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I. Seilage mm Mesbaüener Tagblatt.

39^. Msrgrrr-Ansgaöe.

Mittwoch» den 23. Dezember.

81. Jahrgang. 1903.

Halbe« Studium ist gefährlicher als die rohe Unbefangen» f» (Geb.: 11. Februar 1813.)

heit des Talents.

Otto Ludwig.

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(82. Fortietzuug.)

Eva Leoni.

Roman von Marie Bernhard.

„Ich sehe das ein, — verzeih', ich wußte ja, haß die alte Dame bedenklich erkrankt ist, .... nur hatte ich sir den Augenblick die ganze Großmutter samt ihrem jimsens über ihrem bezaubernden Enkeltöchterchen ver- jjeffen; willst du mir's verargen? Wer kann im ersten Lausch seiner neuen Glückseligkeit an eine GroßmMter mken? Aber du hast recht; für ein Paar Wochen müssen mr die Sache geheim halten, bis die Kranke bei klarer Besinnung ihre Einwilligung gibt, um die mir im übrigen nickt bange rst. Solange inüssen 'wir's auch hinaus- sfieöen. die Anzeigen drucken zu lassen, —- notgedrungen muß ci Onkel Richthofen, sowie wüst und' ihre neue Kimilre wissen, sonst aber niemand! Mein blonder Engel, das wird ein unbequemer, heimlicher Brautstand werden! An dem Hause in der Bellevuestraße bin ich nur wider­willig geduldet, und doch lverde ich immer dorthin kommen müssen, um dich zu sehen, denn meines Herrn Schwagers salais möchte ich nur in äußersten Fällen betreten. Aber nie sollte ich warten, dein süßes Blumengesichtchen vor Augen und die Hochzeitsfeier vor mir? Die Männer wer­den dich umschwärmen wie die Schmetterlinge die Rose, - du wirst einen graßeir Triumph erleben heut' abend — dem Clemens Günther hatte Furcht, es könnte ihm irgend rin anderer bei dir den Rang ablcmfen!"

Furcht? Und dabei diese triumphierenden Augen, dies Siegeslächeln, das mich lehrte, es sei kein wahres Wort in diesem letzten Satz, er sei seiner Sache ganz sicher gewesen und scheue überhaupt keinen Nebenbchler; er wüte nur meinen Widerspruch herausfordern, aber den Gefallen wollte ich ihm gewiß nicht erweisen.

| „Was sind das für Schelmengrübchen, die sich da mit einem Male in deinem süßen Gesicht vertiefen?" fragte klemens Günther neckisch-zärtlich und legte den Arm um «ich.

„Ich habe Ihre Gedanken erraten —"

„Ihre Gedanken!! Halt! Das kostet Strafe! . . . . Nso weiter — bitte!"

„Ich habe-deine Gedanken erraten, und es

E mir Spaß, nicht darauf einzugehen!"

über diese Sünde! Also Spaß, mein kleines vpottvögelchen! Das ist — o weh, da sind wir schon am

msechof."

Fa, da waren wir! Und gleich darauf betraten wir ^ Prachtvollen, lichtdurchfluteten Säle, vom Orchester «ab jubelte uns der Festmarsch aus dem „Tannhäuser" "Wen, und wir nahmen Platz an der prunkvoll und H üppigstem Luxus dekorierten Hochzeitstafel. Clemens Günther ließ kaum hörbar seinen Champagnerkelch an M meineil anklingen, mit einem raschen, feurigen Blick, M ich derstand ihn und schlürfte die ersten Tropfen des Me lnden Weines nicht ans das Wohl der beiden jungen Ehepaare, sondern auf mein eigene? und das meines Nachbars! —

^Während der Gaumen in den auserlesensten Genüssen

schwelgte, ein und Gelächter von a

nt

den anderen ablöste, eiten erklang, das Orchest reizendsten Weisen anstimmte, suchte ich niich innerlich ein

Scherz 'rer die

wenig, nur ein wenig! zu fassen, meine Gedanken zu sammeln, aber es wollte mir nicht gelingen. Alles hastete, jagte wirr durcheinander, kein einziger Gedanke wollte Stand halten, sich von mir zu Ende spinnen lassen, — und alles, selbst mein neues Glück, ging unter in dieser tollen, wilden Hetzjagd der Empfindungen!

Dazwischen sollte ich meinem anderen Nachbar, einem eleganten Legationssekretär, Rede stehen, sollte meinem vis-ü-vis, ebeir jenem Garde-Husaren, dem Fürsten Wacht­berg, den mir Susi neulich bei unserer Ausfahrt gezeigt hatte, singe Aufmerksamkeit schenken — der junge Herr schickte oft sehr sprechende, bewundernde Blicke zu mir herüber und vernachlässigte seine Nachbarin stark um meinethaDen — und, vor allen Dingen, ich sollte und wollte mich Clemens Günther widmen, der es meisterhaft verstand, mitten im Stimmenlärm und Gewirr ein paar leise zärtliche Worte zu mir zu sagen oder mir durch seine herrlichen dunkelblauen Augen eine blitzschnelle Botschaft, von der nur ich allein merkte, zuzusenden! — Offiziell unterhielten wir uns über Tirol, ich schilderte, auf seinen speziellen Wunsch, die weiße Billa auf dem Felsplateau, dm Ausblick auf den Groß-Glockner, das Wiesbachhoru und die anderen Bergriesen, ich entwarf ein lusfige Skizze von den beiden Züricher Ärzten, dem „Mannsdoktor und dem Weibsdoktor", wie Herr Stölzel sie zu nennen pflegte, erzählte auch von der Familie des Wirtes und von meinem braven Doktor Wörler, und der Legafionsfekretär und Clemens Günther und der Husarenleutnant Fürst Wacht­berg hörten beifällig zu. — Bon Bernon sagte ich kein Wort. — —

Trotz der erstaunlichen Reichhalfigkeit des Menus kamen wir doch verhältnismäßig schnell damit zu Ende, die Bedienung war angevüesen, rasch zu servieren, damit der Ball früher beginnen könnte. Und als wir uns von der Tafel erhoben und ich zu Susi strebte, die ich zuvor nur einen flüchligen Augenblick gesprochen hatte, da stell­ten sich diesem Vorhaben viele Hindernisse in der Weg, in Gestalt von herzudrängend m .Herren, die mir samt und sonders vorgestellt zu werden wünschten. Clemens Günther lag es ob, dies Amt zu versehen, und er unterzog sich ihm mit seiner ganzen ritterlichen Anmut und ließ eine An- zahl hochtönender Namen und Titel an meinem Ohr vorüberschwirren. Mein Elfenbeintäfelchen, das als Tcmzkarte diente, war im Nu von allerlei Namen be- kritzelt, und Clemens Günther flüsterte mir hastig zu: „Nun, was habe ich gesagt? Ein Glück für mich, daß ich mir bei Zeiten ein paar Tänze und ein noch viel größeres, daß ich mir das ganze süße Mädchen gesichert Habel"

Bei dem nun folgenden Tanz, bei welchem ich meine halbvergessencn Tanzstundenerinnerungen von Vevey wieder hervorsuchen mußte, erhielt meine Eitelkeit aller­dings sehr viel Nahrung. Ich konnte nicht umhin, zu be­merken, daß ich eine der gefeiertsten Damen in dieser großen, auserwählten Gesellschaft, die sehr viel hübsche Mädchen aufzuweisen hatte, war. Dienstbeflissene Herren hinter und neben meinem Sessel während der kurzen Pausen, — Herren, die mein Bukett, meinen Fächer, meine Tanzkarte hielten, -— Herren, die sich mit Ostentation um die Blättchen der welken Rosen bemühten, die in meinem Goldgürtel steckten, — Herren, die für mich die Bezeich-

nung Titania erfanden, welches Schlagwort wie mit Blitzesschnelle durch den weiten Saal flog und mir als­bald übermittelt wurde, — Herren, die auf den Tod ge­kränkt aussaheu, wenn sie hörten, daß für sie kein ein­ziger Tanz mehr da sei, — Herren endlich, welche sich mit großer Beflissenheit meine Adresse merkten, um „sich in dm nächsten Tagen die Ehre zu geben, mir ihre Auf­wartung zu machen",-und dazu Clemens Günther.

gesucht und bevorzugt von allen Damen, von einigen so­gar unverkennbar mit Blicken und Worten umworben, und doch einzig nur in meinem Menst, mein Kavalier, mein Eigentum, der unmerklich meine Rosen mit seinen Lippen streifte, der mich im wirbelnden Walzer fest an seinem Herzen hielt und mit bebenden Lauten sein Glück, seinen Stolz, seine schöne, gefeierte Braut nannte!!

And dies war wirklich ich-—- Eva Leoni, das ver­nachlässigte Kind, das einsame Mädchen, das so oft bittere Tränen über sein trauriges Dasein vergossen hatte? Und jetzt!? „Es ist ein großer, ein enormer 8ueed8, sag' ich dir!" raunte Sufi mir zu, wie sie, am Arm- ihres Gemahls, einen Moment an mir vorüberstreifte, „und in den näch­sten Tagen spricht die Cröme von ganz Berlin über die schöne Eva Leoni — freu' dich doch, ma blonde aux yenx noirs!"

Dahin ging sie und wußte noch lange mcht einmal alles! Gewiß, -— ich freute mich, und ich benahm noch so sicher, wie ich es mir nie im Leben zugetraut hätte! Ich nahm lächelnd all' die Huldigungen entgegen, als sei ich es ganz gewöhnt, ein umschwärmtes, bewundertes Mädchen zu sein, ich verweigerte hier und akzeptierte da, ich war bald kühl und bald gnädig, bald entgegenkommend und bald zurückweisend, mit einem Wort, ich war kokett, und Clemens Günther war entzückt davon und gestand, er hätte es mir aber doch nie in dom Maße zugetraut.

Aber alles geht zu Eude, so auch mein „großer succfes!" Wagen auf Wagen rollte davon und endlich saß auch ich neben dem Freiherrn von Richthofen in dem unsrigen, und am Wagenschlag stand mein schöner Ritter und küßte wiederholt meine Hand, uneingeschüchtert durch den finsteren Blick, den sein Oheim auf ihn heftete.

Fm hellen Fieber und mit klopfenden Pulsen warf ich mich beim Morgengrauen auf mein Bett. _ Lange wollte der Schlaf nicht kommen, und als das endlich geschah, da träumte mir, ich müsse mich durchaus auf etwas besinnen. — durchaus, — mein ganzes Leben hing daran, und ich quälte und rnarterte mich ab bis zur Verzweiflung, um

es zu wissen,-ich mußte mich ja doch besinnen . . .

besinnen . . . aber ich besann mich nicht, und in Tränen gebadet wachte ich auf!

XVI.

The best of life is but in toxi cation!" sagt Lord Byron, und ich habe in der Zeit, die jener Dovpechochzeit folgte, unzählige Male an diesen Ausspruch gedacht! Denn das Leben, wäches ich damals führte, war in der Tat nichts anderes als ein einziger, großer Rausch, ein Taumel, in welchem ich nie zum Überlegen, zum Nach­denken kam und — ohne recht zu wissen, weshalb! — auch nicht dazu kommen wollte, als gebe es da irgend etwas in meines Herzens Tiefen, das nicht in Ordnung war und das ich besser unangetastet ließ, weil es wohl doch nutzlos sei, es herauf zu beschwören und diese Be­schwörung mir mir Schmerz verursachen würde.

(Fortsetzung folgt.)

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