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Berlagö-Fernsprecher No. 2953.
Dienstag» den 22. Dezember.
RcdaktionS.Fernfprecher No. 52.
1903.
Hergen-flsasgabe.
Die Jlot des Handwerks.
Unsere sogenannten Mittelstandspolittker glauben kekcmntlich, daß sich die Welt nur um jene Klaffen der Vckwlkerung dreht, die sie so gütig sind, als „Mittelstand" ju b^eichnen. Sie haben von diesem selbst ganz falsche sisrstälungen. Me ungeheueren Verschiebungen, die .Mientlich in dieser Bevölkerungsschicht durch unsere wirtschaftliche Entwickelung herbeigeführt sind, finden kaum Beachtung. Für ihre Einsicht gibt es keine Umbildung der wirtschaftlichen Klassen, in ihrem Kopfe baut sich der Mittelstand im wesentlichen noch genau so auf wie etwa am Anfänge des 19. Jahrhunderts: also Handwerker, Kleinkaufleute, Kleinbauern und allenfalls gewisse Gruppen der Staats- und Gemeindebeamten. Das Hier der von der befehdeten Großindustrie abhängigen Privatbeamten, die Masse der- mit ihrem Einkommen tat Handwerksmeister und Kleinkaufmann oft hinter sich lassenden Werkmeister, Techniker und qualifizierten Arbeiter wird von ihnen nicht zum Mittelstand gerechnet. SAirde das nämlich geschehen, so versagte ihre graue kheerie, nach der die Großindustrie den Mittelstand zu M»de richtet, während sie, wie übrigens auch die Ztattsäk beweist, tatsächlich immer neue Mittelstands- gmppen bildet und die Kreise dieser Schicht lediglich ver- Mt und erweitert.
Da diese Mittelstandspolitiker nur die absterbenden Kveige, nicht aber das sich stets neu bildende junge 'ruchtholz scheu, so malt sich ihnen unsere Zukunft grau grau und unsere ganze Kultur gcht unter, wenn nicht lie Räder nach rückwärts gedreht und die Entwickelung der Technik und der menschlichen Arbeitsmethoden auf iw Kopf gestellt wird. Man hat kein Recht, über diese Weltanschauung zu lächeln, denn sie ist gefährlich. Nicht etwa für den Fortschritt der Menschheft, sondern lediglich für die Wohlfahrt jener Berufsklassen, die nach dem mgeu Begriff dieser Politiker ausschließlich zum Mittel- W> gehören. Man lehrt ihnen, vom Staat eine Hülfe Ul erwarten, die er in Wirklichkeit doch nicht leisten kann. Leere Äußerlichkeiten gewinnen wie in der „guten alten Mt" der Innungen eine Wichtigkeit, die sie nicht verdienen. Man gewöhnt sich daran, nicht der eigenen Tüchtigkeit, sondern Polizeimitteln als Hebel zum Wohl- Wd zu vertrauen. So ist unsere Mittelstandsbewegung Jj“ etoa zwei Jahrzehnten in falsche Bahnen gelenkt. Mm hat ihr bekanntlich allerlei Entgegenkommen ge- M; Reichsregierung wie Bundesstaaten sind mit ihrem Wohlwollen ziemlich weit gegangen. Aber haben WMgsinnungen und zahlreiche andere beengende Be
stimmungen dem Handwerk auch nur soviel genutzt, als ein Gramm modernen tatkräftigen genossenschaftlichen Geistes?
Jene Politik hat auch dahin geführt, daß mau leider häufig verlernte, Einkehr bei sich selbst p halten. Besonders in manchen Handwerkerkreisen gewinnt man den Eindruck, als seien sie im lauten Anstimmen zahlreiclier Klagen von zweifelhafter Berechtigung ausdauernder und leistungsfähiger als in dem erlernten Berufs Man soll doch alles Beschönigen lassen und es aufrichtig und ehrlich aussprechen, daß die Untüchtigkeft vieler Handwerker lediglich allein deren bedrängte wirtschaftliche Lage verschuldet hat. Es ist heuchlerische Liebedienerei vor dem Handwerk, wenn man den hier vorhandenen Schäden leise ausweicht. Wer das Handwerk lieb hat, der soll seinen Finger in diese Wunde legen. Mit jener Untüchtigkeft ist nicht nnr der Mangel an beruflichen Kenntnissen und Fähigkeiten gemeint, sie soll sich auch beziehen auf die vielfache Lotterigkeit in Geschäfts- und Lebensführung mancher Handwerksmeister. Aesen Vorwurf wollen wir durch Beispiele aus der Praxis begründen. Ein genauer Bekannter von uns, der zuverlässig jede Handwerkerarbeit sofort bezahlt, niemals an der Höhe der Rechnung etwas aussetzt oder sonst nörgelt, dieser ideale Kunde hat mit den Handwerkern eines Vorortes einer Großstadt im Laufe des letzten Jahres die nachstehenden Erfahrungen gemacht: a) Der Klempner. Dieser hat sämtliche in sein Fach einschlagenden Arbeiten des neuen Hauses ausge- füllrt und durch einen GehAfen eine durch Frost be- sck^digte Wasserleitung ausbessern lassen. Dazu ist er zweimal schriftlich bestellt. Als die geringe Arbeit geleistet war, wußte der Gehülfe natürlich dm Preis nicht. Ten Meister läßt man um die Rechnung bitten. .Keine Antwort. Nach geraumer Zeit wird ihm die gleiche Bitte nochmals durch Vermittelung der Post ausgesprochen. Keine Antwort. Im Laufe der nächsten acht Monate erfolgt dann wiederholt nochmals eine mündliche Mahnung um die Rechnung. Kein Erfolg. Dann nach geraumer Zeit eine Postkarte, der Meister möge eine Reparatur ausführen und dabei auch gleichzeitig angeben, was die frühere koste. Keine Antwort. Hierauf durch einen Dritten nochmals eine mündliche Erinnerung; bis heute ohne Erfolg, b) Der Ofensetzer. Er hat sämtliche Kachelöfen des Hauses gesetzt und soll nachsehm, ob etwa eine geringe Reparatur nöüg ist. Er hat von seiner Werkstätte bis zu dem Hause unseres Bekanntm mit dem Rade etwa fünf Minuten. Es fliegm diesem Meister im vorigen Winter drei Postkartm ins Haus, außerdem erfolgen zwei oder drei mündliche Erinnerungen. Als es Frühling wird, kommt er. sieht und findet dm Schaden, kann ihn aber nicht ausbessern, da er kein Handwerkszmg bei sich führt. Also Vertröstung auf später. Er meint, jetzt, wo es warm wird, wird ja der
Ofen doch nicht geheizt; aber im Laufe des Sommers müsse die Kleinigkeit unbedingt gemacht werden. Während des Sommers drei- oder viermal wieder mündliche Erinnerungen; zwar ist der Winter wiedergekommim, Meister Ofensetzer bisher aber nicht, c) Ein anderer Ofensetzer und Maurer. Er soll die Ofen kehren, ist auch dazu geneigt, setzt dreimal eine Zeit fest und kommt dreimal nicht; eine Posttarte bleibt ohne Antwort. Er hat aber angeblich 14 Tage nach der Bestellung einmal abmds die Absicht gehabt, zu kommen, unterließ das aber, da er unterwegs hörte, es sei niemand zu Hause, d) Der Schlosser. Er hat sämtliche Schlosserarb eiten im Hause gemacht und wird gebeten, einige nicht schließende Schlösser nachzusehen. Der Meister wohnt in einem Nach- bardorfe und gibt überhaupt keine Antwort, e) Ein anderer Schlosser. Er Wohut im Ort, läßt sich aber mehrere Male aussuchen, ehe er kommt. Er ist der Arbeit seines Kollegen ein strenger Richter, macht selbst seine Sache jedoch nur halb fertig, läßt sich die gehabte Mühe bezahlen und verspricht die andere HÄfte in einigen Tagen zu vollenden. Der Meister hat inzwischen Haus und Geschäft verkauft und ift verzogen; an die übernommene Arbeit dachte er nicht mehr, k) Der Gärtner. Er ist stets eifrig, wenn er eine Bestellung erhält, führt sie aber selten dem Aufträge entsprechend aus. Bei einer Pflanzenlieferung blieb ein geringes Guthaben für den Besteller, der dieses bei einer im Auftrag gegebenen Rosenlieserung zu verrechnen gestattete. Der Gärtner hat die Rosenstämme nicht geliefert, aber auch das Guthaben des Bestellers nicht zurückerstattet, g) Der Barbier. Ein junger Mensch, der gem im Wirtshaus Karten spielt. Als er Hochzeit machte, borgte er unsem Bekannten kräftig an. Er versprach unter energischem Druck schließlich den Betrag in kleinen Monatsraten zurückzuzahlen. Es ist nicht eine Rate bezchkt, Klage würde fruchtlos sein, h) Der Bäcker. Er hat als junger Geschäftsmann eine ältere Bäckerei übernommen und kann gute Ware backen. Bald ließ jedoch seine Aufmerksamkeit nach. Oft vergißt er im Weißbrot das Salz völlig, häufig ist es auch verbrannt. Es erfolgten schriftliche und müirdliche Vorstellungen und von seiner Seite Ent- schuldigungen. Aber die Nachlässigkeit wiederholte sich zu oft und es folgte i) ein anderer Bäcker. Dieser, gleich- falls ein junger Anfänger, hat zunächst tadellose Ware geliefert, ist aber auch bereits hin und wieder in dm Fehler seines Vorgängers verfallen, k) Der Maler. Er hat viel Schulden und ist ebenso oft im Wfttshause wie bei der Arbeit. I) Der Uhrmacher. Don ihm war das gleiche zu sagen; er hat schließlich Uhren, die ihm zur Reparatur übergeben wurden, verpfändet und kam dadurch mit dem Gerichte in Berührung. Seitdem ist er aus dem Orte verschwunden., m) Der Photograph. Er machte gute Bll-der, ist aber in der Lieferung derselben
Feuilleton.
)m Kerzen Sibiriens.
In London ist jetzt unter dem Titel: „Von Paris New Jork über Land" der Bericht über die vielte Reise erschienen, die Harry de W i n dt im °n Jahre unternommen hat. Sein Hauptzweck die Möglichkeiten des Baues einer großen Eisen- l^äur Verbindung von Paris und New Jork zu ent- M"? ober an dieses Riesenunternehmen kann vorläufig . ntcht gedacht werden. Die Expedition brach am 19. 1901 auf und erreichte New Uork am 15. lt 1902, nach einer Wanderung von 18 494 englischen Außer Harry de Windt nahmen noch der ft de Clinchamp und George Harding an der Reise Der Weg ging durch Europa und Sibirien auf ^schuktschenhalbinsel, über die Beringstraße durch ft an der Küste des Stillen Ozeans entlang, bis Francisco und durch die Bereinigten Staaten 7 ^r Atlantischen Ozean. Ein besonderes Interesse n in dem Buche de Windts die Schilderungen der fast unbekannten Gebiete Sibiriens. Von . dem „Paris Sibiriens", entwirft der Verfasser des Bild: „Es ist eine unfertige, unordentliche ' An seltsames Gemisch von Schmutz und Größe, «ewnndenen, schlecht gepflasterten Straßen. Außer ftngen Hauptstraße mit ziemlich guten Läden und d^r, bleibt Irkutsk derselbe düstere, trostlos aus- . e Ort wie zu der Zeit, ehe die Eisenbahn die Stadt Mem Jahrhunderte langem Schlummer erweckt hat. /ttlte ist der Ort völlig primitiv und unzivilisiert uropRsHen Gesichtspunkt, und die gelben Chinesen Tartaren mit den kleinen, runden, glänzenden dre sich in den Geschäftsvierteln drängen, stimmen mit öem orientalischen Schmutz überein. An « Morgen sicht der Marktplatz merkwürdig und L.ftnt ans. Dann kann man die Söhne des Himmels ?«iiK neben den in Pelz gekleideten Jakuten Scharen und den Japanern sehen." In wenigen u»uß der Ort ein belebter Mittelpunkt der Han-
&
delstütigkeit sein, „denn die Hülfsquellen dieser Provinz sind unbeschränkt, da der Boden bis jetzt in mineralischer Hinsicht nur „müßig mit den Fingern aufgekratzt" worden ist." Während der Reise de Windts von Jakutsk nach dem Eismeer näherte sich der Frühling. „An solchen Tagen erheitert die reine, frostige Luft wie Champagner; aber, während der Körper auf einer Seite von den sengenden Strahlen erhitzt wurde, fror man im Schatten auf der anderen Seite. Ein anderer Nachteil war der Hunger; denn in 24 Stunden gab es nur eine kräftige Mahlzeit, und oft nicht einmal das, und nichts widersteht der Kälte besser, als ein Pft genährter Magen. Unsere Leiden waren zweifellos groß von Jakutsk nach dem nördlichen Eismeer, aber sie wurden sehr dadurch erleichtert, daß man gewöhnlich selbst beim kältesten Wetter unter dem Schutz der Kapuze eine Zigarette rauchen konnte. Eine Pfeife kam natürlich nicht in Frage, denn selbst unter der Filzdecke war die Temperatur niemals über 10 Grad unter Null, wobei die Pfeife (türkische Wasserpfeife. Die Red.) natürlich gefroren wäre." Am 28. Februar 1902 erreichte die Gesellschaft Werchojansk, das von den Rüsten das „Herz Sibiriens" genannt wird. „Ich dachte, daß es auf der Erde keinen düsteren, gottverlasseneren Ort geben könnte. Aber ich hatte noch nicht Sredni Kolymsk gesehen. Und doch, wenn uns der zweitägige Aufenthalt wie eine Ewigkeit erschien, was mutzte ein fünf- oder sechsjähriger Aufenthalt für die unglücklichen Verbannten bedeuten, von denen einige ein Vicr- teljahrhnndcrt hier waren! Man stelle sich die trübe Verzweiflung des Daseins unter solchen Bedingungen vor. Tag um Tag, Jahr um Jahr nichts Interessantes, im Sommer von der Hitze und den Moskitos gequält, im dunkeln, grausamen Winter von Kälte und Hunger, und von allem abgeschnittcn, was das Leben lebeitswert macht. Ein Verbannter erzählte, die Kirche wäre für ihn das einzige Verbindungsglied mit der Menschheit. Man kann sich vorstellen, wie ein Mann nach eitrigen Jahren hier gänzlich seine Identität verliert und vergißt, daß er je ein menschliches Wesen war. Aber das ist noch nicht der schliimnstc Verbannnngsort Nordsibirtens". Sredni KolymSk schildert der Verfasser als eine „arktische Hölle". Die Bevölkerung bestand auS 300 Personen; darunter waren 14 politische Verbrecher; die übrigen
waren Beamte, Berbrecherkolonisten, Jakuten, Lamnten und Tungnsen. „Der Ort erschien wie durch Krankheit dezimiert und alles andere eher als ein Aufenthalt für menschliche Wesen". Hier wird jeder zum Wahnsinn getrieben; unter den Verbannten war niemand geistig ganz gesund. „Ein paar Jahre machen sie schon gewöhnlich hinfällig", sagte eilt Beamter, „und selbst der geistig Rege wird in der Regel kindisch, nachdem er 5 oder 6 Jahre hier gewesen ist. „Aber warum denn das?" fragte ich. Mein Freund ging zum Fenster und wies auf die trübselige Straße, die elenden Hütten und 'den gefrorenen Fluß, der in der Dämmerung dunkel datzy;. „Das", sagte er, „und das fürchterliche Schweigen. Dag für Tag, Jahr für Jahr nicht ein Laut. Ich habe in jener Straße mitten am Tage gestanden und hörte nur meine Uhr in der Tasche ticken. Ich selbst bin hier erst vor wenigen Monaten angekommen, aber selbst ich mutz bald von hier wegkommen, um eine Veränderung zu haben, oder —", er tippte bedeutungsvoll an seine Stirn . . ." Von dem Volke, das auf der Tschnktfchen- Halbinsel, dem nordöstlichsten Landstrich Asiens, lebt, sagt der Verfasser: „Es sind dort vielleicht im ganzen zwölftausend Tschuktschen; die Rasse besteht aus zwei Stämmen: den Küstentfchuktschen und den Binnentschnktschen, die mehr oder weniger Nomaden sind und mit Rennticr- herden in Bergen und Ebenen umherstreifen, die ihre einzigen Existenzmittel bilden, während ihre Brüder an der Küste gänzlich von der See abhängig sind. Obgleich diese Stämme nominell russische Untertanen sind, sind sie die freiesten der Welt, zahlen keine Stenern und machen sich ihre eigenen Gesetze; sie sind tatsächlich nie von Rußland unterworfen worden. Samojeden, Burjäten und Jakuten sind alle von den Kosaken überwältigt, aber während zweier Jahrhunderte steht der Tschnktsche auf seinem Boden und hat, mit der Kälte und Einöde als Bundesgenossen, unverändert alle Eindringlinge Herausgetrieben. Daher sind die Tschuktschen auch von ihren russischen Nachbarn respektiert, wenn nicht gar gefürchtet, und obgleich in St. Petersburg verschiedene Versuche gctnacht morden sind, einen „Jaffak" (Tribut an Pelzwerk) bei ihnen einzuführen, ist kein Beainter weit genug in das Tschnktschenland gedrungen,, um die Steuer einzn- treiben"
