1, Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.
No. 5 öäT~Morgen-Ausgabe.
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(68. Fortsetzung.)
Goa Keom.
Roman von Marie Bernhard.
Er wußte nur zu gut, daß er diese Gesellschaft stets auf seiner Seite hatte, daß sie immer bereit rst, die Männer zu verteidigen und Steine auf die Frauen zu werfen W vollends er! Wo er sich nur zeigt, wo er die Hände auf die Tasten legt, da fliegen chm die Herzen wie durch Zauberei entgegen, jedes Vorurteil, da» der einzelne vielleicht gegen chn gehegt, verschwindet rat Um- febctt, man verzeiht ihm nicht nur alles, — — man preist if'tt hebt ihn in den Himmel, vergißt, was immer gegen ihn' gesprochen hatte, und beklagt ihn als Märtyrer, der ch den Fesseln einer unglücklichen Ehe schmachtet, ^ch vxrr empört in den ersten Jahren, td) letzte alles daran, chn zu zwingen, — aber ich vermochte e» mcht! Besuchte ich einen Salon, so erschien er nicht darin, iind verheimlichte ich ihm meine Absicht und kam rmerwartet in eine Gesellschaft, in welcher er sich befand, so machte es ihnl nichts, plötzlich daraus zu verschwinden, alle ge- ladenen Gäste zu brüskieren, die Gastgeber in Verlegenheit zu bringen, — ja, er suchte nicht einmal nach einem Vorwände für solch unerhörte Freiheiten, .... er ging eben einfach fort und kam nicht mehr wieder. Die Meinung der Gesellschaft war chm total gleichgültig, das Salonleben widerte ihn an, er wollte gar nicht Besuche machen, die Einladungen waren ihm verhaßt, er schlug sie dutzendweise aus und nahm als Ausnahme eilte ein- zelne an. Sein Ruf und Iffchm war ja dennoch gesichert, seine Name durchflog die ganze Welt, die Konzertgeber rissen sich um chn, --- was fragte er nach der Gesell
schaft? Und eben weil er nicht nach ihr fragte, darum suchte sie ihn, fand alles originell, was er tat, sch ihm alles nach, überschüttete chn mit Gold und Lorbeeren und unterzog sein Privatleben keiner weiteren Kritik. — Am Ende gewöhnte ich mich an eine Behandlung, die gelinde ausgedrückt nichtachtend genannt werden muß, gewöhnte mich an ein Leben, das
von dem seinigen ganz getrennt verlief,-und um
ein enges Zusammenleben mit ihm konnte es mir allerdings auch nie zu tun sein: unsere Wünsche, Neigungen, Ansichten gehen total auseinander, inan form, sich keine größeren Gegensätze vorstellen, wie wir sie bieten, und wir sind einander so unverständlich, als kämen wir jeder aus einer andern Welt. Es hat ja auch sein.gutes, ungehindert seinem eigenen Belieben folgen zu können, nnd wenn man sich von mir in der Welt erzählt, die gute Gesellschaft habe tnich systematisch ausgeschlossen, nun, — ich muß es eben ertragen!"
Und ganz erschöpft von ihrer langen Auseinandersetzung, die übrigens nur deii beiden Doktoren gegolten hatte, zog die Fürstin eine runde Schachtel aus. der Tasche, entnahm derselben eine Puderquaste und stäubte ihr hochrot gefärbtes Antlitz dick mit Reispulver ein, worauf sie sich das Likörgläschen heranzog, es mehrmals hinter einander füllte und auf einen Zug den Jnhaff heruntergoß.
Sonntag, den 6. Dezember.
Doktor Ähren» machte eine abwebrende Bewegung.
„Von dem Zeug sollten Sie nicht so viel tnnfon, Madame, Sie haben so schon eine apoplektsiche Konstitution, — nicht wahr, Frieda?" , ,.
„Ganz recht!" bestätigte diese mit einem ruhigen Kopfnicken. „Was übrigens Ihre Lebensgeschichte angeht, so habe ich sie mir schon selbst ungefähr richtig zusammengereimt; auf den ersten Blick sieht man es ja, daß erae positive Frau, wie Sie, mit dieser sprunghaft bean- lagten, sogenannten Künstlernatur nicht zusamirnen- sttmmen kann. Ich würde ohne weiteres sagen, lassen sie ihn laufen, da er Ihren Zwecken und Erwartungen . so wenig entsprochen hat, — wenn Ihre -kunose Religion Ihnen nicht die Ehescheidung verwehrte. . Ahrenz und. ich werden es anders anfangs; wen die Fesiel einmal iPater drückt, der kann ruhig seiner Wege gehen, , das hertzt, ich glaube nicht, daß es geschehen wird, da wir einander wirklich inimer brauchen werden! Das war bei Ihnen der Fehler im Rechenerempel, daß Sie einander nur: m einer einzigen Hinsicht nützen konnten: Sie bezahlten
Ihres Mannes Schulden und hatten ihm somit den einzigen notwendigen Dienst erwiesen; er wiederum gab Ihnen statt Ihres unangenehm klingenden Namens den seinigen und glaubte damit gleichfalls alles getan zu haben, was Sie irgend von chm verlangen konnten! Sw hatten die Tragweite seiner Leisfong überschätzt, und eigent- lich ist das einzig und allein Ihre Schuld, denn ich kann mir nicht denken, daß er sich verpflichtet haben wird,, stets unzertrennlich mit Ihnen zu sein und die Gesellschaft dahin Zil bringen, daß sie urplötzlich alles vergißt und die gewesene Fürstin Snrgetschin als — nun, sagen tmr al§ Madame Vernon, mit Hochachtung und Freundschaft empfängt. — Ich habe einen alten Onkel da oben m Moskau, der hat mich kürzlich einmal in Zürich besucht, und es machte ihm Scherz, mir alle Sensations- und Sfondalgeschichten, die zu seiner besten Zeit in der „Heiligen Stadt" gespielt haben, auszukramen. Vor- urteile habe ich keine, daher habe ich ohne BedenkW^fogar mit einem gewissen Interesse, Ihre Bekanntschaft gemacht,
.aber die Welt ist dumm und blind, und man
faim von ihr nicht verlangen, daß sie vernünftig urteilt. — Für Ihren Gemahl habe ich gar keine Sympathie, das könnte Ihnen hier Eva, wenn sie wollte, bestätigen; — schon allein sein unnützer, gänzlich unlogischer Beruf ärgert tnich, — als ob ein Mensch, der nicht dumm ist. nichts Besseres zu tun hat, als einen Wust von unbefriedigten Hoffnungen und albernen Wünschen in anderer Leute Brust zu wecken, — — so soll ja wenigstens die Wirkung sein, wie glaubwürdige Persoueii mir gesagt haben! Ich meinerseits habe nichts davon gespürt, mich macht Musik zuerst ungeduldig, dann langweilt und zuletzt, ärgert sie mich Die schöne, koschare Zeit und Kraft, die da verschwendet wird! Was nicht nützt, bat keine Eristenz-Bc- rechtigung, — das ist meine Maxime, und Sie werden mir, hoffe ich, iüchts dagegen einwenden können!" —
Ich wartete es nicht ab, ob die Fürstin, die währeird dieses Vortrages noch mehrere Likörgläschen geleert hatte und deren glanzlose Ailgen trübe und verschwommen blickten, etwas gegen Langenfeldts vielgeliebtes Prinzip einzuwenden, noch ob sie Lust hatte, auf die gegen ihre Vergangenheit gerichteten Anspielimgen und die Rennnis- zenzen des altenMoökauerOnkels näher einzugehen, — ich nahm meinen Sonnenschirm, verneigte mich flüchtig und
Seiden-Haus H. fflarchand
36 Langggasse 36.
_ 51- Jahrgang. 1903*
lief barhaupt hinaus in den glichenden Sonnmschein, ganz olanlos und verwirrt; ich wollte nur fort von diesen Menschen, fort von dieser Unterhaltung.' —.
Im Wäldchen war es still und schon; hier und dort spann sich rotglockig blühende Erika über den Boden hin, und kleine Margueritas samt wilder. Genztane fand sich auch noch vor. Das alles pflückte ich, grüne Buchen- zweige dazwischen inrd waiid eui graziöse» Boukett, da» wollte ich Stephan aufs Bett.legen, wenn rch ihn heisie gegen abend besuchte. Denn ich wollte chn Wudjett, was kannte der arnie Kranke, dessen Tage vielleicht ge- zählt waren, dafür, daß seine Mu^r, urrr ra üchier Seele antivatksisch war, und daß mich eine wahre SoÄm angst erfaßte bei den: Gedanken seinem Vater gegenüber zutreten der mein lieber, vertrauter Freund Vernon nicht länger war, — der auch mir fremd und scheu be-
^übermüdet und erhitzt langte ich. nach nner Stunde tu der Villa an, setzte meine Blumen nt. Bafier liefe mtd) geduldig von Hannah ausschelten, die mein törichte» ^ott- stürmen in der Sonnenglut nicht begreifen konnte, und verzehrte ein wenig erquickliches Mittagsmahl mü Hannah und den beiden Ärzten, — rat anderen Flügel speiste die Familie selbstverständlich von nun an immer unter sich.
Erst als die Schatten länger wurden, trat ich. mem Boukett in der Hand, zögernd und befangen meine Waiwe- miß nach dem anderen Flügel an. .Wie gestern sandte die Abendsonne schräge Strahlen durch die Fenster, lockte glühende Lichter aus den Vorhängen und Teppichem mir war zu Sinn, als wären seu dem gestrigen Wochen verstrichen. — Im Vorzimmer begegnete mm Cölestins mit ihrem stillen, ernsthaften Gesicht; sie war mir auf den ersten Blick, sympathisch gewesen, und. das mußte wohl gegenseitig sein, denn als sie meiner ansichtig wurde, ging 'ein freundliches L.ächefn über, ihre p»uge, und wir schüttelten einander die Hände wie zwei gute
^^,Wie schön, daß Mademoiselle Leoni, kommt— mein armer junger Herr war schon so verzagt m dem Gedanken, er, wäre heute nichts mit dem versprochenen Besuch, er hoi freilich nicht geklagt, aber ich habe es rasch gelernt, ihn, seine Gedanken aus den sprechenden, großm Augen abzulesen Nun wird er eine rechte Freude hcchen.und die ist ihm zu gönnen — dem lieben sanften, ^dnldigen Kirche Wissen. Mademoiselle", — sie trat nur einen Schritt nahe und dämpfte ihre Stimme zum. vorsichtigsten ^lusteüon herab — „die letzte Nacht war wieder schrecklich, und Herr Doktor, — seinen deutschen Namen kann ich mcht mis- svrecben — war vormittags auch sehr unzufrieden und wollte noch einmal vorsprechen Nun uoch dm edee der Frau Fürstin, die Doktoren aus Zürich, den weiblichen und den männlichen, konsultieren zu wollen — mem junger Herr bat an allen Gliedern gebebt vor Erregung, und chllte sich dieser Versuch wiederholen, so melde ich eo Monsieur, so wahr ich hier Me, — der wird chnen das Wiederkommen verleiden! ^hr Heiligen, wie dteser^ater sein Kind liebt! Was soll er mtr beginnen, wenn es.ihm genommen wird? llnd es kan.n nicht mehr lange wahren, ich habe zu oft schon junge Menschen an dieser Krankheit dahingehen sehen, ich kenne die Zeichen! — Aber nun soll Mademoiselle hineingeben — er liegt ganz still und rnatt da, und sein Vater ist bei ihm!"
(Fortsetzung folgt.)
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