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1. Beilage jitm

1^587. Morgen-Ausgabe

iesklckenrr Tagblatt.

51. Jahrgang. 1803.

Unfern Haß können wir vielleicht noch besiegen, —

Liebe nicht! Id-Schneider.

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(77. Fortsetzung.)

Gva Keom.

Roman von Marie Bernhard.

Ein fröstelndes Umherstehen im Wartesaal, — ein atfetfem und Schieben und Ächzen draußen von ankommm- <L Rügen — eine kühle, feuchte Nachtluft, dre nach selt­sam durchschauerte, draußen auf dem Perron getmchttg tat- und hereileirde Bahnboamte, — ein matt erleuchtetes Koupee, in dessen Tür Hanncch verschwindet, — nur noch -me schlafende Dame ist außer ihr darin, — Gepäckstücke, hie der Diener ihr hinaufreicht, —• dann rch selbst auf dem Tritt stehmd, mit einem letzten Blick, einem letzten Kuß für chr liebes, tränenfeuchtes Gesicht, ,— zuschlagende Türen — aufwirbelnder Dampf und schrilles Pfeifen, — eine winkende Hand, — ein langsam davonrollender Zug,

_und ich stand allein auf dem kalten Asphalt des

Perrons, losgelöst von dem einzigen Menschen, dem ich mich bis jetzt in meinem Leben wahrhaft zugehörig ge­ilt, der mir die Empfindung gegeben hatte, als sei ber l meine Heimat! , ..

Ich sah mich verstört um, wrschte nur dre Tranen aus den Augen und ging mit dem Diener, der mir in respekt- »oller Entfernung folgte, langsam dem Ausgange zu.

XV.

Der nächste Morgen gehörte, wie schon gesagt, der Toilettenfrage. Es muKe für mich alles sehr rasch de- sorgt werden: da aber meine Großmutter eine respektable Nrmme zu diesem Zwecke bestimmt hatte und Susi mrt mir zu Leuten fuhr, bei denen sie selbst bereits groß­artige Einkäufe besorgt hatte, so fanden sich willfährige Hände im Überfluß, und ich bewunderte es, in wie un* zloublich kurzer Zeit man in Berlin alles bekommen konnte, sobald man das nöfige Geld in der Tasche hatte. Tust und ich wählten ein entzückendes weißes Spitzen- fieib für mich aus, das um die Taille von einem aus schmiegsamen, verschiebbaren Schuppen bestehenden Gold- gutttt zusammengchalten werden sollt«, — dazu weiße und dunkelrote Rosen. Es gab noch eine Menge anderer Dinge zu besorgen und einzukaufen, wir wunden natürlich für diesen Vormittag noch nicht ferfig, und ich bekenne, daß dies Auswahlen, Bedenken und Betrachten von kost­baren Stoffen, Spitzen, Blumen und Stickereien mich amüsierte und zerstreute und daß ich mich willig dieser

Empfindung hingab,-ich wollte nicht ernst und

nachdenklich gestimmt sein.

-Da die große Toilettentour uns ermüdet hatte,

so beschlossen wir, vor dem Diner noch eine Weile zu ruhen. Ich hatte gebeten, mich pünktlich zu wecken, und als das geschah, kleidete ich mich rasch um und war mi" dem Glockenschlag vier drunten im Eßsaal, wo ich aber Mr Susis Oheim, den Freiherrn von Richthosen, antraf, der mir mit sarkastischem Lächeln mitteilte, seine Nichte sei noch nicht erwacht und werde wohl, wie gewöhnlich,

erst dann erscheinen, wenn es ihr beliebe, — ©ennora Coldras habe Besuch, ich müsse mich also noch gedulden und einstweilen notgedrungen mtt seiner, des Freiherrn, Gesellschaft vorlieb nehmen.

Im Grunde genommen war mir das ganz recht; rcy sollte die Gastfreundschaft dieses alten Herrn voraus- ichüich für längere Zeit in Anspruch nehmen, sollte vret- leicht unter dem Dache seines Hauses meine Mufikstudten betreiben und mich ganz unter seinen Schutz begeben, . -

und wenn dies Haus auch geräumig und fern Besttzerem reicher Mann war, den meine Gegenwart in keiner Werse störte, so fühlte ich mich ihm doch zu großem Dank ver­pflichtet, und es sollte mir lieb sein, wenn meme Persön­lichkeit ihn sympathisch berührte. . ^ .

Die Art, wie der alte Freiherr mrch fetzt durch seine Lorg,rette fixierte, ließ das fast vermuten, und fern Ton klang wohlwollend, als er sagte „Sie, mern Fraulern, scheinen von dem Recht, das die meisten jungen Dunen sich ohne weiteres anmaßen, dem Recht, unpünkllrch sein ztl dürfeir, keinen Gebrauch machen zu wollen!"

„Man hat mir nie gesagt, daß das mern Recht sei , entgegnete ich, „und ich habe auch gefunldeu, daß jeher Mensch, ob Herr, ob Dame, klug darin tut und pch besser befindet, wenn er vernünftig mit der Zeit umgeht!"

„Ganz recht! Ich wollte, Ihre Freundin Susanne teilte Ihren Grundsatz!" r ._ r .

„Susi ist sehr verwöhnt!" bemerkte rch lächelnd. .

„Ja, — leider, und glaubt folglich das Privilegium zu haben, alles zu tun, was ihr gerade durch den smn fähÄ, ganz unbekümmert darum!, ob sie andere schadrgt ober ärgert! Sie, Fräulein Leoni, könnten ja, wenn Sre wollten, ebenfalls die maßlos Verwöhnte spielen."

„Nicht mit demselben Recht, wie Susi!" fiel ich lebhaft ein. „Sie ist ein schönes, glückliches, von ihren Eltern angebetetes, von ihrer Umgebung verhätscheltes Kind ge­wesen, sie hat bis zu ihrem fünfzehnten Jahre ihre Mutter besessen, ist von Glanz und Pracht umgeben gewesen, hat

Anbeter und Bewunderer gehabt,-und auch rnr

Pensionat war sie aller Liebling; will man sich wundern, wenn sie ein verzogenes Glückskind geworden fit? Ich

aber-bei mir ist das alles anders! Ich bin niemals

ein Glückskind gewesen, niemand hat mich verhätschelt und angestarrnt, und außer meiner lieben Hanncch, die gestern fortgefahren ist, kenne ich keinen Menschen, dessen Lwb- ling ich wäre!"

„Hm!" Der alte Herr sah mich, augenscheinlich m tiefes Nachdenken versunken, eine ganze Weile unver­wandt an, als sei ich ein Rätsel, das er lösen müsse, — nach einer langenPause fragte er ganz unvermittelt: „Und Sie wollen Künsüerin werden?"

„Allerdings, Herr von Richthofen! Ich habe dm glühmdm Eifer, und, wie man nur von kompetenter Seite gesagt hat, auch eine nicht unbedeutende Begabung dafiir, und so hoffe ich, daß meine Großmiltter, die sich wohl selbst überzeugt hat, daß ein Zusammenleben zwischen uns beiden unmöglich ist, diesem Plane ihre Znstimnrung und nur aus dem mir zusteheudm Vermögen die notwendrgen Mittel geben wird. Ms sie von ihrer jetzigen Erkrankung hergestellt, von meiner M-sicht unterrichtet ist, und eine passende Pension für mich hat ermittelt werden können, muß ich Sie, Herr von Richthofeu, schon bitten, sich gütigst meiner auzunehmen, wie Susi es mir bereits in Ihrem Namen versprechen zu dürfen glaubte. Ich stehe so ganz

allein im Leben, und bin, da ich meiner Gro^nuürr leib« innerlich ganz fremd geblieben, so vollständig auf Moz selbst angewiesen." —

Der Freiherr machte eine lebhaft abwehvMde ^Be­wegung. „Nichts da von der Güte, mein wertts FrÄtl««l- nichts da von Pension und vorläuftger Unterkunft! macht mich stolz und glücklich, wenn Sie während? ganzen Studienzeit — und in meinem Interesse wir ich, sie wäre recht lang! — mein Gast sein u nd, « meiner Anttquftätm- und Junggesellenwirpa lassm wollten! Mich stören Sie hier rn gar, keiner wir brauchen einander den ganzen Tag rttcht zu sehen,

wenn es uns genehm ist,-mir, für m ein e

Person, wäre das, nach allem, was rch brs jetzt von >zynen gehört und gesehen habe, ganz und gar nicht Mnehm. " „Mir auch nicht!" fiel ich rasch ein und tmr beide streckten einander zu gleicher Zeit die Hand hm und schüttelten die dargereichte herzhaft, tote bei guten Fre­den. War das der grillenhafte, wunderliche Onkel, von dein mir Susi so komische Schilderungen gemacht — war das derselbe Mann, der seinen Neffeir gestern mtt so erpger Kälte behandelt hatte, iind von diesem dafür mtt kaum verhehltem Ingrimm abgefertigt worden war?

Von diesem Gedanken mochte etwas auf meinem Ge- sicht zu lesen sein, denn der Freiherr seufzte em wenig

und sagte dann: .., ^ , —■

„Sie sehen so verwundert aus, —■ sicher haben oie gedacht, bei mir in die Hölle eines Ogers zu geraten, uto nun finden Sie statt dessen einen Mensckfen. mtt.dem es sich halbwegs vernünfttg reden läßt, — fit es nicht so .

— Nun, ich kann eben nichts dafür, daß meme Waste Susann« so ganz und gar nicht für mrch patzt, — ihr Bruder noch tausendmal weniger! >;ch bwfite sälbst, e wäre anders! Man hat mir, wie das ja 1° gesetzlich vor- geschrieben ist, die Sorge für diese beiden Kinder, deren nächststehender Verwandter ich bin, ohne werteres auf­gebürdet, ohne zu fragen, ob diese Kinder zu nur, in meme Ideen und Gewohnheiten paßten, ob ich sie lickgewinnen würde, ob sie ein Herz zu mir fassen könnten!. Nun — - nichts von dem allen geschah I Sw kamen mrt Misstrauen und Vorurteil gegen mich hierher, nur dre Not zwang pe dazu; man hatte ihnen von dem Am, wmrd«lichM Oheim ein böses Bild entworfen, das brachten sie mit zu mir und sahen mich als ihre Versorgungsufitalt mp — weiter wollten sie nichts von mir! ^ch gestehe, datz mich das erbitterte! Ihre Eltern waren reiche Leute Mvesen

— und wie hatten sie für den einzigen Sohn, für dre em- »iae Tochter gesorgt? Sie hatten fürstlichen Reichtum mtfaltofi die Gewohnheiten des österreichischen Kars-r^ nachgeahmt, daS konnte denn freilich ks m gut es Ende nehmen! Um mich hatten sie sich nie bebttnmett, « war ihnen gleichgtllttg, ob ich gesund »der krmck, glüWch oder

unalücklich war,-— aber das trosttose Chaos mw>

dem Zusammenbruch des Rothkirchschen Hauses M ord- nen. die zu wahnwitzigen Ansprüchen erzogenen und dabei bettelarmen Kinder aufzunehmen und zu versorgen,

— dazu war ihnen der Vetter Richthofen ^vad« aut A uug! Freilich konnten die Kinder ^chtS für die Tochsit ihrer Eltern, das sagte ich nur, und ich brachte den Ver­waisten so viel Verständnis und SymPachre erttgegm, Me es mir eben möglich war: ich fand aber kein Echo bei

(Fortsetzung folgt.)

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