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Berlags-Fernsprecher No. 2858.
KM 583.
Borgen ■ Ausgabe.
Dienstag» den 15. Dezember.
Redaktious-Fernfprecher N». 52.
Lurus Lm Heere.
Der kommandierende General des 1. (ostpreußischen) Lrmeekorps, C. Freiherr v. d. Goltz, beschäftigt sich im Dk»emSerheft der von Richard Fleischer herausgegebcnen deutschen Revue" (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt),
. -cm hochangesehenen Militärschriftsteller schon manchen Mitvollen Beitrag verdankt, mit dem Luxus im Heer. Wir haben schon kurz den Hauptinhalt des Aufsatzes erwähnt doch verdient er es, ausführlicher darauf zuruck- -nkommen. Das Thema über den Luxus im Heer ist in der letzten Zeit vielfach, auch bei uns, erörtert morden, aber solange die Mitzstände, um die es sich dabei handelt, noch nicht aus der Welt geschafft sind — und daß sie da nnd dort noch sehr in Blüte stehen und zu unerträglichen Zuständen führen, hat u. a., wenn auch nur nebenbei, die Verhandlung im Prozeß Bilse gezeigt — solange mutz immer und immer wieder der Finger auf die Wunde gelegt werden.
Damit steht es nun freilich anscheinend im Widerspruch, wenn der Verfasser seine Abhandlung mit der bündigen Erklärung beginnt, Satz es, Gott sei Dank, bisher noch keinen wirklichen Lurus im Heere gibt. Aber er fügt alsbald hinzu: Um so mehr ist dagegen die Frage zu erörtern, wie der zunehmenden Verteuerung der Ossi- zierslanfbahn entgegenzuwirken sei? Und er gesteht weiterhin zu, daß in dieser Hinsicht gewiß mehr geschehen könne als bisher.
Dabei unterscheidet der Verfasser zweierlei Momente. Zunächst solche, die vom Offizier selbst unabhängig sind: >ie Verteuerung aller Lebensmittel, mit der die Erhöhung der Gehälter nicht gleichen Schritt gehalten hat, und die Kostspieligkeit der Ausrüstung, insbesondere die Notwendigkeit, verschiedene Stücke zu gleichem Zwecke nebeneinander zu halten, wobei dann vieles veraltet und unbenutzt zugrunde geht. Auf diese Punkte will er indessen nicht näher eingehen und beschränkt sich auf die Erklärung, daß jeder Versuch, hier Abhülfe zu schaffen, mit ungeteiltem Beifall in der Armee ausgenommen würde. Er wendet sich alsdann sogleich denjenigen Punkten zu, in denen der Offizier selbst und aus eigener Kraft Helsen kann. Hierzu führt er aus:
Ganz allgemein ist da voranzustellen, daß der Offizier tn seinen sämtlichen Ausgaben, seien es anch die kleinen, ansangen soll, zu rechnen — rechnen, nicht knausern. Es ist sehr wohltuend, wenn man auf das Geld nicht zu achten braucht, man kann dann leicht liebenswürdig, namentlich ein vortrefflicher Gesellschafter und Kamerad sein. Aber in dieser glücklichen Lage befinden sich nur du allerwenigsten Offiziere. Die andern sollen sich vor Men Dingen mit der Empfindung erfüllen, daß es für den Kavalier keine Schande ist, wenn er einmal erklären Miß, das Geld für eine Ausgabe nicht zu haben. Es tstnicht leicht, sich von gemeinsamen Veranstaltungen aus
zuschließen, denn der einzelne ist dabei mancher Neckerei, manchen abfälligen Bemerkungen ausgesetzt. Wer sich aber klar macht, daß namentlich der junge Offizier den größten Teil des Geldes, das er ausgibt, nicht selbst erwirbt, sondern von Eltern oder Verwandten erhält, der wird auch dazu kommen, das Eingeständnis der Armut nicht zu scheuen. Unehrenwert ist es, auf andrer Leute Kosten nobel zu sein. Das ist des Hochstaplers Geschäft, ihm wollen wir es auch lassen. Der Wohlhabende aber soll erkennen, welches Unrecht es in den meisten Fällen ist, über den Kameraden, der sich ausschließt, die Achseln zu zucken und es ihm zu verdenken, wenn er ein gemeinsames Vergnügen nicht „mitmachen" will. Nicht ein jeder hat den Charakter, der im Mantel der Kameradschaft erscheinenden Berlockimg ernsthaft zu widerstehen, und dieser Widerstand soll nicht noch unnütz erschwert, sondern muß erleichtert werden.
Demnächst kommt die Vereinfachung der offiziellen und halboffiziellen Geselligkeit an die Reihe. Da wäre zunächst mit dem Dinerzwang zu brechen. Es ist eine widerwärtige, moderne Unsitte, sich nur noch zum „Essen" einzuladen, und leider steht diese Unsitte in Deutschland in höchster Blüte. Sie hat bedauerlicher Weise auch in bas Offizierkorps ihren Einzug gehalten. Es gibt Leute, die es übel nehmen, wenn sie zu irgend einer Abendunterhaltung eingeladen werden, ehe sie in demselben Hause zum Diner waren, gerade, als ob das Essen die edelste aller menschlichen Tätigkeiten sei, in der sich verbundene Seelen besonders hoch ehren. Stundenlang sitzt man zu Tische, als ob es ein Ausdruck von Wertschätzung wäre, jemand recht viel volle Schüsseln vorzusetzen — oft zwischen Personen, die man eben erst kennen gelernt hat, und mit denen zu verkehren man gar nicht beabsichtigte. Man ißt und trinkt mehr, als man sonst gewohnt ist, erhobt sich, trennt sich womöglich nach Geschlechtern und erwartet, jeder freien Bewegung beraubt, die Stunde zur Heimkehr. Es liegt darin eine Art Zivilisationsbarbarei, die energisch zu bekämpfen eigentlich jedes Gebildeten Pflicht sein müßte. Dabei ist diese Art der Gastlichkeit eine recht kostspielige, und leider halten sich die weniger Bemittelten überdies noch meist für verpflichtet, sie so, wie sie diese empfingen, wiederzugeben, mag das Budget der Hausfrau darüber auch für den ganzen Monat in Unordnung geraten.
Da lobe ich mir den Orient mit seinen patriarchalischen Gewohnheiten. (Frhr. v. d. Goltz stand bekanntlich jahrelang in türkischen Diensten. D. Red.) Die Mlden dort sind in mancher Hinsicht wirklich „bessere Menschen" als wir Fahnenträger moderner Kultur. Der Großwesir und sein Schäfer erweisen im türkischen Reiche dem Gaste die gleiche Ehre. — Sie reichen ihm den türkischen Kaffee und die Zigarette dar. Damit ist genug getan; das kann auch der Ärmste — und wenn der Reichere mehr tun will, so ist das seine Sache. Er verpflichtet damit niemand anders zum Nachfolgen.
Im Kreise der Offizrerkorps sollten die „Festessen" aufs äußerste eingeschränkt werden. Man kann sich doch auch, ohne den Löffel zu schwingen, in angenehmer Art
gesellig vereinigen. Vor allen Dingen ist bei solchen Gelegenheiten der Fortfall der Musik erwünscht. Sobald die Musik bei Tische erschallt, wird die Tafel unsolider. Der Spektakel der Instrumente in geschloffenem Raume berauscht ebenso wie der Wein; er zwingt zum lauten Sprechen, und dies trägt dazu bei, die Sinne zu benehmen. Es macht überdies Durst und steigert so die natürliche Wirkung der ganzen Festlichkeit. Man kommt spät nach Hause, schläft unruhig, erwacht ohne rechte Erquickung, hört das Durcheinander von Musik und Stimmengewirr noch bis 10 oder 11 Uhr vormittags im Ohre und ist halb denk- nnd arbeitsunfähig. Wenn es außer dem Kaisers-Geburtstag noch zwei oder drei offizielle „Festmahle" jährlich im Offizierkorps gäbe, so wäre das schon reichlich genug. Ehedem kannte man nur den Königs-Geburtstag, der in solcher Art gefeiert wurde, und der junge Leutnant mit dem leeren Portemonnaie sprach das ganze Jahr davon.
Ruhmvolle Erinnerungen durch Feier des Gedenktages hochzuhalten, ist gewiß ein lobenswertes Ding. Aber es kann anders geschehen, als durch eine gemeinsame Mahlzeit, beispielsweise durch eine Festrede, einen Vortrag, eine die Erinnerung an das Geschehene belebend« Übung usw. Auf diesem Gebiete ist in Vereinfachung viel zu tun.
Man wende nicht ein, daß der Fortfall einiger Festmahle nur wenig ausmache und sozusagen ohne finanziellen Effekt bleibe. Die ganze Lebensart gestaltet sich unwillkürlich einfacher, wenn die offizielle Geselligkeit damit den Anfang macht. Die Ansprüche werden auch bei vielen anderen Gelegenheiten herabgesetzt. Wer daran gewöhnt wird, in einem Punkte auf Einfachheit zu halten, der hält auch unwillkürlich in den anderen darauf.
Sehr viel können die Regimentskommandeure in dieser Beziehung tun, wenn sie in ihren Offizierkorps gemeinsame Vergnügungen schlichter Art, wie kleine Sommerausflüge, an den ohnehin knapp bemeffenen freien Tagen anregen. Es gibt Offizierkorps, bei denen sich auf diese Art ein förmliches Familienleben entwickelt und niemand mehr an kostspielige Aufnahme im Kameradenkreise denkt. Geht es bei diesen Festen recht be- scheiden her, so verschwindet allmählich die falsche Scheu vor dieser Bescheidenheit. Gott sei Dank ist der größte Teil unserer Jugend heute noch dafür gestimmt und da» Gegenteil eine Ausnahme. Im Grunde des Herzend fügen sich die meisten jungen Leute in die größeren Aus- gaben nur mit einem stillen Seufzer, weil sie fürchten, den Schein der Knickerigkeit auf sich zu laden. Auf ein solches falsches Ehrgefühl sind viele Auswüchse zurückzuführen.
Ich bin noch als alter Leutnant, ja sogar noch al8 junger Hauptmann im Generalstabe bei Urlaubsreffen in Zivil gereist, um dritter Wagenklaffe fahren zu können, und ließ es mir aus irgend einer Mittagsstativn an einem Stück Fleisch und einem Glase Bier genügen.
Jüngst sah ich die „Herren Kadetten", vom Herbsturlaub zurückkehrend, zum nicht geringen Teil im Q-Zuge zweiter Klasse auf eigene Kosten reisen, und traf sie auch
Feuilleton.
Der Student als Erzieher.
.. . Humoreske von Friedrich Thieme.
^ nun einmal da bist, lieber Karl," sagte ich zu «tna ^ E Tage vorher eingetroffenen Bruder, dem ^u<l. mast, im vierten Semester. ..so könntest du uns
«,,- 7 im vierten Semester, „so könntest du uns
^rechten Gefallen erweisen."
,,Na — und?"
aitar»iP Ä weißt, wie meine Frau und ich uns einmal her- löfr* ~ aber die Kinder mit dem Mädchen allein L,„"l^ht nicht wohl an — wir hätten keine ruhige itafon «^nn wir aber dich als Oberaufseher da
s^. "^Erlich, altes Hans machen."
nur fort mit euch! Werd'
- ftwT .' mJ> ia alles gute, an Gehorsam gewöhnte Kinder tn £'V?* bereits 9 Jahr und patzt schon auf seine jünge- i Geschwister auf — Adolf ist ein bißchen lebhaft, aber
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Johanna die Sanftmut selbst/
>lxjh^bgemacht — reist nur! Wie lange wollt ihr
drei Tage, länger erlauben es meine Geschäfte
!SM^m?ickte. Er war die Bereitwilligkeit selbst — am siwes"Margen reisten wir ab und am Abend des dritten z»„.^^brten wir zurück. Karl empfing uns an der »„"r, die Kinder lagen schon im Bett.
An k in Ordnung, Karl?"
„Alles in «
/flUeg in Ordnung, altes Haus." die Kleinen brav gewesen?"
xü Bremen brav gewesen?"
«bt i e die Lämmer; habe meine Freude an ihnen ge-
^ --- dummer; yaoe meine sreuoe an iyncn g<-- Hirfi gestern waren einige Kommilitonen zu
^be sie gastlich ausgenommen — hast doch nichts
it5"IÜ? s 5enf ' t du hin, freue mich darüber." Wir gingen k vaus und begaben uns befriedigt zur Ruhe. Die
Kleinen schliefen in ihren Kissen wie die Engel; wir freuten uns auf ihre Überraschung am anderen Morgen.
Unser Wildfang Adolf war zuerst munter. Seine helle Stimme weckte mich aus dem Schlafe. Aber hatte ich denn auch recht gehört? Nein, es konnte nicht möglich sein —
„Papa, altes Haus, bist du wieder da?" wiederholte der sechsjährige Schelm, fröhlich auflachend im Bewußtsein seines Scherzes — er bildete sich offenbar etwas darauf ein.
„Aber Adolf, wie kannst du denn den Papa „altes HauS" nennen," rief meine Frau vorwurfsvoll.
„Onkel Karl hat uns ja auch so genannt — und wir ihn auch," sekundierte Fritz verwundert dem Bruder.
„So? Recht nett — ich verbitte mir aber derartige Vertraulichkeiten von eurer Seite."
Nach dieser Zurechtweisung standen mir auf und bald saßen wir am Frühstückstisch — versteht sich, mit Ausnahme des Bruder Studio, der seinen Eintritt in die tägliche Tretmühle des irdischen Jammertals selten so zeitig zu bewerkstelligen pflegte.
Als ich kam, stritten sich die Kinder um den Platz an der unteren schmalen Seite der Tafel.
„Ich bin der älteste — ich bin Fnchsmajor," zeterte Fritz.
„Js bin Fußmasor," eiferte die kleine Johanna.
„Ach du — du bist ja ein Mädchen," rief verächtlich Adolf. „Ich bin's — und ihr seid die Füchse!"
Fritz als der klügste gab endlich nach, und Johanna wurde überstimmt, und Adolf übernahm das Fuchsmajorat. Ein großer Peitschenstock lag vor ihm, mit ihm schlug er dreimal auf den Tisch, daß die Teller und Tassen einen wahren Hexentanz aufführten.
„Dummer Junge, was fällt dir denn ein?"
„Aber Papa, ich bin doch Fuchsmajor, und da muß ich doch aus den Tisch hauen."
„Und wenn du Wolfsmajor bist — bei unö lassen wir lieber derartige Extravaganzen! Du willst wohl alles
kurz und klein schlagen? Das hat euch wohl auch der Onkel beigebracht?"
-Ja."
"Na, ihr habt ja nette Sachen von ihm profitiert. Was ist mit Fritz?"
„Ach, er verlangt schon die fünfte Tasse Kaffee," antwortete meine Gattin ärgerlich.
„Aber Fritz, du mußt ja krank werden — hast du denn so viel Durst?"
„Nein, das nicht — ich übe mich."
„Du übst dich. Worin denn?"
,„Jch will 'mal 'n Student werden wie Onkel Karl, und da muß ich 20 Glas Bier trinken können, hat er mir gesagt. Bier bekomme ich nicht, da übe ich mich in Kaffee und Wasser."
„Ja, Papa," beichtete Adolf, „ich habe gestern abend schon 11 Glas Wasser getrunken."
„Nein, es waren nur neun — und alle nur halb voll
„Ist nicht wahr — du hast betrogen!"
In diesem Augenblicke Hub unser Nesthäkchen, die dreieinhalbjährige Johanna, indem sie ihre Kaffeetasse hochhob, mit wichtiger Miene unter ziemlicher Einhaltung der richtigen Melodie an zu singen:
„Fußmasor, Fußmasor,
Tommt den Fitzen tar nis vor," und sofort fielen die Knaben im lauten ChoruS ein:
„Eins, zwei, drei, vier.
Was ist das für ein Fuchsmajor,
Der trinkt ja gar kein Bier!
Fünf, sechs, sieben, acht.
Wenn er nun nicht bald Anstalt macht,
Da wird er ausgelacht.
Was liegt da draußen vor dem Tor?
's ist der be—trunk'ne Fnchsmajorl"
„Stilemsium", donnerte jetzt Adolf, „ad loca!* „Silentium hcißt's," korrigierte Fritz. „Nicht wahr, Papa, nun muß der Fuchsmajor trinken?"
„Papa, ich komme dir einen Halben," rief Adolf, mir seine Kaffeetasse entgegenschwingend.
