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1. Mage zum Weskaüener Tagklntt.

-^Z 81 . Morge n^Ausgab r

Sonntag, den De;emlrrr.

Roman von Marie Bernhard.

Es war nicht möglich, ein ernstes, vernünftiges Wort mit ihr zu reden! Hundert Frageir, Bedenken und Ern- ' Wendungen brannten mir auf der Seele, aber nichts da- von wurde laut. Sufi faßte mich um die Schultern und wirbelte mit mir in der Stube rund herum, als icf) das gleib angezogen hatte, und sie zog mich vor den Spiegel und guckte mit mir hinein und fragte mit pathetischer

* ^Spieglein, Spieglein an der Wand,

Mer von uns zwei'n ist die schönste im Land?" und 'dann nestelte sie mir die weißen Rosen fest und rückte und putzte an mir herum, daß ich mir beklonunen sagte, es sei gewiß doch eine Gesellschaft im Speisezimmer ver­sammelt, — und wie unangenehm mir das am _ ersten Mud meines Hierseins sei, und wieviel lieber ich mit meiner Susi allein geblieben wäre! —

Mitten hinein in diese Szene kam ein rasches Klopfen an unserer Tür und gleich darauf Hannah, — blaß und erregt.

Sie habe auf chrem Toilettentisch einen Brief aus Dresden gefunden, der bereits gestern hier angekommen sei. Meine Großmutter sei nicht unbedenklich erkrankt, und sie selbst, sowie ihr langjähriger Arzt halte es für dringend geboten, Hannah, ihre oft bewährte, vortreff­liche Pflegerin und Gefährtin, die alle Eigenheiten und Gavohnheiten der Patieritin so genau kenne, nunmehr an ihre Seite zu rufen, zunial ich vorläufig bei dem Oheim meiner Freundin Wohl geborgen fei und guter Rat wegen einer künftigen Ehrendame, falls Hannah nicht sobald zu mir zurückkchren könne, sich ohne Zweifel auch bald finden werde.

Diesen Brief, den der alte Diener meiner Großmutter sehr klm und fachgemäß niedergeschrieben hatte, las Hannah uns stehenden Fußes vor und knüpfte daran ihren bereits gefaßten Plan: ihre Koffer seien noch nicht ausgepackt, sie bitte Susi, ihr eine Tasse heißer Bouillon und etwas Fleisch auf ihr Zimmer zu senden, da sie zu einer verbindlichen Unterhaltung mit Fremden jetzt keines­wegs angetan sei, — sie wolle ein paar Stunden auf dem Sofa ausruhen und farmt mit dem Nachtzuge um zwölf- einhalb Uhr gleich nach Dresden weiterfahren.

Einige schüchterne Einwendungen von mir wurden pegreich widerlegt, — was hätte ich auch eritstlich ein­wenden können? Die Pflicht gegen ihre Wohltäterin rief Hannah an das Krankenlager derselben, das war sonnenklar, Monate lang hatte meine Großmutter ihre vertraute Genossin entbehrt ntid mir damit den deutlich- len Beweis geliefert, wie ernst sie es mit dem nahm, was ? chr „Pflichtgefühl" nannte; Hannah war gesund und rafüg, sie würde die vierstündige Reise zu der soeben zuruckgelegten fast zweitägigen gut überwinden, und es war wünschenswert, daß sie ihr Ziel sobald als möglich

erreichte; ich war allerdings im Hause von Susis Oheim gut aufgehoben, und selbst der uns ziemlich überflüssig scheinende Posten einer Ehrendame wurde durch die An­wesenheit der spanischen Tante ausgefüllt, bie, wie Susi mit einem gewissen Triumph bemerkte, „doch wirklich ein­mal in ihrem Leben zu etwas zu brauchen war."

Aber mein Herz wurde mir seltsam schwer in der Brust, bei dem Gedanken, Hannah herzugeben; sie kam mir so notwendig vor, wie meine Hand, sie kannte alle Menschen, die mir in letzter Zeit lieb geworden und nal,e getreten waren, ich hatte mich so sehr an ihr liebes, treues Gesicht, an ihre helle, ausmunternde Stimme, ihren guten Rat, herzlichen Trost und an ihre mütterliche Pflege und Fürsorge gewöhnt, ich kam mir hülflos vor, wie ein Kind. Susi würde in drei Tagen heiraten, ein Leben voll Glanz und Zerstreuung beginnen, in dem ich schwerlich eine Rolle spielen konnte, und ich würde in diesem fremden Hause allein unter fremden Leute bleiben, mit der Aufgabe mir meine künsüerische Zukunft selbst zu erringen und zu ge­stalten, -würde mir das glücken? Meiner Groß­

mutter konnte ich jetzt, da sie krank war, mit diesem meinein Zukunftsplane gar nicht kommen, . .,. . . aber Hannah, die mir das Bangen darum vom Gesichte ablesen mochte, versprach mir feierlich, den Plan selbst, sobald die Kranke besser sei, zuerst anzudeuten, wieder darauf zurückzu- kommen und endlich derartig vorzubereiten, daß mein Brief nicht unerwartet komm>en und nur noch das letzte Wort abgeben sollte. Ich kannte meine zuverlässige Hannah genügend, um zu wissen, sie würde dies Ver­sprechen treulich erfüllen, — aber immer wieder hielt ich wie hülfesuchend ihre Hand fest und schmiegte mich an ihre große, kräftige Gestalt, als möchte ich sie nicht von mir lassen.

Susi machte endlich dieser Szene ein Ende.

„Ja, Herzblatt, weiru deine liebe Frau Bertram vor der Reise noch ein paar Stunden Schlaf haben will, so kann ihr das nur gut tun, und du und ich, wir zwei dürfen sie'nicht ans Egoismus daran hindern wollen. — Wir bringen Sie jetzt auf Ihr Zimmer, legen Sie schön anss Sofa, machen es Ihnen ganz beguem, ich schick' Ihnen ein kleines warmes Souper herauf, und pünktlich eine Stunde, eh' Ihr Zug von dannen geht, sind Evi und ich wieder bei Ihnen, um Ihnen Adieu zu sagen. Jst's nicht gut so, ma blonde aux yeux noirs? Madame soll und muß ihre Ruh' haben, es steht ihr so wie so noch genug bevor!"

Was konnte ich tun? Seufzend fügte ich mich, — — aber immer wieder, während ich eine wollene Schlafdecks über Hanncchs Chaiselongue breitete, ihre Hausschuhe herbeitrug und Handtasche, Plaid, Schirm und Hut für die Reise auf einen Stuhl zusammeitleche, wandte ich mich nach ihr um und kehrte zurück, ihr liebes, ehrliches Ge­sicht zu streicheln und zu küssen und mir eines jener ge­flüsterten Trostesworte zu holen, die niemand anders so zu sagen verstand, wie sie.

Fünf Minuten darauf war ich mit Susi ans dem Wege nach dem Speisezimmer.

Es war ein hübsches, in bequemen Verhältnissen an­gelegtes, wenngleich nicht besonders großartiges Gebäude, dies Haus in der Bellevuestraße, und alles, was ich bisher darin zu sehen bekommen hatte, bezeugte Wohlhabenheit und Geschmack und gefiel mir gut. Auch das hell er-

51 . Jahrgang. 1903 .

leuchtete, angenehm temperierte^ Treppenhaus, welches wir jetzt durchschritten, machte sich stattlich mit seinev breiten, oben durch eine Gallerte verbundenen L,oppet- treppe, seinen hohen Kandelabern, den Glasmalereien der großen Fenster und den prachtvollen^Blattpflanzeu, die in gewaltigen Urnen auf den Treppenabsätzen standen. .. .

Bevor wir das Speisezimmer betraten, mußten wir ein kleines Vorgemach durchschreiten, und unwillkürlich rief ich halblaut: „Wie reizend!" und hemmte meinen Schritt, denn ich meinte, in einen Garten zu treten, so viel Palmen, Agaven, Trazenen und Philodendrons bildeten die Hinterwand des Zimmerchens, die keinen Schimmer von Tapete durchblicken ließ . . so viel farbige Rosen nickten vom Fensterbrett, von kleinen Tischen, zier­lichen Ständern herab, eine solche Menge großglockiger Fuchsien, gesprenkelter Pelargonien und maiidelduNemer Oleanderbüsche lugten aus jeder Ecke, jedem Winket

hervor. . r , - _

„Ja", sagte Susi, „das sind zumeist Geschenke von Manuel, weil ich niir's in einer schwachen Stunde einmat entschlüpseii ließ, daß es doch um Blumen etwas sehr Hübsches sei, — nun hat er Onkels Lesezimmer m ein Treibhaus verwandelt und länger wie zehn Mumien hält's hier kein Mensch, der mit Kopsnerven begabt ist, aus. Ich laß natürlich das alles hier, wer mag das ganze Grünzeug mit sich schleppen? Manuel laßt m rer Wilhelmstraße irisch vom Gärtner dekorieren, und Onkel Richthofen behält dies Betäubungszimmer als zarte Er­innerung an mich! Geh' her, Evi, und^steü dich m deinem weißen Kleid hier gegen die grüne Wand, so bist du anznschauen wie eine junge Blumensee."

Ich wollte verwundert einwenden, daß wir doch zu Tisch gehen wollten, da hörte ich hinter mir em leise,', feines Klirren und als ich mich nach der Tur des Speise­zimmers umwandte, stand ein hochgewachsener, but- schöner, blonder Ofsizier in einer weißen llmform vor mir, nahm die Hacken zusammen, daß wieder die sporeii leise tönten, und machte nur eine tiefe, ehrfurchtsvolle

Es war wohl sehr kindisch von nur, daß ich so sehr erschrak, — sehr kindisch auch, daß ich, die rch >susi so gut kannte, nicht längst gemerkt hatte, sie wolle n^md ewe Überraschung ins Werk setzen, — und vollends kindisch, daß ich nicht aus den naheliegenden Gedanken verfallen war, Clemens Günther, den ich ja in Berlin wußte, werde alsbald erscheinen und ineine Persönliche Bekanntschaft machen. — Ich war eben zu sehr mit Eindrücken über- stürzt, um mir jetzt allerlei Möglichkeiten und Wchrschern- lichkeiten zu überlegen; — Stephans^ rascher 3 n)b, «1^6« plötzliche, unerwartete Abreise ans Trrol, Susi mit ihr« sprudelnden Manier, die neuen Gesichter, meiner Groß- inutter Krankheit, Hannahs gänzlich unvorhergesehenes Scheiden, — das alles wirbelte regellos in meinem^miern durcheinander und ließ mich nicht zur Besinnung kommen.

So fühlte ich mich denn abwechselnd, zu meinem un­aussprechlichen Verdruß, rot uiid blaß werden, erwiderte auf Clemens Günthers gewandte Ansprache ein Paar sehr banale Worte und kam mir selbst währenddchen so kindisch imb dumm vor, daß ich mich gründlich meiner schämte.-—

(Fortsetzung folgt.) _

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