. Seilage jum Wieskaüenrr Tagklatt.
393. Morgen-Ausgabe.
Sonntag, den 2V. Dezember.
31. Jahrgang. 1903.
Der Mann hat recht, die Frau Kat recht.
Wenn sie um Recht und Pflichten streiten.
Nur der fährt zwischen Beivcn schlecht.
Den znr Vermittlung sie verleiten.
Stelter.
65
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(80. Fortsetzung.)
Goa Leoni.
Roman von Marie Bernhard.
War es nun die Wirkung dieser meiner seelischen Verfassung, oder würde mir auch unter anderen Verhältnissen die kleine Gesellschaft, die ich unten im Speisezimmer versammelt fand, einen so nichtssagenden Eindruck gemacht haben? Wie? Dieser schmächtige, blaßbrünette, junge Herr mit den mandelförmigen, schwarzen Lugen, dein feinen Bärtchen und dem stereotypen Lächeln — das sollte der „Herr und Gebieter" meiner Susi werden, — er, der nur devot die Hand kiißte und ein paar höfliche Phrasen von dem „Glück seiner Bekanntschaft" mit mir zurechtürechselte, der mit verliebtem Blinzeln seine Braut fixierte und sich beestte, jeden Blick, jeden Wink, jeden Laut ihres Mundes mit sklavischer Unterwürfigkeit zu erraten, zu befolgen, der wie um Erlaubnis bittend zu ihr herWersah, che er es sich herausnahm, zu sprechen, und wenn er sprach, stets nur ihr Echo abgab? Und unser mchr demr je bunt herausstaffierter, mit kostbarem Schmuck beladener „Paradiesvogel", der mich zwar freundlich begrüßte, mir aber auch nichts weiter zu sagen mußte, als daß ich viel hübscher sei wie im Pensionat, und cb ich mir absichtlich zu dieser reizenden Lockentracht meine dicken Zöpfe abgeschnitten hätte, — — dieser Earl of Sommer field, der es für die oberste Bedingung des Anstandes zu halten schien, seine Braut weder anzureden noch anzuschen. und der zwischen jedem seiner in sorgfältigstem Deutsch vorgebrachten, knappen Sätze eine so endlose Panse eintreten ließ, daß man befürchten mußte, er werde inzwischen entschlummern? — Mein Blick traf sich einmal, beim Beginn der Tafel, mit dem des Freisinn von Richthofen, — in dem meinen lag die entsetzte zrage: „Um Gotteswillen, wie kann Susi mit diesem Mann ihr Leben verbringen wollen?" in dem seinen die Antwort: „Habe ich nun zu viel gesagt?" — Aber Susi funkelte vor Witz und guter Laune: als sei dies eigens km für mich bestelltes Schauspiel, so dirigierte sie ihre Umgebung wie die Marionetten hin und her, und: »Manuel, du schweigst jetzt!" oder: „Marmel, du kannst Mch einmal ein Wort d'reingebenl" hieß es, und Manuel
^horchte ohne Widerrede, mit einem süßlichen, stereotypen Wem, mit denr verliebten Zucker: seiner in feuchtetm
schwimmenden, schwarzen Augen, Der „Para- —, -u -l“ schwatzte banales Zeug, der insche Earl mechsÄte^ feine derrtschen, grammatikalisch fehlerfreien stahe so sorgsam zurecht, als säße er in der Prima irgend Wß. Gymnasiums vor einem gestrengen Lehrer — — ?? wenn mir die ganze Gesellschaft entsetzlich flach und l>« vorkam, so konnte ich sicher sein, ihr sehr langweilig
Mrscheinen, denn ich sprach nur, wenn man mich fragte, auch dann mit Überwindung und so kurz, wie möglich.
Der Freiherr von Richthofen, um dessen Speisetisch sich all' diese ihm gleichgültigen, zum Teil unsympathischen Leute gruppierten, tat mir in der Stille leid: er betrug sich aber mit musterhafter Höflichkeit und tröstete sich wahrscheinlich mit dem Gedanken, daß nach der Doppelhochzeit sein Haus doch aufhören müsse, notwendiger Sammelpunkt für diese jungen Paare zu sein, Sennora Coldras befand sich offenbar gemütlich, sie frischte mit Manuel und Manuela allerlei spanische Kindheits-Reminiszenzen auf und wollte Susi mit Anekdoten aus den Knabenjahren ihres Verlobten erbauen, wurde aber von dieser noeist geschickt unterbrochen.
Mir war es wie eine Erlösung, als das Dessert herumgegeben wurde und wir dann vom Tische ausstanden, >vir Damen jede ein kostbares Bankett mit uns nehmend, das Manuel uns auf den Platz hatte legen lassen. Dian forderte nüch dringend auf, etwas zu spielen oder zu singen, allein ich erklärte mich außer stände dazu, und so gab Susi, auf beinahe kniefälliges Bitten chres Verlobten, im Mnsiksaal mit ihrem hellen, frische,: Stinimchen ein paar ihrer kleinen, naiven Lieder zum besten, und ich hatte Gelegenheit, zu konstatieren, daß die Akustik des hohen, weiten Raumes eine vortreffliche und der Steinwaysche Flügel ein Instrument ersten Ranges sei. —
Erschöpft und ermüdet verabschiedete ich mich von der etwa um elf Uhr aufbrechenden Gesellschaft und stieg, ohne ein Wort zu sprechen, mit Susi die Treppe zu unseren Zimmern empor.
„Ich will keine Silbe mehr zu dir reden, Everl, du schaust ganz bös abgespannt d'rein!" sagte Susi und streichelte mit ihrem weichen Händchen freundlich mein Gesicht. „Ein Wunder ist's just nicht, armes Tierle, der heutige Tag war eine richtige Hetz', und mir macht das garnichts, das ist so recht mein Lebenseleinent, aber du bist halt aus anderem Stoff verfertigt, wie ich. Was sagst du denn zu Manuel? Scheinst nicht gerad' verrückt in ihn zu sein! Ja, neben meinem Cleinens Günther darfst ihn eben nicht halten! Die Hauptfach' ist: ich brauch' einen sehr reichen Mann und einen sehr bequemen Mann,
— und die zwei Eigenschaften kommen garnicht so leicht zusammen, wie man in seinem Unverstand denkt,
Gut' Nacht, mein kleines
und bei ihm find' ich sie beide!
Schatzerl!"
Ach, ich hatte so mancherlei auf dein Herzen, aber ich sprach es nicht aus, — was hätte es genützt? Ich fühlte es deutlich: ja, ich war aus ganz anderem Stoff verfertigt, wie Susi: sie hatte soeben ein wahres Wort gesprochen, wenn sie es auch nur in bezug auf die körperlichen Kräfte gemeint hatte! Im Pensionat war die Verschiedenartigkeit unserer Gesinnungsweise nicht so zu Tage getreten: die Verhältnisse, in denen wir uns bewegten, waren dieselben, unsere Interessen, Beschäftigungen während eines
lernen, unsere x _si
zweijährigenZusammenlebens waren ziemlich^die gleichen, das hatte mich ?
is hatte mich zu dem Glauben verleitet, Susi, und ich wären ein paar Freundinnen, die prächtig zu einander paßten, trotzdem sie heiter und ich im Ganzen ernsthaft war, ..... nun aber, da sich äußerlich eine solche Üm-
S estaltung in unseren Verhältnissen vollzogen hatte, ent- eckte ich zu meinem Schrecken, daß unsere Seelen auf einen total verschiedenen Akkord gestimmt waren, daß Susi garnicht das war und hatte, was ich von einer geliebten Freundin verlangen konnte und durfte, und daß
sie das Wort Freundschaft ganz anders ausfaßte, als ich! In ihrer sorglosen Gutherzigkeit bot sie mir ihre Hülfe vielmehr die ihres Oheims an, schmiedete sie allerlei Pläne für meine Zukunft, die sie offenbar ebenso leicht nahm, wie ihr eigenes Lebensglück, — und sicher nahm ich in ihrem Herzen noch einen hervorragenden Platz ein^
— es lag an mir, wenn mir dies doch noch nicht genügte« Susi hatte sich gewiß ganz folgerichtig entwickelt, mir fehlte die Erfahrung und der Scharfblick, um ba§ richtig zu beurteilen; ich konnte es nicht fassen, und es tat mir in tiefster Seele weh, wie Susi einer solchen Puppe von Mann, nur, weil er „reich und bequem" war, ihre Hand für das ganze Leben reichen konnte, wie sie ohne jede Spur von Liebe, aus bloßer, kluger Berechnung imstande wcn> eine Ehe einzugehen! Bei jedem andern hätte ich diese Händlungsweise einfach niedrig und verächtlich genannt,
— bei Susi, die ich trotz alledem lieb hatte, wollte ich so harte Worte nicht brauchen, ich nannte sie leichtsinnig und töricht, — aber dies Beschönigen half mir nicht viel, ich schämte mich in ihre Seele hinein und weinte bittere Tränen um sie, ehe ich ein schlief.
Der folgende Morgen brachte mir ein ganz entzückendes kleines Bankett aus lose zusammengefaßten LaFrance-Rosen nndOrangenblüten, von einem schlanken, silberziselierten L-tiel gehalten; es war nur eine schlichte, weiße Karte oben quer in bic Blüten gesteckt, auf der von unbekannter Hand geschrieben war: „Zum Morgen» grüß" — weiter nichts, aber ich wußte sofort, von wem dieser reizende Morgengruß kam, auch wenn Susi nicht so verschmitzt gelacht hätte!
Ich steckte eine La France in die Klappe meines rot- braunen Samtkleides, was nach Susis Aussage „bezaubernd" aussah und fuhr wieder auf Kommissionen: wieder traf uns Cleinens Günther zu Pferde im Tier- garten, wieder ritt er neben meinem Wagenschlag her,
— er sagte keine Silbe über die Rose auf meiner Brust, und ich konnte ihm doch nicht danken, da ja der Geber nicht genannt war; aber ich bin der festen Überzeugung, daß meine Augen ihm gedankt haben und daß er diese Sprache sehr wohl verstand, denn er erwiderte sie ausdrucksvoll.
Susi stieg diesmal fiir eine Viertelskinde im Kaiserhof ab, um ihrem kranken Schwiegervater einen Besuch zu machen, unterdessen plauderten wir; Clemens Günther fragte mich, wie mir die „überseeische Gesellschaft" zugesagt habe und legte sich meine ausweichenden Worte nach seinem Gefallen zurecht,,— ich könne es ihm glauben, die beste von allen sei Sennora Coldras, die wäre wenig« stens harmlos und täte keiner Seele etwas zu Leide, —< aber Manuel sei ein „unausstehlicher Geck", der Earl of Sommerfield ein „steifleinener Hanswurst", seine Braut ein „aufgeblasener Pfau" und Onkel Richthofen ein „tugendstolzer Krämer". Um Susi solle ich aber unbesorgt sein, die werde sich um die ganze Sippschaft nur gerade soviel kümmern, als es ihr Spaß mache und sich im übrigen ihr Amüsement und ihreAnregnng bei anderen Leuten holen, — es sei nicht eben jeder ein Sonntagskind, bei dem alle Anforderungen der Vernunft mit der gebieterischen Stimme des Herzens zusammenträfen, . . « dazu sah mir der schöne Offizier mfi einem Blick in die Augen, daß mir das Herz zitterte!
(Fortsetzung folgt.)
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