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Donnerstag. 23. September 1915. ülOtQCU * &USQ(tÖ£»

Nr. 443. ♦ 63. Jahrgang.

Der Krieg.

Abgeschlagene Angriffe der Franzosen bei Souchez und Neuville. — Südwestlich von vünadurg die russische Stellung durchbrochen.— weiteres Zortschreiten der Angriffe bei Gschm- jana. — ver Gawia-Abschnitt überschritten. — weitere Fortschritte auch bei der Armee des Prinzen Leopold von Bayern. — Insgesamt 9 Gffiziere, 3000 Mann gefangen» 13Maschinen- geweyre erbeutet.

Der Tagesbericht vom 22. September.

W.T.-B. Großes Hauptquartier. 22. Sept. (Amtlich.)

westlicher Kriegsschauplatz.

Zwischen Souchez und Neuville sowie östlich von R o c l i n co u r t griffen die Franzosen gestern abeud an. Der Angriff brach im Feuer vor unseren Hinder­nissen zusammen.

In der Champagne und nordwestlich des Gehöfts Beausejour wurden französische Schanz­arbeiten durch konzentrisches Feuer zerstört. Stärkere Patrouille«, die teilweise bis zur drit­ten feindlichen Linie durchstießen, vervollständigten die Zerstörun-' unter erheblichen Verlusten für die Fran­zosen, maa,lcu eine Anzahl Gefangene und kehrten be­fehlsmäßig ln unsere Stellung zurück.

Ein englisches Flugzeug wurde bei Willcrval (östlich von Neuville) von einem deutschen Kampfflieger abgeschoffen. Der Führer ist tot, der Beobachter wurde verwundet gefangen genommen.

Geftlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe des Generalfeidmarschall» von ksindenburg.

Südwestlich von L e n n e w a d e n (an der Düna, nordwestlich von Friedrichstadt) machten die Rusien einen Vorstoß. Es wird dort noch gekämpft- Östlich von Smelina (südwestlich von Dünaburg) brache« unsere Truppen in die feindliche Stellung in einer B r e i t e von 3 Kilometer ein, machten 9 Offiziere sowie 2000 Mann zu Gefangenen und erbeute­ten 8 Maschinengewehre.

Nordwestlich und südwestlich vo« Oschmiana ist unser Angriff in weiterem günstigen Fortschrei- tcn. Der Gawia-Abschnitt ist beiderseits Subot- n i k i überschritten.

Der rechte Flügel ist bis in die Gegend nördlich von Nowogrodek voraekommen.

Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls

Prinz Leopold von Bayern.

Ter M a e r j a d z - Abschnitt ist auch südöstlich des gleichnamigen Ortes überschritten.

Russische Stellungen auf dem westlichen Mi schon ka Ufer, beiderseits der Bahn Brest- L i t o w s k - M i n s k, wurden erstürmt und dabei 1000 Gefangene gemacht und 5 Maschinengewehre erbeutet. Weiter südlich wurde Ostrow nach Häuserkampf ge­nommen. über den Ogiuskr-Kanal bei T rie­ch an y vorgegangene Abteilung warf die Russe« in der Richtung Dobroslawka zurück.

Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls von Mackensen.

Östlich von L o g i s ch i n fanden kleinere Kämpf« statt.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Nichts Neues.

Oberste Heeresleitung.

*

900 Gefangene bei Norvaja-Myisz. — Auf dem italienischen Kriegsschauplatz die Lage unver­ändert. — An der Save und unteren vrina Artilleriebampf.

ver österreichisch, ungarische Tagesbericht.

W.T.-B. Wien, 22. Sept. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 22. September, mittags:

Russischer Kriegsschauplatz

In O st g a l i z i e n nnd Wolhynien ist die Lage unverändert. An der Jkwa kam es in einigen Abschnitten zu heftigen Art i II er i e kä mpf eit. Ver­einzelte Versuche der Rusien über den Fluß vorzudrin­gen, scheiterten im Feuer unserer Batterien.

Die in Litauen kämpfenden k. und k. Streit- kräfte haben gestern im Raume Nowaja-Myisz eine russische Stellung durchbrochen, 900 Mann zu Gefangenen gemacht nnd 3 Maschinen­gewehre erobert.

Italienischer Kriegsschauplatz-

Gegenüber dem nördlichen Abschnitt der Hochfläche von L a sb r a u n unterhielt die feindliche Infanterie heute durch mehrere Stunden vor Tagesanbruch ein sehr heftiges Feuer, ohne jedoch vorwärts zu kommen. Im Dolomitengebiet erhöhte die italienische Ar­tillerie ihre Tätigkett gegen den MoutePiano und das Gebiet beidersetts dieses Berges. Die Gesamtlage ist unverändert.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

An der Save und untere« Drina Artillerie­kampf und Geplänkel. Pozarevac und vk. G r a d i st e wurden mit Bomben belegt-

Montenegrinische Artillerie beschoß T e o d o.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höfer, Feldmarkchalleutnant.

*

Ein holländisches Blatt über die bedrängte Lage der ruffische« Zentralheere.

Haag, 21. Sept. (Jens. Bln.) Wer die Bedeutung des Falls von Wilna schreibt die „Nieuwe Rotterd. Courant": Der Fall von Wilna hat in strategischer Beziehung autzer- crdentlich wichtige Folgen. Von einer regelmäßigen Schwen­kung der zentralen russischen Heere nach dem Nordosten in der Richtung der Düna kann jetzt keine Rede wehr sein. Die Front zwischen Düna und Wilna ist d u r ch- brachen worden. Die Verbindung zwischen den russi­schen Heeren an der Düna und an Milia und Memel ist ver­loren gegangen. Die gesamten russischen Streitkräfte, welche sich noch auf der nordwestlichen Seite der Eisenbahn Lida-Molodetschno-Petersburg befinden, müssen nun in einer Richtung zurückgehen, die keineswegs in der Haupt- cichtung des bisher ausgeführten Rückzugs liegt, son­dern quer durch diese läuft. Während also der rechte russi­sche Flügel aufgerollt wird, wird gleichzeitig der Raum für seine Rückzugsbewegungen verringert, so daß dadurch auch die russischen Zckntralheere als bedrängt angesehen wer­den müssen.

Neue Beispiele der unerhörten russischen Greuel gegen die eigene Bevölkerung.

Neue amtliche deutsche Feststellungen.

W. T.-B. Berlin, 22. Sept. (Amtlich.) Die deutsche Oberste Heeresleitung hat schon mehrfach in ihren Berichten die unmenschliche Behandlung erwähnt, welche die zurück­slutende russische Armee den eigenen Landsleuten zuteil wer­den läßt. Die ausführlicheren Meldungen unserer Armee­gruppen brachten und bringen immer wieder Einzel­heiten darüber, wie schonungslos die Russen kurzer Augenblicksvorteile willen die unschuldige Be­völkerung opfern. Gegenüber den Ableugnungsver­suchen des russischen Generalstabs seien einige Beispiele an­geführt: Am 28. August berichtete Generalfeldmarschall von Mackensen, daß die Russen den vordringenden deutschen Kolonnen Tausende von Einwohnern, darunter Weiber und Kinder, entgegentrieben, von welchen leider im Gefecht einige getötet worden sind. Am Tage darauf ist von derselben Heeresgruppe folgender Bericht einge­laufen: Die Russen treiben unseren angreifenden Truppen zahllose Flüchtlinge aus der Zivilbevölkerung entgegen. Diese Maßnahme wurde erst in den letzten 24 Stunden von den Russen angewendet; sie kann nur auf die Absicht zurückgeführt werden, wegen der Anhäufung bei K o b r i n (Kobrin lag im Rücken der russischen Stellung) und nördlich davon den weiteren Vormarsch unserer Truppen mit allen Mitteln aufzuhalten. — Am 1. September meldete die Armeeabteilung v. Woyrsch: Eine wahre Völker­

wanderung von Flüchtlingen zieht über Prudzana west­wärts. Sie sind von den Russen wieder in Freiheit gesetzt worden, als die russischen Bagagen Gefahr liefen, durch die Wagen der Flüchtlinge an einem rechtzeitigen Entkommen gehindert zu werden. Teils liegen die Flüchtlinge seitwärts der Dämme neben ihren Wagen, deren Pferde von den Kosa­ken mitgenommen worden sind. — Spätere Berichte schildern die Zustände aus den russischen Rückzugs st raßen im Sumpfgebiet als äußerst traurig. Sobald durch die mit kümmerlicher Habe beladenen Flüchtlingswagen Störungen entstanden, warfen die Russen rücksichtslos die fliehen­den Bewohner samt den Fahrzeugen in den Sumpf. Die Pferde schnitten sie von den Wagen ab und gaben die eigene Zivilbevölkerung zu Hunderten hilflos dem Hunger­tod und dem VersinkenimSumpf preis.

Große Kundgebungen gegen die vuma- vertagung in Petersburg.

Eine Mahnung des kommandierenden Generals an die Arbeiter.

Br. Stockholm, 22. Sept. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) In den Straßen der nördlichen Borstädte Petersburgs und auf der Wiborger Seite fanden gegen die Vertagung der Duma Kundgebungen und Umzüge mit roten Fahnen statt. Rufe ertönten: „Nieder mit der Regierung!" Die Arbeit ist immer noch in einem Drittel aller Fabriken einge­stellt. Im „Mir" wird der Aufruf des kommandierenden

Generals des Petersbürger Kriegsbezirks veröffentlicht, der! besagt: „Die Arbeiter haben in den Fabrikgebäuden allerhand Fragen erörtert und Zusammenkünfte auf die Straßen ver­legt, denen Straßenkrawalle und Arbeitseinstellungen folgten. Unser hauptkommandicrender General Rußki nennt solche Handlungsweise Baterlandsvcrrat. Wenn wir auch schmerzlich die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz emp­finden, so sind keinesfalls innere Unruhen b e -r r e ch t i g t. Ich ermahne euch: Dient und seid tätig!"

Das aufgelöste Zenttalkomitee in Warschau verteilt seine Gelder.

Warschau, 22. Sept. (Jens. Bln.) Das von der deutschen Behörde aufgelösteBürgerkomiteein Warschau ver­teilte seine Mittel in Höhe von 1290 000 Rubeln; es erhalten u. a. die Schulen in der Provinz 300 000 Rubel, die Vereine zur Beschaffung von Lebensmitteln 120 000 Rubel, die Hand­werkersektionen 90 000 Rubel, bedürftige Personen höherer Stände 42 000 Rubel, verschiedene Wohltätigkeitsanstalten 71 000 Rubel und die Stadt Sosnowice 25 000 Rubel.

Keine Verhandlungen mehr mit dem russisch-polnischen Verständigungskomitee.

Petersburg, 21. Sept. (Zens. Bln.) Ministerpräsident Goremykin hat den Führern der polnischen Dumafraktion mit­geteilt, daß weitere Verhandlungen mit dem sogenannten russisch-polnischen Verständigungskomitee nicht mehr stattfinden werden.

Die leidende Sarin geht nach der Krim.

Petersburg, 22. Sept. (Zens. Bln.) In Zarskoje-Sselol werden alle Vorbereitungen für die Abreise der Zarin ge­troffen. Der Ehef der kaiserlichen Eifenbcchnzüge Koputkyn erhielt entsprechende Anweisungen für die Zarinreise nach der Krim. Hofarzt Britnew wird die Zarin, die außerordentlich leidend ist, begleiten. Die kaiserlichen Prinzessinnen sind teils in der Flüchtlingsfürsorge und der Verwundeten- und Waisen- hilse tätig. Ob der kränkelnde Kronprinz die Zarin begleiten wird, ist noch unbestimmt.

Eine besondere Ehrung zum Geburtstag Hindenburgs.

Bromberg, 22. Sept. Städtische Behörden und Vaterlän­discher Frauenverein planen zum 2. Oktober, dem Geburts­tag Hindenburgs, eine besondere Ehrung des Feld­marschalls durch einen vaterländischen Festtag, in dessen Mittelpunkt die Weihe und Nagelung eines Eisernen Kreuzes steht.

Ein neues Blatt der Weltgeschichte.

Auf dem Balkan bereiten sich große Dinge vor, die Beischießunlg von Semendria durch deutsche Artillerie ist >der Beginn einer lang vorbereiteten und weit ausgreff senden Aktion, Wer die nicht gesprochen werden konnte, solange der Zeitpunkt für sie noch nicht gekommen war- Auch jetzt kann nicht viel anderes gesagt werden, als daß die Erwartungen hochgespannt werden dür­fen. Seit Wochen weiß man, daß die bulgarisch-türkische Verständigung die Einleitung zu einer wichtigen Erweiterung des Krieges werden sollte; und weil dies sicher schien und auch gar nichts verborgen ge-l halten wurde, gab es manche Verwunderung darWer, daß sich die Ereignisse so langsam entwickelten. An der Bedeutung dessen, was nunmehr kommen soll, wird man jedoch erkennen, daß diese scheinbar zögernde Ent­wicklung notwendigevweffe mit größter Sorgfalt und ohne Rücksicht auf vorwärtsdrängende Unge­duld vor sich gehen mußte. Denn im Hintergrunds zeichnen sich die Umrisse von politischen wie m ritt tärischen Operationen ab. die eben Zeit haben! wollen. Es ist das erste Mal in der Geschichte, daß Deutsche gegen Serben kämpfen; das erste! Mal, daß deutsche nnd bulgarische Truppen zur Er-' reichung eines großen Zieles zusammenwirken sollen^ das erste Mal auch, daß Deutsche mit Engländern und Franzosen in den Gestaden des südlichen Meeres die Waffen kreuzen werden. Wenn es der letzte Sinn dieses Krieges ist, daß eine Entscheidung darüber fallen! soll, ob England eine Weltherrschaft ausüben darf oder als Gleicher neben Gleichen zu stchen hat, dann ist es die in den Dingen liegende Folge, daß die Entscheidung dort fallen muß, wo die britische Macht ihr Rückgrat hat, und das sind die Gebiet« Vorderasiens bis hinab zmn Roten Meere. In London hat inan wohl gewußt, weshalb sv ungeheure Opfer an die Bezwingung der Darda­nellen gefetzt werden mußten. Dies Unternehmen mag schlecht vorbereitet gewesen sein, aber der Gedanke war richtig. Denn wenn der Ansturm auf diese Kern­stellung des türkischen Reichs gelungen wäre oder noch gelingen könnte, so hätte 'das Schicksal gegen uns entschieden, und unsere noch so gewaltigen Siege in Ost und West hätten höchstens das G l e ich g ew i cht wiederherstellen, nicht aber uns die letzte Entschett dung in die Hand spielen können. Das dürfen wir heute ruhig sagen, wo wir gerade weit genug gekommen sind, um die Gewißheit zu haben, daß der englische