährte mir einigen Trrumph, Clemens Günther, der mir auch fast täglich Mumm schickte, zu- weilm hineinblickm zu lasten und ihn ein wmig eifer- süchtic, zu machen dirrch die Tatsache, daß seine kleine Braut so großm Beifall fand. Untm im Salon des Freiherrn von Richthofm wies die altertümliche Visiim- schal« eine foldte Unzahl von Karten auf, wie nur je zu SufiS Glanzzeiten: — zumeist warm es feudal klingend- Namen nrit siebm- und neunzackigm Kronm darüber oder mit einem langm schönen Titel hinter sich. Einer meiner eifrigstm Verehrer war der Husarmoffizier Fürst Wacht- borg, „die hübsche Puppe", wie Sufi ihn mit vielem Reckst getauft batte: er machte mir Fmsterparaden zu Pferde, zu Wagm und zu Fuß, er traf mich fast auf allm meinm Ausgängm und Ausfahrten „zufällig" und usurpierte dann siets, zu Clemens Günthers Ärger, die andere Seite meines Wagenschlags oder ging rechts nebm mir her, während mein heimlich Verlobter mir zur Linken wandelte Er verlor Vielliebchen und Wettm an mich und schickte mir entzückende Gescbmke ins Hans, die ich
nicht abweism durfte,-seine Sporen klirrten zu
jeder Tageszeit in dm Salon herein, manchmal blieb er an der Tür stehen. den Tschako in der Hand, und fragte
anz kleinlaut: „Darf ich gnädiges Fräulein? Ich omme schon wieder!" Ja, er hatte im Klub mehrfach geäußert, eS fei ein Skandal, daß er durchaus mit sechzehn Achum heiraten müsse, diese bezaubernde Eva Leoni Hab« es ihm geradezu angetan! — Und so sehr Clemens Günther sich über derartige Huldigungen ärgerte — sie schmeichelten chm doch, das merkte rch ihm an, und daher versäumte ich es auch nie, ihm beiläufig jedesmal davon berichten. Er kam übrigens nicht regelmäßig jederk in Onkel Richthosens Hans, sehr häufig trafen wir uns außerhalb, zuwellm auch bei Sufi' wmn Manuel nicht daheim war, am meisten aber in Gesellschaft, denn ich hatte mit Susi Visiten machm müssen und erhielt m:N soviel Einladungen, daß ich sie kaum bewälfigm konnte.
Wenn ich meine Frmndin früher um ihrer Genuß- imd Vergnügungssucht willen streng in meinem Innern verurteilt hatte, so kam ich mir jetzt im Rückblick darauf, wie der Blinde vor, der von der Farbe spricht. Was wußte ich denn früher von dm Anforderungen der großen Welt, was von dmi Lebm darin? Fetzt lernte ich es kennen! Vormittags Ausfahrtm, Rendezvous mit Susi in dm Museen, abends tbck äansants, große Routs, kleine „gemütliche" Wende, zwischendurch Visitm, — eine Log« im Schauspielhaus, eine Loge in der Oper, — reizend, kleine Soupers bei Drossel mit zehn, zwölf intimm Be- kannten, — Verabredungen für morgen, übermorgen,
für künftige Woche, Man kam nicht zur Ruh«,--
totmüde legte ich mich, seltm vor ein oder zwei Uhr, zu Bett, schlief einen bleiernen» traumlosen Schlaf bis in dm l?ellm Lag hinein und hatte dann meine Zeit so cmsge- füllt, mein Programm so besetzt, daß mir keine Minute für mich blieb. Sich sah und sprach ich sehr oft, wmn auch selten allein: sie war gesellig noch viel mehr bean- sprn.cht als ich. lebte ganz in ihren: Fahrwasser, dirigierte ihren „bequemen" Gemahl nach ihrem Beliebm hierhin und dorchin. und hatte die Nachricht von meiner Dett- lobimg mit Clemens Günther mit Jubel, aber auch mst der Selbstgewißheit des verwöhnten Kindes entgegen- genommen, welches vom Schicksal nichts anderes erwartet, als jeden Wunsch, mm gar noch einen so „wundervollen, selbstausgedackstcn Plan", erfüllt zu sehm! — Sie wcro sehr böse über den Aufschub, hätte das entzückende Ereignis am liebstm mit einem prachtvollm Fest in ihrem PalaiS in der Wilhelmstraße begangm und nahm eS meiner Großmutter persönlich übel, daß ihre Krankheit die Veröffentlichung unseres Verlöcknistes hinderte. Di« Nachrichten aus Dresden lauteten immer noch ungünstig: Hannah schrieb, die Patientin liege zumeist apathisch und teilnahmslos da, gegen Abmd finde sich immer noch starkes Fieber ein, und der Arzt dringe nach wie vor auf äußerste Schomrna und Verhütung jeder Erregung, Ich hatte auch Hannah kein Wort von meiner Verlobung nntgeteilt, ft« wäre jetzt gar nicht empfänglich für solche Ereignisse gewesen, das kam noch zur Zeit, wenn meine Großmutter genesen war und der Arzt dis Erlaubnis erteilt hatte, sie wie eine Gesunde zu behandeln. Statt der Einwilligung zu meiner Künstlerlausvahn sollte sie dann ihre Zustimmung zu meiner Heirat geben, und das würde sie sicher ent tun, denn die Mitbist konnte sie nicht genieren und ge wurde die Sorge für mich auf immer loS!
(Fortsetzung folgt.)
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