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si. Jahrs«««.

Erscheint in zwei Ausgabe«. — LezugS-PretSr durch den Verlag S« Pfg. monatlich, durch dr« «oft » Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Berlag: Langgaffe 27.

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VerlagS-Fernsprecher No. 2SS2.

K ». 384,

Abend -Ausgabe.

Dir Fijsnbanrr Königstage.

Lissabon, 9. Dezember.

Im Leben der iberischen Völker hat sich ein großes Ereignis vorbereitet, das auch jenseits der Pyrenäenberge ein aufmerksames Interesse erwecken sollte. Nach langen fahren des Streites der Rivalität, ja des Hasses, werden sich Madrid und Lissabon, werden sich Spanien und Portugal die Freundeshand reichen und der Besuch König Alfonsos am Tajosstrande den Bund besiegeln. Portugues" galt bisher in Madrid als ein häßliches Schimpfwort, das sich etwa durch „Dummkopf" übersetzen liehe, und in Lissabon wieder war „Hespanhol" die Be­zeichnung für einen hohlen Prahlhans. Das soll anders werden, stolz werfen sich heute die zahlreichen Spanier in Lissabon in die Brust und wagen es sogar, ohne Protest von seiten der Bevölkerung ihre Fenster und Häuser in den fröhlichen rotgelben Farben ihres Vaterlandes zu schmücken. Kommt doch der nmo rey! So ändern sich die Zeiten, und hoffentlich ändern sie sich zumBesten der beiden iberischen Brüöervölker! Jedenfalls herrscht echte süd­liche Feststimmung in Lissabon. Sie ist vielleicht sogar aufrichtiger, als vor wenigen Monaten König Eduard die portugiesische Hauptstadt besuchte und Portugal sich in die britische Umarmung schmieden ließ. Trotz aller Freude und trotz aller politischen Vorteile, die sich aus dem Englandbündnisse zu ergeben scheinen, glaubte das Volk instinktiv in den britischen Liebenswürdigkeiten die Bitternis eines Judaskusses zu verspüren und glaubte an den Verrat einer so stolz und mit solch glühender Vaterlandsliebe gehüteten Unabhängigkeit. Mit Spanien liegt die Sache anders,' nichts hat Portugal von den Grenzen in Estremadura und Galizien zu befürchten. Die Macht des kastilischen Eroberers ist heute zusammen- grbrochen und nur ein Don Quichotte in Madrid kann an eine gewaltsame Bedrohung der portugiesischen Unab­hängigkeit denken. — So kleidet sich die weiße Lisboa in ein prächtiges Festgewand, um den jungen König von Spanien würdig zu empfangen. Die Straßen prangen im Flaggenschmuck, überall sind lustige Pavillons errich­tet worden, in denen Musikchöre fröhliche Weisen spielen werden, und sestfrohe Menschenmassen sammeln sich, um dem Einzuge des Königs von Spanien beizuwohnen. In den Hotels ist kein freier Platz mehr zu finden, die Preise sind ums Doppelte, Dreifache, ja selbst Fünffache ge­stiegen, und doch wächst der Zufluß von Fremden noch wehr an. Die wenigen Provinzler, deren Börsen nicht allzu wohl gespickt sind, müssen im Freien kampieren, and das ist selbst hier, wo das Thermometer auch im käl­testen Winter kaum unter 8 Grad zu smken pflegt, kein

Dienstag» den 15. Dezember.

RsbakiionS-Fernsprecher No. 32.

1903.

Vergnügen, da es zum Entsetzen der Festleiter stark zu regnen und zu stürmen begonnen hat, so daß farbiges Wasser von den frisch gestrichenen Dekorationen herunter­träufelt und der Flaggenschmuck arg zerzaust worden ist.

Die Ausführung des Festprogramms hat der Regie­rung Millionen und dem König Dom Carlos persönlich ein kleines Vermögen gekostet. Der Palast von Belem ist besonders für den König von Spanien ausgebaut, prachtvolle Möbel sind zu diesem Zweck in Paris und London bestellt worden, und erste Künstler haben die Dekorationen gemalt. Die alten Galakarossen des portu­giesischen Königshauses, die prächtigen Kutschen aus den reichen Zeiten Dom Joaos und Dom Pedros haben eine neue Vergoldung erhalten und ein glänzender Troß von mehr als 70 Eqnipagen und von etwa 600 ausgesucht schönen Pferden steht bereit, um die beiden Könige von Lissabon nach dem Jagdschloß von Villa Vixvsa und von dort über Elvas nach Badojoz zu bringen, eine Strecke, auf der es noch keine Eisenbahn gibt. Dom Alfonso trifft morgen um 1 Uhr nachmittags auf der Zentralstation des Rocio ein, um bis Montag früh hier zu bleiben, und da Ihnen über den feierlichen Empfang, sowie über die offiziellen Festlichkeiten, die sich ja im allgemeinen wenig von dem unterscheiden werden, was bei solchen MonarchenbegegNungen sich abspielt, bereits telegraphisch berichtet sein wird, will ich mich guf die Erwähnung der für Portugal charakteristischen Vorgänge beschränken. Ein solcher ist zweifellos der große, zu Ehren des Königs von Spanien veranstaltete Stierkampf nach altportugicsi- scher Art. Ein Fest, das unter iberischen Völkern natür­lich nicht fehlen darf, wenn auch Dom Alfonso und seine spanischen Begleiter durch den unblutigen Ausgang etwas enttäuscht sein dürften. Einen Ersatz dafür aber bieten die prächtigen, waghalsigen Reiterkunststücke der Kavallerie und der ganze Anblick der wunderschönen Plaza. Nach dem Stierkampf und einem kurzen Familien­diner bei der Königin-Mutter, Anna Maria Pia, der Schwester König Humberts, folgt dann das südliche Nacht­fest auf der Avenida, glänzende Illuminationen der Stadt und Feuerwerk. Dieses Nachffest ist dura,aus öffentlich und fürs Volk. Die Könige, der Hof und die geladenen Gäste nehmen aus reizend geschmückten und elektrisch er­leuchteten Tribünen inmitten des Publikums Platz und empfangen die Huldigungen der vorüberflutenden Volks­massen. Öffentliche Tänze werden veranstaltet, Chöre von Guitarrenspielern usw, ziehen vorüber — kurz es ist ein Fest, wie man es sich nur in diesem glück­lichen Lande des Südens vvrstellen kann, wo keine Anarchistensurcht herrscht und wo Polizeiabsperrungen und Militärkordons vor der Person des Königs nicht nötig sind. Man darf dank der hohen sozialen Kultur der Portugiesen auch der untersten Volksschichten sicher sein daß kein Betrunkener die Feststimmung stört und daß'dte Monarchen trotz der Dunkelheit der Nacht und

der Machtlosigkeit der Polizei in solch einem Gedränge nur Liebenswürdigkeiten zu hören bekommen werden. Am Sonntag hält dann der Kardinalpatriarch von Lissa­bon zu Ehren Dom Alfonsos eine feierliche Messe in der Kathedrale von Belem ab, und nachher unternehmen beide Könige Ausfahrten in die schöne Umgebung der Haupt­stadt und in das berühmte Sommerschloß von Cintra, das schon Lord Byron ein Paradies auf Erden nannte. Am Abend gibt Dom Carlos seinen Gästen einen Hofball in seinem Palaste, zu dem 2000 Einladungen verteilt wor- den sind. Und schließlich am 14., rnorgens, erfolgt die Ab- reise zu den Eberjagden nach Villa Viyosa. Bei dieser Gelegenheit muß der Tajo gekreuzt werden, und da wer­den denn alle Schiffe im Hasen, die vereinigten portu- giesffchen, spanischen und englischen Geschwader, zahlreiche Boote und Luxusdampfer Dom Alfonso unter zahllosen Kanonensalven das Geleite geben. Man erwartet aber auch von dem Besuch noch Folgen politischer Natur, deren Bedeutung über die iberische Halbinsel herausreicht. Die Offiziere der englischen Flottcnabteilung, welche hier zur Begrüßung des Königs Alfonso eingetroffen, werden ein gemeinsames Frühstück mit ihm einnehmen, und dabei soll in den Toasten erklärt werden, Spanien werde sich dem portugiesisch-englischen Bündnisse anschließen und seinen Neigungen für Frankreich entsagen. Hier tragt wohl die starke Einbildungskraft des Südländers über nüchterne Berechnungen den Sieg davon.

Politische Äbrrsrcht.

Aus dem Reichstage.

L. Berlin, 14. Dezember.

Wieder ein Rededuell Bebel-Bülow! Volle 2V 2 Stunden brauchte der sozialdenwkratische Führer, um dem Reichskanzler zu beweisen, daß er von dem Zukunftsstaat denn doch eine irrige Auffassung gehabt habe, als er sich neulich an der Hand einiger Broschüren daran machte, die sozialdemokratische Bewegung gewissermaßen dialektisch aufzutösen und als beträchtlichen Unsinn hrnzustellen. Nun kann man freilich nicht sagen, daß es Herrn Bebel gelungen sei, der aufhorchenden Öffentlichkeit deutlicher zu machen, was denn nun eigentlich der Zukunftsftaat ist oder sein soll. Herr Bebel gab einen ausgedehnten historischen Exkurs, aus dem man nur erfuhr, was inan auch ohnehin längst gewußt hat. Seine Kritik mag in gewissem Sinne als berechtigt anerkannt werden, aber nur bis dahin, wo die scharfe Grenze zwischen Gegenwart und Zukunft ist. Von der kommenden Entwicklung weiß Herr Bebel und wissen die Genossen ebensoviel wie wir alle, nämlich nichts. Es kann so kommen, es kann aber auch anders kommen. Bebel ging in seiner Rede die Gesamt- heit der neulichen Ausfichrungen des Reichskanzler und

Die NeVolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(53. Fortsetzung.)

V xx.

Sie der Landrat v. Rettern-Zackerlin auf dem Schaafsberg die "Nellen fangen wollte, was er in der Vogelskau vorfand und Die er schleunigst von hinnen wich. Wie der Freiherr v. Peiters- 'wich auf dem Pitterkesköppkcn den getreuen Ekkehard zu spulen pachte und kein Glück damit hatte und wie am Schluß des Kapitulums ein höchst staatsgesährlicher Rm erscholl.

*

. Durch die Buchen undFichten, welche in weitemRechteck Ke von Heidekraut und Wachholderbüschen bestandene Achtung auf der Höhe des Schaafsberges umstanden, 'wischte der Nachtwind. Dom Osten her brachte er Glocken- chläge von einem entlegenen Kirchturm mit. Es waren hrer elf. Hm und wieder knarrten ein Paar Aste, dre >ch im Winde rieben, und ein Kauz strich heulend über dre leichwm Schnee bedeckte Lichtung, in deren Mitte sich Ke Vogelhütte wenig und kaum sichtbar im matten Oammer.der Nacht erhob.

»Weiß der Deuwel, ich glaube, die Hunde sind ge­tarnt", flüsterte der Landrat von Rettern-Zackerlin dem Eben ihm unter den herabhängenden, Zweigen einer "Mne liegenden Gendarmerie-Wachtmeister Broch zu. .Ächon eine halbe Stunde über die Zeit und noch keine ßeder zu scheu! Ob die Konzentration der Gendarmene w dieser Gegend doch bemerkt wurde?"

. »Unmöglich", entgegnete der Gendarm leise. „Herr ^ändrat haben die Anordnung so geschickt getroffen, dm; Ein Verdacht cntstchen konnte. Unsere Leute sind doch weist erst in der Dunkelheit und von den verschiedensten hegenden aus einzeln aufgebrochen, und hier liegen sie so M im Gebiisch gedeckt, daß selbst ein argwöhnisches Auge «chts von ihnen erblickt hätte."

,. »Ja freilich, auf meine Anordnungen kannrch stolz wn", meinte der Landrat. „Man ist schließlich nicht schonst Reserveoffizier. Aber das hebt leider die ^at- lwhe nicht auf, daß wir hier schon über zwei Sffindcn » vergeblich als ungemütlich auf dom Bauche liegen “«tne Kognakbulle ist längst geleert, und Ihr Schnaps

ist schlecht, lieber Wachtmeister, sehr schlecht. Ich gestehe, daß ich anfange, zu frieren und ungeduldig zu werden.

Er versank in trübes Schweigen, und der Wachtmeister ärgerte sich insgeheim, daß er verurteilt war, neben dem Höchstkommandierenden zu lagern, was ihn hinderte, sich seine kurze Pfeife anzustecken, deren Genuß er sehr entbehrte. So ging wieder eine Zeit hin, da packte der Landrat seinen Gefährten plötzlich am Arme und raunte ihm zu: „Sehen Sie dort, Broch, da bewegt sich ein Fünkchen über den Boden weg. Tort aus der Schneise kommt's bergauf. Parieren, es ist eine Laterne."

„Es ist eine Laterne, die hin und her geschlÄrkert wird. Herr Landrat haben ganz recht."

„Und nun spitzeil Sie mal die Löffel. Ich hör was."

„Es scheint mir, als wmn eins lachte und kicherte und Reden führte."

„Das ist ein Zeichen, daß chrer mehrere zusammen sind. Und nun, da, da, haben wir's! Wollen Sie noch 'ttvcfyv?"

■ „Gott verdeck, dat es dat rebell'sche Leed!" stihr es dem Gendarmen heraus.

„Famos, fainos", zischelte der Landrat. „Sehen Sie nur, die Laterne bewegt sich auf die Vogelhütte zu, der- schwindet dort. Das sind die ersten. Die werden dort in dem primitiven Loch die anderen erwarteii. Jetzt nur Geduld! Die andern werden nicht lange mehr aus- bleiben. Es soll ein Hanptschlag werden, lieber Wacht­meister, ein Hauptschlag. Und Sie sollen ein feines An­denken an die Chose von mir bekommen: ich werde Sie für die silberne Verdienstmedaille Vorschlägen. Ver­lassen Sie sich ganz auf mich."

„Herr Landrat sind zu gütig", flüsterte der Beamte. „Aber hören Sie nur das Spektakel in der Hütte, dies Gröhlen, Lachen und Schreien."

„Ja, ja, zu merkwürdig, diese Unvorsichtigkeit! Das wähnt sich, schcint's, vollkommen sicher. Na, wird- 'ne nette Überraschung werden für die Bande. Hehehehe!"

Der Landrat wartete eine Viertelstunde und noch eine, aber es zeigte sich nichts weiter, und auch in der Vogel- Hütte wurde es ruhig.

„Hm", brummte der Beamte, „die meisten der Schufte scheinen sich besonnen zu haben, ehe sie den Weg in Nacht

und Kälte riskieren. Kein Zweifel, eschaben sich da rn dem Loch wohl nur ein paar Rädelsführer zusammen­gefunden, um gegen Regierung und Gesetz zu konspirieren. Hätte mir 'neu ordentlichen Massenfang gewünscht; aber immerhin, auch das mag nicht zu verachten fein. Ich denke, wir ziehen das Netz zu, Broch."

„Wie der Herr Landrat befehlen."

Rettern holte eine doppelläufige Pistole aus seinem Überrock hervor und spannte die Hähne. Dann erhob er sich mit seinem Gefährten, pfiff gellend auf einer Hunde­pfeife, uni> im selben Augenblick stürmten rings vom Rande der Lichtung mit lautem Hurra ein Dutzend Gen­darmen gegen die Mitte des weiten Platzes, durch Ginster- sträucher und Heide gegen die Vogelhütte vor, bis sie auf zehn Schritte herangekommen waren.

„Licht!" kommandierte der Landrat. Da wurden eine Anzahl Diebeslaternen geöffnet, und ihr Schein fiel auf die drohenden Gesichter und auf die Waffen der Beamten.

„Vorwärts gegen das Versteck der Rebellen!" befahl Rettern. Dann sammelten sich alle vor der Tür zu der Erdhütte, und der Wachtmeffter Broch trat hinzu und spähte durch die Ritze.

„Es ist kein Licht mehr drinnen, und ich höre was, als wenn was schnarchte", meldete er. Gewaltig schlug er mit dem Kolben gegen die Tür und brüllte: „Auf­gemacht, im Namen des Gesetzes!"

Nichts rührte sich. Er versuchte die Tür zu öffnen. Sie folgte seinem Druck.

„Zwei Mann mit Laternen her", befahl er, und als­bald kroch er mit den beiden Leuten in das niedere Gelaß. Da hörten die Außenstehenden plötzlich ein wildes Ge­kreisch. Dann schrie es.: „Ihr Donnerkiels, Ihr dreckig Mannsvolk! Schämt Ihr öch nit, medden in der Neiiht ein arm o'schöllig Weit (Mädchen) to öwerfallen!"

„Gott verdammt! Was ist das!" fluchte der Land- rat und kroch nun auch mit gespannter Pistole -durch die Tür.

Da stand der W-achtmeister mit den beiden Gendarmen vor einem Lager aus trockenen Farnkräutern, und ders Schein ihrer Laternen fiel in ein wüstes Weibergesicht, dessen stiere Augen unter struppigem, grauem Haar bös­artig hertorstarrtcn.