1 b~~ ~ s Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts,
Nr. 22t.
Mittwoch, 22. September.
4915.
(92. Fortsetzung.) $ricöels Cicbc. (Nachdruck verboten.)
Roman von Anny von PanhuyS.
f Ern Brld ruhiger, sicherer Vornghucheit, stand die rarquise inmitten des Raumes und ihr Stiininchen uselte: „Ich Litte, mich den Damen vorzustellen." Und mit einein STOule befand sie sich dicht vor der Gräfin und lispelnd hauchte die kleine Dame: „Wie ich mich freue, ich hatte bereits das Verzügen in Scheve' nirtflert."
Die Gräfin verbeugte sich mit starrem Gesicht, ans so viel Frechheit Mar sie nicht vorbereitet.
„Ich freue mich doppelt, da ich Ihnen noch etwas, das Sie mir liehen, wiederzugeben habe, ich mußte plötzlich abreisen damals und vergaß es in der Hast", zirpte die Marquise. * „Meine Sendung, die ich Ihnen von Paris ans machte, kam leider als unbestellbar zurück." Konnte die Person lügen!
Und die sanftx Stimme flüsterte weiter: „Ich habe das' Geliehene bei inir in Wiesbaden, ich sende es Ihnen gleich in den nächsten Tagen, ma clidrie", nun nahm sie Platz, die starre Laffetseide ihres schwarzen Kleides knisterte wie halb verhaltenes, spöttisches Kichern. Beinahe ward die Gräfin durch das sichere Benehmen der Französin irre. Hatte sie ihr nicht vielleicht doch unrecht getan mit ihrem Mißtrauen? Mer nein, die vielen Ringe der granck'wtzre bewiesen klar das Gegenteil, und es würde der würdig Aussehenden gar nicht einsallen, ihre Schuld zu begleichen, ebensowenig wie bei dem Jonkheern van Moelen und bei der Baronin Stellseid und den anderen, denen sie sämtlich den echten Ring verpfändet. Wie gern hätte sie der gepuderten Marquise die Maske vom Gesicht gerissen, aber das durfte sie nicht hier in der Wohnung der Exzellenz. So schwieg sie denn und beteiligte sich mir wenig an der Unterhaltung, die sich zwischen Frau von Eber und der Marquise entspann. Wie komisch die zarte Glockenstimme und die hohen Schrilltöne gegeneinander klangen!
Frau Professor Walter rückte mit iihrein Stuhl näher an die Gräfin heran und begann mit ihr zu plaudern. Die verwitwete Frau Professor Walter, eine geborene von Löwensprung. konnte ihre adlige Geburt nicht vergessen- Sie nannte sich nur „Walter von Löwensprung" und wollte von Bürgerlichen nicht viel wissen. Sie war sehr reich, allerdings nur durch ihren toten bürgerlichen Gatten, da sie aber von ihrem Elternhaus aus viele Beziehungen zu verschiedenen Personen des Hochadels hatte, so verkehrten, mit wenigen Ausnahmen, fast gar keine Bürgerlichen bei ihr. Ein Prinz Dettenheim-Suckendorf von der veichsunmittelbaren Linie, den sie noch aus ihren Mädchentagen im Vaterhause kannte, war darunter. ,Der galt ihr als Prototyp der Vornehmheit. Alles, was er tat, war bewunderungswürdig, und wenn man sich mit Hermine Walter unterhielt, wurde man von ihr davon überzeugt, der liebe
t errgott sei eigentlich ein Pfuscher, Weiber nicht lauter rinzen geschaffen.
„Geradezu feudal sieht die Marquise auS", bemerkte keife Frau Hernnne Walter von Löwensprung, „der «Die Typus einer verfeinerten Rasse. Wenn man keine
Ahnung hätte, wer die Dame ist, so käme doch niemariÄ auf die Idee, sie in die Rubrik Müller oder Schulze einzureihen." Und lauter fügte sie hinzu: „Prinz Tet« tenheim äußerte neulich, ich hätte den rechten Blick, echte Vornehmheit von unechter sofort zu unterscheiden."
Die Gräfin amüsierte sich innerlich, denn daß die Marquise ebenso wertlos war wie ihre Ringe, daran zweifelte sie nickst.
„Sagen Sie, Gräfin, reitet Ihr Nesse und Schwiegersohn in den Rennen nächste Woche mit?" schrillte Frau von Ebers Organ herüber.
Der Gräfin stieg das Blut ins Gesicht. Solch einer Taktlosigkeit war doch nur die Eber fähig. Doch ehe sie noch eine passende Antwort fand, lächelte die mumiengleiche Alte: „Verzeihung, ich vergaß, in unseren Krei> sen sind gelöste Verlobungen Ausnahmesälle, daher meine Vergeßlichkeit."
Frau Hermine Walter fühlte sich jetzt veranlaßt, der Gräfin zuzurannen: „Prinz Tettenhcrm sagt, ans ihn wirkt die alte Eber wie ein Brechmittel."
Die Gräfin verspürte gar keine Lust mehr, sich den Taktlosigkeiten der Eber anszusetzen oder sich Mitteilen zu lassen, welche Ansichten Prinz Tettenheim über dies oder jenes hatte. Sie zog vor, sich unter einem Vorwände zu verabschieden Es ärgerte sie sehr, daß dis boshafte Frau da vor aller Ohren noch einmal an Frie- dels Verlobung mit Hans rühren mußte- Alles schien berests vergessen, >da kramte die Eber wieder die cifta Gegluckste heraus.
In der nächsten Woche erwartete man den Jonkheev van Moelen, dann sollte bald-die Verlobung sta-ttfinden. D«von ahnte Frau v. Eber nichts, denn sicher hätte sie ihr dann auch darüber irgend eine spitze Redensart zu schlucken gegeben. Friede! machte ein großes Glück, das war das Wichtigste, und sollten wirklich ein paar Klatschbasen schwatzen, man konnte es nicht hindern, hämische Worte diktiert meist der Neid. Und doch irrte die Gräfin, wenn sic glaubte, noch niemand wisse etwas von Jonkheer van Moelens Person.
Kaum hatte die Gräfin Sovhagen den De« verlassen, da fiel bereits der Name des Holländers. Und das kam so. ^ Die Marquise fragte, ob denn die Gräfin Sor- Hagen mehrere Töchter besitz«.
Die Exzellenz verneinte.
Ah, dann sei die Komtesse schon verlobt gewesen.
Ja. mit ihrem Cousin.
Das gepuderte Antlitz zog die schmalen kohlschwar* zeu Augenbrauen hoch: „Kmlim glaublich, meine Damen, kaum glaublich. O, in Sckieveningen flirtete die Komtesse mit einem reichen Holländer sehr auffallend. Alle Bekannten meinten, es würde ein« Verlobung geben, und ich hörte, daß er, der Holländer, die Damen auf sein Schloß einlud, ja, und •— die Damen sagten auch zu", berichtete die Marquise-
Frau von Ebers lippenloser Mund verirrte sich wieder: „Schamlos rst diese Friedei Sovhagen, solch
hätte sie nach ihrer Erfahrung vorläufig' gar keinen
