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UbenJ ■Ausgabe«
Zr DlllWhrMg des Gesetzes, betr. die ReselW der Mderarveit m gmerdiilyen Kettieben.
Am 1 Januar 1904 wird das Kinderschutz-Gesetz itt Kraft treten. Man hat es im Reichstag ein „Notgesetz" aermnnt in dem Ginne, daß man, der Not gehorchend, endlich diese Materie zu regeln sich anschickte. ^emehtz man sich dann mit der Frage beschäftigte, desto mehr sah man ein, daß tatsächlich einen Eingriff m die Eltern^/ noch länger hinauszuschieben im Interesse der Gesellschaft nicht angängig war. Das Gesetz unterstellt nun also dre Hausindustrie der Gewerbeaufsicht, und wenn wrr recht berichtet sind, zählt Deutschland zu den Staaten, m denen nicht nur Gesetze gemacht, sondern auch durchgefuhrt
^Ehe wir zurBesprechung dieferDurchfühmmg kommen, sei noch einmal daran erinnert, welche Schäden gesund- Imtlicher, sittlicher und intellektueller Art dre Erwerbs tätigkeit fast immer dann in sich birgt, wenn es sich um Gelsverdienen von Kindern handelt. Arbeit an sich schadet dem Kinde nicht, aber das Übermaß, dre Nachtarbeit, die Arbeit in gesundheitsgefahrlrchen Betrieben, in nicht einwandfreier Umgebung, die gerst- und gemut- bedrohende Arbeitsart, die Nichtkontrolle der Lohne und die mit Geldverdienst verbundene und darum fast mit Naturnotwendigkeit zur Ausbeutung führende Arbeit der Kinder, z. B. schon vom! vierten Lebensfahre ab. die Sonntagsarbeit der Kleinen — alles das schadet Ev zerstört Werte, die ziffernmäßig überhaupt nicht zum Ausdruck gebracht werden können. Wenn unter dem Druck mißlicher Verhältnisse, besonders ^urch lohndrückenden Wettbewerb, das Heranwachsende Geschlecht aufs empfindlichste geschädigt wird, so war der Staat verpflichtet, Wandel zu schaffen auch da, wo dre Eltern selbst sich als Ausbeuter der Arbeit ihrer eigenen Kinder erweisen. Einsichtige haben die Pflicht, den Staat dabei mit allen Kräften zu unterstützen und immer wieder zu zeigen, wie notwendig dieses Gesetz war Wir kennen kein Zweites Werk, wie das des Lehrers Agahd <Kmder- arbeit — Fischer-Jena 1902), das em solches Arsenal für diese Frage böte. Hier ist in zehnfahriger Arbeit zu- sammengetragen, was die deutsche Lehrerschaft, Vereine, Parlamente und die Regierungen ziim schuhe der Kinder taten Und wer denr Werdegang des Gesetzes gefolgt ist, der wird finden, daß dieses Buch mit fernen Vorschlägen, Zählungen, der Darlegung der Licht- und Schattenseiten der Kinderarbeit, seinem Zorn und seiner Liebe, seinen Warnungen und Ratschlagen dem Gesetzgeber eine Richtschnur gegeben hat.
Und abermals ist jetzt „der Rufer im Streit" auf den Plan getreten mit einem Buche, welches die Mitwirkung der gesamten bürgerlichen Gesellschaft herausfordert, sie
aufruft zur Durchführung dieses Gesetzes. ) Em Blick belehrt uns, daß das Gesetz bis ins kleinste Detail hinein erläutert ist. Das war notwendig, sehr notwendig, denn so kurz das Gesetz auch ist, so schwierig gestaltet sich doch die Beantwortung der Frage: Was darf nun das Kino eigentlich trm? Und weiter: Wo, wann, aus welchem Grunde kann, soll, darf es gewerblich arbeiten? Und weiter: Ist das eigene Kind denselben Bestimmungen unterstellt wie das fremde? Da werden Kinder, die für fremde Arbeitgeber arbeiten, gesetzlich unter die Bestimmungen ftir eigene Kinder gestellt, oft sind fremde und eigene denselben Schutzbestimmungen unterworfen, Waisen- und Pflegekinder sind manchmal „eigenes manchmal „fremde" Kinder. Und das Gesetz schreibt harte Strafen vor, und Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht vor Strafe. So ist denn für jeden, der Kinder beschäftigt, und für jeden, der beschäftigte Kinder, die nicht in Resolutionen ihr Leid klagen können, schützen will, em solcher Führer mit einem ausführlichen Sachregister notwendig.
Sie haben in dem neuen Brich alle ihr Maß von Arbeit zugewiesen erhalten. Es sind auch die allgemeinen Gesichtspunkte nicht außer acht gelassen worden Die Aufgaben des Gesetzes sind nur als ern Girod aufgefaßt aller auf die Hebung der wirtschaftlichen Lage der Massen abzielenden Bestrebungen. Daß den Schädigungen und Schäden namentlich der Hausindustrie nicht durch Gesetze allein der Garaus gemacht werden könne, weiß der Verfasser sehr wohl. Immer wieder soll gezeigt werden, daß die Schäden der Gesellschaft nur zu heilen sind, wenn man offen von ihnen spricht, und dazu bietet sich Gelegenheit vornehmlich in den Vereinen. Hauptsache ist letzt daß dre Schiltzbestimmungen nicht in Vergessenheit geraten, wie es z B lange Zeit in Frankreich, Österreich und Italien der Fall gewesen ist, wo allerdings keine organisiert Lehrerschaft Gesetze von solcher Tragweite vorbereiten half. Was die Schulbehörde, die Armenbehörde, eine wohl- organisierte Wohlfahrtspflege schaffen muß, inwieweit Amte Geistliche, Waisenpfleger bei der Durchführung zugezogen werden sollen, alles das nmß wohl erwogen
werden. .
War schon die Herbeiführung des Gesetzes ein überaus schweres Sftick Arbeit, noch schwieriger wird sich die Durchführung gestalten. Aber sie wird möglich, wenn die Schwierigkeit einer Aufgabe nicht den billigen Grund abgibt, von der Lösung überhaupt abzu sehen. Diese Gefahr besteht zum Teil, würde sich aber schwer rachen. Ev liegt bei diesem Gesetz die Notwmdigkeit vor, daß alle Behörden in engster Verbindung mit der Schulbehörde, d h hier dem interessierten Lehrer, arbeiten müssen. Ja, es wird sich vielleicht als zweckmäßig erweisen, daß wir besondere Organe zur Durchführung von Jugend- und Kinderschutzgesetzen (wie z. B. nuch von Zwange- uno Fürsorgeerziehungsgesetzen) erhalten müssen! a. c.
Politische Übersicht.
=:■) Heft 10 der Gesellschaft für Soziale Reform. Fischer- Jena 1808. _
Türkisches.
1. K o n st a n t t n o p e l, 4. Dezemver.
Noch immer ist es nicht gelungen, die Pforte zu einer Antwort auf die österreich-ungarische Note zu bringen, und es wird auch so schnell dahin nicht kommen. Man spricht zwar viel von der Einigkeit der Machte, dw schon ver- stehen werden, ihren Willen durchzusetzen, aber diese ge- priesene Einigkeit ist doch in Wahrheit gar mcht vorhanden. England und Italien nchinen einen anderen Standpunkt em als Österreich und Rußland, und nun sucht die ottomanischc Regierung auch zwischen letzteren beiden, Zwistigkeiten heraufzubeschwören. Ter ^ultan Hot bekanntlich den Gesandten dieser beiden Machte «ne nach- gesuchte Audienz nicht erteilt unter dem Vorwand, daß er unwohl sei, während er am gleichen Tage den französischen empfang. Am Tage darauf begab sich nun der Minister des Auswärtigen zum Baron v. Calree, um ihm eine mündliche Antwort zu übermitteln, m der natürlich weiter nichts gesagt wurde, als daß vorläufig eme solche überhaupt nicht erfolgen könne angesichts der großen Wichtigkeit der Sache usw. usw. Zuin Vertreter des Zaren ging der Minister aber nicht. Darob große Wut Sinowiews, der sich für beleidigt erklärt und dessen Zorn sich mich zugleich gegen den österreichischen Kollegen richtet, welcher sich hätte erkundigen müssen, ob der russische Bot- schafter ebenfalls verständigt sei. So ist der Anfang zur Uneinigkeit gemacht. Allerdings werden die Vertreter der Kaiser von Österreich und Rußland fetzt Zeit haben sich auszusprechen, denn in ben nächsten Wochen wird ihnen jede. Tätigkeit unmöglich gemacht sein. Der Ramastm hat vor einigen Tagen begonnen und dauert einen Monat, dann kommt das Beiramfest, alles Vorwände um die Lösuna der makedonischen Frage lnnauszufchieben. Dl« aroße Fastenzeit hat übrigens diesmal offiziell einen Tag ipüter ihreii Aiifang genommen. als sie es eigentlich sollte. Der Koran schreibt vor, sie habe zu beginnen. sowie der Neumond erblickt werde, und zwar geniigt es, wenn nur cni£ bicm Kkdl. bon cxflcirt, fis tjdttß it^tt
gesehen Dies benutzt die Regierung, um das Daüim nach Belieben festzusetzen. Es Paßte ihr nun nicht, daß der Neumond schon am Donnerstag sichtbar war, da dann der 'erste Tag des Ramasan ein Freitag gewesen wäre, und Zwar aus folgendem Grunde: Der 15te Tag wäre dann auch ein Freitag, und an diesem findet die ZerMwme des Hirkai-Scheriff statt. Dazu muß der Sultan sich m die Moschee und dann nach Stambul begeben, um die Hirka, den Mantel des Propheten, anzubeten, die un Staatsschatz aufbewahrt wird. Es ist dies ergentlich der einzige Dag, an dem der Sultan das Palms verlaßt und sich seinem Volke zeigt, der wöchentliche Selamlrk zahlt nickt da die Moschee, wo er deni sogenannten öffentlichen Gottesdienst beiwohnt, zum Mdiz-Kiosk gehört. Der Freitag nun ist bei beu Türken, was für uns der Sonn- tag ist eine ungeheure Menge wurde sich also zum Feste
Oie Revolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(46. Fortsetzung.)
Er drang in sie, ihm zu sagen, welch ein Leid sie so plötzlich bewege, aber es dauerte eine Weile, bis sie chm
antworten konnte. „, . r , _ . ,__
„Es ist so schön, dies Wechnachtsfest. Das kommt so über mich, nehmt's mir nicht für ungut," bat sie.. „Uno dann mußt' ich daran denken, daß mein Mann jetzt rm Gefängnis sitzt, wo ich es doch so gut Hab', und da tomint mir das fast wie ein Unrecht vor."
„Aber du hast mir doch selbst erzählt, daß du^mlt ihm sehr unglücklich gewesen wärst und daß du keine ^pur von Liebe mehr für ihn empfändest," sprach er ein wenig
verstimmt. r Y , CJ . ...
„Ich Hab' das auch nicht gelogen, wahrhaftig nicht.
Aber leid tut er mir nun doch "
„So beruhig' dich nur. Ich Hab' an ihn gedacht und dieser Tage erst gesorgt, daß chm seine Untersuchungshaft ein wenig erleichtert wird, und daß er an diesem Abend eine kleine Freude hat. Und dn selbst hast ihm icr kürzlich auch erst was gebracht ... Im übrigen brauchst du dich nicht gar so sehr zu grämen. Das Schna-pstrinken lmrd rhm dort nun gründlich abgewöhnt, und wenii er wieder herauskommt, dann hast du vielleicht wieder einen ordentlichen, Mann. — Dann kannst du ja," setzte er nach einem Weilchen hinzu, indem er ihrGesicht beobachtete, „vielleicht noch einmal glücklich mit ihm werden."
Da sprang sie empor wie in plötzlichem Schrecken. .Glücklich mit ihm werden!" lachte sie grell. „Ich wünsch ihm, daß er bald los kommt und daß er ordentlich wird und zufrieden. Aber che ich wieder mit ihm zusammen leben inuß, eh'r geh' ich ins Wasser. Bei Gott, das tu ich!" . „ ,
„Das sagt sich so leicht. Gewiß wirst du noch ein-
mal anders denken."
„Nie, nie!" rief sie mit großer Entschiedenheit. Dann ergriff sie wie in Furcht und Angst plötzlich ferne Han und flehte: „Und Ihr, Ihr werdet mir belstehen daß mir das nicht geschieht. Ihr werdet mich nicht verlassen. <>hr werdet mich nicht in das innere Elend grausam zuriick- stotzen, aus dem Ihr mich herausgehoben habt durch Euer Vertrauen, durch Eure gute Meinung von mir. Nein, das werdet Ihr gewiß nicht wollen."
Er legte feinen Arm um ihre Schulter und streichelte ihr Haar. „So beruhige dich doch, du ängstliches Kind! sagte er lächelnd. „Ich kann es mir fa wohl Mer denken, daß du an dem Jupp keinen Spaß wehr haben kannst, einfach, weil du hoch über ihn hinausgewachsen bist, schon lange hinausgewachfen, wie ein Pappelbaum über einen verkröpften Weidenstamm. Hab' nur Verträum zu mir in allen Dingen, Mieken, schließ dich nur reckst fest an mich, an deinen einzigen wahren Freund, den du vielleicht aus der Welt hast, und es ivird dir nichts geschehen, daß dem Herz verzagen muß."
Da blickte sie zu ihm auf, lächelnd durch Ttaneu, ergriff seine Hand und küßte sie.
lind nun ivaren alle Schatten von chrer Seele ^verscheucht, und sie setzte sich wieder mit ihm an den Tisch und ihr ganzes Wesen atmete eine solche Freudigkeit, zeigte so viel heitere Anmut, daß er seine stille Freude an ihr hatte uiid sich i>n Geiste immer ausmalen mutzte, wie sie wohl wirke,: würde in einer feineren Umgebung, in besseren Kleidern und bei freierer und vollerer Lebens- betätigung.
Er nickte, um einige Gedanken zu bestätigen, mit dem Kopfe und sagte, sie anblickend : „Ja ja,, Mieken, so n Pflänzchen, wie du bist, das ist nicht für einen schattrgen Winkel und nicht für einen Kretzbergs Jupp von uuserm .Herrgott bestimmt gewesen. Das muß m besseres Land, in freiere Lage, wo die Sonne es reckst bescheineu kann, oder auch Wind und Regen ordentlich mitreden können. Dann wird was draus und es kränkelt und verkümmert
nicht. Es ioär' schade, ewig schad' um dich, Mieken, wenn du hättest verkümmern müssen."
Dann kam die Rede auf die Verteilung der Flugblätter Sie sollte jetzt einmal für acht Tage Ruhe haben, sagte er. Erst nach Neujahr könne es wieder losgeheu Aber Waffenstillstand solle während der Zeit doch nicht herrschen In den heiligen Nächten zwischen Weihnachten nnd Sylvester gäbe es eine geheime Versammlung, wie man sie schon einmal abgehcllten hätte. Dian müsse vom dten Jahre einen ordentlichen Abschied nehmen, denn das neue brächte vielleicht, wenn nicht alle Anzeichen trogen, manche Überraschung. Es sei gelungen, eine Anzahl, sichere Freunde der Freiheitssache in der Gegend zu, ge- Winnen. Jeder von ihnen hätte sich wieder m vorsichtiger Weise einige andere gesichert, und so seien ber der letzten Versammlung nachts im Walde doch schon an die dreißig Personen anwesend gewesen; beim nächstm Male wurden wohl noch mehr kommen. Kaum ein Hof in weiter Runde sei vorhanden, der nicht durch einen treuen Mann vertreten wäre, nnd bräche einnial box Pr and aus, stehe gewiß das ganze bergische Land in Flammen. Die Behörde hätte bereits Wind gemerkt und Unter- suchnngen eingeleitet, aber sie fürchtete sich offenbar, damit ins Breite zn gehen und ihrerseits die Bevölkerung in Aufregung zu versetzen, vielleicht schon deshalb, weil sie fühle, daß jede unglückliche Maßnahme ihrerseits ttt den Flugschriften die schärfste Kritik herausfordeim wurde. Es sei ordentlich belustigend, zu beobachten, wie sich dw einzelnen Gewaltbaber zu der Sache stellten. Die klugen, ivie der Landrat in Solingen, hielten Ruhe und forschten nur im Geheimen, die Unklugen, wie der Landrat :n Bkühlbach, gebärdeten sich, als wenn das größte Unglück drohe, uiid diese machten für die Sache der Freiheit eiaentlich die beste Reklame, denn jedermann frage sich: Was ist denn eigentlich los? nnd selbst d«, die sich >onst nie um politische Dinge bekümmerten, wurden fetzt da- rauf hingelenkt. Fast schiene cs, als wenn der Regierung iede feste Direktive mangele, und so iouchfe das Gefühl
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