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Kischinew.

L. Berlin, 17. Dezember.

Üb« den Prozeß zu Kischinew darf kein russisches Statt auch nur ein Wort berichten. Wenn die Kunde von diesem Gerichtsdrama nicht mündlich durch das Zarenreich verbreitet >würde, wenn sie nicht wenigstens zu den Ge­bildeten käme, so wüßte man in dem ganzen Lande nichts von Vorgängen, die wie keine zweiten bezeichnend sind für die russischen Zustände. Auch zu uns in Westeuropa lommm die Nachrichten von diesem merkwürdigsten aller Prozesse ja nur aus Umwegen und nur spärlich. Eine W Gehünidienstes hat eingerichtet werden müssen, damit einige wenige Zeitungen (es sind eigentlich nur drei: das „Neue Wiener Tagblatt", die „Neue Freie Presse" und die „Times") instand gesetzt werden konnten, fort­laufend Mtteilungen über die Verhandlungen zu bringen. Heute, wo sich das Ende des ersten der zweiundzwanzig Prozesse abfehen läßt, in denken hintereinander über die Eizedenten abgeurteilt werden soll, ist es am Platze, einige Rückblicke nicht sowohl auf die Verhandlungen setast zu werfen, als vielmehr auf den Geist, in dem sie geführt werden. Es hat sich mit grausamer Deutlich­keit herausgestellt, daß dies ganze Prozeßverfahren nicht der Aufdeckung der wahrhaft Schuldigen, sondern der Bestrafung einiger armer Teufel dienen soll, die nur als unwissende Werkzeuge von geheimen Befehlen ge­handelt hatten. Der Gerichtshof folgt augenscheinlich höheren Weisungen, wenn er jeden Versuch der Vertreter der Zivillläger,' die Spuren der wahren Schuldigen Detter zu verfolgen, beharrlich abweist. Nachdem die Vertreter der Nebenkläger erklärt hatten, daß sie gegen d«S System der Vertuschung nicht au (kom men können, haben sie, wie man weiß, ihre Mandate niedergelegt und den Gerichtssaal verlassen. Seitdem gehen die Verhand- lmgen wesentlich schneller als vorher vorwärts. Bevor aber die Vertreter der Zivilkläger den Gerichtssaal ver- lififeen, hielten einige von ihnen Reden, über die wir dirckte Nachrichten erhalten haben. Diese Reden sind es wert, daß die Welt von ihnen höre, «denn sie enthalten m Kern alles, was geeignet ist, Klarheit über die un­erhörte Rechtsbeugung zu verbreiten, die da in Kischinew >m Namen des Rechts veri'cht wird. Den Anstoß zum Mchluß der Anwälte, der Posse ein Ende zu machen, hatte die Weigerung des Vorsitzenden gegeben, jene Zeugen weiter vernehmen zu lassen, deren Befragung, sie ungehindert hätte erfolgen können, diese Zeugen * die Rolle von Angeklagten gebracht haben würde, sine kleinere Gruppe von Anwälten sodann, die den Schritt ihrer Kollegen noch nicht mitgemacht hatte.

schloß sich ihnen an, als der Vorsitzende plötzlich zu ver­hindern suchte, daß die Zeugenvernehmung von der Neben­frage des entstandenen materiellen Schadens. abgelenkt werde. Er wollte nur noch Fragen zulassen, die sich auf die entstandenen Verluste erstreckten, so daß die Absicht, das Verfahren im Sande verlaufen . zu lassen, und wo­möglich gar keinen Schuldigen vor sich zu haben, immer unverhüllter zutage trat. Zwei Anwälte nun sagten dem Gerichtshof und der Staatsanwaltschaft mit einer Ungeschminktheit, die unter den gegebenen Umständen nicht geringen Mut voraussetzt, die böse Wahrheit. Der Anwalt Sobolow setzte auseinander, weshalb er und seine Kollegen an den Vorsatz, der Gerechtigkeit wirklich freie Bahn zu schaffen, nicht glauben könnten. Vor der Einleitung des Prozesses wurden, so teilte er mit, der Staatsanwaltschaft mehr als 3000 Eingaben von Ge­schädigten gemacht, die ihre Verluste rechnungsmäßig dar- legteu. Trotz dieser ungeheuren Zahl sind nur ca. 20 Entschädigungsansprüche für die ganze lange Reihe von 22 Prozessen zugelassen worden. _ Dies beispiellose Er­gebnis der Voruntersuchung erklärt sich ans Gründen, von denen jeder schimpflicher als alle anderen ist: Zum Teil nahm die Staatsanwaltschaft die, Eingaben der Ge­schädigten überhaupt nicht an, zum Teil wurden die Ein­gaben von ihr und vom Untersuchungsrichter ohne Angabe von Gründen den Klägern zurückgegeben. Ferner geschah es, daß der Untersuchungsrichter Freynat mehreren Klägern den kategorischen Rat gab, sie sollten ihn nicht mit Arbeiten überlasten, sie möchten ihre Beschwerden später direkt bei der Gerichtskammer anbringen. Als sie diesen Rat befolgten, mußten sie erleben, daß auch die Gerichtskammer ihnen die Rechtshülfe versagte. An­gesichts dieser offenbaren Gesetzesverletzungen bleibe, so erklärte Sobolow, ihm und seinen Kollegen nichts anderes übrig als die Niederlegung chrer Mandate. Dm stärksten Eindruck aber machte die Rede des Rechtsan­walts Karaczewsky, der zu den ersten Anwälten Peters­burgs zählt. Seine Rede verfehlte ihre Wirkung auch auf den Gerichtshof nicht. Andernfalls hätte der Vor­sitzende schwerlich Äußerungen zugelasfen, wie sie vielleicht noch keinem Gerichtshof von solchen Stellen aus zuge- schleudert worden sind. Karaczewsky sagt im wesentlichen dies: Ich und meine Kollegen sind der Meinung, daß die ganze Angelegenheit im Interesse der allseitigen Wahr­heitsforschung in die Voruntersuchung zurückgewiesen werden muß. So oft eine neue sensationelle Tatsache austauchte, die unerwartetes Licht verbreitete, bemächtigte sich unser die hfftigste Bewegung, und wir mußten über­menschliche Anstrengungen aufwenden, um nicht den Schrei auszustoßen: „Dies ist keine Rechtsprechung und kein Tempel der Gerechtigkeit!" Kein Zweifel, die jetzigen Angeklagten sind nur einfaches Werkzeug, nur gemieteter Pöbel, nur zufällige Elemente, die nicht einmal ver­stehen, worüber die Zeugen sprechen und wen sie meinen.

wenn sie lauf die Merkmale einer den Exzessen vorange- gangenen Organisation Hinweisen, die diese ganze blutige Tat erfunden und ins Werk gesetzt hat. Wir mutzten uns bezähmen, da uns jede zufällige Enthüllung, jÄ>e Nuance die unsere traurigen Vermutungen bestätigte, zu wichtig warm. Jetzt ist ihrer mehr, als notwendig ist. Wir haben nichts mehr zu erwarten, wir sehen keinen Weg vor uns. Wir stehen vor einer festen Mauer; vor uns ist die unwiderlegliche Tatsache einer Organisation. Um aber diese Mauer niederzureißen, müßten Untersuchungs­richter und Staatsanwalt uns Helsen, damit die Spuren der verbrecherischen Organisation nicht verwischt werden können. Es gibt eine seltsame Beziehung zwischen den Ostergreueln und einer politischen Demonstration, die für dieselbe Zeit vorbereitet war. Es ist auffällig, daß gerade am 7. April, dem Tage der wildesten Aus­schreitungen, das Militär in Erwartung eines andern geheimnisvollen Befehls untätig auf dem Hofe des Gouverneurs stand. Viele Zeugen, darunter Polizei- leutnant Ossowski, sagten aus, daß die allgemeine Devise der Exzedenten, in den Worten bestanden habe: „Die Juden haben den Zaren, unfern Vater, bÄeidigt". Im einfachen Volke wurden Gerüchte verbreitet und ge­schriebene Flugblätter verteilt, die zu Ausschreitungen gegen die schutzlosen Juden aufforderten. Der Menge war durch eine geschickt Agitation die feste Überzeugung beigebvacht worden, daß die Juden als Feinde des Zaren auf kaiserlichen Befehl ungestraft getötet werden dürfen. Darüber wurde offen auf der Straße und in den Häusern gesprochen. Die Meinungen gingen nur zuweilen da- rüber auseinander, ob die Erlaubnis nur für die ersten drei oder für alle sieben Ostertage erteilt sei. Wollen Sie diese betrogenen Blinden, die jetzigen Angeklagten, als die wahren Schuldigen betrachten? Vergessen Gis nicht, daß ihnen diese eigenmächtige Abrechnung mit per- meintlichen Revolutionären von außen beigebracht >worden ist. Die Angeklagten sind Opfer eines Betruges geworden, und sie konnten ihre Verbrechen nur ausführen, indem sie, wenn nicht durch direkteAufhetzung, so durch die ausg» sprachen verbrecherische Untätigkeit der Polizei, der SSte? Hörden und des Militärs unterstützt wurden. Ich ttnl$ ein Beispiel geben. Gchen wkc in weit zurückliegend« Zeiten, nach Judäa zur Römerzeit. König Herodes en läßt den Befehl, in einer Nacht alle neugeborenen jüdischen Kinder männlichen Geschlechts zu töten, damit nicht Sol Wort wahr werde, damit nicht Christus geboren wevd< (und er wurde doch geboren). Da strömen die Mördet hinaus, überfallen die jüdischen Häuser, begehen Gewalt« taten, erschlagen bie jüdischen Knaben. Unter den Mördern sind Mietlinge, aber auch fanatisch beaersterttz Freiwillige. War das ein Massenaufruhr, et» Überfalk eines Bevölkerungsteils durch den andern? Nein, e£ war die Ausführung eines verbrecherischen Befehls? Erinnern Sie sich der Aussagen vieler Zeugm: Estrige

Feuilleton.

Ein Kapitel von der Milch.

Ei» Labetrunk für Gesunde und Kranke. Von Hildegard Orth.

-. Es gibt bestimmt kein Getränk, das unserer Gesund- b, kl? zuträglich wäre wie Milch. Ganz gleich, ob sie . irischem Zustande genossen wird, also wie man zu lagvi pflegt, „direkt von der Kuh", ob gekocht oder be- ™ geronnen als saure Milch. Der verschiedenen Meta- r^rphosen nicht zu gedenken, die sie teils infolge wirt- Mtlichex Verwendung erleidet, teils durch künstliche Zu- Molken, Buttermilch, Kefir oder Kumys. Nicht §Eu.wird ihr Wert sogar noch gesteigert, indem aus ^einfachen Erfrischungs- und Kräftigungsmittel nun- ftJ- ^cht und schlecht eine Arznei zustande kommt. Fest Z* £"■ für allemal, daß einerseits der Mensch allein nohLi ^ * u leben vermöchte, ferner, daß diese voll- iS 1 « durch kein anderes Surrogat ersetzt werden könne, ^uchr, die zu diesem Zwecke unternommen wurden, isi*i tt !a recht hübsche Ergebnisse zutage gefördert haben, S-mess«n mit dem großen Naturerzeugnis selber, ES * 11 fie nimmer stand. Die Wissenschaft konnte sich s^"n8 darauf beschränken, dieses letztere widerstands- Zr* Segen die verschiedenen Einflüsse zu machen, die unter Umständen arg zusetzen. So danken wir vor Soxhlet in München den ganz gewaltigen Fort- M„.d»ß er die Menschheit lehrte, wie man Milch ^listert", also keimfrei hinstellt. Auch „konserviert »kondensiert" kommt sie heute in den Handel. Im Falle gleichfalls keimfrei gemacht, im letzteren ^lndämpfen überdies ihres Wassergehalts beraubt. Arten bleiben „och Wochen hindurch süß, bilden &cn ’ der auf frische Milch verzichten muß, ein sehr ji°^«swertes Ersatzmittel. Schließlich kennt man sogar das, in heißem Wasser gelöst, recht und schlecht

^ Filch ist, wissenschaftlich erklärt, die in gewissen üsen «leiblicher Wesen abgesonderte Flüssig! llt. Ö’ljji

ursprünglicher Zweck besteht darin, den jungen, erst ins Dasein tretenden Individuen die geeignete Nahrung zu verschaffen. Bedauerlicherweise ist das 'Getränk nicht immer derartig, daß es ohne Bedenken vom Menschen zu sich genommen werden kann. So kennt bie Praxis eine ganze Reihe von Fehlern, die der Milch anhaften. Es gibt salzige und sandige, bittere und blutige, wässerige und schleimige, blaue, rote und gelbe Milch. Bald säuert sie zu schnell, dann wieder geht sie sogar binnen kürzester Frist in einen geradezu faulenden Zustand über. Die meisten dieser Fehler sind ans Mikroorganismen zurttck- zusühren, die sich der Milch mitteilten, nachdem sie bereits dem Euter entnommen war. Andere dagegen hängen mit irgend einem krankhaften Zustand der Kuh zusammen. Wenn diese nicht völlig gesund ist, kann es selbstverständ­lich die Milch auch nicht sein. Das gilt zumal von Kühen, die an der Perlsucht leiden, also jener Krankheit, die der Tuberkulose, wie sie die Menschheit geradezu dezimiert, so ähnlich ist. Schließlich mutz auch die Fütterung wie ans die Erzeugung einer geringeren oder größeren Menge von Milch, so auch auf deren Beschaffenheit entschiedenen Einfluß ausüben. Stoffe, die schädlich oder gar giftig sind, werden auch, an Kühe verfüttert, in der diesen ent­nommenen Milch vorhanden sein. Jeder Landwirt weiß, daß Rübenfütterung nachteilig auf den Geschmack der Milch wirkt, während Kühe, die sich von saftigen Kräu­tern oder frischem Gras nähren, ein Getränk spenden, an dem Gesunde und Kranke sich laben können.

Denn wie herzhaft Milch mundet, wenn man, er­müdet vom Wandern, durstig und hungrig ein GlaS da­mit gefüllt in den Tagen des SommerS für Geld und gute Worte erhält, das hat wohl jedermann schon erfah­ren. Sie erquickt und kräftigt zugleich. Kranken oder Rekonvaleszenten bekommt bekanntlich eine regelrechte Milchkur unter Umstünden ganz vorzüglich. Wichtig ist nur, daß sie hinreichend lange Zeit durchgefüyrt wird, und daß ferner das Getränk Kühen entnommen ist, die völlig gesund sind. Leider vermögen sich viele Menschen mit dem Geschmack nicht so ohne weiteres zu befreunden; er dünkt ihnen weichlich, erregt sogar Mißbehagen und in manchen Fällen recht und schlecht BerdaunngsslorniMii.

Dann bleibt freilich nichts weiter übrig, alS das Getränk in einen Zustand zu versetzen, der einerseits den Genuß erleichtert, andererseits die etwa ungünstigen Folgen nach Möglichkeit aufhebt. So sind keine Verdauungsbvschwer- den in Sicht, wenn man Milch mit Etchelkakao kocht -f etwa in dem Verhältnis, daß 1 bis 3 Teelöffel davon aus einen halben Liter des Getränks gerechnet werden. Wer nicht gerade an einer Krankheit leidet, die den Genuß von Spirituosen verbietet, steuert dem Unbehagen, das beim Trinken von Milch empfunden wird, schon meistens da­durch, daß man ihr etwas Rum oder Arrak beimischt. Sehr zu empfehlen ist schließlich Milch in Geleesvrm, zumal wenn es sich darum handelt, Kranken, die scheinbar! eine unwiderstehliche Abneigung gegen das in Betracht kommende Getränk haben, damit so zu befreunden, daß sie es womöglich gern zu sich nehmen. Hier das Rezept: 1 Liter Milch und 1 Pfund Zucker werden auf Feuer ge­bracht und etwa % Stunde in stetem Kochen erhalten. Die Lösung wird dann sofort stark abgekühlt; indem man sie ununterbrochen langsam umrührt, fügt man ihr all­mählich und nacheinander 30 Graimn in Wasser aufgelöster Gelatine, 3 Gläser guten Weißweins und den Saft von vier Zitronen hinzu. Wichtig ist die soeben erwähnte ent- schiedene Abkühlung, nachdem die Milch vom Feuer ge­nommen worden, weil sie sonst bei dem darauffolgenden Mischungsversahren unfehlbar gerinnen würde. Nachher füllt man sie in Gläser, die man sorglich gegen jeden Luft­zutritt verschließt und an einem kühlen Orte ausbewahrt. Kranke, denen man von diesem Gelee gibt, erhalten da­mit ein gar nicht genug zu schützendes Kräftigungs- und Erquickungsmittel.

Den höchsten Wert besitzt das Naturprodukt gleichwohl als Nahrungsmittel für Säuglinge, die aus irgend einem Grunde auf die Muttermilch verzichten müssen. Jeder Arzt kann bestätigen, wie groß die Zahl der Fälle ist, in denen man zur Kuhmilch Zuflucht nehmen muß, um die junge Menschenblüte dem Dasein zu erhalten. Selbst­verständlich mutz jedoch zu diesem Zwecke da? Getränk so beschaffen sein, das; es den Kindern auch bekommt. Nun geht aber Milch in der heißen Jahreszeit überaus leicht in Metamorphosen über, die sie für solche Wer-