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Dienstag, 21. September 1915.

klbend-Ausgabe.

Nr. 440. ♦ 63. Jahrgang.

DK deutsche Gssenjive gegen Serbien.

Vom nördlichen Donauufer nahm dcutslhe Artillerie Den Kampf gegen serbische Stellungen südlich des Stromes bei Semendria auf. Der Feind wurde ver­trieben und sein Geschützseuer zum Schweigen ge­bracht. . . Diese Mitteilung aus dem deutschen General- stabsbericht vom 20. d. M. erhellt blitzartig die llage. Die deutschen Kanonenschüsse bedeuten die Ein­leitung zu den Vorgängen, die sich auf dem Balkan abspielen und die aus naheliegenden Gründen lange Zeit vom Schleier des diplomatischen Geheimnisses um­geben waren. Die Aufnahme der deutschen Offensive gegen Serbien und die Rüstungen Bul­gariens, die sich gegen denselben Gegner richten, haben das diplomatische Smsbild entschleiert, und ein Blick auf die Karte vom Balkan zeigt, wohin die Reise geht. Die Bulgaren haben seit längerer Zeit kein Höhl daraus gemocht, daß ihr Interesse das gleiche ist wie das Deutschlands und der Donaumonarchie, nämlich sich über Serbien die Hand zu reichen. Der ser­bische Donauricgcl ist nicht allzu lang. Die Be­setzung eines kurzen Stückes des südlichen Donauufers an der Nordostecke Serbiens gewährt die freie Passage von Ungarn nach Bulgarien, von Deutsch' laiüüüber die Donaumonarchie und Bulgarien nach der Türkei. Die Kanonenschüsse gegen die serbischen Stellungen bei S c m c n d r i a leiten weithin vernehm­bar die „neue B a l k a n p o l i t i k" ein. zu deren .Kennzeichnung wir unlängst an das Wort erinnerlen: Der Weg nach Konstantinopel führt durchs Branden­burger Tor!

Bei Semendria wird geschossen und Bulgarien macht klar zum Gefecht. Wenn die Sofioter Re­gierung jetzt die Jahresklasse 1916 und zugleich die mazedonischen Bulgaren unter die Fahnen ruft, wenn auch von Sofia aus zugegeben wird, daß die türkisch- bulgarische Vereinbarung über die Gebietsabtre- :ung und die anderen Dinge, die man bisher nicht nennen durste, bereits am 3. September unter­zeichnet worden ist, wenn bei den Kundgebungen zur Feier des dreißigsten Jahrestages der Vereinigung Ostrumeliens mit Bulgarien betont wurde, daß der Augenblick g e k o m m e n sei, die treulosen Verbün­deten von ehemals zu züchtigen und das bulgarische Volk zu einigen, so ist das eine Sprache, die selbst von der schwerhörigen Diploinatie des Vierverbandes nicht mißverstanden werden kann.

Das bulgarische Volk steht auf, der Sturm bricht los. In der unlängst von der bulgarischen Regierung veröffentlichten, in allen Gemeinden des Landes ver­breiteten Broschüre war klipp und klar gesagt worden, Bulgarien müsse seine Neutralität aufgeben, unr M a z e- donien zu befreien und sich den Donauweg zu sichern. Der weitblickende König Ferdinand und 'ein kluger Berater Radoslawow haben die Gewinnung Mazedoniens und des Donauweges durch umfassende Maßnahmen v rbereitet, zu denen die Kanonenschüsse von Semendria die wirkungsvolle Begleitmusik liefern. Bulgarien hat mit Unrsicht und Sorgsamkeit gerüstet. Zweifellos hätte Serbien, wenn es gut beraten war, besser daran getan, den Bulgaren Mazedonien frei­willig abzutreten und zugleich dem deutsch-österreichi­schen Vorstoß keinen bewaffneten Widerstand entgegen- zusctzen mit der Begründung, daß es vom Dreiverband im Stich gelassen sei. Man weiß auch, daß der kluge Denizelos, der heute in diesem Punkt der besseren Ein­sicht des Königs Konstantin gewichen ist und schwerlich noch Neigung hat, Griechenlands Schicksals an das Ser­biens zu knüpfen, seinem Kollegen Paschitsch nach dieser Richtung hin gut zugeredet hat. Denn Griechenland und Serbien können heute weit bessere Geschäfte in Albanien wachen auf. --Lösten Italiens. Der Realpolitiker Venizelos wird sich dies Geschäft auch jetzt nicht entgehen lassen, doch Serbien steht unter russischer Fuchtel.

Die Nachricht von einem serbisch-griechischen Bündnis gegen Bulgarien aber ist aus Sofia sicher­lich mit Recht als Fabel bezeichnet worden, und die Vierverbandsüiplomatie hat offenbar auch rn B u k a r e st mit Mißerfolg gearbeitet. Der König von Rumänien weiß, daß der Siegeslauf der deuffchen Waffen, der schon über Wilna hinausgeführt hat, dem runränischen Volke nicht mehr die Freiheit der Wahl läßt, daß Rumänien seine Selbständig­keit heute nur noch durch das Festhalten an der Neutralitätspolitik sichern kann, und daß es hierbei besser fährt, als wenn es sich als russischer Vasall zur höheren Ehre des Viewerbandes ver­blute. Diesen! aber sind die Balkanfelle fortgoschwom- men, und die betrübten Lohgerber scheu damit die l c tz- ten Hoffnungen aus ein Gelingen der Darda- nsllcn aktiv n, die sie aus eigener Kraft nicht er­zwingen können, endgültig gescheitert. Nicht nur in

Sofia, sondern auch in Athen und Bukarest wird man letzt auf die Erklärung des deutschen R e i chs f a n z - lers hören, daß die Siege der Verbündeten im Osten volle Freiheit für die Balkanländer mit sich bringen, wird man darauf die neue Balkan- Politik einstellen müssen, die durch die Kanonenschüsse von Semendria verheißungsvoll eingeleitet wurde. Aber in der deuffchen Bevölkerung wird es sadensalls mit der größten Genugtuung aufgeiwmmen werden, wenn auch von deutscher Seite mit dom verräterischen Serbenvolk Fraktur gesprochen wird. Un­sere Waffen, die im fernen Osten, in Flandern und Frankreich, in den Kolonien und auf den verschiedensten Stellen des Weltmeeres tapfer und kühn, todesmutig und erfolgreich gejochten haben, werden auch gegen den heimtückischen Feind, der die unmittelbare U r- ! a ch e .zum Kriege gab, mit Ruhm und Glanz und hoffentlich mit raschem Erfolge sich durchzusetzen wissen. Wir grüßen unsere Brüder, die jetzt unten an der Donau kämpfen und siegen wollen. Sie und wir sind uns vollauf bewußt, daß sie auch auf diesem vor­geschobenen Posten tatkräftig zur M e h r u n g des deutschen Ansehens beitragen und den end­gültigen Sieg auf allen Fronten beschleuni­gen helfen werden. ^

Line ernste bulgarische Mahnung an Serbien und Griechenland.

Berlin, 21. Sept. (Zens. Bln.) Dar „B. T." meldet aus Sofia: In letzter Zeit verbreiten serbische und grie- ch i s ch e Zeitungen die Nachricht Von einem Mischen den beiden Staaten erzielten Bunde gegen Bulgarien. Die Nach­richt wird in hiesigen politischen Kreisen nur als Bluff be­trachtet, um Bulgarien von seinen Ansprüchen auf Maze­donien abzuschrecken. Der offizielle „Narodni Prava" schreibt hierzu: Für Bulgarien gibt es Nicht viele Wege. Es hat nur den einen, welcher zur Verwirklichung seiner Lebensauf­gabe führt. Von diesem Wege kann es keine Drohung ab­bringen, und es wäre besser, wenn man in Athen und Nisch vefftehen würde, Komplikationen aus dem Wege zu gehen. Daß es irgend einen griechisch-serbischen Vertrag gibt, damit können sich Griechen und Serben trösten. In keinem Falle wird man dadurch den Entschluß der bulgarischen Nation ver­hindern, alle Mittel zur Beseitigung des Balkankonfliktes und zur Herstellung dauernden Friedens am Balkan cm- zuwattdcn. Die Zeit, mit allen Mitteln anzu- fangen, i st nicht fern. Lange Zeit wartete Bulgarien, aber seine Geduld ist zerrissen. Der Ruf aus dem geraubten Mazedonien quält und reißt die bulgarische Seele. Alle Anstrengungen Bulgariens, seine Kaltblütigkeit zu be­wahren, werden unmöglich gemacht durch den schrecklichen ser- bisch-griechischen Terror in bulgarischen Ländern, und die Unvernunft seiner ehemaligen hinterlistigen Verbündeten. Wir waren immer die Streiter für den Frieden auf dem Balkan durch freundschaftliche Vefftändigung, und auch heute appellieren wir in Nisch und Athen um Einsicht. Die Tage gehen rasch vorüber und die Ereignisse zwingen uns, ohne Zaudern unseren Anteil zu verlangen, den Anteil an der Lösung des nationalen Problems auf dem Balkan. Die bul­garische Bevölkerung ist bereit. Bulgarien hat die Spitzfindigkeiten seiner Nachbarn satt und legt ihren Drohungen keinen Wert bei. Man mag in Athen und Nisch sich nicht verspäten, sich über die einzu- schlagende Handlungsweise klar zu werden, da in internatio­nalen Beziehungen ein verspäteter Schritt gewöhnlich ein verlorener ist.

Befestigung der mazedonischen Grenze gegen Bulgarien.

Sofia, 21. Sept. (Zens. Bln.) Hier einlaufende Mel- düngen besagen, daß die Serben die mazedonische Grenze gegen Bulgarien b e f c st i g e n und Truppen gegen die bul­garische Grenze zwischen Zaribrod und der Donau bewegen. Bulgarien hat-' keine derartigen Maßregel» an den Grenzen unternommen. ;V > ">

Serbien denkt an keinen Separatfrieden!

Sr. Kopenhagen, 21, Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Das ,,B. T." schreibt: Der Pariser setbische Gesandte hat dem Pariser Berichterstatter der „Berlingske Tidende" mitgeteilt, daß Serbien sich durch die rätselhafte Politik Bulgariens nicht beeinflussen lassen werde und cm einen Separatfrieden nicht denke.

Rumänien zwischen zwei Stühlen.

Verpaßte Gelegenheiten. — Trügerische Hoffnungen.

Br. Amsterdam, 21. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die „Times" meldet aus Sofia, daß Rumänien fest ent­schlossen sei, sich jeder Verletzung seines Gebietes zu wider­setzen. Die Regierung habe dies bereits durch ihre entschie­dene Weigerung der Munitionsdurchfuhr für die Türkei bewiesen. Die Gerüchte von der Bildung eines Kabinetts Marghiloman - C a r p seien offenbar von deutscher Seite ausgestreut worden. (!) In einer Unterredung er­klärte der Führer der Konservativen, F i l i p e S c u, daß Rumänien die günstigste Gelegenheit, am Kampfe tcilzu- nehincn, leider habe vorübergehen lassen, aber cr hoffe, daß

eine zweite günstige Gelegenheit bald wiederkommen werde. Wenn Deutschland in Serbien einfallen sollte, würde Rumä­nien dazwrschentreten, um nicht zerschmettert zu wer­den. Die Opposition würde nötigenfalls die Regierung dazu zittrigen, aber die Zantralmächte hätten, wchlwissend, welche entschlossene Haltung Rumänien «innehme, den ge- planten Einfall aufgegeben. (?)

Serbien erwartet Aufklärung von Rumänien:

Der serbische Gesandte mit besonderer Mission in Bukarest.

W. T.-B. Ofenpest, 21. Sept. (Nichtamtlich.) Aus Bukarest wird „Az Est" gemeldet: Der serbische Gesandte in Rumänien, Nistitsch, ist in besonderer Mission in Bukarest ein­getroffen. Ihm wird die Aufgabe zuteil, über die Haltung Rumäniens gegenüber Serbien Aufklärung zu verschaffen. Ristitsch scheint hier besonders berufen, da er aus der Zeit seines vieljährigen Bukarester Aufenthaltes als Gesandter über gute Verbindungen verfügt.

Militärische Vorbereitungen Rumäniens an der bulgarischen Grenze.

Br. Berlin, 21. Sept- (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der „Boss. Ztg." geht verspätet folgendes Tele­gramm aus Sofia zu: In Rumänien sinid alle Ortschaften des Greirzgebietes mit Militär überfüllt. Am Montag begannen die Rumänen unmittelbar an der Eisenbahn, federn Reffenden sichtbar, Schützen­gräben, Wolfsgruben und Drahtverhaue anzulegen. Trotzdem fft die Stimmung der beiderseitigen GrenzbevWerung ruhig. Unter den Diplomaten Bukarests und Sifias glaubt niemand, daß es mit Rumänien zum Äußefften kommen wird. Der Post-, Telegraphen- und Bahnverkehr nach Rumänien fft noch nicht wieder eröffnet. Der Verkehr aus Rumänien voll­zieht sich unbehindert. ' ,

Rufjlanö zur Erfüllung der rumSnistben Forderungen, detr. die Entfernung der russischen Kriegsschiffe aus den rumänischen Gewässern, bereit.

W. T.-B. Ofenpest, 21. Sept. (Nichtamtlich.) Dem „Az Est" wird aus Bukarest gemeldet, daß das PeterSknrrger Kabinett dem rumänischen Ministerium des Äußern mitgeteilt habe, daß die rumänischen Forderungen erfüllt und die russischen Kriegsschiffe aus den rumänischen Gewässern zu- cückbevufen werden. Die ruffische Flotte sei angewiesen, rumänische Schiffe nicht anzuhalten und auch die „Krrriova" freizugeben.

Neugriechenlands Stellungnahme zu Bulgarien.

Sofia, 21. Sept. (Zens. Bln.) Aus Saloniki, 20. Sept., meldet die „Köln. Ztg.": In verschiedenen Gebieten Neu­griechenlands tritt, wahrscheinlich als Folge der Auf­hetzung durch die venizelistische Presse, eine stärkere bul­gar cn feindliche Haltung der Behörden wie der Be­völkerung zutage. Bei Serres wurden 27 Bulgaren, angeb­lich Komitadschi, verhaftet. In Wrondo bei Serres will mast in den Häusern von Bulgaren große Mengen Gewehre ge­funden haben. Die bulgarische Bevölkerung des Welefch- gebirges bis Jenikjoei bei Drama wird scharf überwacht miö teilweise weiter nach dem Inland verbracht, damit sie nicht Bewegungen betreiben, noch die Komitadschi unterstützen! könne.

venizelos als unsicherer Rantonist.

Br. Dedeagatsch, 21. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Die „B. Z." schreibt: Vor kurzem veröffentlichte der „Petit Parffien", dessen Athener Vertreter Beamter int griechischen Ministerium des Äußern fft, eine Unter­redung mit Venizelos, wonach dieser gesagt habe, daß er bald den Weg zu seiner früheren Politik zurück­finden werde und festes Vertrauen zum Endsieg d-er Verbündeten bchunde. Da in Opposiffonskveisen diese Äußerungen als ein Anzeichen der beabsichtigten Wcigerungder von Venizelos dem König gegebenen Verpflichtungen über die Einhaltung der Neutrali­tät ausgelegt wurde, ließ Venizelos den Zeitungen durch das Pressebureau ein Dementi zuigchen mit der Erklärung, daß er bisher keinem einhetmffcheu oder ausländischen Pressevertreter eine Unterredung ge­währt habe. Kurz darauf ließ er aber, offenbar infolge des Druckes eines Ententevertreters, dieses Dementi widerrufen, so daß also seine Äußerungen t a t s ä ch l i ch b e sl e h e n bleiben. Inzwischen hatte se< doch bereits ein Teil der ersten Zeitungen das erste De­menti gebracht. Dieser Vorfall ist lehr bezeichnend für die unklare Politik des Premierministers, besten Presse in der letzten Zeit wieder heftige Angriffe gegen die Zentralmächte richtete.

Angeblich unzutreffende Gerüchte über eine Krisis i» Athen.

Le. Amsterdam, 21. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) „Reuter" meldet ans Athen: Nachrichten beun- ruliigender Natur aus Bulgarien, die zufällia mit der Samstagskonferenz zwischen dem König Konstantin und Venizelos zusaimmentrafen, «aßen Anlaß zu den w-'ldesten Gerüchten, die von der Oppositionspresse per-