Wiesbadener Sagblatt
L» Jahrga««.
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Verlag: Langgaffe 27.
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Mittwoch. de« s. D-r-mbrr. - E.
Verlags-Fernsprecher No. 2SS«.
Ahen«! - Ausgabe.
Pie „itiit, slmeltze Zeit" i« Skldieii.
Serbien ist und bleibt das Land der Überraschungen, das Land, in welchem nichts dauernd rst als der Wechsel, indem auf dem Gebiet der Polrtrk Tvagodw und Komödie sich zu einem inmgen Ganzen, zu einer Tragi- -komödie verbinden, deren Schluß freilich zumeist em sehr blutig tragischer war. Seit der Zeit, wo r^urst Michael,
^Vorgänger Mlcms, auf Veranstaltung des rivalisierenden Hauses Karageorgiewitsch, welches fetzt m Serbien wieder zur Herrschaft gelangt ist, ermordet wurde und der Operettenkönig Mrlan zur Herrschaft gelangte, ist Serbien nicht mehr zur Ruhe gekommen. Die Regierungsgeschichte Milans, der am 6. Marz 1889 sein Königtum für bares Geld verkaufte und zugunsten Meranders des Kleinen abdankte, war eine vollmdete Komödie der Irrungen. Und die Regierungsgchchichte Meranders, der am 11. Juni dieses Jahres auf dem in Serbien nicht ungewöhnlichen Wege seine Regierungszeit beendigte, war eine Tragikomödie der Irrungen, auch der Eheirrungen, die init der Ermordung des Konigspaares ihren bliitigen Abschluß fand. , ,
Als König Alexander zwecks vermeintlicher Befestigung seiner Dynastie und voller Hoffnungen, die nach feder Richtung hin getäuscht wurden, seine Geliebte Draga beimführte, da sprach er das geflügelt gewordene Wort: „Die Zeiten der Überraschungen in Serbien, meine lieben Mitbürger, sind für immer vorüber!" Me Hofftnmg Mexanders hat sich nicht erfüllt. Seit jener Zeit folgte in Serbien Überraschung auf Überraschung, Staatvstrmch auf Staatsstreich, bis die Bluttat vom 11. Junr diesem Regiment der Überraschungen ein Ende bereitete.
Man soll sich vor allgemeinen Aussprüchen nach Mög lichkeit hüten und ganz besonders in Serbien, wo pch bisher noch stets das Wort bewahrheitet hat: Es komm, immer anders! Wie König Alexanders Ausspruch, daß die Zeiten der Überraschungen vorüber seien, durch der tatsächlichen Verlauf der Dinge so blutig widerlegt wurde, so könnte auch leicht König Peter zu der Erkenntnis kommen, daß man mit geflügelten Worten sparsam umgehen soll. Eine der ersten Kundgebungen, welche nach der unter so „besonderen Umständen" erfolgten Thronbesteigung König Peters I. veröffentlich^ wurde, begann mit dem stolzen Satz: „Eine neue, glorreiche Zerr ist für Serbien angebrochen!" An diesem Freitag kann man in Serbieii das Halbjahrsjubiläum dieser neuen, glorreichen Zeit begchen, aber wir vermuten, daß man zurzest in Serbien nicht in Jubiläumsstimmung sein wird.
Tie Staatskassen sind leer, die Finanzen zerrnUÄ, Kabinettskrifis folgt auf Kabinettskrrsis, die herrsch- süchtige Volksvertretung lebt mrt dem Ministerium m 'teter Fehde, innerhalb des Offizierskorps besteht eine unheilvolle Spaltung, und die wahren Herrscher sind m Serbien die Herren Offiziere-Künigsmörder, me nicht nur rei und ungestraft umherstolzieren, _ sondern die mit Ehren und Belohnungen überhäuft sind, urw vor denen oaar König Peter sich beugen mutz. Fast Tag für Lag gehen aus Serbien neue Sensationsgerüchte m dre ^§ett. Die einen sprechen von einer erneuten Kabinettskrisi», die zweiten von angeblichen Attentaten auf Len König, und die dritten verkünden das nahende Ende, wenn schonMilcht der Dynastie Karageorgiewitsch, so doch der Herrschaft de» Königs Peter, der angeblich zugunsten seines Lohnes abdanken wolle. Diese Gerüchte, die jewells von Belgrad aus sämtlich dementiert werden, mögen einstweilen noch als Ausgeburten einer allzu üppigen Berichterstatter- Phantasie erscheinen, aber sie sind als Kennzeichen der herrschenden Stimmung und der Verwirrung m Serbien
von Belang. ^ ^ . .
In der Tat ist voii der neuen, glorreichen Zeit m Serbien verzweifelt wenig zu merken, und es kaust zweifelhaft sein, ob die Lage in Serbien heute wesentlich besser ist als vor der Ermordung des Königs Alexander. Jedenfalls sprechen viele Anzeichen dafür, daß sich König Peter schon jetzt in einer nicht viel behaglicheren Lage befindet als die, in der sein Vorgänger gelebt hat. König Peter ist nur noch ein Werkzeug in der Hand der gewissenlosen und herrschgierigen Soldateska, zu deren Spießgesellen er sich selbst degradiert hat. , Zweifellos würde er sich die Königsmördergesellschast, die chn nicht nur aufs schwerste bloßstellt, sondern die ihm unter Umständen noch sehr gefährlich- werden kann, gern vom Hatse schaffen wenn er nur könnte. Wer das eben vermag König Peter nicht, denn ein solches Experiment könnte für feinen Veranstalter unter Umständen recht bedenklich
ablaufen. r
Vielleicht mag König Peter schon i-etzUrmt Wehmut an die Zeit zurückdenken, da er als freier Schweizer Burger sorgenlos an den schönen Gestaden des Genfer Sees lustwandelte. Vielleicht mag es auch zutreffen, was gerucht weise verlautet, daß König Peter gar nicht abgeneigt wäre, zugunsten seines Sohnes znrückzutreten, wenn die Herren Königsmörder, unter deren Botmäßigkeit er stcht, das nur zuließen Unmittelbar nach der blutigen Mordnacht vom 11. Juni schrieben wir: „Mstß nicht König Peter sich selbst die Frage vorlegen, ob ans einer Saat von Drachenzähnen eine gedeihliche Ernte entsprießen kann?" Wir glauben, daß König Peter über die Antwort auf diese Frage nicht mehr im Zweifel fein und daß et noch die Wahrheit des Wortes erkennen wird, daß kein Thron Aussicht hat auf Bestand, der nicht auf Gerechtigkeit ge gründet ist.
Politische Übersicht.
Zum russischen Handelsverträge.
L. Berlin, 8. Dezember.
Im „Russisch-Deutschen Boten" kann man lesen, daß die Vertrags Verhandlungen mit Rußland günstig stehen. Es werde von den Regierungen beider Reiche an der freundnachbarlichen Bereitwilligkeit festgehalten, sich nächstens über die Streitpunkte zu verständigen, die von den Unterhändlern nicht bis auf den letzten RO ausgeglichen werden konnten. „Nicht bis auf den letzten Rest ist gut. Die Wahrheit ist, daß gar nichts ausgeglichen worden ist, und daß der Stand der Verhandlungen keineswegs die Erwartungen baldigen Geling«^ recht- fertigt. Unsere Erkundigungen sind so zuverlässiger Art, daß wir diese unsere Auffassung von der Sachlage allen entgegenstehenden optimistischen' Ankündigungen gegenüber aufrecht 'erhalten müssen. Wir glauben, man wird sich auf Überraschungen eflizurichten haben. Weiteres darüber zu sagen, ist für jetzt nicht am Platze, 'aber die Dinge lassen sich ja abwarten. Im übrigen braucht man nicht erst auszusprechen, wie freudig es zu begrüßen Ware, wenn der Verlauf der Verhandlungen die notgedrungen düsteren Vorherfagungen widerlegte. Nur wird- es wahrscheinlich leider nicht geschehen. Die Widerlegung wird in dem Augenblick eingetreten sein, wo mau sich m Berlin dazu entschließt, den russischen Ansprüchen grSßeres Ent- gegenkommen zu bez-eigen. Nun kann man ja darüber, ob solches Entgegenkommen geleistet werden wird, selbswer- ständlich verschiedener Meinung sein, und das letzte Wort wird nach dieser Seite hin wohl noch nicht gesprochen sein, zumal es schließlich aus die entscheidende Stelle doch sehr wesentlich ankommen wird. Immerhin, für jetzt und heute empfiehlt sich der Zweifel am Gelingen der Derhand. lungen.
Die Frage der Abgabenfreiheit auf den Hauptströme«.
Der Wirkliche Geheime Rat Möllhausen, früher Ab- teilungschef im Verkehrsministerium, veröffentlicht m bex „Kreuzzeitung" einen langen Artikel, worin er die Aus. Hebung der Abgabenfreiheit auf den großen Strömen empfiehlt. Da Herr Möllhausen nicht mehr im Amte ist, könnte es gleichgültig erscheinen, wie er als Privatmann über die Sache denkt, aber es liegt wohl in der Natur der Dinge, daß er die Fühlung mit den Vorgängen an seiner langjährigen Wirkensstätte nicht verloren hat und so doch wohl von gewissen Wsichten Kenntnis h!ab-en kann. Darum will es bemerkt sein, daß sich Geheimrat Möllhausen die Ausführung des Planes feltsam leicht denkt. Für ihn gibt es keine verfassungsmäßigen Schwierigkeiten, auch nicht die Schwierigkeit, die internationalen Verträge, be- treffend die Abgabenfreiheit ans Rhein und Elbe, durch neue Staatsverträge zu ersetzen, sondern alles ließe sich ganz einfach auf dem Verwaltungswege machen. Von
Die Kevolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(48. Fortsetzung.)
XVIII.
Wie -er Herr Schwertfeger und Micken den Leuten im Stur- ^ergs Kotten einen Besuch abflatteten, ivie der Rauen Gottueb Instistziert wurde, wie er Urfehde schwören mußte und wie d,e Schleifer ihr Unrecht einsahen und ein dreifaches Hoch aus den Kaufmann und Mieken ausbrachten.
*
„Merkwürdig, dat einem no den Fierdagen de Arbeit vrrmer so für fällt", sagte der Leyendeckers Kawelm ärgerlich und warf eine Klinge, die er eben geschlissen hatte, zur Seite. Nach solchen Tagen, meinte er, käme einem so'n Schleifkotten wie ein Stückchen Höllechor, und nun grad' im Sturbergs windfchiefen Kotten war es besonders scheußlich, und- wenn der Besitzer einmal ver- dämmt würde, dann sollte -es so geschehen, daß er m seinem eigenen Kotten eine teure Schleifstelle mieten Eßte, um täglich vierzehn Stunden lang Häppcher zu Weifen.
Der Rauen Gottlieb erkundigte sich höhnisch, weshalb Er denn so ärgerlich war', ob ihnr sein Kärlinken zu Weihfürchten einen neuen Jungen beschert hätt' oder ob sie lhm mit dem Blotschen was daruf gegeben hätt'.
. Besser als der Gottlieb hätte der Kawelm jedenfalls bas Fest verbracht, meinte der Plümacher Drickes. Der hallo sich am heiligen Abend doch gewiß wieder besoffen und dann Streit -angefangen.
| . »Nee, eck) Han ganz jct anners besorgt", antwortete ber Gottlieb und warf dem anderen einen giftigen Blick Was er besorgt hätt', das sei diesmal etwas Gutes gewesen, und sie würden schon noch darüber reden.
. » Nun wandte sich Plümacher an seinen Lehrling, den 9ötocf]i, und erkundigte sich, was er denn während der Feiertage gemacht habe. Gewiß hätte er von seinem TTotratt-eu Vater ein Dutzend Wuppertaler Traktätchen als « ^oihnachtsgescheut erhalten, und die habe er wohl auswendig lernen müssen.
Henoch machte ein verschmitztes Gesicht. „Ja", äußerte er das Geräusch der Räder und das Knirschen der gegen die Steine gedrückten Klingen überschreiend, „Traktätchen hätte er wohl gelesen, aber die hätten nicht mit einem Halleluja begonnen und nicht mit einem Amen geendet. Nachts seien sie ins Haus geschneit, man wüßte nicht, wre, und der Vater habe sie sorgfältig versteckt. Er aber habe sie doch gefunden und sie so oft gelesen, daß er sie auswendig könnt'. Es wären, welche von den Flugblättern, von denen jetzt so viel Geschrei gemacht würde. Das müßte mau aber auch sagen, der Kerl, der die geschrieben habe, der hätte recht. , , _ „ ,
„Dat weit der Deuwel!" stimmte ihm sem Lehrherr eifrig zu. Aber er, der Henoch, wär' doch nur ein dummer Junge und könnt' von solchen Sachen noch nichts verstehen. Seinen Ärger über die elende Wirtschaft, deil könnte man erst mit zunehmendem Verstände so recht
Ja, darin hätte der Drickes mal wieder recht, pflichtete der von der Kohls Pitter bei. Diese Schriftm wären nichts für Grünschnäbel, sie wären nur was fiir rechte Männer, die genau wüßten, wie verdammt wahr wär', was darin geschrieben ständ'. Dumme Jungen, die noch nicht trocken hinter den Ohren wären, sollten sich vor allem daran ein Beispiel nehmen, wie diese Schriften unter die Leut' gebracht ivürden. Das zeugte von Kourage. Das könnte einem imponieren, und selbst wenn er nix von den Schriften verständ, er würd' sie doch als etwas Vorzügliches preisen, weil sie mit so viel Mut und Aufopferung verteilt würden, und weil man immer so schlau sei, den Gendarmen zu entgehen. Der eine von den Kerls hätte ja noch einen ordentlichen Denkzettel dabei abgekrieyt. Er glaube übrigens gar nicht, daß d„as damals ein Frauenzimmer gewesen sei. Zweifellos sei es eine Mannsperson gewesen, die sich nur als Frau verkleidet Hab'.
Die Schleifer tauschten nun, laut in das Getöse hinein schreiend, ihre Meinung über die geheimnisvolle Person lichkeit aus, über die sie nur Worte das Lobes hatten. Und der von der Kohls Pitter war gerade eifrig dabei, die Frage -u erörtern, ob es bei der Verteilung der Schrif
ten eigentlich mit rechten Dingen zugche, oder ob drs- jenigen recht hätten, die bchaupteten, sie würden rmmer nur nachts von dem Augenblick an gehernmisvoll in dre Häuser gebracht, wo es von den Kirchtürmen zwölf Uhr schlüge und mit dem Glockenschlage eins sei -alles für die Nacht vorbei, da öffnete sich die Tür, und Schwertfeger, gefolgt von Meten, erschien in dem Schleifraume. Das Kreischen der Klingen verstummte, die Hände sanken, und mit erstaunten Augen wurden die beid-m gemustert.
„Morgen tosanimen!" grüßte der Kaufmann mit kraf. tiger Stimme.
„Morgen", antwortete der Leyendeckers Kawelm statt der andern, und der von der Kohls Pitter äußerte: „Kiek an, der Herr Schwertfeger und dat Kretzbergs Mieken. Eine qroße Ehre für den Sturbergs Kotten!"
Einige lachten roh, und der Rauen Gottlieb sagte: „Sie haut 'ne Morgenspaziergang gemakt."
„Stimmt!" rief der Kaufmann und trat auf ihn zu. „Stimmt, und wir haben ihn gemacht, einzig und allein, um her zu konemeu und mit dir ein Wörtchm zu reden."
„Mit mir?" frug der Bursche, innerlich feige erschreckend vor dem Blick, den ihm der Kaufmann zuwarf.
„Ja mit dir, und du wirft dich noch umgucken, du elender Lump du!" schrie Schwertfeger und wandte sich dann, mühsam seinen Zorn niederkämpfend, an den Plümachers Drickes, als an den ältesten der wenigen, die sich heute zur Arbeit eingefunden hatten: „Wenn ich es hier, wie ich glaube, mit ordentlichen Ke-rlm und Ehrenmännern )n tun Hab', dann hätt' ich ein Wort unter vier Auaen mit ihnen zu reden." ,
„Was Ihr uns zu saaen habt, darauf sind wir all neugierig", meinte der Drickes. , , .
„Jo, jo, dat sind wer!" stinimtcn die anderen der, und einer ging, das Rad abzustellen, damit das Geräusch des Betriebes aufhöre.
„Und wie es et met den Liehriongen?" frug der Leyendeckers Kawelnr. „Klein' Kessel haut grute Ichreri (Ohren), on die bruken am Eng (Ende) nit alles to
kiekt öch den Sturbergs Kotten ens van buten an und paßt op, dat ils keiner 'rinlöpt". befabl der
