1. Maar mm Mesbllüener Tagblatt.
575. Morgen-Ausgabe.
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•rteube schweift in die Welt biuau«,
Kr,chi jede Frucht und kostet jeden Wem; Riefe dich nicht das Leid nach Haus,
Du kehrtest nimmer bei dir selber ein.
Gelbei.
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(71. Fortsetzung.)
Eva Krom.
Roman von Marie Bernhard.
liest das Watt sinken und starrte Hannah ganz «itanstert ins Gesicht. Welch' schneidender Kontrast! Dort Hochzeit, — Festesjubel — rauschende Fröhlichkeit Md volles pulsierendes Menschenleben, ..... drüben, hundert Schritt von mir entfernt, der stille Tote in seinem
ewigen Frieden! . ^ t
„Hannah, was soll ich tun?" fragte rch zweifelnd.
„Tun? Ja, — aber, Skind, kann da überhaupt von einer Frage die Rede sein? Teine beste Freundin macht Hoheit unb da mutzt du dabei sein, das versteht sich doch von stlbst! Wohl trifft es sich unglücklich, daß du mit diesem Eindruck in der Seele ein großes Fest mitfeiern sollst, — siehst du es nun ein, wie recht ich hatte, als ich Dich bat, bei Zeiten abzureisen? Nun, es ist einmal nicht mehr zu ändern, darum Fassung, Kind, Fassung! Hier wird gefreit und anderswo begraben, — es ist einmal nicht anders im Leben; — Hättest du meine Jahre, du würdest ruhiger darüber denken, — von dir ist es eigentlich nicht zu verlangen! Komm', nimm die Hände vom Gesicht, sei meine kluge, vernünftige Eva! Sieh, frage dich einmal mit deinem Verstände: gesetzt, wir wollten wirklich noch bleiben, — was sollen wir hier? Daß an dem armen Herrn Vernon jeder Trost verloren ist, komme er, von wem er wolle, brauche ich dir nicht erst zu sagen, wenigstens für die erste Zeit! llnd dann auch, — je früher er dich aus dm Augen verliert, .... nun, lassen wir das! — Cölestine meinte auch, man werde die Leiche nach Rußland bringen, wo die Fürstin auf einem ihrer Güttr ein Erbbegräbnis hat, das schon seit mehreren hundert Jahren im Besitz ihrer Familie ist: Cölestine war der Meinung, diese Rücksicht könne man der Mutter des verstorbenen nicht gut versagen. Mithin würden sie alle spätestens morgen früh gleichfalls aufbrechen, und nach Rußland können wir ihnen doch nicht folgen! Von dem Toten hast du Abschied genommen, ■— sein Vater hat sich tn feinem Zimmer eingeschlossen und strengsten Befehl er teist, ihn unbehelligt zu lassen, — die Fürstin wirst du schwerlich scheu wollen, und von allen übrigen kannst du ruhig scheiden. Schreibe dem armen Vater ein paar teil- hvhmende Worte, — denn, selbst wenn er dich seben wollte, sc,kannst du unmöglich vor ihn hintreten und oer Wahr heit gemäß berichten: Ich mutz schleunigst hier abreisen zu meiner Freundin Hochzeit!"
Mehr als alles andere leuchtete das Letztgesagte mir
ttw-ich warf mich schluchzend in Hannahs Arme:
^Wann müssen wir fort?"
„Laß mich sehen. Kleine", sagte sie, nachdem sie mich färtlich geküßt hatte, „wo ist unser Kursbuch hinge- 8 kommen? Ah, hier! Mso gegen abend um halb sechs Uhr geht ein Zug nach Salzburg, — das wäre dann der
bnsere!" —
Donnerstag, den 10. Dezember.
Die nächsten Stunden brachte ich zu wie im Traum; mechanisch schrieb ich einige Zeilen an Vernon,- selbstverständlich keine Worte des Trostes, nur eme kurze Ver- icherung meines innigsten Mitgefühls, meiner Dankbarkeit und Freundschaft und eine Hoffnung auf Wiedersehen, -— wann und wo dies stattfinden sollte, davon ahnte mir nichts. Mechanisch flochten meine Hände an emern Kranz für Stephan,-es kamen oft Kinder mrt Edel
weiß zu mrs herauf, ich hatte viel davon gesammelt und flocht eine Menge der samtweichen Blütensterne zwischen die rote Erika und das dunkelglänzende Laub, tote rm Traum schaute ich Hannah zu, die emsig packend ab- und zuging und horchte auf Herrn Stölzels treuherzrg bedauernde Worte und auf Doktor Wörlers gute Ratschlahe in betreff meiner Gesundheit. Umsonst mühte tch nnch ab, mir klar zu machen, weshalb mir der Abschted von hier, den ich ja hatte kommen sehen, der früher oder später doch einmal eintreten mußte, so namenslos schwer fiel; ich wußte nur, daß etwas in meinem Innern wre erstarrt, wie erstorben dalag, und daß mir zumute war, als ginge ich von hier in den Tod. Wir speisten für uns allein in meinem Zimmer, aber der gute Herr Lttolzel ließ es sich nicht nehmen, uns dies letzte Mal eigenhändig zu bedienen und selbst unsere Lieblingsgerichte aufzutragen; er wußte zu berichten, Herr Vernon weile noch immer in seinen; Zimmer, die Frau Fürstin habe soeben den zweiten Weinkrampf überwunden und wahrend dessen immer zu geschrieen, sie müsse Schlaf haben, sonst ertrüae sie es nicht länger; die russische Zofe habe ratlov dagestanden, denn früher hätte ihre Herrin sich stets Morphiumeinspritzungen gemacht, — die Arzte, dre mn jungen Herrn in Nizza behandelt,hätten, wären nicht da- gegen gewesen, — zum Unglück sei ihnen das Medrkamerst aber jetzt ausgegangen und Doktor Wörler weigere sich entschieden, es zu verschreiben, er habe gemeint, das untergrabe die ohnehin stark bedrohte Gesundheit der Fürstin uoch mehr! Daratlf habe diese zu einem anderen Mittel gegriffen, sich Schlaf zu verschaffe,t, das sicher auch wirken werde — Herr Stölzel kniff ein Auge zu und blinzelte uns Pfiffig an. — . .
Wie leer und unwohnlrch es m unseren Zimmern aus- sah! All die vielen Kleinigkeiten, die wir hier im Ver- lauf der vielen Wochen hingelegt und aufgestellt, dre Bücher, Bilder, kleinen Vasen und Schälchen, die Fußdecken iind Kissen, — alles war fort; fremd und ohne jedes Behagen sahen die bisher vertrauten Räume mich an' Ich hätte mein graues Reisekostüm bereits angelegt, jetzt griff ich zum Schirm, um zum letztenmal die Runde um das liebe Haus zu machen. Da lag es weiß und freundlich im Abendsonnenschein! Als ich herkam, war es in Schnee und Eis gebettet, ich selbst war schwerkrank; jetzt war strotzende Herbftfülle über die wunderschöne Gebirgslandschaft gebreitet, und mein Körper war stark und gesund, .... aber meine Seele war voll Trauer, ich hatte unsägliches Mitleid mit ihm, der so schwer heim- gesucht war, aber auch mit mir selbst; worauf sich dres letztere gründete, vermochte ich nicht zu entdecken. —
Im Krankenzimmer standen immer noch die Fenster weit oTen, ein leises Lüftchen flüsterte mit den Vorhängen und bewegte die Spitzen daran; Cölestinens weißes Gesicht erschien einen Augenblick in einem der Fenster und nickte mir traurig zu. Stephan hatte die weite Reise hierher gemacht, um bei seinem Vater zu sterben, — das
51. Jahrgang. 1903.
Seiden-Haus Kl. KBarchand,
36 Langgasse 36.
war ihm bald erfüllt worden! Wo war die S^le des Toten jetzt? Wie schön war der Kinderglaube, daß Engel den unsterblichen Teil des Menschen in den Himmel empor- trügen zu Gott! Ich schaute empor, wo rosenrote Wolk- ifiert schwammen und bläuliche Schatten sich um dre Berge
„Also soll es richttg fortgehen?" fragte eme herbe, laute Stimme in meine Träumereien hinein, und dre beiden Doktoren kamen die Stufen der Terrasse hmav und auf mich zu. „Nun, da Sie nur hier waren, um ge- sund zu werden, was Sie ja längst besorgt Hecken , fuhr Langenfeldt fort, „so hab-en Sie hier oben auch ergermrch nichts weiter zu holen, —- welchen Zweck hatte Ihr Hwr- bleiben? Daß der junge Mensch bald sterben mußte, war vorauszusehen, und es ist gut, daß es rasch gegangen ist, — wem nützte {ein Dasein? Kommt eme solche Existenz der Menschheit irgendwie zu gute? Ihr Freund Vernon soll ja fassungslos in seinem Schmerz sein, was mir ganz unverständlich ist, — er besitzt doch Intelligenz, und selbst der Laienverstand muß sich sagen, daß ein Mensch, der im höchsten Grade an der galoppierenden Schwindsucht leidet, nicht Methusalems Alter erreichen kann, — dieser Gefühlsmensch von Vater scheint aber etwas derartiges erwartet zu haben! llnd mm sitzt er da und gibt sich seinem Schmerz hin. — ich möchte wissen, wem er damit nützt und wozu das führen soll? Wie er einmal ist, werden Ahrenz und ich es gar mcht wagen können, unfern Wunsch auszusprechen, die Leiche der Ob- duktion zu unterwerfen, was wir im Interesse der Wrs en- schast gern täten. Allerdings heißt es ja auch, sie wollten moraen schon mit der Leichs fortreisen, so meinte wenigstens diese bigotte Person mit ihrem Rosenkranz, dre Cölestine! — und dann wäre es so wie so nichts damit. Die Fürstin wäre soweit gar nicht so übel.^sie hat Ansichten, die sich bören lassen könnten, und denkt freier und selbständiger, als die Frauenzimmer im allgemeinen es tun, -— -— aber wenn sie fortfährt, alkoholische Getränke in solchen Massen herunter zu gießen und dazu mit Morphium Mißbrauch zu treiben —"
„Adieu, Doktor Laugenfeldt!" unterbrach ich _ die
Rednerin hier,-ich konnte es wahrhaftig nicht länger
anshalten, das mit anzuhören. „Ich glaube, es ist Zeit für mich, ins Haus zu gehen!" ... f *. <
„Nun denn, — adieu, Eva Leoni! Es ist schade um Sie, ich hätte Sie gut brauchen und Sie hätten der Mensch- heit nützlich werden können! So werden Sie den gewöhn- lichen, breitgetretenen Weg der meisten . unbedeutenden Frauenzimmer wandeln, man wird Sie um Ihres hübschen Gesichtes willen heiraten, und Sie werden tanzen und musizieren und spazierenfahren, kokettieren und den Männern mit Ihren schwarzen Augen die Köpfe verdrehen, — .— ja, ja, sw wird es -kommen, Sie brauchen gar nicht so verächtlich zu lächeln! Mit der Künstler - karriere wird das nichts für Sie, Sie sind viel zu hübsch, um nicht vor Beginn derselben geheiratet zu werden! Sollten Sie aber doch einmal zur Vernunft kommen und etwas Ordentliches mit sich und Ihren Geistesgaiben Mv- fangen wollen, — hier ist für alle Fälle meine Adresie, die Ihrige werde ich immer zu erfahren wissen, falls ich Sie einmal aufsuchen will. So! Reichen Sie mir Ihr weißes Pfötchen, das dummerweise nichts anderes tun will, als Klavier spielen und Brautschleier sttcken! Schade d'riim, sage i ch nochmals!" _ (Fortsetzung folgt.)
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