s». Jahrgang.
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K-. S87
Verlags-Fernsprecher No. 2SSS.
Donnersiag» den 17. Dezember.
RedaktionS-Ferusprecher No. S2.
1903.
Borgen-Ausgabe.
D Mm des AMmbllMtzm.
Die Welt am Ende des neunzehnten Jahrhunderts steht" unter dem Zeichen des Verkehrs", so hat Kaiser Wilhelm einmal gesagt und dies Wort gilt selbstver- sivndlich mit noch verstärkter ffraft für das zwanzigste Jahrhundert, in dem wir leben. Wo viel Licht ist, da ist viel Schatten. Dieser, fast möchten wir sagen, täglich sich steigernde Verkehr bringt auch gesteigerte Gefahren mit sich. Aber so töricht es wäre, um dieser Gefahren willen die Entwickelung des Verkehrs zu bekämpfen, so notwendig ist es andererseits, den durch den gesteigerten Veckchr hervorgerufenen Schäden nach Möglichkeit entgegenzutreten.
In der heutigen Zeit, wo wir nahezu jeden zweiten oder dritten Tag von einem Automobilunfall lesen, wird es jedem Leser ohne weiteres klar sein, daß die Einleitung unseres Artikels den Automobilen und den durch sie her- dorgerufenen Unglücksfällen gilt. Wir denken hierbei nicht an die unglückseligen Rennfahrten wie die Auto- mbilfahrt Paris-Wien, welche so zahllose Opfer forderte. Daß derartige Rennfahrtcn auf offener Straße, insbesondere nach jenen Vorkommnissen, bei uns nicht ge- stattet werden würden, kann als selbstverständlich angesehen werden. Aber auch bei dem gewöhnlichen Straßenverkehr werden durch Automobile so viele Unglücksfälle herdorgerufen, daß die Frage, wie diesem Mißstand wirksam abzuhelfen sei, mit wachsendem Interesse erörtert wird und dieses Interesse auch vollauf verdient.
An polizeilichen Vorschriften über die Regelung des Automobilverkehrs, die Einhaltung bestinimter Geschwindigkeiten mangelt es bei uns nicht, aber es hat sich gezeigt, daß diese polizeilichen Vorschriften nicht imstande sind, dem Unfug des übermäßig schnellen Fahrens der Automobile, der Leichtfertigkeit zahlreicher Automobil- stihrcc und den daraus erwachsenden Gefahren und Unglücksfällen vorzubeugen. Dazu kommt, daß es sich bei säst allen solchen Unglücksfällen gezeigt hat, daß die heutigen Bestimmungen über die Haftung für Automobilschäden für den davon Betroffenen so ungünstig sind, daß die Sühne für den verursachten Schaden entweder nur schwer oder unzureichend oder oft genug auch gar nicht zu erlangen ist.
Hier gilt es, den Hebel einzusetzen, denn mit der Regelung derAntomobilunsälle sind gleichsam zweiFliegen «nt einer Klappe zu schlagen. Es liegt in der mensch- «chen Natur begründet, daß, wer mit seiner Person oder vnt seinen! Geldbeutel für gewisse Dinge haftet, in diesen Dingen mit weit größerer Vorsicht verfahren wird, als fymt er begründete Aussicht hat, durch die weiten Maschen
Feuilleton.
Oie Strohmänner.
Militärische Humoreske von Ego« v. Breitbach.
Major v. Strobach fluchte. Das war sonst nicht seine denn er war mehr für das Gemütliche. Aber diesmal tat er es doch. Es war auch zu dumm, daß der a de ko mman d e u r General v. Tresky jetzt gerade den Unfall kriegte, sein Bataillon sehen zu wollen. Hettstadt legt so wundervoll gemütlich und ein höherer Vorgesetzer verläuft sich selten dahin. Und Major v. Strobach »verließ die Geschäfte des Bataillons seinem Adjutanten die Ausbildung der Truppen dem ältesten der vier ^uptleute, der dafür wieder seine Kompagnie seinem rerleutnant überlassen mußte.
, N»n hals es nichts, nun mußte „gebimst" werden — mit,. u rvaren nur noch zwei Tage übrig. Und was £“8« da noch alles gemacht werden, denn General von 7 -resky wollte zwei Tage bleiben. Am ersten Tage wollte »aS Bataillon im Exerzieren und im Felddicnst besich- ^ 7 » und am nächsten Bormittag im Turnen, Bajonettie- Instruktion usw. Das war einfach unerhört und „kam Wi vor", jetzt, da man vor dem Manöver stand und Magnie- und Bataillons-Vorstellung doch längst hinter nch hatte.
kn, ® eim Exerzieren schimpfte Major v. Strobach wie ^ Mlder: Hauptleute, Leutnants, Unteroffiziere und k^wine — alle waren sie in gleicher Mitschuld und Ber- O^^nis. Beim Felddienst wetterte er und beim Tur- ^ na, da fluchte er, wie — na — wie eben ein Major, ^üttelt^h t aH§ * eilteT pichen Ruhe gewaltsam aufge-
kJp« am tollsten ging's beim Bajonettieren. Jir kick'L Compagnie, der ersten des Bataillons, zwar schien w.,0«t anzulassen, denn da waren einige Paar ganz j„„^stüiche Fechter dabei — vier Paar, die sich sehen lassen »1 t:I > in allen übrigen Kompagnien jedoch kaum je ein Aber man mußte sich zu helfen wissen, und so tat
des Gesetzes zu schlüpfen. Wird die Haftung für Automobilschäden fo geregelt, >daß der Automobilbefitzer für die Schäden, die durch sein Automobil verursacht werden, mit Erfolg haftbar gemacht werden kann, dann ward damit nicht nur eine hinreichende Entschädigung der Verletzten, sondern zugleich eine ganz außerordentlich, gesteigerte Vorsicht bei der Führung der Automobile erzielt werden. .
Eine solche Neuregelung der Haftpflicht für. Automobilschäden ist ebenso unumgänglich wie dringlich, da die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches, bei dessen Abfassung der Automobilverkehr_ noch eine sehr unbedeutende Rolle gespielt hat, in keiner Weise hin- reichen. Nach 8 823 des Bürgerlichen Gesetzbuches rst nur derjenige, welcher vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit, die Freiheit, . das Eigentum oder ein sonstiges Recht eines andern widerrechtlich verletzt, dem andern zum Ersatz des daraus entstehenden Schadens verpflichtet. Und nach § 831 ist zwar derjenige, welcher einen andern zu einerVerrichtung bestellt, zumErsatze des Schadens verpflichtet, den der andere in Ausführung der Verrichtung einem dritten wiederrecht, lich zufügt. DieseErsatzPflicht tritt aber nicht ein, wenn der Geschäftsherr bei der Auswahl der bestellten Personen die erforderliche Sorgfalt beobachtet hat, oder wenn der Schaden auch bei der Anwendung dieser Sorgfalt entstanden wäre.
Bei den meisten Zivilprozessen, die sich auf Grund von Automobilnnfällen und Automobilschäden abspielen, zeigt sich nun dieselbe Erscheinung, daß, wenn es auch gelingt, ein Verschulden des Automobilführers zu beweisen, doch der Automobilbesitzer nicht haftbar gemacht werden kann, da es fast niemals gelingt, eine mangelnde Sorgfalt bei der Auswahl des Angestellten nachzuweisen. Ist es nun, was auch keineswegs immer gelingt, glücklich gelungen, das Verschulden des Automobil- f ü h r e r s glaubhaft zu machen, so uützt das doch dem Geschädigten in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle gar nichts, weil dem für haftbar Erklärten zumeist die Mittel zum Ersatz des Schadens schien. Diesem Übel- stand könnte nur dadurch vorgebeugt werden, daß die Automobilbesitzer selbst haftbar gemacht werden, indem auf die Automobile das Reichshaftpflichtgesetz angewendet wird, welches im 8 1 besümmt: Menn bei dem- Bettich einer Eisenbahn ein Mensch getötet oder körperlich verletzt wird, so haftet der Betriebs- unternchmer für den dadurch entstandenen Schaden, sofern er nicht beweist, daß der Unfall durch höhere Gewalt oder durch eigenes Verschulden des Getöteten oder Verletzten verursacht ist." Wir möchten den dringenden Wunsch anssprechen, daß die Regierung entweder dem in kurzem zusammentretenden Reichstag einen diesbezüglichen Gesetzentwurf vorlegt, oder daß der Reichstag aus eigener Initiative ein solches Gesetz beschließt. Dr. j. P.
I der Major v. Strobach etwas, was er sonst noch nie getan | hatte: er inszenierte einen regelrechten Besichtigungsschwindel. Drei Paare der nennten verteilten sich, sobald die Besichtigung der ersten Kompagnie beendet war, in die zehnte und nachher auch noch in die elfte und zwölfte. Es wurden genau diejenigen Leute bezeichnet, die mit den guten Fechtern ihre Stellung wechseln sollten, und dann wurde es geübt, und der lange Sommertag neigte sich seinem Ende zu. Am nächsten Tage ging cS gleichfalls so. Die Leute fluchten und schimpften.
Am nächsten Tage kam der General. Einfach und spartanisch, wie man ihn kannte, stieg er auf dem Bahnhof direkt zu Pferde — er hatte sich vorher jeden Empfang verbeten — und der Oberst, der sehr für Feierlichkeiten und äußeres Gepränge war, machte die „Chose" mit sauersüßer Miene mit. Natürlich hatte er mitgemnßt, und das war ihm nicht angenehni gewesen. Denn er konnte Strobach nicht leiden und hätte ihm am liebsten etwas am Zeuge geflickt. Allein in Gegenwart des Generals würde sich das vielleicht doch schlecht machen. Ha, vielleicht würde man ihm unter vier Augen seine Meinung nicht zu verhehlen brauchen.
Aber, weiß der Kuckuck, das klappte ja alles ganz großartig! Schon die Meldung! Strobach saß elegant zu Pferde und sprengte elegant heran. Wie oft und mit welcher Beharrlichkeit Strobach das allerdings geübt hatte, das konnte der Herr Oberst nicht wiffen.
Beim Exerzieren fand selbst das Auge des strengen Herrn Generals nichts auszusetzen. Hauptmann Pfeiffer, der ja sonst immer das Bataillon exerzierte, hatte ein strenges Kommando und ahndete jede Nachlässigkeit ohne weiteres mit Nachexerzieren. Aber das tonnte der Herr- Oberst ebenfalls nicht wissen, denn bei der Kompagnie- Borstelluug hatte das Bataillon schlecht, bei der Bataillons-Vorstellung nur leidlich abgeschuittcn.
Das an das Exerzieren sich anschließende Gefecht hatte ebenfalls den Beifall des Herrn Obersten. Man hatte es ja auch zweimal durchgeprobt, und der Adjutant hatte dem Herrn Major so lange Vortrag darüber gehalten, bis der Herr Major jedes Wort auswendig wußte.
Dementsprechend war der Herr General dann auch
Ostelüische Schuhuslmcke.
Ein Volksschnllehrer schreibt der „Köln. Ztg.": Meine diesjährige Ferienreise führte mich nach Ostelbien. Dem geborenen Rheinländer, der im nieöerrhemischeu Jn- dustriebezirk seine Heimat und sein Wirkungsseld hat, war vieles, was er dort zu sehen bekam, neu. Besonders interessierten mich die pädagogisch-politischen Verhältnisse der Kollegen. Ich hatte viel darüber gelesen, und da ich Muße fand, fünf Wochen lang prüfen zu können, so ist das Urteil über die dortigen Dinge nicht einseitig. Natürlich sah ich sie mit rheinischen Augen. Was besonders ausfällt, ist das unerquickliche Verhältnis zwischen Pastor und Lehrer. Der Geistliche ist als Lokalschulinspektor der Vorgesetzte, und das leidige Küsteramt bringt es mit sich, daß die ohnehin bestehende Spannung noch wesentlich verstärkt wird. Auch im Westen sind wir mit dem mittelalterlichen Institut der geistlichen Schulaufsicht gesegnet. Wenn die Schattenseiten hier nicht so sehr hervvrtreten, so liegt das einmal an der Stellung des Pastors überhaupt, der unter einer ausgesprochen freiheitlich gesinnten und dazu aufgeklärten Bevölkerung eine patriarchalische Bevormundung bald aufgeben müßte. Ferner bieten sich im Westen nicht so viele Reibflächen zwischen Pastor und Lehrer. Viele Geistliche versehen ihr Nebenamt nur gezwungen. Gabe es kein Konsistorium, das die Beibehaltung der Schulaufsicht wünscht, dann legten sie den Posten heute noch nieder. Anders im Osten. Hier ist der Lehrer doppelt gefesselt, einmal als Lehrer und zweitens als Küster. Manches ist jetzt infolge der geharnischten Proteste der großen Lehrerversammlungen besser geworden, doch finden sich noch zahllose Orte, wo der Lehrer die Kirchenuhr auszieht, die Glocken schmiert, die Altar- geräte putzt, das Läuten besorgt, die Vetglockc schlägt, die Kirche fegt, die Fenster putzt, mit dem Klingelbeutel umherläuft, Schnee schippt, den Vorsänger und Vorbeter macht und die Leichen zu Grabe geleitet. Ich mutzte mich stets verwundert fragen, warum er nicht auch Totengräber ist. Die Schamröte stteg mir ins Gesicht, wenn ich solche Bilder sah. Auch die Lehrer, die derartige Arbeiten verrichten müssen, haben das Schämen nicht verlernt. Ein Pastor, mit dem ich über die Küsterdienste ein langes Gespräch hatte, meinte schließlich, niedere Küsterdienste gebe es überhaupt nicht. Keine Arbeit ehrlicher Natur sei ge- mein. Ich empfahl ihm, dann doch selber diesen Dienst zu versehen.
Auch die gesellschaftliche Stellung des Lehrers ist eine Quelle der Unzufriedenheit und Lebensverbittcrung. Er wird als seininaristisch Gebildeter weder vom Akademiker, noch vom Adel und Reserveoffizier als gesellschaftsfähig angesehen. Wie können diese Kreise aber auch mit einem Manne verkehren, der Arbeiten verrichtet, die im Westen von einer Waschfrau getan werden? Nun findet man im Osten die einzigen gebildeten Menschen im Gutsherrenhanse und im Pfarr-
ganz gegen seine Gewohnheit außerordentlich liebens
würdig und schloß seine Kritik mit den Worten:
„Ich bitte Sie, Herr Major, den Leuten heute nachmittag freizugeben. Und wie haben Sie das Programm sonst entworfen?"
„Zu Befehl, Herr General — ich habe nach der gemeinsamen Mittagstafel an ein Konzert im Garten des Stadtparkes gedacht."
„Vortrefflich, Herr Major — werde natürlich da sein! Und nun, habe einen Bärenhunger — ich bitte die Herren, sich ja keinen Zwang aufzucrlegen. Kommen Sie, wie Sie gehen und stchen-lassen Sie sich ein wenig abbürsten und dann essen wir. Die Felduniform ist doch immer das schönste Ehrenkleid des Sodaten."
Der Tag endete in sehr animierter Stimmung, die nur bei dem armen Strobach dadurch bedenklich beeinträchtigt wurde, daß er ständig schauspielern mußte. Ihm war nämlich nicht ganz wohl zu Mute, wenn er an seine Strohmänner dachte, die morgen in allen Kompagnien fechten sollten. „Wenn das etwa herauskam! —"
Aber das Grübeln half nicht — und als er endlich nach Hause ging, da war auch er ziemlich animiert.
Am anderen Morgen standen „die Truppen" Punkt 5 Uhr auf dem Kasernenyofe, diesmal aber im Drillanzug, Mütze und Schnürschuhen, denn es war ja Tur- nen, Bajonettieren und Instruktion angeseht, kleiner Dienst. Und die Herren Offiziere waren im llberrock und Mütze. Es wurde zunächst eine gute halbe Stunde instruiert, jede Kompagnie nicht ganz 10 Minuten. Die Fragen und Antworten flogen nur so herüber und hinüber, und sogar, wenn der Herr General in den Gang der Probelektion selber eingriff, brüllten die Kerls laut »nd vernehmlich, wie es ihnen vom Hauptmann Pfeiffer sorglich eingetrichtert war. Der hohe Vorgesetzte nickte befriedigt, und besonders dann, wenn die Antworten, wie me:'tens, richtig waren.
Es kam das Turnen, und die Leute schwitzten bereits wie die Bären. Denn bei jeder der 24 Abteilungen — jede Kompagnie sechs, hielt sich der General ungefähr fünf Minuten auf, und so war es fast 8 Uhr geworden, a!o das gefürchtete Bajonettieren berankam. Die Kontra
