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M. Jahrgang.

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Ug. 588. Verlags-Fernsprecher No. 2853. DgrMerslag» de« 17. DeZettchek. R-daktions-Fernsprecher Ro. 52. 1903.

Abend ■Ausgabe.

Iur inneren Fuge.

L. Berlin, 16. Dezember.

Sit maßgebenden Kreisen wird Gewicht daraus ge­legt die Erklärungen des Reichskanzlers in der Tienstag- fitzung des Reichstags vor jeder Verdunkelung zu be- lmhren. Die Scharfmacher wie die Sozialdemokratie be­mühen sich und zwar von entgegengesetzten Standpunk­ts aus, im Endergebnis jedoch übereinstimmend, an der We des Grafen Bülow eine Lücke ausfindig zu machen. §s wird so dargestellt, als sollte die ironische Einladung an den Grafen Limburg-Stirum, die Initiative zur Ein­bringung eines Antrags, betreffend Ausnahmebestimmun- gm gegen die Sozialdemokratie, zu ergreifen, die geheime Schnsucht nach solchent Ausnahmegesetz in sich schließen. Mm möchte aus der Rede heraushören, daß der Kanzler und die verbündeten Regierungen zwar ihrerseits den Weg der Ausnahmegesetzgebung nicht beschreiten möchten, daß es ihnen aber nicht unwillkommen wäre, wenn die Keichstagsmehrheit aus eigenem Entschluß und eigener Kraft das Erforderliche täte, in welchem Falle die Regie­rung ihre Hände in Unschuld waschen und sich dem Willen der Mehrheit fügen würde. Demgegenüber ist sestzu- Men, daß nicht nur die Rede des Grafen Bülow- keinen Anlaß zu derartigen Auslegungen bietet, sondern daß der leitende Staatsmann auch mit einer gewissen unwilligen Verwunderung Kenntnis davon genommen hat, welche seltsanien Absichten ihm zugeschrieben werden. Die Wahr­heit ist, daß niemand in der Regierung daran denkt, die Wämpfung der Sozialdemokratie mit Mitteln zri ver­suchen, deren Erfolglosigkeit durch eine lange Praxis ge­nügend dargetan ist. Die Wahrheit ist, daß der Reichs­kanzler, als er seine wichtige Erklärung abgab, die Ge­wißheit hatte, im Einklang nicht bloß mit den verbündeten Regierungen, sondern auch mit der höchsten Stelle im Reiche zu sprechen. Er konnte die Entschließungen, zu denen alle in Betracht romanenden Faktoren nach der vom Grasen Limburg-Stirum angedeuteten Richtung hin ge­langt waren, wirklich nicht unumwundener, deutlicher, bestimmter, einwandsfreier ausdrücken, als es in seiner kurzen und klärenden Rede geschehen ist. Dies wissen die Konservativen sehr wohl, sie haben, da sie die Wege über Vordertreppen und Hintertreppen gleicherweise fernen, die beste Möglichkeit, die Bedeutung -der Kanzler­rede an den sonstigen Erkundigungen zu prüfen, d-ie sie in der letzten Zeit gewiß eifrig eingeholt haben. Wenn der Reichskanzler die Konservativen ersuchte, es doch mal ihrerseits mit der vorgeschlagenen Karnpfmethode zu probieren und einen entsprechenden Gesetzentwurf auszu­arbeiten, so wollte er ihnen damit nur zu Gemüt-e führen, fee unmöglich das Beginnen angesichts der Partei-Ber- Mtnisse im Reichstage wäre. Er hat mit seinen Bemer-

Die Nevolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(55. Fortsetzung.)

»SBcr von uns unentwegt bei der Fahne der Freiheü bleibt, der er sich zugeschworen, der fürchtet sich auch

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• dem Namen „Revolntzer" nicht", ließ sich da eine Helle -umme vernehmen, die Gottfrieds. „Die Befreier ds. die Edlen, die B-esten des Landes, die haben sich

olland?

ore treuen, me Besten oes reanoes, vte oavca nicht vor den Ramm der Bettler, der Geusen, ge­achtet und haben ihn nachher als Ehrennamen getragen, ch für meinem Teil will unter heutigen Verhältnissen Mmal lieber Rebell sein und Revolntzer heißen, als den Men Untertanen spielen, der seinem Potentaten und lfer Helfershelfer aus der Hand frißt, und ich denk, hier 7 meisten so gesinnt." _.

jo!" — „Wir sind die Revolntzer!" „Wir Mtwm- Revolntzer zu sein", scholl es durch-

, Einige, bei denen die Rede des Freiherrn doch etwas M hatte, suchten die Rufer Mtrch Zischen zur Ruhe onngen, aber ein tiefer Baß kam doch dagegen an, UM vernehmen ließ: „Wir wollen ja auch keine Orden wie der Peitersbroker!"

^f der Freiherr zornig in das Hohngelächter,

," nch erhob: „Ich habe nie nach Orden und Auszeichnun- ^ geangelt. Wenn mich der König aber für ehrliche- tlü Rlw Besten meines Vaterlandes und Volkes da- Mahnt hat, so freu' ich mich darüber und bin stolz fcTfc Aber das dürft Ihr mir alle glauben: um keines g?oils willen steh' ich zur Sache des Königs, und trotz S!*® 1 und Titel bin ich so frei, wie nur einer von jr. ober vergesse nicht, was mich die Geschichte ' und was mir die Vernunft sagt. Ich vergeß' vor ? mcht, was unser Vaterland unserm Kömgshause A Jahrhunderte verdankt, dein Köntgshause, d-as unv J* or ^ n^rnad)t hat und stets mit Treue zu uns ' n ist in Not und Gefahr,"

Wände'

kungen aber nicht sagen wollen, daß die verbündeten Regierungen lediglich wegen der Schwierigkeit, eine Mehr­heit im Reichstage zusammenzubringen, auf eine Sonder­gesetzgebung gegen die Sozialdemokraten verzichten; er hat vielmehr auszusprechen gewünscht und es für jeden, der aufmerksam zuzuhören versteht, hinlänglich klar be­kundet, daß die verbündeten Regierungen von solcher Politik der Ausnahmegesetze überhaupt nichts wissen wollen, daß sie sie als ein untaugliches Mittel zum Zweck verschmähen. Wie man die Konservativen kennt, werden sie dem Grafen Bülow die Folgen seiner Stellungnahme nicht erleichtern wollen, sie werden jetzt um so rühriger wühlen, sie werden gegebenenfalls ihre Sehnsucht nach einem neuen Reichskanzler nicht verbergen. Freilich wer­den sie sich für geraume Zeit umsonst bemühen, aber die konservativen Scharfmacher haben Zeit, sie übereilen nichts. Auf der anderen Seite brauchen sie den' Grafen Bülow und sind davon unterrichtet, daß, wenn irgend­einer, er allein es sein wird, der ihnen zu den neuen Agrarzöllen verhelfen könnte. Es ist kein Zufall, daß sich unmittelbar an den Vorstoß des Grasen Limburg- Stirum gegen das heutige System die konservative Inter­pellation anknüpft, nach der die Rechte zu tvissen wünscht, weshalb die Handelsverträge noch immer nicht gekündigt worden sind. Die Anfrage sieht drohender ans, als sie vielleicht ist. Zum mindesten sollten die Freunde einer gedeihlichen Handelsvertragspolitik zuvörderst abwarten, was Graf Bülow antworten wird, mehr aber noch ab- warten, was er selbst im Falle einer vorläufigen Zurück­weisung der konservativen Ansprüche tun wird. Die Möglichkeit, daß die Regierung die Handelsverträge kündigt, ist keineswegs ausgeschlossen. Wir wollen nicht sagen, daß sie nahe liegt, aber sie inuß mit in Erwägung gezogen werden. Vor allem ist der Stand der dentsch- russischen Verhandlungen derartig, daß man sich nicht zu wundern brauchte, wenn eine .Kündigung erfolgte. Mer die Lage ist an dieser Stelle wiederholt schon nach zuver­lässigen Erkundigungen geschildert tvorden, so daß es sich erübrigt, nochmals ans die kaum noch zu überwiudeuden Schwierigkeiten binzuweisen. Nur dies mag wiederum gesagt werden: Es gäbe eigentlich keine Schwierigkeiten, wenn man sich in der Wilhelmstraße entschließen könnte, etwas an dem Mindestzoll für Roggen nachznlassen. Mer dies wird nicht geschehen.

Die Lage in Crimmitschau.

Aus Crimmitschau wird uns geschrieben: Die Kreishanptmannschaft in Zwickau hat die Beschwerde der ausständigen Arbeiter wegen Aufhebung des kleinen Belagerungszustandes abschlägig beschieden. Sie beruft sich darauf, daß ein altes Gesetz von 1850 der Behörde er- lairbt, „bei dringender Gefahr für die öffentliche Ruhe, Ordnung und Sicherheit Versammlungen, sowie öffent­liche Auf- und Umzüge und Festlichkeiten zu verbieten." Wieweit die Sicherheitsmatzregeln der Behörde gehen,

„Wie wir mit ihm. Ohn' uns hätt's der Napoleon weggeblasen! Wir haben ihm Land und Thron erhalten .und schlechten Dank geerntet!" scholl es.

„Wir haben mit unserm Herrscherthron uns selber verteidigt und uns von der Knechtschaft befreit. Ich sag^ Euch nochmals, vergeht nicht, daß König und- Volk bei uns immer treu zueinander standen, und daß sich beide gut dabei befanden. Darum noch einmal liebe, bergische Lands­leute und Brüder, hört auf mich! Laßt Euch zu keiner Übereilung hinreißen, werdet keine Revolntzer und macht unser herrliches Nationalwort nicht zu schänden, das Wort: Mit Gott für König und Vaterland."

Einige riefen Bravo, die meisten aber murrten und zischten, und jetzt ließ sich die Stimme Schwertfegers wieder vernehmen:

„Freunde, Genossen! Wir haben dem Herrn Frei­herr Gastrecht in unserer Gesellschaft gewährt, in die er als ein kecker und mutiger Ritter eingedrungen ist. Wir haben die Worte des königstreuen Edelmanns gehört, der zugleich ein treuer Mann des Volkes zu sein sich ehrlich bestreben mag, der aber dabei wohl über der alten Wahr­heit zu Fall kommt: Niemand kann zween Herren dienen. Wir nehmen jetzt unsere Verhandlungen wieder auf und müssen zu deni Zwecke wieder ganz unter uns sein. Der Herr Freiherr, von dessen Ehrenhaftigkeit ich erwarte, daß er keine Sterbenssilbe über unsere geheime Tagung ver­lauten läßt . . . ."

„He fall schwören!" riefen einige, doch Schwertfeger fuhr fort, „er mag ungefährdet ziehen. Er ist ein braver, belgischer Mann. Überdies weiß er, daß für Verräter mehr als ein Messer geschliffen ist. Zwei von uns werden ihn in ihre Mitte nehmen und- ihm das ehrende Geleit geben bis zur Windfoche, wo er auf dem rechten Wege nach seinem Ritterschlosse ist."

„Ja, ich gehe", rief der Freiherr. „Aber ich nehme die Überzeugung mit mir, daß ich doch nicht ganz umsonst hier unter Euch getreten bin und daß meine Worte bei manchem ein Ecbo fanden. Gute Nacht, Ihr Leut'! Werdet keine Revolntzer!"

zeigte mir folgender Vorfall. Ich stand heute um die Mittagszeit an einer Straßenbiegung mitten auf dem Fahrdamm und beobachtete, wieviel Leute wohl aus den Fabriken herauskommen würden. Kaum hatte mich ein Gendarm erblickt, als er mich aufforderte, nicht stehen zu bleiben, das sei hier in Crimmitschau verboten.

68 Gendarmen hat die sächsische Regierung zur Aus­rechterhaltung der Ordnung aufgeboten. Die Gründe, welche die Kreishauptmannschaft in ihrem Erkenntnis für die Notwendigkeit der Ausnahmemaßregeln niedergelegt -hat, sind außerordentlich dürftig. Die Streikenden hätten nachts Wagen, die nach Werdau gingen, angehalten und auf Streikware untersucht. Dergleichen Fälle liegen indes mindestens 10 Wochen zurück. Denn von dieser Zeit an haben sich die Werdauer Fabrikanten ehrenwörtlich ver­pflichtet, keine Streikware mehr anzufertigeu.

Das Erkenntnis spricht ferner von Belästigungen und Bedrohungen von Arbeitgebern und Arbeitswilligen durch Streikposten. Nähere Beweise dafür sind aber nicht angegeben. Im Gegenteil beweisen die insgesamt 16 ge­richtlichen Verurteilungsfälle, die Dr. Fischer dieser Tage im Reichstage anführte — man denke 16 Fülle in 16Wochen bei 7500 Streikenden! — daß die Streikenden ihre Sache mit der größten Ruhe und Friedfertigkeit geführt haben. Dazu muß man in Betracht ziehen, auf was für Vergehen vielfach Verurteilungen während eines Streiks erfolgen, namentlich in Sachsen. Ein Arbeiter hatte sich z. B. von einem Hauswirt einen schriftlichen Kontrakt verschafft, daß er ungehindert in der Haustür stehen dürfe. Der Gendarm hat diesen Streikposten von der Tür verwiesen, und als er nicht gleich ging, ihn sisticrt und angezeigt. Das Schöffengericht hat ihn freigesprochen, aber das Landgericht verurteilte -ihn zu 10 M. Geldstrafe und Tragung der Kosten, -weil man durch einen solchen Kon­trakt nicht die Stratzenpolizeiordnung umgehen dürfe.

Wenn man im ganzen das Verhalten der Arbeit­geber gegen das Auftreten der Streikenden abwiegen würde, so fragt es sich sehr, ob nicht die Wagschale zu­gunsten der Arbeiter entscheiden würde. Die Arbeitgeber haben sich allmählich in eine ziemlich große Erbitterung gegen die Streikposten hineingeredet, haben sie mit allen möglichen Schimpfw-orten bedacht, sind sogar tätlich ge­worden. Nur haben die Arbeiter meist eine große Scheu, Arbeitgeber anzuzeigen, weil sie sich damit im Arbetts- bezirk unmöglich machen.

Das oben genannte Erkenntnis enthält auch einen Passus, der Nachweisen w-ill, daß zur Ausübung des Koalitionsrechtes Versammlungen unnötig, ja, sogar schädlich sind. Es wird dabei sogar hervorgehoben, „ob nicht schon aus dem Gesichtspunkte, um eben jedem Ar­beiter die durch die Leistungen der R.-G.-O. geforderte Freiheit seiner Entschließung zu wahren, zu dem Verbote der Versammlungen zu schreiten gewesen wäre." Denn die Versammlungen könnten einzelne Leute belehren und überreden, daß sie sich schließlich den Wünschen der Mehr, heit oder der Führer fügen.

Indes mag auch ferner der kleine Belagerungszu­stand aufrecht erhalten bleiben, die Arbeiter haben den Vorteil, daß das Verhalten der sächsischen Behörden auch

„Adjus, Peitersbroker!" — „God Reiht!" — „'ne

schöne Empfehlung -an den in Berlin!" — „Gute Nacht, Herr Freiherr!" Diese Zurufe begleiteten den in Ge­folgschaft zweier mit Pistolen Bewaffneter abgehenden Freiherrn.

„Sie hätten ihm gleich ordentlich drauf geben sollen!" sagte Gottfried ungeduldig zu Schwertfeger. „Fetzt geht er ab und hat das letzte Wort behalten."

„Nur Geduld, junger Mann," antwortete der Kauf­mann. „Vielleicht hätte er auch im anderen Falle das letzte Wörtchen geredet, und wir hätten unsere Zeit mit fruchtlosem Hin und- Her verplempert. Jetzt kriege ich meinen vollen Schlußakkord. Nur Geduld."

Und nun stieg er wieder auf den Baumstumpfen; die Versammelten drängten sich dichter um ihn her, und er ergriff erneut das Wort: „Freunde, der angesehene und freundliche Herr, dem wir eben hier seine Meinung ver­gönnt haben, ist ein Auserwählter des Herrn. Wenn w i r als Teilhaber dieser verbotenen Versammlung er­wischt werden, geht's uns schlecht, und wir werden dann wohl Zeit haben, beim Wollezupfen über die Vortrefflich­keit unserer staatlichen Einrichtungen nachzuden-ken. Jener Herr aber kriegte für seine Beteiligung an unserer Ver­sammlung wahrscheinlich 'nen Orden oder 'nen Kammer­herrenschlüssel hinten an seinen Frackschliepen, denn dieser Herr ist ein kluger Diploniat, während wir nix als täppische Vaterlands- und Volksfrcunde sind, die ihre Haut zum Markte tragen. Stimmt das oder stimmt das nicht?"

„Stemmt, stemmt opfallend!" scholl es um ihn her.

„Ich gestehe gern, daß niir der Freiherr eine sym­pathische Persönlichkeit ist. Seine Gesinnung ist wohl­wollend gegen jedermann, der ein braves Herz hat. Wer et ist ein Diplomat. Er will es mit keinem verderben. Er ist ein Beschwichtigungsrat. Er meint, mit einem bischen gutem Willen, mit Geduld und Mehlkleister könnte alles wieder ins . Gleiche gebracht werden. Er sieht die unge­heure Kluft nicht, die sich zwischen Fürst und Volk gebildet hat, er sieht nicht, daß sich hier zwei ungleiche Welten gezenüb-erstehen. — Haben unsere berechtigten Wünsche