Viesbsdkmr ©anblatt.
«• Jahrga-Hg.
Mcheim nt zwei Ausgabe». — BezugS-Prri»; durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post s Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgaffe 27.
Abonnenten.
Nnzeigcn-Prer« >
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
für bie Albend-Ausgabe bis 12 Uhr mittaaS, für die Morgen-AuSgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingcreichter Anzeigen zur nächst» erscheinende» Ausgabe, tote für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgefchriebenen Tagen wird feit« Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
569. BerlagS-Fernsprecher No. 2988.
Sonntag» den 6. Dezember.
Redaktions-Fernfprechcr No. 82.
1903 .
Hi®B*geBi"ilMggabe a
Polilische Wochenschau.
Der im Juni d. I. neu gewählte Reichstag hat sich jetzt zu ernster Arbeit zusammengefunden, und seine Tätigkeit wird die Probe auf das Exempel der Reichstagswahlen bedeuten. Zunächst wird- man dem neuen Reichstag, da wir ihn doch zum Weihnachtsfest nicht ganz leer ausgehen lassen können, den Wunsch auf seinen Weg mitgeben könnzn, daß sich seine Tätigkeit in friedlicheren Formen abspielen möge als die seines Vorgängers. Dieser Weihnachtswunsch tut um so mehr not, als sich die Zusammensetzung des Reichstags im Vergleich zur vorigen Legislaturperiode nicht wesentlich geändert hat, und da den Reichstag tcher kurz oder lang dieselben Fragen beschäftigen werden, die schon in der verflossenen Legislaturperiode zu so wilden und leidenschaftlichen Kämpfen geführt haben, nämlich die Fragen der Handelsverträge. Die Thronrede, mit deren Verlesung der Reichskanzler Graf Bülow die neue Legislaturperiode eröffnet hat, brachte keinerlei Überraschungen, und die Gesetzes- voPagen, die darin, angekündigt wurden, sind ihrem Inhalt nach fast durchweg schon bekannt. Mit allseiftger Befriedigung begrüßt wurde ebenso die Feststellung, daß das Leiden des Kaisers endgültig geheilt sei, wie die Betonung der guten Beziehungen Deutschlands zu allen Mächten.
Jedenfalls wird allseitig der Wunsch geteilt werden, daß sich die Reichstagung bei uns friedlicher gestalten möge als in unserem Nachbarlande Ost er reichst n g a r n. Die Doppelkrisis ist im Donaureiche zu einer chronischen Erscheinung geworden, und wenn jemand die Preisfrage aufftellen wollte, ob es Herr v. K ö r b e r in Österreich schlimmer habe oder Graf Tisza in Ungarn, so wäre es nicht leicht, sich den Preis zu verdienen. Indessen zeichnen sich beide Staatsmänner durch jene geduldige Zähigkeit aus, welche die Grundlage der Politik des Fortwursteins bildet, auf die man in Österreich wie in Ungarn nun einmal angewiesen ist. Und so hofft man denn, nachdem das jüngste Rededuell Körber-Tisza ohne weitere politische Folgen geblieben ist, sowohl in Österreich wie in Ungarn, daß man das Staatsschiff wieder einige Zeit flott erhalten und durch die Klippen der parlamentarischen Obstruktion hindurchbugsieren könne.
. Günstiger als in Österreich-Ungarn hat sich in dem dritten der Drcibundstaaten, in Italien, der Beginn der parlamentarischen Tätigkeit angelassen. Der Tausch, den man in Italien gemacht hat, als G i o l i t t i an Zanardellis Stelle trat, hat sich bisher als kein schlechter drwiesen. Jedenfalls ist Giolitti eine energischere Persön-
lichkeft als sein Vorgänger, und wenn er nur einen Teil des stattlichen Programms, welches er bei der Eröffnung der Kammer entwickelt hat, in die Tat umz-uschen vermag, dann _ wir man in Italien die Ära Giolitti als eine Oase in _ der Wüste der italienischen Ministerien feiern. Aber freilich, die Wirksamkeit des italienischen Kabinetts wird ganz davon abhängen, ob das Parlament sich endlich von seinen unfruchtbaren Parteistreitigkeiten zu einer positiven Poliftk und zu einer tatkräftigen Untersftitzung der Regierung aufzuraffen vermag. In dieser Hinsicht wird man sich aber keinen allzu kühnen Hoffnungen hin- geben dürfen.
Jedenfalls wird man Herrn Giolitti dasselbe Glück wünschen, dessen sich sein Ministerkollege C o m b e s in Frankreich erfreut. Das Kabinett Combes hat bisher eine glückliche Hand gezeigt, und es hat den Kampf gegen den Klerikalismus mit eben so viel Erfolg durchgeführt wie den gegen die Nationalisten. Wenn es Herrn Combes jetzt noch gelingen sollte, die zum dritten Mal aufgerollte Dreyfus -Affäre so zur Erledigung zu bringen, daß dabei die Gerechtigkeit und die Wahrheit zu ihren Rechten gelangen, ohne daß das Land aufs neue in jene wilden Kämpfe gestürzt wird, die es lange Jahre hindurch zerrüttet haben, so wird dem Kabinett Combes einmal ein rühmliches Blatt in der Geschichte Frankreichs gewidmet werden.
Wilde Kämpfe sind es, die uns Woche für Woche aus Rußland gemeldet werden. Einmal sind es Studenten, die in geheimer Verschwörung oder offener Auflehnung gegen die unhaltbaren Zustände in Rußland protestieren, das andere Mal sind es Arbeiter oder Bauern, die das Elend ihrer Lage den nihilistischen Verschwörern in die Arme treibt. Und zu all diesen unaufhörlichen Unruhen kommen noch die blutigen Kämpfe zwischen Christen und Juden, wie sie soeben vor dem nach Kischinew entsandten Odessaer Gericht chre Sühne finden sollen.
Aber die russische Regierung hat keine Zeit, sich ftm diese wilden Gärungen im eigenen Lande zu bekümmern, denn zurzeit liegt ihr die Mandschurei mehr am Herzen als Rußland, und gleichzeitig wirft sie ihre Blicke begehrend nach Korea. Die Lage in Ostasien ist jedenfalls noch immer kritisch, wenn man auch von den aus englischer Quelle stammenden Meldungen über die chinesischjapanische K'riegsstimmung ein gut Teil streichen kann.
Zum Schluß wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach die ostasiatische Krisis ebenso in Wohlgefallen auslösen, wie die makedonische es zu tun im Begriff ist. Zwar macht der türkische Sultan noch einige Winkelzüge, aber der makedonische Kuhhandel zwischen ihm und denMächten ist doch schon so weit gediehen, daß das feierliche Ereignis der Annahme des makedonischen Reformprogramms in allernächster Zeit zu erwarten ist.
Politische Übersicht.
über den „Luxus im Heere" veröffentlicht der kommandierende General Frhr. v. d. Goltz im Dezember-Heft der „Deutschen Revue" eine bemerkenswerte Abhandlung. General v. d. Goltz glaubt an das Vorhandensein eines wirklichen Luxus im Heere nicht, weist aber u. a. darauf hin, daß die Uniformierung infolge der Verleihung von Abzeichön und bergl. teurer geworden, wobei das Kostspielige mehr das N e b en e i n a n d er verschiedener Stücke zu gleichem Zwecke als der Preis des einzelnen Süickes ist; dahist gehören z. B. die weißen und braunen Handschuhe, die Feldbinde und Schärpe, der hohe derbe Stiesel für den Dienst u n d der hohe feine Stiefel für Meldungen usw. Mit Bezug auf diese Verhältnisse schreibt General v. d. Goltz: „Kein Versuch, darin Abhülfe zu schaffen, wird in der Armee auf Widerspruch stoßen, sondern mit ungeteiltem Beifall ausgenommen werden." General d. Goltz erhebt die Forderung, daß der Offizier in seinen sämtlichen Ausgaben rechnen soll. Wer nicht vermögend sei, müsse sich mit der Empfindung erfüllen, daß cs für den Kavalier keine Schande sei, wenn er einmal erklären muß, er habe kein Geld für diese oder jme Ausgabe. Wörtlich heißt es: „ Un eh renwert ist es, auf anderer Leute Kosten nobel zu sein. Das ist des Hochstaplers Geschäft." Die Vereinfachung der offiziellen und halboffiziellen Geselligkeit fei eine weitere Aufgabe. Vor allen Dingen sei die Unsitte,, sich nur noch zum „Essen" einzuladen, die zum höchsten Schaden für jede wirkliche Unterhaltung in Deutschland in Blüte steht, aus der Welt zu schassen. Im Kbeife der Offiziers-Korps selbst sollten die Festessen -aufs äußerste eingeschränkt werden. Frhr. v. d. Goltz sagt: „Wenn es außer Kaisers Geburtstag noch zwei oder drei offizielle Festmahle jährlich im Offizier-Korps gäbe, so wäre das schon reichlich genug . . . Ruhmvolle Er- innerungen durch Feier des Gedenktages hochzühalten, ist gewiß ein lobenswertes Ding. Aber es kann anders geschehen, als durch eine gemeinsame Mahlzeit, beispiels» weise durch eine Festrede, einen Vortrag, eine an Sie Erinnerung des Geschehenen belebende Übung," Von dev einfachen Gestaltung der offiziellen Geselligkeit verspricht sich General v. d. Goltz, daß die ganze Lebensart unwillkürlich einfacher werde, sobald die offizielle Geselligkeit damit den Anfang mache. „Keine Mühe", schlicht General v. d. Goltz, „darf daher gescheut werden, den Offizier wieder mit dem StolzederArmutzu erfüllen, den einst der Ordensritter empfand, als er dieser „Göttin mit bloßem Haar und nackten Füßen" die ewige Treue schwor."
Feuilleton.
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Lindenberg.
Der grobe Hciratsmarkt. — „Wohltun bringt Zinsen!" — Ausgabe« und Überschuß. — Nachmittags im Katserhos. — Toilcttcn- luxus. — Wispern und Flüstern. — Die Gudc-Ausstellnug. — Mafsenets „Manon" im Opernhanse.
„Immer heran, meine Herrschaften, immer heran, der große Heiratsmarkt ist von neuem eröffnet, treten Sie näher, meine Herrschaften, Sie finden die reichste Auswahl und daneben die liebevollste Behandlung, bitte, meine Herrschaften, hier ist der Eingang!" Uber diesem Eingang steht das eine vielsagende Wort: „W o h l t ä ti g k e its f e st". Wir plätschern nicht nur gegenwärtig tu sogenannter vergnügter Wohltätigkeit, sondern sind davon überflutet, recht viele büßen dabei sogar ihre Selbständigkeit ein als ... . Junggesellen, ia, ja, auch bei uns im nüchternen, kühlen Berlin heiligt der Zweck die Mittel! Denn man gehe mir doch mit der Ausrede, daß all die zahllosen geselligen Veranstaltungen, welche jetzt Tag für Tag dutzendweise nachmittags und abends unter der Flagge der Wohltätigkeit segeln, nur aus dem Bestreben heraus stattfinden, anderen Mitmenschen, von deren Existenz man keine Ahnung hat, Gutes zu erweisen! Gewiß mag es auch derartige ideale Naturen geben, die mit vollster Hingebung den Kern der Gliche im Auge haben und ihm mit freudiger Bereitwilligkeit ihre Kräfte weihen, bei der Mehrzahl aber dürften andere Interessen die Triebkräfte sein: hier die Lust an Unterhaltung, dort weise Voraussicht für die herangewachsenen Kinder, da die Sehnsucht nach dein eigenen Hausstand. Die Mütter wissen sehr wohl, warum sie manchen Spargroschen für den Putz des lieben Töchter- chens opfern und bei Wind und Wetter hinausfahrcn zu Baiaren und Liebhaber-Theatervorstellungen und Soireen, und die Väter, die immer wieder in den Geldbeutel greisen, wissen es auch, wennschon sie ingrimmig (aber meist im geheimen!) knurren, daß das ganze Familienleben gestört ist, daß das Mittagbrot unregelmäßig und schlecht ank den Tisch kommt, denn die
Gnädige ist mit dem oder den Töchterlein auf der Probe zu den lebenden Bildern zum Besten der Witwen und Waisen des Omikukikistammes am Nyagassa-See, und daß sie abends allein in der einsamen Wohnung sitzen müssen, falls sie nicht Gatten- und Vaterpflichten zu den Stätten der liebevoll-freiwilligen Wohltätigkeitsausübung rufen. Aber ivas will man machen? Tennisspiel ist zu Ende, Eisbahn gibt's noch nicht, die privaten Vergnügungen beginnen erst nach Neujahr, da mutz doch die Lücke ausgefüllt werden, ganz abgesehen davon, daß Wanda 21 und Elly gar 23 Lenze zählt — die lieben Kinder denken zwar gar nickst ans Heiraten, sic fühlen sich ja außerordentlich wohl im Elternhause, aber so ein bißchen Zerstreuung ist ihnen doch zu gönnen!
Wenn wenigstens bei all diesen unzähligen Wohl- tätigkeitsfcsten ein nennenswerter materieller Gewinn herauskäme, aber den.erhält meist der Wirt, der sich schmunzelnd die Hände reibt und mit einem Blick auf den Geldschrank vor sich hinmurmelt: „M i r ist die Wohltätigkeit sehr zuträglich!" Falls man von den Besuchern der genannten Veranstaltungen bloß 1» Prozent ihrer eigenen Unkosten erheben könnte, würde eine wesentlich höhere Summe erzielt werden, als man sie se auf „lustige" Weise bekommt. Ein Beispiel für viele, bei welchem der Schreiber dieses mit zu den Wohltuenden gehörte: Im Zoologischen Garten fand vor kurzem eine große Wohltätigkeitschose statt, zunächst Licderspiele und eine kleine Operette, beides strotzend von Dilettantismus und gähnender Langweiligkeit, dann gemeinschaftliche Tafel und Tanz. Natürlich war auch ein Prinz, vielmehr der Prinz da, übrigens ein liebenswürdiger, begabter und bescheidener junger Herr. Die Zahl der anderen Sterblichen belief sich auf ca. 600. Da die Eintrittskarten je 6 Mark kosteten und das Essen recht bescheidener Art war, so mußte voraussichtlich ein erklecklicher Überschuß erzielt werden. Und wie hoch belief sich das großartige Ergebnis? Gerade auf 430 Reichsmark! Nickst wahr, das lohnt doch die Mühen und Umstände?! Und diesem Sümmchen setze man die Ausgaben der einzelnen gegenüber, die mit Einttitt, Wein, Kaffee, Bier, Garderobe, Droschke zum mindesten pro Kopf 12 M. betrugen, das multipliziere inan dann mit 600 und man erhält die Gegenrechnnng. Ähnlich ist's fast überall.
Doch halt, eine Ausnahme gibt's, die bildet der be. rühmte 5 - U h r - N a ch m i ttag s t e e im „Kaiser- h v f", woselbst man für 1% Mark — ein Drittel davon fließt in die Kasse irgend eines Säuglingsheimes — seine Portion Kaffee, Tee oder Schokolade mit Gebäck empfängt und gratis die Ehre hat, dieselbe Luft mit einer Königstochter, die sich ebenso natürlich und freundlich wie der bewußte Prinz gibt, zu atmen. Dieser Tee hat also nicht fein mit aller Bestimmtheit vorausgesagtes frühes Ende gefunden, im Gegenteil, er blüht derartig, daß man schon eine Stunde vor dem offiziellen Beginn im Lichthvfe des Hotels sein muß, um ein Plätzchen zu erwischen. In gewissen Gesellschaftskreisen gehört's bereits zum guten Ton, mindestens am Samstag diesen Tee zu besuchen und zwei Stunden zu flirten, zu medisieren, zu kritisieren, sich — sobald es sich um die holde Weiblichkeit handelt — beäugen zu lassen und die anderen zu beäugen. Denn mehr und mehr wird ein außerordentlicher Toilettenluxus entfaltet, der die allerneuesten Modeschöpfungen zur Schau stellt. Jener Gatte hatte reckst, der seiner hübschen Frau auf ihre Frage, welch passendes Kostüm sie für den besagten Tee wählen solle, riet: „Liebes Kind, Kostüm hin, Kostüm her, setze dir den verrücktesten Hut auf, das wird dort am passendsten sein!"
Stimmt genau, denn auf die unglaublichsten Hutformen, die häufig an jene aus der Zeit der Regentschaft in Frankreich erinnern, wird der größte Wert gelegt. Diese gewaltigen, federgeschmückten Kopfbedeckungen haben nebenbei ihr Gutes: wenn drei, vier Trägerinnen derartiger Ungetüme an einem der kleinen Tischchen sitzen und die Köpfe etwas Vorbeugen, so entsteht ein richtiges Zelt . . . ., und was läßt sich unter diesem wispern, flüstern, kichern! Selbst ein Erröten — es soll das aber selten sich ereignen — kann man so hübsch verbergen. Ach, es mutz doch zu nett sein, die werten anderen Eva- fchwestern ein wenig durchzubechcln und sich so ganz, ganz heimlich diese und jene Anekdötchen zu erzählen, selbstverständlich unter tiefster Diskretion. Lebhaft geht's in dieser Hinsicht an den beiden Tischen zu, an denen einige niedliche Schauspielerinnen Platz genommen: wie sich jetzt vielsagend ihre Blicke treffen und dann zu der eben eln- gctrctencn Kollegin hinüberschweifeu, einem zierlichen Persönchen mit zartem Gesicht und großen, dunklen
