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BerlagS-Fernfprecher No. 2958.

en-Ausgabe.

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Vor etwa acht Tagen brachte das „Wiesbadener Tag- Hatt" längere Ausführungen unter obigem Titel, welche n Zweifel einer weiteren Besprechung rn der Offent- nEit wert gewesen wären. Es handelte sich dort um g«en Bericht über eine Sitzung des „Deutschen Verein» Ä höhere Mädchenschulwesen". In demselben kamen -wet gelehrte Herren und eine ebensolche Dame zum «ort, und der Schreiber dieser Zeilen, der nur ein Mann aus dem Volke, daneben aber Vater erwachsener Mad­ien ist, die sich nach einem Berufe umsehen, muß schon um Entschuldigung bitten, wenn er es wagt, den er­wähnten Ausführungen näher zu treten. Es soll darum auch gar nicht die Rede davon fein, ob es recht oder un­recht ist, daß man in dem neuesten Reformplan das „Grie­chische" gestrichen hat, ob die „Gabelung" in eine reale oder realgymnasiale Mädchenschule dem Werbe der Zu­kunft das Heil bringen wird. Alle diese Zuknnftspläne haben bei ihrer Verwirklichung einen Wert nur für einige Dutzend Mädchen der höheren Ständet für diese wenigen Leute öffentliche Schulversuche nach 'ihrem Geschmack ein- richten, würde doch der Allgemeinheit, ö^m

Steuerzahler, zu viel zugemutet sein. Wird vielleicht die Krauenfrage ihrer Lösung dadurch einen einzigen Schritt näher gebracht, daß einige hundert Mädchen in Deutsch­land sich akademische Bildung erwerben? Was ist für die große Masse derer damit erreicht, welche weder Mittel noch Kräfte haben, um dieses Ziel zu erreichen. Die Lösung der Frauenfrage so ausschließlich durch Reform der Bildungsmittel erreichen zu wollen, ist überhaupt ein müßiges Beginnen, und doch gibt es Vereinigungen von Frauen, welche sich die Hebung des weiblichen Geschlechts zum Ziele setzen, denen nur immer die Bildung vor Augen schwebt. Hier richtet man hochgelehrte Vortrags­reihen ein, die meist philosophischer Art sind und an denen gar oft nur das zu bedauern ist, daß sie jenseits von Ver­ständnis und Auffassungskraft der Hörerinnen liegen, dort kämpft man für Einführung von Latein und Mathe- matik in die Mädchenschule; anderwärts fordert man, um die Volkssittlichkeit zu heben, sexuelle Belehrungen durch die Schule. Würde durch die Befolgung dieser schnlreformatorischen Vorschläge zu helfen sein, so be- üände eine Frauenfrage in den unteren und mittleren Gesellschaftsklassen überhaupt nicht. Entsprechen sich doch »n den Knaben- und Mädchenvolksschulen Bildungsgang und -Ziel fast vollständig. Dasselbe gilt natürlich von den Mittelschulen; und die Schülerin einer höheren Mäd­chenschule kann sich nach zehnjährigem Schulbesuch tn ihren Kenntnissen im allgemeinen mit dem K naben messen, der sich sie Berechtigung zum Einjährigen erworben hat. Eine recht brennende Frauenstage wird man aber auch für diese Kreise nicht verneinen wollen. Alle Hochachtung

Sonntag» den 13. Dezember.

vor guten Schulen und ihren Leistungen, aber ein Univer salmittel gegen soziale Schäden bilden sie nicht.

Soll dem weiblichen Geschlecht wirklich gedient wer­den, so müssen die Vorschläge dazu denn doch etwas prak­tischer gestaltet werden. Sie haben sich nach unserer Meinung in zweifacher Richtung zu bewegen: erstens sollen sie bestehende Frauenberufe zu bessern und zwei­tens neue zu erschließen suchen, welche mit vorhandenen weiblichen Kräften ausgefüllt werden können. Was die Besserung bestehender Verhältnisse anbelangt, so begrüne ich als fleißiger Leser des „Tagblattes" mit einem Ge- schichtchen, das ich vor wenigen Tagen dort fand.^ In „Berlin" hat eine Dame sich mutig erkundigt, wie es mit der Sitzgelegenheit der Verkäuferinnen gehalten wird. Die Einrichtung ist illusorisch, weil „man" das Litzen nicht gern sieht. Dieser „man" gehörte gewiß zu den Spezies freier Bürger, wie man sie am Wrrtstlfch oft finden kann, die über die Abhängigkeit von allem, wa» Beamter heißt, erhaben spötteln, die aber eigene Bediente bei der ersten passend erscheinenden Gelegenheit entlassen, wenn sie sich nicht gründlich auf das Katzenbuckeln vor der eigenen, hochwerten Persönlichkeit verstehen. Rem, deutsche Frau, wenn Sie diesem „man" keine ^verständ­lichere Lektion gegeben haben, als daß «ie die Lache ins „Wiesbadener Tagblatt" schreiben, dann können sre mir eigentlich leid tun. Hier ist ein Feld für wirklich humane Frauenvereine. Hat sich vielleicht schon erner der letzt- genannten einmal nach der Höhe bcx -öhne erkundigt, die manche solcher Geschäfte zahlen, und dve darrnt dem anständigen Kaufmann eine schmutzige Konkurrenz be­reiten, außerdem aber ihre weiblichen Angestellten aus die Bahn des Lasters drängen. Ich habe ferner noch nicht gelesen, daß sich einmal ein Frauenverein um die Post­beamtinnen bekümmert habe. Fragt man auf der Suche nach einem Beruf beispielsweise bei den Telephonistinnen an, so kann man sicher sein, daß der größte ^eil uns dringend von diesem Berus abrät. Sollte man hier den Staat nicht an seine Pflicht erinnern dürfen, daß er diese Beamtinnen so beschäftigt, daß die ewigen Klagen uber Nervosität verstummen? Und nun erst bei den Lehre rinnen' Da ist die genannte Krankheit in Dauer erklärt, aber die Forderung, den Beruf für die weiblichen Lehr­kräfte so zu gestalten, daß sie einigermaßen gesund blerben, wurde meines Wissens noch nie gestellt. Dagegen weiß aber die jüngste Frauenrechtlerin unter ihnen mit schlagender Beredsamkeit das Unrecht zu geißeln, das da­rin besteht, daß der männliche Kollege ein paar Mark Be­soldung mehr bekommt. Es ist statistisch nachgewiesen, daß die Lehrerin viel mehr durch Krankheit zu Versäum­nissen gezwungen ist, daß sie außerdem viel früher dienst- untauglicht wird als der Lehrer. Das wird so lange dauern als die Arbeit den Kräften der Lehrerin nicht ana Lt ist, d. h. s° lange sie mehr als höchstens 30 Kinder in mehr als 24 Stunden wöchentlich zu unterrich- ?en lat Erziehung und Unterricht sollten so recht die Domäne des Weibes sein. Welcher Frauenverein ist schon einmal dafür eingetreten, daß deni Mangel an

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903 .

Lehrkräften durch Anstellung von Lehrerinnen abgeholfen werde? Folgende Zahlen zeigen die Verwendung der weiblichen Lehrkräfte in einigen Städten und sind zu Verallgemeinern auf sämtliche deutschen Großstädte. Es beschäftigen Aachen 40 Prozent, Wiesbaden 10 Prozent, Chemnitz 4 Prozent weibliche Lehrkräfte. Sind die Frauenrechtlerinnen in Chemnitz, Wiesbaden und Dutzenden anderer Städte einmal bei der Behörde vor­stellig geworden, daß mehr Lehrerinnen angestellt wer­ben? Als Lehrerin hat sich, wie schon gesagt, das Weib bewährt, uud doch hat man noch nicht gehört, daß für evangelische Mädchen unseres Regierungsbezirks einmal nach einem staatlichen Lehrerinnen-Seminar gerufen worden wäre. Die 2/5 Katholiken in unserem Bezirk haben eine solche Anstalt in Montabaur; eignen sich evangelische Mädchen weniger zu Lehrerinnen? Nun wird man «in- wenden, daß in Wiesbaden und Frankfurt höhere Mäd­chenschulen mit Lehreriunen-Seminaren bestehen, aber sie kommen allein schon wegen des Kostenpunktes nur für einen sehr engen Kreis in Betracht. Auch darf wohl hier gesagt werden, daß wenigstens das hiesige Seminar nr ein merkwürdiges Licht gesetzt wurde, und zwar dadurch, daß der verstorbene Leiter desselben als langjähriger städtischer Schulinspektor kaum einmal einer Lehrerin zur Anstellung verhalf.

In vorstehendem glaube ich gezeigt zu Haben, 'was für die Frauenfrage im Bereiche der Notwendigkeit und Möglichkeit liegt. Eine Parallele zu ziehen aus alle Be­rufe, welche Frauen beschäftigen, würde die Leser er­müden. Neue Berufszweige aufzuflnden, kann ich den bestellten Vetreterinnen der Frauenrechte überlassen. Wo ein Wille ist, wird sich auch ein Weg finden, «eine Auf­findung wird allgemein Freude machen, auch wenn me ohnehin schon überfüllten gelehrten Berufe dem Weibe geöffnet werden. Gründe man zu diesem Zweck nur nicht besondere höhere Mädchenschulen, sondern erstrebe man den Eintritt der bildungsbedürstigen Mädchen in die Realschulen und Gymnasien; die Vereinig ung der. ver­schiedenen Geschlechter zu gemeinsamem Unterricht ist in den unteren und mittleren Schulen doch nur ein« Frage her Zeit; warum sollen die höheren Schulen eine

"^*Der"*erwähnte Bericht appelliert mit seinem Bor» schlügen an die städtische Schulverwaltung, indem er Be- zug nimmt auf den Wechsel in der Leitung der Anstalt.

Wir glauben nicht, daß sich »ns-re Sch^u^tton be.

der Wahl des neuen Direktors auf Reformen im Sinne jenes Berichtes eingeschworen hat, glauben aber wohl, daß man denjenigen vernünftigen Änderungen nicht ab­geneigt sein wird, die sich jedesmal da notwendig machen, wo die Leitung den Händen eines Greises, der im achten Dezennium seines Lebens steht, entgleitet, nm in die­jenigen eines Mannes in der Vollkraft serner Jahre uber- rnaeben Wünschen wir dem neuen Direktor zu solchen K-m-n - $18 Tie nötiß fein (»Uten - Sen beim, CSrfoIa* Sollte aber doch etwas mit emer „ real en oder realgymnasialen Gabelung" in Aussicht genommen fern

Feuilleton.

Berliner Stimmungsbilder.

■ Von Paul Lindcnbcrg.

Zu« 88. Geburtstage Adolf v. Menzels - Ein Besuch bei« Aecher. - I« feinem Atelier. - Bon Vergangenen und Zu- '»nftiqeni. — Menzels Nackiotaer. — Georg Schovel. — des großen Friedrich. — ..Alt-Berlin" und was cs »ns kündet. — Tolstois „Früchte der Bildung.

Die überwiegende Mehrzahl jener ist dahingegangcn, «e nach der langersehnten Wiedervereinigung der deut- !chen Stämme auf den verfchiedensten Gebieten des Han- °ttns und Denkens, Schaffens und Dichtens das Ihrige Ruhme des jungen Reiches bcigetragen. Einer weitk "och unter uns: Adolf v. Menzel, der jüngsthin in »oller Rüstigkeit seinen 88 . Geburtstag gefeiert. Und er dleibt uns hoffentlich noch lange erhalten^denn wenn "'an rhn auf der Straße sieht oder tu Gesellschaften oder l”. * e !" em Stammlokal, der Frederichsschen Weinstube m er Potsdamerstraße, scheinbar auf nichts acht gebend, Udoch mit den kühlen grauen Augen unter den ZK^ll-n Brauen alles scharf beobachtend, dann merkt vnichts von irgendwelcher Last und von Beschwer- s. “ keä Alters an. Wenige Monde sind es her, da war gw Kleiber dieses mit einem befreundeten »apamschen ^lehrten, der sich ein Jahr hindurch Sprachstudien halber ^ dttlin gelebt, bet dem Meister, auf eine Bemerkung mn über seine Frische und Regsamkeit meinte Menzel .irdenen Tones: „Na ja, mir hat mein Hausarzt ge- fi;: ld > würde 100 Jahre werden, ich bin auch mit 00 zu- ' ft*' ?ber ich darf den Arzt doch nicht Lügen strafen! kl,; Es ist nicht leicht, in das künstlerische Heiligtum der fehv lett großen Exzellenz einzudringen, und wer nrcht i ie vorsichtig erteilte Erlaubilis des Bewohners besitzt, tz.,o"rfte vergeblich klopfen und klingeln an der schlichten ltlz üx im vierten Stocke des nach dem Garten zu gc- Duergcbäudes eines stillen Hauses der stillen btn Nhudstratze, von der ans man in weniacn Mmnten u„Füergarten erreicht. Stets bedarf es der Bermitte- ««g des Pförtners, der die Besucher die vier stellen

Stieaen Hinauf begleitet und der, von seinem „Schlüssel-

recht" Gebrauch machend, zunächst die^ Einlatzherschenden nnküudiat ebe das „ja" oder „nern erfolgt. In der Zwischenzeit kann man sich draußen an den Scherzen der Modelle vergnügen, die in Wort und Bild sich ihre ange- weile zu vertreiben suchten, rndem ße mit Blersttst n.id Kohle die weißen Flurwünde zu „verzieren getrachtet, mit Karikaturen Menzels und mit allerhand gerstvollcn Bezeichnungen, wie „Die Höhle des Löwen , „Hier wohnt der Millionär", „Laßt alle Hoffnung draußen . ^rele Spuren zeigten, daß diese Wandflächen schon oft a ®Ö e = wischt und frisch getüncht worden waren, es hat aber

Exzellenz lasien bitten!" Ein schmaler, dunkler Gang, ein paar Stufen, oben; am Eingang öum Ate­lier steht Menzel im abgetragenen, langschotzigcn grauen Rock, derbe Stiefel an den Füßen, durch die Glaser der goldenen Brille die Näherkommenden aufmerk,am musternd. Trotz seiner langsamen Bewegungen ist der Hochbetagte doch von einer gewissen Lebhaftigkeit und vor allem von großer geistiger Regsamkeit. Der Pförtner entfernt sich nicht, bis er ein Zeichen Menzels erhält, das Alleinbleiben mit letzterem gilt als besondere Auszeich­nung. hat er doch recht böse Erfahrungen mit verschie­denen Besuchern gemacht, die ihm Skizzen fortstahlen und selbst Blätter mit solchen aus fernen Studienbüchern rissen' Nette Gentlemen, fürwahr! Der Meister ge­wahrte wohl ein leichtes Erstaunen in den Zügen meines fremdländischen Begleiters über die Anspruchslosigkeit des Raumes und dessen Einrichtung. „Ja, lieber Herr, bei mir ist's altmodisch," bemerkte er, „ich geh' hier aber nicht mehr 'raus, hier muß man mich 'mal 'ranstragcn! — Dieses Atelier ist in der Tat ganz absonderlicher Art und erinnert in nichts an jene Schaffensstätten, wie wir sie gern mit der Tätigkeit unserer berühmten Künstler in Verbindung bringen. Rur mäßig groß, nirgends Vorhänge, Teppiche, Blumen oder sonstige Aus­schmückungen, an den rotgetünchten Wänden Gipsabgüsse von Totenmasken, darunter jene Kaiser Friedrichs, von Beinen und Händen, ferner Medaillen, Zeichnungen, Radierungen nach den Bildern Menzels, Lenbachs Por­trait Mommfens, Pferdestudien usw. In buntem Wirr­

warr an allen Ecken und Enden «lte, ledoch kaum wer^ volle Schränke, Truhen, Stühle, em Rokoko-Spiegel, dn paar holzgeschnitzte Kirchensäulen, kupferne Kessel, Re- aale Sessel und überall Briefe, Bücher, Zeitschriften, in Pergament gebundene Folianten, Plü'tographien, Ver- vielfältigungen. „O, Sie glauben nicht, was ich alles zugeschickt bekomme," sagte Merizel, auf einen Stoß am selben Morgen eingetroffener Briefe deutend, „und meist Bitten um Autographen, um Beitrage, Urteile, um ^-eH- nnngen für wohltätige Veranstaltungen. Wenn ich das alles beantworten wollte, wäre mein ganzer Tag aus» gefüllt, und ich habe doch noch viel vor, auch größere Bilder, ich arbeite Tag für Tag." — Auf Schritt und Trckt merkt man, daß der Bewohner dieses Raumes es nicht gern sieht, wenn andere Hände hier für Drdnimgsorgcn, uiid daß er nicht der Überzeugung ist, der Staub könne uns viel schaden, ein kleiner See wäre notig, um hier eine gründliche Säuberung vorzunehmen.

Die eine Schmalwand des Ateliers wird ganz aus- gefüllt durch des Meisters gewaltiges k-lbild: „Friedrich der Große in Schlesien", die Figur d«S König» ist nur hell angedcntet. Auf die Frage, ob man erwarten dürft' das Bild vollendet zu sehen, erwiderte Menze . „Das kann ich selbst nicht sagen, vielleicht, vielleichtauchnicht, das Bild steht schon lange so, und es gehört noch viel Fleiß dazu. Dies Bild hier mache ich auf keinen Fall fertig," und er nahm eine gerahmte, große Kohle^ich- nung — (sie ist seitdem in den Besitz des Museums zu Basel oder Zürich übergegangeu) - von der Wand, welche die Aufbahrung der Särge mit den Leichen der 1848er Märzaefallenen vor dem Neuen Dom auf dem Berliner Gendarmenmarkt darstellt, mit vollster ^^ietung ans- aeiübrt bis ans die linke, einen weißen Fleck zeigende Ecke. „Ich war einen Tag zuvor nach Berlin gekomm^i, erzählte uns Menzel, „stand völlig unter den frischen Eindrücken des Geschehenen und war "gnssen von der Tragik des Geschickes, in einem Zuge fertigte ich das Blatt an nach der Natur, bis ans diese Lücke hier. Dann verlor ich die Lust, es zu vollenden, da spielen allerhand Gründe mit, persönliche Ansichten und Meinungen, es war nicht alles so, wie ich damals geglaubt - - - - andere

äUcre Werke aus dem Eudc der 40er Jahre brachte der