1. Mime Mm Wiesbadener Tagblatt.
N^7373?Worgen-Attssab-.
M Wer sich seiner eigenen Kindheit nicht mehr deutlich £
A -nnn-rt, ist ein schlechter Erzieher. *
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(70. Fortsetzung.)
Gva Keonr.
Roman von Marie Bernhard.
„To?" entgegnete Doktor Wörter trocken. „Freilich, wohl Hab' ich gleich der Frau Fürstin abgemertt. daß sie dem alten Landdoktor nichts zutrauen täte, — nun aber, idj troff mich halt mit dem Bewußtsein, daß der Herr Gemahl anders denken tut und ebenso der junge Herr, imd daß die Zwei sich sagen, außerhalb von Paris giebt's eben auch noch Leute. Wenn ich der Gnädigen von meinem ärztlichen Standpunkt etwas raten dürft', so war' es, sie zog' sich bald zurück, denn die Frau Fürstin ist stark-angegriffen!"
Hier wandte sich Vernon plötzlich weg, ich sah wie seine starke Hand sich zur Faust ballte und hörte, wie er die Zähne fest aufeiucm versetzte. — Stephans große Augen, in denen noch die Tränen standen, gingen in stummem Schreck von einem zum anderen, und Cölestins schritt gelassen zum Glockenzug und rief die Kammerfrau der Frau Fürstin, — ihr schienen Vorgänge wie dieser nichts neues zu sein.
„Sagen Sie meinem Vater tausend, tausend Dank von mir, Eva!" flüsterte Stephan mir zu und faßte krampfhaft meine Hand. „Ich habe mich so namenlos nach seinem Spiel gesehnt, und ich wollte, ich könnte es in meiner Todesstunde hören! Gute Nacht, Eva, ich bin sehr müde, und ich kann Sie nicht deutlich sehen, — wo sind Sie?"
„Hier!" sagte ich, und ohne zu überlegen, beugte ich mich über ihn und küßte ihn auf den Mund. Dann schlüpfte ich rasch aus dem Zimmer, ohne mich umzu sehen. Draußen fiel mir ein, daß ich Vernon die Bestellung seines Sohnes noch anszurichten hatte, und ich stand unschlüssig still, als die Tür zum Korridor sich auf tat und Vernon herauskam.
Wenn ich ihn früher vom Spieleir oder Komponieren kommen sah, war er stets mit sieghaft glänzenden Augen, froh mrd groß und gehoben, vor mich hingetreten; das böse Nachspiel nmßte ihn arg mitgenommen haben, er sah aus wie ein schwer unglücklicher Mann, und mein Herz floß über in Mitgefühl mit ihm.
„Stephan sagte mir, — Stephan sagte mir" — begann ich. aber weiter kam ich nicht, d!enn er faßte meine beiden Hände, preßte sie wie in Verzweiflung gegen seine Augen und Lippen und flüsterte: „Eva — Eva!"
Gleich darauf faßte er sich wieder.
„Mein Vögelchen, nein, ich werde Sie nicht erschrecken! Duschenka, mein Täubchen, Sie wollten zu mir sprechen, nicht wahr? Sagten Sie nicht Stephan? Sie meinten natürlich wieder meinen Sohn! Was hat er Ihnen für wich aufgetragen?"
Stockend imd mit niedergeschlagenen Augen richtete
Mittwoch, den 9. Dezember.
ich meine Botschaft aus, dann wandte ich mich, um zu
Er hielt mich mit keinem Wort, mft keiner Gebärde zurück, und als ich mich auf meinem Wege noch einmal cheu nach ihm umwandte, sah ich ihn unbeweglich m dem dämmerdimklen Korridor stehen und mir nachblicken.
XIV.
Am nächsten Morgen — es muß noch sehr früh gewesen sein, denn in meinem Zimmer war es noch nicht ganz hell — wurde ich durch ein Geräusch auf- und zu- klappender Türen, hastiger Schritte, erregter Stimnwn uiiter meinen Fenstern aus dem Schlummer geweckt. Hastig mich emporrichtend, rief ich nach Hannah, aber iriemaiid antwortete mir, und als ich aus dem Bett sprang und ins Nebenzimmer lies, sah ich, daß Hannahs Gemach leer war.
In fliegender Hast warf ich mein Morgenkleid über, badete Gesicht und Hände in kaltem Wasser und fuhr eilig mit dem Kamm durch meine zerzausten Locken. Was konnte geschehe sein? War Stephan kränker geworden. — Dftm Herz klopfte ungestüm, als ich, mehr laufend als gehend, den Weg zum andereii Flügel zurücklegte. In der Korridortür prallte ich nüi Herrn Stölzel zusammen, der eilfertig von drüben herkam.
„Jesses, die Fräul'n Eva! Ja — Wissens denn auch schon?"
„Nichts weiß ich! Was ist denn geschehen?"
„Der junge Herr ist in dieser Nacht gestorben!"
Ich stand da wie gelähmt; so schnell, so entsetzlich schnell! Mein Gesichtsausdruck mußte wohl sehr verstört sein, denn der gute Stölzel streichelte mitleidig meine Hand.
„'s hat eben halt so kommen müssen, — fern Hulf ist nicht mehr g'wesen, hat unser Herr Doktor Wörter mir gesagt und ans dem seine Wort' schwör' ich. Nun liegt er da, so sanft und still und friedsam anzirschan'n, daß ich, Gott verzeih' mir, wenn's Sünd' ist, Hab' denken müssen, so nmß unser lieber Heiland d'reirigeseh'n haben, wie er ausgelitten gehabt hat!" Der brave Bkann wischte sich die Augen.
„Ob ich ihn wohl scheu darf?"
„Sicher doch, Fräul'n Eva! Die Frau von Berftam wird d'rm sein und die Mamsell Cölestin' und unser armer Vernon imd der Herr Doktor, den sie g'schwind von Sankt Johann heraufgeholt haben. Die Frau Fürstin liegt in einein gar so schweren Schlaf, daß die Kammerzos' sie nimmer hat erwecken können, trotz kalt Wasser und starken Gerüchen; die Mamsell Cölestin' hat auch gerufen, man sollt' sie derweil nur richig schlurnmern lassen, und dies ist auch meine Ansicht von der Sach', denn nichts für ungut, imd 's bleibt unter uns, — — aber ist das ein Betragen für eine richtige Mutter und eine richtige Frau und eine richtige Fürstin, wie die sich beträgt? Geht daher und wird schon in aller Fruha. — was für sie d' Früh« ist! — imd nachher bis in den sinkenden Schlmnmerabend 'nein mit die beiden jungen Senf au? Zjfl-ich, dem Manns-Doktor imd dem Weibs-Doktor, bei heißem Dampsgrog und Likör Herumhausen, und derwett kommt der einz'ge Sohn, und so ein Bild von Jüngling, zu sterben — und —was ihr Gemahl ist, — der Herr Vernon —"
51 Jahrgang. 1903.
„Ja, ja, Herr Stölzel", unterbrach ich den Redestrom hasüg, „aber nun muß ich hinein!"
Ich drückte leise die Tür auf und trat in das Gemach, das so bald aus einem Kranken- ein Sterbezrnmrer ge- worden war. Die Fenster standen weit offen und netzen die herbe, frische Morgenluft herein; draußen wehte ein bläulicher Tunst um die Bäume, der jenseits sanft aus. steigende Rasenabhang war wie mit einen: lernen, perl- grauen Schleier überweht, — das war der MlNMntm:, der an jedem Hälmchen zitterte. Feuchter Herbstdust streg aus der Erde empor, und drüben der Groß-Glock ne r hatte sein giganftsches Haupt noch ganz m ftefe Stevet-
t'ücher geschlagen. . . .
Alles das umfaßte ich mit ernem einzigen Buck beim
Eintreten, dann-— ■ ,
Du blasses, müdes, stilles Gesicht. — welch sanfter Friede liegt über dich gebreitet! Seitwärts gewendet, so wie ich zuerst dich sah, jetzt aber die schonen, kummer' vollen Augen geschlossen, — steig' empor ans dem Born meiner treuen Erinnerung, laß Mich, die ich in meinem jungen Leben ziim erstenmal den Tod schaute, immei mev Bild der Erlösung sesthalten, das dem Sterben seine
Schrecknisse nimmt! . . _ . f :
Aber er der vor dem Totenbett auf den Kmeen liegt uiid'sem Gesicht auf oie kalte Hand gebeugt Haff - wortlos, — regungslos, — wer wird ihm helfen, sem -eben weiter zu tragen? Die Kirnst, gewiß, seine hohe, göttlich schöne Kunst! Aber für jetzt wird imsichsagen. daßsi. taub und stumm ist in ihm, daß Schaffensdrang und Berufsfreudigkerl erbarmmigslos erschlagen sind daß seine Zukunft tot und feierlich still vor ihm liegt, i»f$ kein Mensä^iiiniind ihn zu trösten vermagp denn- alle^Be- wunderer, Neider, Kunstkenner, Verchrer Fm nde können ihm sein einziges, geliebtes Kind nicht ersetze - Meine Hannah war mir leise schluchzend um den Hals 0^11«, Cölestine hatte mich nur still nnt den Augen gegrüßt und betete andächtig an ihrem Rosenkranz weiter, _ Doktor Wörter sah traurig, mit zuckenden Lippen aus dw gebrochen hingesunkene Gestalt des Vaters, und te * Kammerzofe weinte hinter ihrem Taschentuch^Eolestinens aroßes Elfenbeinkrenz lag auf des Toten Brust, ,seme flnke Hand hielt ein Paar Erikablüten aus memmr Strauße fest umsaßt, — er mußte sie gerade gehalte n babm als er starb. I" der Ecke des Zwirners knisterte
das rote Flämmchen unter dem Heiligenbllde„imdvond^
Wand über dem Lager schaute das milde Christin antlitz voll unsäglichen Erbarmens aus uns herrw
Ich neigte mich über den Toten und küßte ihnaus die wachste Stirn Wie kalt - wie eiseskalt! Mr ging ein Beben imd Frösteln durch den ganzen Körpe r, und die Tränen, die bis dahin wie erstarrt m nur gewesen, unaufhaltsam, ^mweise h^or, gewann fie mir das Herz brechen wollten. — Hannah nahm mich liebevoll in ihre Arme i,nd brachte nnch aus dem Gemach.
Als ich etwa drei Stunden . später mit verweinten Augen und schmerzeirdem Kopf in meinem Zinmwr saß, brachte Hannah mir ein zusammengesaltetes Papier Da ist eine Depesche aus Berlm, Kleine, sur d-ch. Hastig riß ich das ausgeklebte Siegel herunter.
„Hochzeit wird beschleunigt, — sofort hierher ab- reisen' Sustl
(Fortsetzung folgt.)
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