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Lerlag: Langgasie 27.

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Borgen - Ausgabe

Lharlottenlmrg in London.

Die Londoner Zeitschrift „Justtce" brachte kürzlich eine Artikelreihe von dem in London lebenden deutschen Soüalvolitiker Rothstein unter dem Titel „Der Nieder­gang der britischen Industrie", und diese Artikel sind dann von der „Neuen Zeit" übernommen worden, wo sie von deutschen Lesern mit doppeltem Nutzen gewürdigt werden konnten. Nicht nur, daß man aus ihnen ein höchst lebendiges, höchst instruktives Bild von einer unabsehbar großen Reihe von Beweisen für den wirtschaftlichen Rück­gang Englands empfing, sondern man sah auch mit einer gewissen Überraschung, wie unbefangen ein sozialdemo­kratisches Blatt deutsche Zustände loben kann, ohne sich dessen bewußt zu sein. Dies aber geht so zu: Die zahl­reichen Zeugnisse englischer Fachmänner für das Nach­lassen der dortigen industriellen und kaufmännischen Tätigkeit laufen beinahe durchweg auf rückhaltlose An­erkennung der deutschen Wissenschaft und der Tüchtigkeit des deutschen Unternehmertums hinaus, also auf die Konstatierung durchaus gesunder Zustände im bürger­lichen Deutschland, auf die Feststellung einer klugen und einsichtigen Fürsorge der Staatsgewalt und der herrschen­den Klassen für die Pflege von Wissenschaft und wissen­schaftlicher Praxis. Nichts dergleichen würde ein deut­scher Sozialdemokrat in Deutschland selbst von unseren Zuständen auszusagen wagen, und zwar würde er es aus Besorgnis vor dem verkniffenen Argwohn der Genossen nicht wagen. Auf dem Umwege aber über die britische Selbstkritik kommt das Alles nun zu uns und in erster Linie sogar zur deutschen Sozialdemokratie, was denn, wie gesagt, ebenso hübsch wie belehrend ist. Der Ber- sasser der Untersuchungen über den Niedergang der bri­tischen Industrie erwähnt u. a. die Bemühungen der einsichtsvollen Engländer um die Schaffung eines bri­tischen „Charlottenburg", also einer wissenschaftlich-tech- mschen Bildungsstätte nach dem Muster der Technischen Hochschule zu Charlottenburg. „Ich bin der Ansicht," sagt z. B. vr. Gordon Parker, der Vorsteher des Herolds- FnstitutS, „daß der Durchschnittsstudent der Naturwissen­schaften, der London, Viktoria oder eine andere englische Universität absolviert hat, meist eine Menge Tatsachen ans der Geschichte der Chemie, die Daten, wann gewisse Entdeckungen gemacht worden sind, kennt und einige all­gemeine Kenntnisse von den Elementen und deren Ber­andungen besitzt: aber als praktischer Chemiker müßte er Übung im Anstellen von Untersuchungen haben, und — mag unpatriotisch klingen — ich bin geneigt, zu glauben, daß man diese nirgends besser als in Deutsch­land erhalten kann. Die jungen Chemiker, die in un­serem Lande im Alter von 20 bis 22 Jahren die akade­mische Würde erlangen, stehen nach meiner Meinung erst "m Anfänge ihrer chemischen Bildung." Und ebenso steht « mit jedem anderen Industriezweige. Kein Wunder, innerhalb des letzten oder der letzten beiden Jahre °m bemerkenswerter Umschwung in der Auffassung da­rüber, welche Art von technischer Bildung wirklich am mangendsten erforderlich ist, sich an allen Enden fühlbar Mr. Sidney Webb, Lord Roseberry, die London "chnrcal Education Board, sogar die Herren Wernher,

Beit u. K., alle rufen nach einem Londoner „Charlotten bürg", nach einer technischen Schule zur Heranbildung der industriellen Führer im Gegensatz zu der der ein­fachen Arbeiter. .

Was ist diese höhere technische Mldung, die unt dem — an sich sehr törichten, aber für praktische Zwecke recht bezeichnenden — Ausdruck „Charlottenburg" versinnbild­licht wird? Nach dem zu urteilen, was die meisten ihrer Fürsprecher über den Gegenstand sagen, wird sie geradezu als ein Handelsartikel betrachtet, der importiert oder produziert und dann ganz zum Vorteil der Verbraucher konsumiert werden kann. Ist dies wirklich ihre Ansicht, dann wird die neue Bewegung ebenso mit einem Miß­erfolg endigen, wie es die alte Bewegung für elementare und mittlere technische Bildung tat. Der Grund ist sehr klar. Höhere technische Bildung ist ein Teil und ein Stück eines umfassenden Systems von höherer und ele­mentarer, allgemeiner und spezieller Bildung, und man kann die eine nicht von der anderen trennen, sie impor­tieren und mit Erfolg zum Gedeihen bringen. Rothstein sagt mit Recht: „Es ist augenscheinlich, man mag in jeder großen Stadt des Vereinigten Königreichs ein Char­lottenburg bauen, so wird doch, so lange sie isoliert da­stehen und nicht einen organischen Bestandteil in einem wohlausgedachten und gut ausgebauten System allge­meiner Bildung darstellen, ihr Einfluß fast gleich Null sein!!

Mr. Swan sagt: „In Deutschland ist die Anzahl der Personen, die die Universität absolvieren, weit größer als in England. Dadurch liefert es viel mehr Männer von großer Allgemeinbildung und hoher geistiger Schu­lung. Die Klasse jener Männer, die in Fabriken und großen industriellen Unternehmungen tätig sind, scheint in England die Notwendigkeit höheren Unterrichts nicht so zu würdigen wie die entsprechende Klasse in Amerika und Deutschland. Ich schreibe den größeren Fortschritt in Deutschland im großen und ganzen der besseren All­gemeinbildung des Volkes zu."

Also, der Schwerpunkt liegt im Mangel an Bildung und an „Jntellektualität". Kann man solchen Mangel so schnell beseitigen? Rothstein glaubt nicht, daß es ge­schehen könnte, und man hat keinen rechten Grund, seinen wohlbegründeten Zweifel nun wieder zu bezweifeln. Mit dem „Charlottenburg" in England wird es also noch gute Wege haben. _

Politische Übersicht.

Türkisches.

1. K o n st a n t t n o p e l, 13. Dezember.

Nach der Pression der Mächte auf den Sultan, die österreichisch-russische Reformnote endlich anzunehmen, hat sich dieser in der bekannten türkischen Form dazu ver­standen, das heißt, die Pforte akzeptiert dieVorschläge „im Prinzip", behält sich aber die Modifikation der einzelnm Punkte vor. Ganz neu ist das zwar nicht, denn dasselbe hat sich bereits vor 25 Jahren und seitdem noch öfters ereignet, ohne daß etwas geschehen ist, doch daraus kommt es ja auch nicht an, wenn nur das Prinzip gerettet wird-; das ist und bleibt ja die Hauptsache! Warum solle auch der Padischah anders handeln, wenn ihm Kaiser Franz Joseph und Nikolaus H. schon dafür ihren verbindlichsten

Dank zu Füßen legen? Getan wird selbstredend nichts werden, erstens, weil Neuerungen einzuführen in der Türkei gefährlich ist, wie das Beispiel des Vorgängers Abdul Hamids zeigt, der sofort entthront wurde, als man vou ihm ein derartiges Vorgehen erwartete. Es kann auch weder in der Absicht . des Sultans noch m seinem Interesse liegen, den Christen Freiheiten zu be­willigen, die die türkische Herrschaft gefährden könnten und auch den Fanatismus der Muselmänner in praktische Taten übersetzen würden. Dagegen zeigt man sich hier Mehr als je bemüht, wenigstens dm Schein aufrecht zii erhalten, als ob die Reformversprechungen wirklich ernst gemeint seien. Dafür lieferte der folgende ergötzliche Vor- fall eine treffende Illustration. Der Stern der Comädie Frantzaise, Coquelin cnäek, trat vor , einigen Tagen in einem Theater in Pera auf und rezitierte u. a. einen Monolog. In diesem bezeichnet« er es als das Modernste in der Politik, Reformen zu versprechen, ohne sie auszuführen. Man kann sich das Entsetzen der Hos- beamten und der Polizei denken, als diese Frevelworte gefallen waren, und dieses Entsetzen steigerte sich bis zur völligen Sprachlosigkeit, da der Gesandte Rußlands, Sinowiew dabei lächelte, einige Rapporte an den Groß- Herrn behaupteten sogar „lachte". Sofort wurde eine strenge Untersuchung angestellt, der Zensor verneinte, daß ihm der betreffende Passus unterbreitet worden sei, die Theaterdirektoren sagten, sie hätten von nichts gewußt, und nachdem auch der Sünder selbst sich entschuldigt und der französische Gesandte Constans Fürsprache eingelegt, wurde Coquelin verziehm, der hoch und heilig versicherte es nicht wieder tun zu wollen. So ist der Thron Abdul Hamids abermals vor großer Gefahr bewahrt worden

Aus der juristischen Werkstatt.

Der Abschluß eines Jahres veranlaßt zu Rückblicken über die fortschreitende Entwickelung der einzelnm wissenschaftlichen Disziplinen. Es ist interessant, einmal eine solche Rückschau über die Fortmtwickelung des Rechts zu halten. Man kann daraus das Resultat ziehen, ob sich die Rechtspflege in aufsteigender Linie befindet. Einm solchen Überblick gewinnt man am bestm, wenn man an der Hand des jetzt vollendeten 8. Jahrganges des ver­breitetsten juristischen Organes, der „Deutschen Juristen- Zeitung", die jurissischen Vorgänge des abgelaufmm Jahres an sich vorüberziehm läßt. Lag weitaus die größte Tätigkeit der juristischen Disziplin in dm letztm Jahren auf gesetzgeberischem Gebiete, indem die Schaffung des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches und der damit in Verbindung stehmdm zahlreichen Gesetze auf dem Ge­biete des bürgerlichen Rechts dm größten Raum in An­spruch nahm, so überwiegen, nachdem diese Gesetze jetzt volle drei Jahre in Wirksamkeit sind, zunächst Fragen ihrer Auslegung in der Praxis. Man kann dabei unseren höchsten Gerichtshöfen, insbesondere dmr Reichsgericht, nicht die Anerkennung versagen, daß die größte Zahl der gefällten Urteile dem Volksbewußtsein durchaus entspricht. Freilich, wäre zu wünschen, daß es noch mehr der Fall sei. Unsere Gesetzgebungsmaschine stand auch im letzten Jahre nicht ganz still; aber die Sucht, neue Gesetze zu schaffen, hat glücklicherweise doch endlich einmal etwas nachge-

Feuilleton.

Erinnerungen von Ludwig Larnay.

Biel zu früh im Verhältnis zu seiner noch ganz un- Er?" iett Schöpferkraft hat Ludwig Barnay der w (m * Äu f der Bühne entsagt, um sich der wohlverdien- i- -^uße hinzugeben. Aber auch in dieser Ruhezeit ist he» .Natürliche Mitteilungsbedürfnis des darstellen- Künstlers geblieben. Man wußte, daß es ihm nicht Mte, in persönlichem Verkehr auf seinem Parkstraßcn- skulum heiter-geistreich den zahlreichen Freunden das °^.^iner Lebenserfahrungen anzuvertrauen, in einem kei?"Erlichen Memokrenwerke wollte er der Osfentlich- ck» Ees kundgeben, was ihm aus seinem vielbewegten i, *" 1 erwähnenswert erschien. So sind nun seine „E r - Zungen" in zwei starken Bänden, geschmückt mit ^eihe von interessanten Porträts des Künstlers, 'Verlage von Egon Fleischel L Ko. zu Berlin er-

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schien.

en.

In Jr f,atte ein Recht dazu, so sich auszusprechen. Wenn kenl . lorbeergeschmlickte Mimen in ihren Denkwürdig. toS täglich den trostlosesten Klatsch aus dem großen ein M ^^arkte der Schaubühne auskramen, so dürfte «eil*! ttnn ' der immer seine Kunst sub specie aeterni itanjfs' der hochverdiente Organisator des Darsteller- * tt dessen Laufbahn sich zugleich ein bedeutsamer w r der modernen Bühnengeschichte vor uns abspielt, z„ ^beanspruchen, mit Achtung und Interesse angehört

der schriftstellerische Fertigkeit spricht er sich selbst in zur ^°rrede seines Buches bescheiden ab: er will nicht jes- Deutlichen Literatenzunft gerechnet werden. Aber ® e Ue des Werkes widerlegt ihn: er versteht aufs "dlgste zu erzählen, bald in amüsant unterhaltendem

Plauderton, bald in gründlicher Erörterung allgemeiner Fragen.

Seine Jugend fällt noch in die Zeit, wo die Stellung des Bühnenkünstlers vielfach einer gesellschaftlichen Aechtung gleichkam. Und so ist auch Barnay in Oppo­sition gegen eine altgefestigte Tradition der Familie Künstler geworden. Höchst amüsant erzählt er von seiner Jugend in Pest, von dem Freiheitsjubel der ungarischen Revolution, den der Knabe mitcrlebte, von den bedeu­tenden Männern, die tm angesehenen Vaterhause ver­kehrten, von der mütterlichen Ohrfeige, die ihn zu seiner ersten tragikomischen schauspielerischen Exkursion nach Wien veranlaßte. Nach seiner Einheimsung quält er sich in allen möglichen kaufmännischen Stellungen ab — er ist selbst eine Zeitlang Maurer gewesen —, bis eine Leidenschaft zu einer hübschen Schauspielerin ihn in die Welt hinaustrcibt. Alles Elend der wandernden Schmieren niacht er dann durch, das den meisten Kunst- novizen von heutzutage wie eine romantische Sage klingt, bis ein erfolgreiches Auftreten in seiner Vaterstadt auch den Vater mit dem Berufe des Sohnes aussöhnt. Aber cs dauert noch lange, bis er sich zur Berühmtheit durch­ringt. Wohl nimmt Heinrich Laube, durch Sonnenthal auf das vielversprechende Talent aufmerksam gemacht, sich seiner freundlich an, aber das Debüt im Burgtheater, wo er den Karl Moor spielt, endet mit einem argen Fiasko und schlimmem Hohne der Kritik. Allmählich er­kennt er dann seine eigentliche Befähigung,die ihn nicht zum jugendlichen Liebhaber, sondern zu Heldenrollen prädestinierte. Und nun folgt ein Wanderleben an den mannigfachsten Theatern Deutschlands: in Mainz, Riga, wieder in Mainz, Leipzig, Weimar, Frankfurt, Ham­burg ist er kürzere oder längere Zeit engagiert, um nach und nach in seine Größe hineinzuwachsen. Schon An­fang der 70er Jahre weiß die ganze künstlerische Welt

seine eminente Bedeutung zu würdigen, und so durfte er mit Recht damals, als Ae Meininger mit ihren Bühnen­reformen ins Leben traten, als Ehrengast ihre Fahrten mitmachen und in der ewig denkwürdigen Aufführung des „Julius Caesar" zu Berlin den Antonius spielen. Eben in diese Jahre fällt auch seine große organisatorische Tat, durch die er um den ganzen Schauspielerstand sich ewig verdient machte. Mit welcher Energie er sich dnrch- kämpfen mußte, bis er die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger ins Leben rufen konnte, davon er­zählt ein besonders interessantes Kapitel, in dem freilich auch die bittere Klage über spätere unverdiente Zurück­setzung nicht fehlt. In glänzenden Gastspielreisen nach England, Rußland, Amerika, in der Teilnahme an den Possartschen Meisterspielcn in München gipfelt seine künstlerische Tätigkeit, bis er dann als Genosse bei der Gründung des Deutschen Theaters auftrat und endlich in der Leitung seines „Berliner Theaters" ein unver­gleichliches Regietalent bewährte. Mit allem, was zur geistigen Elite Deutschlands gehörte, ist er in diesen Jahren in Berührung gekommen, und seine Begegnungen mit Franz Liszt, Joseph Rubinstein, dem Herzog von Meiningen u. a. geben die wertvollsten Beiträge zur Kenntnis bedeutender Männer.

Eine starke Subjektivität spricht aus dem Buche. AuS seinen künstlerischen und persönlichen Sympathien und Antipathien macht Barnay nirgends ein Hehl: bei solchen Stellen mag wohl mancher Leser im stillen dem tempe­ramentvollen Schriftsteller opponieren, aber wir erhalten doch auch zugleich durch diese ungeschminkte Offenherzig­keit ein durchaus wahrhaftes Bild dieser bedeutenden Persönlichkeit, die auch, wo sie in allgemeinen Fragen unrecht haben mag oder allzu sehr der persönlichen Er­bitterung nachgab, den unbedingten Respekt einer echten Künstlernatur erweckt. P.