Einzelbild herunterladen
 

SL Jahrg«««.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-PreiS: durch den Verlag 5« Pfg. mon-tlrch, durch du ^ * Mk. Pfg. vierteliahrlrch für beide

Verlag: Langgasie 27.

30,000 Abonnenten.

Anzeigen-Prei»,

Die einspaltige Petitzeilc für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Psa.- Reklamen die Petirzeile für Wiesbaden 50 Pfg, für auswärts 1 Mk.

IHorgen-Ausgabe.

I'uillilche Justiindk.

Eine Zeitlang waren es studentische Unruhen, dann antisemitische Ausschreitungen, dann ArbeiterkrawaÜe, von denen uns die Telsgvaniime aus Rußland unter- nÄeten. Dazwischen und im Zusammenhänge mtt diesen Dingen gab es einige mehr oder weniger gelungme Attentate auf Generale, Gouverneure und andere Wür­denträger. Gelegentlich und erstaunlicher Weise erfuhr man auch von Angriffen, deren sich die Suirni gegen die Christen schuldig gemacht haben sollten, und diese jüdischen Revolten mußten mehrfach, so bekam man zu hören, mit militärischer Gewalt unterdrückt werden. Hedenfalls darf es dem westeuropäischen Beobachter nicht verdacht werden, wenn er aus diesen russischen Zuständen dm Schlich zieht, daß es irr dem Riesenreiche verschiedene Herde der Gärung gibt, und daß der Argwohn nicht un­berechtigt ist, es körrnte am Ende noch übler sein, als es aussieht. In diesem Sinne wollen gewisse, aus diplo­matischen Kreisen stammende Mtteilungen aus Peters­burg gebührend gewürdigt werden. Wie die „Rational- Zeitung" von der Newa erfährt, .herrscht in dm dortigen diplomatischen Kreisen gedrückte Stimm-png, angeblich infolge des Ergebnisses verschiedener Auskünfte, welche mit großer Sorgfalt, aber nicht ohne tznffprechend große Schwierigkeiten von mehreren Mitgliedern des diplo­matischen Korps über die wahre innere Lage Rußlands eingcholt worden sind. Das Ergebnis dieser Auskünfte sei die Feststellung einer solchen Gärung, daß der Winter nicht ohne traurige Überraschungen vergehen dürfte. Daß die'eingeholtm Auskünfte als zuverlässig angesehen werden, lasse sich schon dararrs schließen, daß pe Missionschefs sie zum Gegenstände offizieller B ihre Regierungen gemacht haben.

Diese Mtteilnngen wirken nicht einmal sensationell. Sie wiederholen nur, was in anderer Form. seit Jahren traurige Allgemeinheit ist, was seit Jahren der Kulturwelt dermaßen vertraut ist, daß man sich rwer Einzelheiten kaum noch wundert und sogar die fürchter­lichen Vorgänge von Kischinew in die unerfreuliche Ge­samtheit der russischen Zustände organisch einzurerhen gelernt hat. Ja, wenn man will, sind die Nachrichten aus Rußland gegenwärtig nicht so trostlos, wie sie es vor Jahren waren, damals nämlich, als ganze Gouvermemmts von einer unerhört heftigen Hungersnot heimgesucht wurden, als Hunderttausende von Menschen elend ver- darben, als die Agrarkrise ungezählte Existenzen der richtete. Diese äußersten Mißstände scheinen denn doch einigermaßen überwunden zu sein, wenigstens sind- sie für die Berichterstattung ans dem Zarenreiche in den Hintergrund getreten, wobei jedoch immer zu berück sichtigen ist, daß man sich dort ans die Kunst des Ber- tuschens und Verbergens gar trefflich versiebt.

So leichtfertig wird niemand urteilen wollen, daß er etwas wie einen Zusammenbruch in Rußland erwarten möchte. Ein so großes Reich mit einer so geduldigen Bevölkerung hält vieles aus, und was heute .als eine un­heilbare Krankheit erscheint, kann morgen schon durch einen natürlichen Gesundheitsprozeß weggetilgt sein. Aber es wäre schon vom Standpunkt objektiver Erkennt­nis aus nützlich, wenn man immer wüßte, daß die russischen Zustände mit denen keines anderen europäischen Landes und Volkes zu vergleichen sind, und wenn man demgemäß die Faktoren der nationalen Stärke und Schwäche zweckmäßig abzugrenzen lernte. Wir hören neuerdings von gemeinen Machenschaften, mit denen ge­wisse russische Würdenträger, hohe Offiziere und Zwil- beamte, ausgedehnten Grundbesitz für Spottpreise oder auch für gar nichts in Korea erworben haben und nun zum Kriege mit Japan drängen, damit ihre ungeheueren Land­strecken unter russischer Herrschaft rentabel werden können. Auch darüber hat der Petersburger Gewährs­mann der „National-Zeitung" allerlei erfahren, was von größerem Interesse insofern ist, als auf diese Weise klar wird, weshalb jüngst von einerErschütterung der Stellung des Grafen Lambsdorff gesprochen wurde,. Die gewissen- losen Vertreter nichtsnutziger Privatinteressen finden die konsequente Friedenspolitik des Grasen störend, und des­halb soll er beseitigt werden. Das Manöver ist nicht ge­lungen und wird hoffentlich auch nicht gelingen, schon darum nicht, weil sich Frankreich an der Seite Englands in billigenswerter Weise für die Ausgleichung des russisch-japanischen Gegensatzes eingesetzt hat. In dem Augenblick, wo das geschah, wo also die französische Politik etwas von dem russischen Verbündeten wegzu- rücken begann, dürfte der Frieden in Ostasien als für einige Zeit gesichert gelten. Aber wenn diese Wendung der'französischen Politik unterblieben wäre, welch ein Unglück hätte alsdann große Völker treffen können, falls es den Menschen, über die Graf Lambsdorff jetzt an­scheinend gesiegt hat, möglich geworden wäre, um chres Privatnutzens willen einen Krieg zu entfachen! Solche Dinge also kann es in Rußland geben, in diesem Reiche, da« man in seiner Art auch ein „Land der unbegrenzten Möglichkeiten" nennen kann, nur daß es traurige und häßliche Möglichkeiten sind, an die man dabei vor allem zu deuten hat.

politische Übersicht.

Über Soldatenmischaiidlungen

veröffentlicht Oberst Frhr. v. K e s l i n g, der Korn mandeur des 7. bayerischen Feldarüllerie-Regiments in München, in den „Jahrbüchern für die deutsche Armee und Marine" einen Aufsatz, in dein eine Reche von Leit- sätzen zur Verhinderung von Soldatenmißhandlungen ausgestellt werden. Oberst Frhr. v. Kesling vertntt folgenden Standpunkt: Der Chef muß stets Mit seinen

Unteroffizieren in engster Fühlung bleiben; er muß jeden

Unteroffizier dem Charakter, den Leidenschaften und Leisttmgen nach genau kennen. Ties bedingt, daß er mit ihnen nicht nur im Dienst verkehrt, sondern sie auch rn ihrem außerdienstlichen Verhalten beobachtet und kennen lernt. Ter Unteroffizier darf nicht darauf ausgchen, seine Leute wegen jeder Kleinigkeit zu melden. Wieder­holte Bestrafungen wirken leicht abstumpfend und machen auch häufig den Mann, der mehr aus Unkenntnis und Un- geschicklichkeit gegen die Besttmnmngen verscchveF hat, gereizt gegen den Vorgesetzten, der ihm die Strafen. ver­schafft hat. Die Unteroffiziere niüssen daher durch chren Chef dahin erzogen werden, daß chr ganzes Bestreben da- rauf gerichtet ist, die Mannschaft auf Grund vertrauen- erweckenden Zuredens möglichst lange vor Strafe zu be­wahren. Jeder Angehörige der Kompagnie muß b-te Überzeugung haben, daß er sich in jeder diensllichen und privaten Aegelegenheit vertrauensvoll an den Feldwebel bezw. Wachtmeister wenden kann, ohne schroff abgewiesen zu werden. Um sicher zu sein, daß nichts vorgeht, was gegen das Wohl der Leute verstößt, empfiehlt es sich, dem Feldwebel einen älteren Unteroffizier beizugeben, der mit dem Feldwebel zusammen die genaueste Kontrolle auszuüben hat. Selbstverständlich ist es Pflicht der Offiziere, so oft als möglich sich Einblick in die inneren Verhältnisse der Kompagnien zu verschaffen. Niemals darf die Kontrolle den llnterofsizieren allein überlassen bleiben Der Chef muß aber auch mit dm Mannschaften, beiul Appell, möglichst wöchentlich einmal, alles be­sprechen, was vorgekommen ist. Dadurch sehen die Unter­offiziere, wie der Chef die Leute behandelt haben will. Das gute Beispiel wird aneifernd und vorbildlich auf die Unteroffiziere wirken. Bei dm Besprechungen hat der Chef die Mannschaft häufig über die B-eschwerdevorschrift eingebend zu belehren, besonders darüber, daß jede Be- schwerde ihm selbst mündlich vorzittragm ist. In jedem Zimmer muß ein jedem Manne zugängliches Buch auf. liegen aus welchem die Bestimmung-m über Beschwerden zu'ersehen sind. Auch soll in jedem Zimmer dem mit der Aufsicht betrauten Unteroffizier ein weiterer Dienstgrad beigegeben sein, der als nnterstützmdes Organ chm stets zur Seite steht. Die Auswahl der Zimmerältestm und deren Unterorgane darf nicht nach der Altersliste, son- dem muß nach der Geeignetheit zur Erziehung der Mann­schaft, nach Charakter, Temperament usw. erfolgen.

Zur Lage in Serbien.

-6. Belgrad, 8. Dezember..

Unter den neuen Gesetzesvorlagen befindet sich eine, durch die die Lüge hier besser als durch langatmige Aich- einandersetzungen charakterisiert wrrd. Dieselbe lalltet dahin, daß jede Person, welche Äußerungen tut. -di« sich gegen das Offizierkorps richten oder geeignet sind, di« Meinungsverschiedenheiten zwischen dm verschiedenen Offizieren auszunützen oder zu erweitern, mit Gefängnis und Geldstrafe zu belegen ist. Es erscheint kaum noch nötig hinzuzusügen, daß diese Vorlage „auf Befehl" der

Feuilleton.

Merlei Hochzeilsgebräuche.

Wenn ein Männlein und ein Fräulein sich für das Leben vereinigen, so wird bei uns stets die Fiktion auf­recht erhalten, als ob nur die Liebe sie zusammengefuhrt habe, keine andere Erwägung dabei die geringste Rone spielte. Aber leider stimmt die Wahrheit damit oft gar picht überein, denn unser so wenig poetisches Zeitalter führt nur zu häufig seine Kinder dazu, materielle Grunde vor allem in Betracht zu ziehen, und so ist eine Ber­einigung der Herzen viel seltener, als man glauben Zachen möchte. t , , . ., .

In anderen Zeitaltern war man aufrichtiger in dieser Beziehung und hat die Dinge gewöhnlich mit dem Namen benannt, den sie verdienten. .

, Daß die Stellung der Frau aber im Laufe der Jahr­hunderte eine bessere geworden und dadurch dre Ehe­schließungen denn doch einen nobleren Charakter ge­wonnen haben, kann nicht geleugnet werden. Lange ist die Frau als eine Sklavin betrachtet worden, als eine Ware, die man erhandeln und deren man sich auch wie­der entledigen kann. Das Mädchen wurde also rn bru- talster Weise geraubt und war nicht die Gefährtin, son­dern die Dienerin des Mannes. Ganz ist diese bar­barische Sitte noch nicht verschwunden. Wenn der Austral- peger ein Weib nehmen will, dann lauert er der, die er >u dieser Ehre ausersehen hat, ans, stürzt auf sie los, ffgreift sie bei den Haaren und zerrt sie unter Schlagen >n seine Hütte.

Viele andere Völker haben zwar diesen unmensch- uchcn Gebrauch anfgegeben, aber die Erinnerung daran bewahrt. Kurz vor der Eheschließung wird der Raub llmuliert, den die Vorfahren im Ernst ausführten. Dies geschieht z. V. bei den Tartaren. Am Tage der Hochzeit begibt sich der Bräutigam an der Spitze einer Rciter- Ichar, die mit prächtigen Waffen geschmückt ist und auf ^lch gezäumten Pferden daherzieht, nach dem Zelt der

Verlobten. Sie steigen ab, alle nehmen in Eile vom

Rücken eines Kamels, das die schönsten Geschenke tragt, diese herab, bilden darauf eine dichte Gruppe, und ihre langen gebogenen Degen über den Häuptern schwingend, stürzen sie mit Geheul in das Zelt. Bei ihrem Anblick flüchtet aber die Braut durch eine andere Tür, ern P,erd erwartet sie draußen, sie besteigt es und jagt in rasendem Galopp über die Steppe dahin, ein Lämmchen an ihre Brust drückend. Die „Räuber" folgen, doch stellen sich ihnen die Verwandten der Verlobten entgegen und richten ihre Gewehre auf sie, in denen sich natürlich keine Kugeln befinden. Die Kavalkade endet damit, daß der Bräutigam das Mädchen erreicht und ihr das Lämmchen nimmt.

Auch in Wales herrscht ein ähnlicher Gebrauch noch vor, und nicht selten begegnet man da einer Reiterschar, die in größter Eile dahinsaust. Sie flüchtet nicht vor einem Feinde, sondern verfolgt eine Braut, die scheinbar sich sträubt, dem künftigen Gatten zu folgen.

Gewiß sind diese simulierten Raubzüge meist un­schuldig, doch kommt es auch vor, daß wirkliche blutige Zusammenstöße daraus entstehen. In Neu-Seeland z. B. ist dies öfter der Fall, da dort die Frauen die Körper­kraft sehr hoch schätzen und sich dem ergeben, der den meisten Mut und die meiste Stärke zeigt.

Ein eigentümlicher Gebrauch herrscht in einer Pro­vinz Armeniens, in Mingrelien, vor. Dort ist es der Gatte, welcher nach dem letzten Hochzeitsmahl — diese Gelage dauern dort mehrere Tage— flieht, und die Neu­vermählte, die ihm nacheilt und ihn mit Gewalt in das neue Heim führt.

In vielen Ländern wird die Zukünftige als eine Ware betrachtet, die dem Meistbietenden zusällt. So in China, dem Handelslande pur excellence. Dort voll­zieht sich die Ehe, nachdem zwischen dem Bräutigam und dem Vater lange Verhandlungen stattgefunden und diese sich über den Preis verständigt haben. Kommt der Tag der Hochzeit, dann legt die Verlobte die reichsten, mit Gold und Silber gestickten Gewänder an, schmückt sich mit Edelsteinen und künstlichen Blumen, färbt sich Wange», Lippen, Augenbrauen und hüllt sich schließlich

in eine Wolke von Moschus ein. Vor dem väterlichen Hause erwartet sie eine Sänfte. Ein vertrauter Diener hilft ihr hinein, schließt sie darin ein, und von Musik be­gleitet, wird die Braut nach dem zukünftigen Heim ge­tragen, wo der Gatte den Schlüssel zur Sänfte in Emp­fang nimmt und sich die Frau herausholt. Unter den Tönen verschiedener Instrumente und während Feuer­werk abgebrannt wird, überschreitet sie die Schwelle ihrer nunmehrigen Wohnstätte.

Noch pittoresker sind die Heiratszeremonien in Marokko. Hier wird die Frau für Pferde, Kamele, Schafe eingetauscht und in einem großen Korb, herauf der Kruppe eines Pferdes befestigt ist, in das Haus des (Satten geführt. In der Nacht zieht der Zug langsam da­hin, von schmachtender Musik und rührendem Gesang be­gleitet. Im Lichte der Kerzen glänzen die Lanzen der Reiter, die neben dem Zuge dahin sprengen, sich ent­fernen, wieder znrückkehrcn, ihre Flinten abschietzen und in ihren roten Mänteln dem Ganzen ein höchst phan­tastisches Aussehen geben.

Bei fast allen Völkern des Orients wird die Frau gekauft und der Preis hängt von ihrer Stellung und ihrer Schönheit ab. In Montenegro übergibt der Bräu­tigam den Eltern eine kleine Goldmünze als Symbol der einstigen Sitten.

In Japan, wo die lachende. Natur die Menschen heiter, das Leben leicht macht, ist auch die Hochzeit ein fröhliches, einfaches, graziöses Fest. Sie wird im Hause des Gatten gefeiert. Dort sind im grüßten Zimmer die Bildnisse der Götter vereinigt. Um die Mittagsstunde trifft ein glänzender Zug ein, die Braut, von zwei Mus- mes begleitet, an der Spitze. Letztere, in luftigste Ge­wänder gekleidet, füllen einen Krug mit Saki sein Branntwein) und nähern ihn erst den Lippen der Braut, dann denen des Bräutigams, damit sie trinken. So sollen sie von nun an alles gemeinschaftlich genießen und er­tragen.

In christlichen Ländern sind mit geringen Ab- weichungen die Heiratszcremonien überall dieselben und daher eure Beschreibung hier nicht nötig.