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«*• Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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Verlags-Fern spreche! No. 2983.

Abend «Ausgabe.

Die AustiMerhaltnLjse in Preußen.

Aus der Statistik des Reichsjusttzamts, die seit 2^ Jahren jährlich erscheint, sind bereits die Zahlen und Angaben hervorgehoben worden, aus denen man ein herz­lich unerfreuliches Bild von der Überlastung der Gerichte empfängt. Wenn man die enorme Zunahme der Zivil . Prozesse und der Strafprozesse seit dem Beginn der Reichs- justizstätisttk mit dem geringen Wachstum des Richter- Personals vergleicht, so mag man sich noch darüber wundern dürfen, daß die Mehrlast von den übermäßig in Anspruch genommenen Richtern verhältnismäßig leicht bewältigt wird. Aber das arge Mißverhältnis wird da­durch nicht beseitigt, und die Pflicht der deutschen Re­gierungen. für Abhülfe zu sorgen, wird dadurch erst recht dringend. Niin werden biefc Zustände in ein noch grelleres Acht gerückt, wenn man die für das Reich gewonnenen Durchschnittsziffern gegenüberstellt den Ziffern, die sich aus der Reichsjustizstatistik für den weitaus größten Teil des Reichs, nämlich für den preußischen Staat, ergeben. Der Landgerichtsdirektor Aschrott in Elberfeld, der sich schon einmal in der „Deutschen Juristenzeitung" der dankenswerten Mühe unterzogen hat, die amtliche Justiz- statijtik so zu erläutern, daß das Publikum einen starken und wichtigen Eindruck von derSache mitnehmen kann, be­handelt in demselben Fachblatt jetzt die Justizverhältnisse m Preußen gesondert, und man kann nur wünschen, daß die dort mitgeteilten Tatsachen weithin eindringlich be- tannt werden mögen.

. Während im Deutschen Reiche am 1. Januar 1903 em Euchrer auf durchschnittlich 6713 Gerichtseingesessene tommt, fallt m den 13 preußischen Oberlandesgerichts- bezirken ein Richter erst auf 7443 Einwohner. Preußen Ueht also m der Besetzung der Gerichte erheblich hinter dein Relchsdurchschnitt zurück. Aber auch was die Ver­mehrung der Rkchterstellen in derZeit vom I.Januar 1883 » •xl\' 5a , n .“ ar . 1903 betrifft, ist Preußen hinter dem Aeichvdurchichnitt zurückgeblieben. Am 1. Januar 1883 tam in den 13 preußischen Qberlandesgcrichtsbezirken ein dichter aus 0893 Einwohner. Die Zahl der Einwohner, die auf einen Richter fallen, hat sich also in den 20 Fahren um 5o0 vermehrt, während diese Vermehrung im Reichs- ourchschmtt nur 210 betragen hat.

, Ans dem Aschrottschen Aufsatz erfährt man nun aber, ootz es innerhalb Preußens wieder die ärgerlichsten Ver­schiedenheiten gibt. Die Zahl der auf einen Richter rammenden Gerichtseingesessenen ist in ganz Deutschland Mi größten in den Oberlandesgerichtsbezirken Köln und yamm, sie beträgt am 1. Januar 1903 in Köln 8912 m Hamm 8715, also in Köln rund 2400, in Hamm rund -200 mehr als im Reichsdurchschnitt. Die Jnanspruch- nchme der Gerichte in diesen beiden Bezirken seitens der Bevölkerung aber kommt dem Reichsdurchschnitt sehr nahe

In Zivilsachen entfielen im Jahre 1901 auf je 10 000 Gerichtseingesessene im Deutschen Reiche 353, in Köln 301, IN Hamm 349 ordentliche Prozesse bei den Amts- und Landgerichten, und auf je 10 000 strafmündige Personen der Zivilbevölkerung kamen anhängig gewordene AnklagesachenwegenVerbrechenundVergehen: imDeutschen Reiche 118, in Köln 118, in Hamm 111. Die Bevölkerung nimmt also dieGerichte im OberlandesgerichtsbezirkHamm uur um., ein Geringes weniger, im Oberlandesgerichts- bezirk Köln aber in Zivilsachen sogar mehr in Anspruch als im Reichsdurchschnitt.

. Wenn daher die Gerichte in diesen beiden Bezirken vwl schwacher mit Richtern besetzt sind als im Reichs­durchschnitt. so ergibt sich ohne weiteres, daß an die Arbeitskraft der Richter hier außergewöhnlich große Anforderungen gestellt werden. Wie darunter die Er­ledigung der Sachen gelitten hat, zeigt die Statistik: Wahrend im Reichs durchschnitt die Zahl der sogenannten kranken Zivilprozesse, die bis zum kontradiktorischen Urteil mehr als ein Jahr dauerten, sich im Jahre 1901 bei den Amtsgerichten auf 4,3 % belief, betrug sie im Oberlandes- gerichtsbezirk Hamm 0,9 % und irrt Oberlandesgerichts- bejtrE Köln 9,0 %; und bei den Landgerichten betrug die Zahl der kranken Prozesse erstinstanzlich in Hamm 25,7 %, m Köln 29,2% gegenüber dem Reichsdurchschnitt von 1',3%; zweitinstanzlich in Hamm 14,7%, in Köln 21,9% gegenüber dem Reichsdurchschnitt von 8%' bei fcm Obertandesgerichten endlich stellten sich die Ziffern in Hamm auf 31 %, in Köln auf 58 % gegenüber dem Reichsdurchschnitt von 21 %. Jeder Kommentar zu diesen Ziffern erscheint überflüssig.

^ Der Verfasser beschäftigt sich hauptsächlich mit den Verhältnissen in den genannten beiden westlichen Ober­landesgerichtsbezirken. Es ist aber ohne weiteres anzu­nehmen, daß ähnliche Mißstände auch in anderen Gebi-ten der preußischen Monarchie bestehen. Die angeführte Statistik kommt gerade recht, um im Reichstage beim Etat des Reichsjustizamtes und alsdann nachdrücklicher noch rm preußischen Abgeordnetenhäuse besprochen zu werden Es handelt sich hier um einen Notstand, zu dessen Tilgung eigentlich kein Opfer zu groß sein darf.

Deutscher Reichstag.

-k. Berlin, 1. Dezember.

Noch 42 Abgeordnete mehr als gestern, 853 sind an­wesend. Ach, wenn es doch immer so blieb! Auch Tribünen und Logen sind stark besetzt. Die Präsidenten­wahl ist ein langweiligesGeschüft, und so, während Hieber und Pauli-Eberswalde die Namen aufriifcn und die Listen fuhren, und während die Aufgerufenen ihre Zettel an Krebs und Himburg abgeben, die am Tische des Hauses neben den großen Bronzenrnen stehen, bilden sich plaudernde Gruppen im Saale. Alte Bekannte be­grüßen sich. Parlamentarisches und Privates wird mit Elfer diskutiert. Auf dem Podium des Bundesrates cr-

scheiiien die Vertreter der Bundesstaaten, der behäbige Graf Hohenthal-Sachseu, der große, fast überschlanke Freiherr von Varnbtrler-Württemberg mit seinem Shakespcarekopf, der gemütliche bayerische Militürbevoll- mächtigte Ritter von Endres iutf> viele andere. Endlich werden ans dem Platze der Schriftführer die Urnen aus­geschüttet und die Zettel gezählt. Um 3(4 Uhr verkündet der Alterspräsident von Winterfeldt-Menkin das Resultat. 100 weiße Zettel (abgegeben offenbar also auch von einer Anzahl nichtsozialdeinvkratischer Mitglieder), 2 für den Grafen Udo Stolberg, ein Zettel, der eines Spaßvogels, für Liebermann von Sonnenberg, und die übrigen 268 Zettel für den Grafen Ballestrem. Dieser schritt denn auch alsbald zur Rednertribüne, nahm mit Dank die höchste Ehrenstelle an, die das deutsche Volk durch seine Vertreter zu vergeben hat, und gab der Hoffnung Aus­druck, daß seine geistige und körperliche Frische während dieser fünf Jahre ausreichen werde, die Würde des Hauses nach außen und innen zu wahren und die Ord­nung in und außerhalb des Saales aufrechtzuerhalten. Er rechne dabei auf allseitige Unterstützung. Die Mehr­heitsparteien applaudieren lebhaft,' die Sozialdemokraten lächeln vergntigt. Graf Ballestrem nahm nunmehr seinen gewohnten Platz auf dem hochlehnigen Präsidentenstuhl ein und schwang die Glocke gleich sehr energisch. Seine erste Amtshandlung waren Dankcsworte an Herrn von Winterfelöt. Dann ging der Wahlakt weiter. Wie unter den Mehrheitspartcien abgemacht, wurde der Konser­vative Graf Udo Stolberg-Wernigerode zum ersten Vize­präsidenten und der Nationalliberale Dr. Paasche zum zweiten Vizepräsidenten gewählt. Die Sozialdemokraten demonstrierten durch die Abgabe von 68 Stimmen für Singer als ersten Vizepräsidenten. Im übrigen gab cs Zettel mit den Namen Liebermann von Sonnenbcrg, von Vollmar, Bernstein, Prinz Schönaich-Carolath und Krolik. Die langwierige Ermittelung des Resultates der Schriftführerwahlen wurde dem provisorischen Bureau bis zur nächsten Sitzung überlassen. Eine Zeitlang hielt sich der preußische Minister des Innern, Freiherr von Hammerstein, im Saale auf und unterhielt sich u. a. mit dem Abgeordneten Dr. Sattler, dem Fürsten zu Inn» und Knyphaiisen und mit v. Kardorff. Der Kommissar für Elsaß-Lothringen, Wirkl. Geh. Obcrregierungsrat Halley, plauderte längere Zeit mit dem Abgeordneten Freiherrn v. Hertling. Zum Schluffe gedachte Präsident Graf Ballestrem, während alle Anwesenden sich erhoben hatten, der verstorbenen Abgeordneten Dr. Rösicke, von Sperber, Roßmann, Glebocki, v. Scheie, des früheren Präsidenten v. Levetzow, sowie des Grafen Preysing. Bis Mittwoch ist den Reichsboten Zeit gelassen, sich in die Ziffermnaflen des Etats hineinzuarbeiten. Dann soll der Kampf beginnen. Zugleich mit dem Etat sind zur Be­ratung gestellt der Etat der Schntzgebiete und das nette Finanzgesetz.

«-

M. Berlin, 4. Dezember. Die „Germania" bestätigt, daß die Zentrumsfraktion des Reichstages in ihrer gestrigen Fraktionssitznng, in welcher Graf Hompesch als Vorsitzender wiedergewählt wurde, beschlossen hat, den Antrag auf Aufhebung des ganzen Jesuitengesetzes und

Oie Nevolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(45. Fortsetzung.)

Er erzählte ihr allerlei von dem, was in der Welt vc ging, welch' neue schöne Bilder von Düsseldorfer Kün • *! er ausgestellt gesehen hätte, wie's in Fran

m.^.3Ugehe, wie dort der Thron des Königs Loui Wuipp immer wackliger werde und wie die Bayern c »em König Max ein großes Ärgernis nähmen, weil Fl tit MnÄalöser Weise von einer Tänzerin, die ein g -Peines Weibsstück sei, beherrschen lasse.

Und Mieten mußte ihm dagegen kleine Erlebnis n ihren nächtlichen Streifereien erzählen, welchen Ärg> ö F n Hunden habe, wie sie einmal einen altt fip ! -i l ' ur emen Kerl angesehen hätte, und welche Listt ue oft anwenden müsse, um ihre Zettel ins Innere d. Hau er zu bugsieren.

pi^^^nders mußte er darüber lachen, daß sie immi 8?,! f V r - omer billigen Leberwurst mitführte, um ü -»umue bewirders unangenehme Köter zu beruhigen. S d" , ^ auch den Jagdhund des Landrats in Mühlbaö - - ' re ' Karten des Kreisgebäudes fjerumcr W 3U bestechen gewußt, sonst bätte sie wohl kaut u streich misfuhren können, den sie sich seit langet ^Z^°utmen gehabt hätte. Auf einem Stück Pappe,

iie'l'mK 2 -Flugblatt festgepappt und ai .ch's-.Bekanntmachung aus dem KreiMat Mach für die Entdeckung des Zettelverteilers eine B< ansg°Ü'tzt sei Ties Plakat habe sie mit eine MNöfadenichlinge versehen, tn der Absicht, es mit einer an ein Fenster des zweiten Stockwerks zu bk I°z^rn und an ein dort befindliches Wetterglas z ein rf ä 1et t ^ od) «ar zu komisch, sich vorzustellen. welc m Geycht am Morgen der Landrat wohl gemacht Hab, er durchs Fenster nach seinem Glase schaute un

dann das Plakat^ entdeckte. Damit sei es nun leider nichts geworden, aber sie habe den Hund doch durch einen Wurst­zipfel so kirre geinacht, daß er sich streicheln ließ, und da hätte sie denn mit einer Schnur das Papier so gut an seinem Halsband befestigt, daß das Tier in der Früh seinem Herrn hoffentlich die Sendung getreu überbracht habe.

Schwcrtfcger lachte herzlich über diesen Streich. Dann erkundigte er sich, wie sie es denn fertig gebracht hätte, dem Pastor Bröker in Schlepenrath ein Blatt in die Kirchenbibel zu schmuggeln.

Das Stückchen wäre am helllichten Tag verübt wor­den. erzählte sie. Auf dem Weg zu einer alten Möhn, die sie mal hätte besuchen müssen, sei sie unter Mittags an der Kirche vorbeigegangen. Der Küster hätte gerade zu Mittag geläutet, deshalb wäre die Kirchentür auf ge­wesen. So sei sie denn hineingeschlichen und habe die Schrift in die Bibel gelegt, die auf dem Altar geruht habe. Ter Küster oben im Gebührt des Turmes habe sie nicht bemerkt, und so sei sie wieder hinausspaziert, ohne daß eine Seele einen Arg dabei hätte. .

»Der famose Pastor, der übrigens ein guter Bekannter von mir ist, hat das Stückchen fertig gemacht", sagte Schwertfeger. ..Die Geistlichen haben nämlich von ihrer Oberbehörde die Weisung bekommen, gegen die Irrlehren und Volksverhetzungen.die durch aufrührerische, verbotene Schriften unter das Volk gebracht würden, von der Kanzel aus Front zu machen und die andächtigen Gemeinden zu verwarnen. Mein Pastor also findet Sonntags morgens unser» Zettel in der Bibel und erstaunt sich natürlich erst ganz gewaltig. Dann hält er das Papier empor und zeigt es allen Versammelten mit der Bemerkung, daß er die Schrift soeben im Bibclbuche gefunden habe. Große Spannung auf allen Gesichtern. Nun spricht er von diesen geheimnisvoll in der ganzen Gegend hernm- flatternden Zetteln. Nur Leute von großer Kühnheit oder großer Überzeugungstreue, Leute, die der Meinung wären, für eine große und gute Sache zu kämpfest, könn­

ten eine so unermüdliche Agitation entfalten. Damit sei freilich keineswegs gesagt, daß ihre Sache auch wirklich eine lobenswerte wäre, aber er wolle nur wünschen, daß jeder gute Christ in der Betätigung des Christentums einen ebenso großen Eifer im freien Licht des Tages be- zeige, wie jene Leute bei ihrem leider gegen die Gesetze des Landes verstoßenden, nächtlichen Treiben. Kein Mensch solle eine Sache ungeprüft fanattsch verdammen. Schon unser Herr habe gesagt: „Prüfet alles und das Beste behaltet." Die Vertreter des Königs, die Negwrnng, die Beamtenschaft sei einig in der Verurteilung dieser Schriften. Darum sage auch ich: Ins Feuer mit dem Ärgernis bei allen deneii, die sich der Verurteilung an- schließen. Aber^auch die andern hätten diö gesetzliche Verpflichtung, sich jener Schriften zu entledigen. Ja, prüfet alles, aber das Beste behaltet, sage die Schrift. Das wahrhaft Gute ginge aber mich durch Feuer nicht ver- loren, das beweise in leuchtender Weise das Christentum selber, dem die gräßlichste Verfolgung nichts habe schaden können, das vielmehr eben durch sie vielleicht so groß und stark geworden sei. Eine gute Idee sei überhaupt nicht tot zu kriegen. Da^ sei er denn neugierig, wie es mit den Lehren bestellt sei, die so in Nacht und Dunkelheit verbreitet würden. Ob sie lebensfähig seien, darüber werde man sich ja wohl nach Jhar und Tag ein Urteil bilden können. Vielleicht seien sie dann aber schon längst vergessen, aber nur deshalb, weil vielleicht einsichtige Staatsleuker das, was man etwa an Gutem und Berechtigtem ist heftigen Worten gefordert, freiwillig dem Volke gewährten. Da> mit sei denn jegliches Ärgernis auf die beste Art aus der Welt geschafft. So etwa soll er geredet haben, der Pastor Bröker. Ich hätt's gerne gehört und will ihm nur wünschen, daß er keine Unannehmlichkeiten von seinen Worten hat. Schurkische Angeber sitzen überall und oft geimg gerade unter denen, die in der Kirche oder anders- wo die frömmsten Gesichter machen."

Inzwischen begannen die Weibnachtsglocken mit ihrem Geläut. Micken erhob sich und öffnete das Fenster, und