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Berlag: Langgaße 27.

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«ofi » Ml. «• Pf,, -ikrtkljiihrkch für beide Ausgaben zusammen.

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N«. 571.

Berlags-Fernsprecher R». 2953.

Morgen ■Aufgabe.

Juni russischen Hundrlsurrtrag.

L. Berlin, 5. Dezember.

Nach Mitteilungen, die verschiedene Blätter aus Petersburg erhalten haben, soll die Stellung des neuen -Wanzministers Pleske arg erschüttert sein. Es wird so daraesrellt, als mache er gegenüber den mrlrtarrschen An­forderungen für Ostasien Schwierigkeiten, dre lernen Gegnern die bequeme Gelegenheit geboten haben sollen, einen abermaligen Wechsel im Finanzministerium vorzu- bereiten Bernerkenswerterweise sind diese Prwatmeldun- nen deutscher Blätter aus Petersburg durch das ofstziche Lelegmphenbureau weiterverbreitet worden. Es ist das ein jedenfalls ungewöhnlicher Vorgang, da es sonst nicht Stil st solche bloßen Gerüchte halbamtlich in das Land hinauS- ochen zu lasseii. Wir Horen denn auch, daß der Vorgang in rilssischeii Kreism einiges Befremden erregt hat. Zu­gleich wird uns versichert, daß die Angaben über den baldigen Rücktritt des Ministers Pleske gegenstandslos sind Die Frage, ob der Nachfolger des Herrn v. Witte bleibt oder geht, kann für uns Deutsche naturgemäß nur von sekundärer Wichtigkeit sein, weshalb wir uns darauf beschränken, Behauptung und Bestreitiing hier einfach zu verzeichnen. Dagegen ist es andauernd eine Frage ersten Ranges für uns wie für Rußland, was aus den Tarif- vertragsverhandlungen werden soll, und die Slus- künfte, die wir in dieser BeziehlUng erhalten haben, dürfen demgemäß auf das stärkste Interesse rechnen. Wie man weiß, befleißigen sich die Offiziösen der Wilhelm­straße fort und fort einer Darstellung, wonach es eigent- lich nur eine Frage der Zeit, nur eine Frage des Wann und nicht mehr des Wie sein soll, zu welchem Termin denr Reichstage der Entwurf eines neuen Handels­vertrages mit Rußland vorgelegt werden kann. Diese günstige Darstellung hat mehrfach schon von Petersburg aus Widerspruch gefunden. Jetzt erfahren wir, daß der neulich« Artikel der „Nowoje Wremja", der die mangel­haften Ergebnisse der bisherigen Verhandlungen feststellte, keine Privatleistung des Blattes getnesen ist, sondern die Sachlage so darstellt, wie sie Herr v. Witte dargestellt wissen will. Auch ein soeben aus Petersburg verbreiteter zweiter Artikel der „Nowoje Wremja" hat denselben wichtigen Ursprung. Er ist, wie zuverlässig mitgeteilt werden kann, vom Minister v. Witte aus autorisiert. In dem Artikel wird scharf Front gemacht gegen die deutschen Blätter, die aus eigener Initiative oder offiziös beein­flußt die öffentliche Meinung Deutschlands täuschen, in­dem sie die Aussichten auf den Abschluß eines neuen Ver­trages als günstig bezeichnen, was sie in Wahrheit nicht seien. Denn die Verhandlungen seien seit dem Juli kaum

Feuilleton.

Sergeant Himmelmann.

Militärische Humoreske von Arno v. Melden.

Die jungen Krieger waren angetreten, vorläufig ohne Gewehr, denn ein solches konnten sie ja auch noch nicht gebrauchen. Man hatte ihnen ja eben erst zu Ge- müte geführt, daß sie weder gehen noch stehen konnten, daß sie vielmehr bis jetzt ihr ganzes Leben hindurch ge­latscht, gehüpft, getrippelt oder getänzelt hatten. Oh, das hätte sich denn doch keiner, namentlich keiner der­jenigen, deren Gesichter schon stattliche „Schmisse" auf­wiesen, träumen lassen, daß er in manchem akademischen Festzug in Band und Mütze gegangen sei, ohne gehen zu können!

Der „Herr Gefreite" war sehr diensteifrig, er „brachte sich um", sah den Anzug nach, rückte hier eine Mütze zurecht mb zupfte an den Falten eines Rockes. Die Gefreiten der anderen Abteilungen lächelten über ihn, denn er war als Streber bekannt. Man munkelte, er wolle kapitulieren. Heute aber kam er mit feinen Be­mühungen nicht zustande, denn schon erschien der Ge­strenge, Sergeant Himmelmann, auf der Bildfläche. Er hatte die dem ersten Bataillon zugeteilten Einjährigen unter seiner Fuchtel. .

„Stillgestanden, richt Tuch!" brüllt der Gefreite. »Augen grade aus! Augen — links!"

Und er geht dem Vorgesetzten entgegen und meldet:

„Ein Unteroffizier, sechzehn Mann zur Stelle". Sergeant Himmelmann — sonst auch wohl von seinen Leuten sehr despektierlich „Sergeant Himmelhund ge­nannt, nickt gnädig — bei den Einjährigen ist er immer gnädig — bis das Exerzieren angeht — dann wird er ungemütlich!

Sergeant Himmelmann schmettert also ein:

„Augen grade — aus! Rührt euch!"

Und er begann die Front abzuschreiten. Der Flügel­mann fand Gnade vor seinen Augen. Es war ein Rrese von Gestalt, Sohn eines Gutsbesitzers, der mit dem öanvtrnann befreundet war — und> ein tüchtiger Soldat

Dienstag» den 8. Dezember,

vorwärtsgeschritten. Ties also ist, um es zu wiederholen, keine gleichgültige Auslassung einer Petersburger Zeitung, sondern es ist eine Mitteilung, die Herr v. Witte ergeh m läßt. Wir unterlassen es, zwischen den Aus­führungen etwa der „Süddeutschen Korrespondenz' über den vermeintlich vortrefflichen Stand der Verhandlungen und den Kundgebungen der russischen Regierung die ver­bindende Brücke zu schlagen oder vielmehr zu suchen. De Aufgabe wäre ja auch unmöglich. Man bat ben !e!t- samen Zustand vor Augen, daß die eine Regierung voller Hoffnung in die Zukunft blickt, die andere voller Miß- trauen. Wer recht hat, ob Graf Bülow oder Herr v. Witte, wir wissen es nicht, und wahrscheinlich wissen es die beiden Staatsmänner im Augenblick selber nicht. In den be- vorstehenden Etatsdebatten im Reichstag wird sich Graf Bülow ja über die Sachlage äußern müssen, wenigstens wird er eindringlich befragt werden. Zwar so ungefähr kann man sich vorstellen, was er antworten wird, nämlich, daß er es sich schon aus Rücksicht auf die befreundete russi­sche Regierung versagen müsse, über schwebende Verhand- lungen Auskunft zu geben. Aber der Ton wird hier gleichwohl die Musik machen. Jnr übrigen, wer kann sagen, ob es dem Reichskanzler gar so unangenehm sein wird, wenn Rußland eine Ermäßigung des Funftirark- zolls für Roggen zur Grundbedingung seines Eirtgegen- kommens macht. Die Vorteile, die für dies Zugeständnis einzutauschen wären, lägen aus der Hand, und über die Nachteile eins Zollkrieges braucht man mcht erst zu sprechen, llnsere Industrie würde einen wirtschaftlichen Kriegszustand einfach nicht ertragen können. Man könnte einwenden, daß die Lage für Rußland ringefahr dre näm­liche wäre, aber die Vergleichung hinkt. Rußland braucht nicht unsere Maschinen und unsere sonstigen ^idustne- Erzeugnisse, es kann sie auch aus anderen Ländern be­ziehen'. Wir aber brauchen den russischen Rollen, und wenn uns sein Bezug verteuert wird, so mag die Zufuhr ans denr Zarenreiche zum Schaden der Russen allerdings etwas verringert werden, aber die Kosten des Krieges werden die deutschen Konsumenten tragen müssen, denen der Roggen entsprechend verteuert werden wurde. Da­rüber werden die Agrarier freilich nicht böse sein, wie sie denn zum Zollkriege hindrängen. Indessen kann dm Rücksicht aus die gute Stimmung der Konservativen un­möglich die alleinige Richtschnur für die Poftftk des Grasen Bülow sein, und sie wird es hoffentlich auch nicht sein Graf Bülow hat ja Zeit. Ter gegenwärtige Ver­trag läuft weiter, und man wird sich in Petersburg hüten, ihn zu kündigen, in Berlin erst recht. In der gegen­wärtigen Session kanii ein Handelsvertrag überhaupt nicht verabschiedet werden, da noch kein Gedanke an den Beginn von Verhandlungen mit Österreich-Ungarn ist. Bis zum nächsten Winter aber wird man sich dann wohl verständigt haben.

war er auch — ebenso der zweite und das war ein Fahnen­junker und Sohn des Herrn Regimentskommandeurs.

Aber beim dritten ging's los! Der hatte die un­glückselige Gewohnheit, immer mit den Fingern an den Knöpfen seines Rockes zu spielen, und dabei vernichtete er denn natürlich die mühevolle Arbeit seines Putzkame­raden, indem er die Knöpfe blind machte. Oder er trüb vielleicht die Pflichtvcrgessenheit sogar so weit, daß er den Knopf öffnete — und das mutzte ihm auch gerade letzt

passieren. . „

„Maurer!" fuhr ihn der Sergeant an, denken Sie denn, Sie sind der Apollo von Bellevue, der im Park am Philosophenwege steht? Glauben Sie denn, Sie können sich wieder halbnackt hier hinstellen zum Skandal für die gesamte 'gebildete Menschheit, Herr Doktor Maurer? Sagen Sie mal, was würden Sie denn Ihren Patienten sagen, wenn die sich so mangelhaft angezogen draußen

präsentieren würden?" „

„Entschuldigen, Herr Sergeant, ich bin —

„Ach was — ich entschuldige gar nichts — aber Sie sind doch ein Doktor? He?" ,

Jawohl, Herr Sergeant, das bin ich, aber nicht Dok­tor der Medizin, sondern Doktor der Philosophie und Kandidat des höheren Schulamts, und ich habe keine Patienten zu behandeln, sondern Gymnasiasten".

„Hören Sie, Herr Maurer, wenn Sie Volksreden halten wollen, dann warten Sie gefälligst, bis Sie nicht m^hr Soldat sind, und suchen Ste sich einen anderen £ii dazu aus als den Kasernenhof. Hier redet man nur. wenn man gefragt wird, verstanden?"

„Zu Befehl, Herr Sergeant, aber —

Halten Sie den Mund, wenn Sie nnt nur reden! Und ich bitte mir aus, datz Sic mir bis morgen früh die erste Tugend des Soldaten, die Zugeknöpftheit, gelernt haben!"

Schon sehr angeärgert ging er zum nächsten.

„Sagen Sie mal, Biedendorf, Sie sind ja wohl Kauf­mann?"

Jawohl, Herr Sergeant!

Na ja - denn können Sie doch auch Ihre Mütze grade setzen! Denken Sie denn, Sie gehen in Zimt die Königstratze hinunter, den Zylinder auf einem Ohr, und

Deutsches Deich»

* Hos. und Perlonal-Nachrichte«. Uber einen höfischen Heiratsplan läßt sich das „Berliner Tageblatt" ans Dessau schreiben: Dieser Tage traf der österreichisch-nngarqche Botschaster Szögyeny-Marich nebst Gemahlin in Dessau ein. Er nahm im herzoglichen Schloß Wohnung. Nachmittags fa»d Familientafel statt. Bor einigen Tagen bestellte dre Schlotzver- waltnng von Schloß Stadelhof (Post St. Beit an der Glan, Kärnten! in einer Dessauer Kunsthandlung ein „recht gutes Kabinettbild der Prinzessin Antoinette Anna, der lsjahrigen Tochter der Erbprinzessin Leopold. Es verlautet, daß diese Prinzessin einen österreichischen Prinzen heiraten soll.

* Koloniales. Uber den A u f st a n d d e r B o n d e l- zwarts setzt General v. Franyois im „Mil.-W.-Bl." seine Ausführungen fort. Er kommt dabei zu dem Schluß, der gewiß viele überraschen wird, daß voraussichtlich noch ein längerer und schwieriger Feldzug nötig sein wird, um die Bondelzwarts zu der jetzt unbedingt erforder­lichen völligen Abhängigkeit zu zwingen.

Die Akademiker im Deutschen Reichstage. Auf­fällig ist. so wird der „Brest. Ztg." aus akademischen Kreisen geschrieben, gegenüber der Zusammensetzung des Reichstags in früheren Legislaturperioden die Ab­nahme der U n i v e r s i t ü t s p r o f e s s o r e n , die als einzige Vertreter den Dozenten für Nationalökono­mie an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, früher an den Universitäten zu Rostock und Marburg, den bekannten nationalliberalen Geh. Negierungsrat Professor Dr. Paasche aufzuweisen haben, ferner den an die Universität Münster berufenen Zentrumsabgeord­neten Professor t)r. Hitze und seinen Fraktionskollegen den Professor der Philosophie in München, Freiherrn v. Hertling. Damit vergleiche man die überaus rege Beteiligung der Universitätsprofessoren am politischen Leben, die ibren entsprechenden Ausdruck in der Wahl einer ganz erheblichen Anzahl von Mitgliedern aus ihren Reihen fand, in den ersten beiden Dezennien der Existenz des Deutschen Reiches. Es gab damals wohl kaum eine deutsche Universität, von der nicht ein Mitglied in der böchsten deutschen Körperschaft sah. Sillen voran stand natürlich die Universität Berlin, deren beide nunmehr verstorbene Zierden, Virchow und Mommsen, dem Deut- schen Reichstag angehörten. Als besonders charakteristisch aber verdient erwähnt zu werden, daß vorübergehend in den 70er Jahren fast die gesamte juristische Fakultät der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universttät mit Aegidi, Beseler, Dernburg, Gneist, Hinschius, von Cuuy im Deutschen Reichstag saß, und zwar ausnahmslos auf den Bänken der nationalliberalen Fraktion. Dagegen rechnete üch der bekannte, auch bereits dahingeschiedene Historiker Heinrich von Treitschke, der über ein Dezennium (1871 bis 1884) im Vordergrund des politischen Lebens stand, nur in den Anfängen seines parlamentarischen Wirkens zur nationalliberalen Partei, später, fett 1876, zur wild- liberalen Gruppe Schauß-Völk, nach deren Auflösung in.

beliebäugeln die juugen Mädchen, die daher kommen? So machens ja doch die Herren Ladenschwengel, die die Woche iiber an der Heringstonne und im Sirupfatz herumhantiert haben, He?"

„Das weiß ich nicht, Herr Sergeant!

„Nanu? Sie wissen nicht, wie Sie es selber gemacht haben, als Sie noch in Zivil waren?"

„Herr Sergeant, ich bin kein sogenannter Laden­schwengel, ich bin Buchhalter in einem Engros-Geschaft. und immer nur auf dem Bureau beschäftigt gewesen —

Ach so — ein Bureauschreiber sind Sie, na, warum sagen Sie das nicht gleich? Da allerdings heißt es in erster Linie Ordnung — alles nach dem Lineal. Bin näm­lich auch mal ein Jahr als Gefreiter beim.Herrn Feld­webel Bureauschreiber gewesen. Da haben sre natür­lich keinen Zylinder getragen und auch rhu wohl ernmal in der Eile auf ein Ohr gesetzt. Also, Mütze grade! Kokarde, Nasenspitze und Kragenöffnung müssen erne grade Linie bilden!"

Es kamen hiernach zwei andere an die Rerhe, an denen er nichts auszusetzen fand: junge Kerlchen, frisch vom Gymnasium. Sie hatten durchblickerr lassen, sie würden kapitulieren und Zahlmeister werden oder zur Intendantur gehen. Deshalb quälten sie sich redlich und rissen sich zum Ergötzen ihrer Kameraden mehr als «in

Bein ans. . , . „ _

Aber beim siebenten Manne ging es wieder los.

Kopf hoch, Eiscnberg, Kinn an die Binde, Schultern runter! Sagen Sic ural, lieber Freund, Sie müsien doch Ihre Glotzen besser anfreißen. Gestern haben S-re mal wieder einen Steuerkontrolleur gegrüßt. -Können Sie denn immer noch leine Uniform unterscheiden?

„Es war kein dienstlicher Gruß, Herr Sergeant, son­dern" ich kannte den Herrn persönlich!"

Da müssen Sie früher aufstehcn, mein Bester, wenn Sie mir das weismachen wollen. Ich habe die Geschichte nämlich mit angesehen, ich saß grade im Fenster bB Winkelsesser. Sic grüßten so stramm es Ihnen möglich war — 's war freilich sehr mäßig, aber der Herr lächelte und schüttelte den Kops. Hätte er Sie gekannt, so hatte er Ihnen gedankt. Nein, der Herr trug Schleppsabel und Sporen, und da haben Sie ihn für einen Artillerie