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N«. 566.

Freitag, den 4. Dezember.

Berlaas-Fernsprecher No. 2S8S.

1903.

Rcdakiions-frernsprechcr No. 82 .

Abend-Ausgabe.

Die lUifDcraufualjrar der Dttiifiis-lffiiit.

I ■ • Unser Pariser Korrespondent schreibt unterm 2. Dezember: Die Maßnahmen des Kriegsministers Andrll und des Justizministers Vallll, durch welche ein neues Revisionsverfahren im Dreyfus-Handel eingeleitet wurde, haben niemand sonderlich überrascht. Seit langer Zeit war man in allen Parteien darauf vorbereitet, daß diese leidige Angelegenheit eines schönen Tages mit Notwendigkeit wieder an die Oberfläche emportauchen würde, wenn auch sehr viele Franzosen diesen Zeitpunkt möglichst lange hinausgerückt zu sehen wünschten. Der Urteilsspruch des Kriegsgerichts in Rennes vom Jahre 1899 war m sich zu inkohärent, als daß er ewig unange­fochten bleiben konnte. Mcht nur daß die damaligen MMärrichter die vom obersten französischen Zivilgericht, dem Pariser Kllssationshof, vorgeschriebene enge Marsch­route gänzlich unbeachtet ließen, sie sprachen Dreyfus mit 5 Stimmen gegen zwei schuldig und billigten ihm trotzdem mildernde Umstände zu. Dies Urteil befriedigte weder in dem einen, noch in dem andern Lager, weil es in Wahrheit nicht ja und nicht nein sagte. Unter diesen Bedingungen war eine zweite Revision nur eine Frage der Zeit. Der in seinen Rechten gekränkte Kassationshof und einTeil der öffentlichenMeinung verlangten eine Revanche.

D Der Zeitpunkt des zweiten Revisionsprozesses ist da- ourch, daß der Justizminister auf Betreiben des Kriegs­ministers die Angelegenheit der ständigen Revisions­kommission des Justizministeriums Überantwortete, nahe genickt. Zu wünschen ist nun, daß sich diesmal die Sache lediglich auf gerichtlichem Terrain abspielen möge. Wenn der ausschließlich gerichtliche Gang der wieder aufge­wärmten Affäre eingehalten wird, könnte sich die ganze Prozedur ziemlich einfach abwickeln. Falls die genannte Revisionskommission des Jusüzministeriums der Meinung ist, daß ein Revisionsfall vorliegt, übergibt der Justiz- winister den Prozeß dem Generalstaatsanwalt, welcher stch an die Kriminialkammer des Kassationshofes wendet. Diese Kammer unternimmt nötigenfalls eine ergänzende Enguete, aber in letzter Linie entscheiden nach dem Gesetz dom März 1899 die vereinigten Kammern des Kassations­hofes, ob die Revision begründet ist. Rach diesem Beschluß

'>mrd sich ergeben, ob ein drittes Kriegsgericht nötig ist.

B|, Seiber ist zu befürchten, daß die Affäre auch diesmal nicht auf das rein rechtliche Gebiet beschränkt bleiben wird.

Me Anzeichen dafür, daß sich ein neuer Wirbelwind, wenn auch vielleicht in schwächerem Maße als in den Jahren 1898 und 1899, Frankreichs bemächtigen wird, sind zahl- reich genug. Die ernsteren französischen Blätter gehen

sichtlich nur zaghaft und mit einigem Widerstreben daran, den ewigen Dreysus-Handel von neuem zu erörtern, aber in der Presse zweiter Ordnung tobt bereits der wildeste Krieg wie in den schönsten Tagen von 1899. Einige Unterschiede gegen die damalige Situation fallen sofort m öte Slugen. Zu jener Zeit standen sich Dreyfus', Freunde und Feinde als zwei kompakte Massen gegenüber. Heut­zutage hat sich zu ihnen eine dritte Kategorie von Staats- mrrgern. gesellt, die Kategorie der „Angeekelten" und der Gleichgültigen, welche ungeschoren sein wollen. Diese Klaffe dürfte recht zahlreich sein und immer neueAnhänger gewinnen, wenn der Dreyfus-Prozeß politisch wiederum zu.fehr ausgebcutet werden sollte. Ein fernerer Unter- schred zeigt sich darin, daß es jetzt der .Kriegsminister ist, welcher für Dreyfus zu Feld? zieht, während früher fünf feiner Vorgänger dessen Schuld öffentlich verkündigten.

Welche neuen Tatsachen zugunsten von Dreyfus ins Gesellst geführt werden sollen, steht im Augenblick noch mcht fest. Die Zeitungen ergehen sich vorläufig in allerlei Konjekturen. Bald handelt es sich um gefälschte Schrift­stücke, die dem Kriegsgericht in Rennes mitgeteilt wurden, bald um echte Dokumente, die seiner Kenntnis entzogen wurden. Tie Wahrheit, wenn diese ja undiskutierbar zutage treten sollte, wird die nächste Zukunft lehren. Es ziemt uns nicht, dem obersten französischen Gericht vorzu­greisen. Das „Journal dös Tllbats" urteilt sehr ver­nünftig, wenn es schreibt, „die Revision des Prozesses Alfred Dreyfus darf nicht zu einer Wiederaufnahme der Affäre" werden, und diejenigen, welche in dieser Sache nur einen Vorwand finden würden, um die Gxister zu verwirren, machen sich im höchsten Grade schuldig. Hoffentlich bewahrt das Land trotz aller Aufreizungen seine Kaltblütigkeit und seinen Gleichmut. Die Wwesenheti dieser Eigenschaften hat ihm. schon viel Übel zugefügt. Man kann nickst annehmen, daß die Regierung sich leichtsinnig zu dem wichtigen Schritte der abermaligen Revision ent­schlossen habe. Das Gouvernement hatte Zeit genug, sich diese Maßnahmen genau zu überlegen. Das Kabinett muß über sehr sichere neue Quellen verfügen, wenn es eine Angelegenheit von neuem in Angriff nimmt, die bereits zweimal erledigt wurde".

Hoffen wir, daß die Aufklärung, die aus dem neuen Prozeß entspringen soll, eine vollständige und endgültige sein möge.

Politische Übersicht.

Die Thronrede.

ll. B e r l i n , 3. Dezember.

Die Thronrede zur Eröffnung des Reichstags wirkt o nüchtern, wie sie ist. Vielleicht wären kräftigere Töne angeschlagen worden, wenn es möglich gewesen wäre, daß

der Kaiser persönlich den Reichstag eröffnete. So aber W H™! 1 * üch damit begnügt, ein rein geschäftsmäßiges Aktenstück zu verfassen, an dem die im Weißen Saal vcr- sammelt gewesenen Reichsboten ihre schweigende Kritik iwten, in dem sie es schweigend aufnahmen. Es ist der allgemeine Eindruck, daß die Thronrede größere Wichtig- keit in den Punkten hat, über die sie kurz hinweggeht, als m denen, die sie ausführlicher behandelt. Wenn das Aktenstück von den Unterhandlungen mit mehreren Staaten des europäischen Kontinents wegen Neugestaltung der Handelsverträge nur sagt, daß sie eingeleitet worden sind, wenn es also außer stände ist, etwas über die Aus­sichten der Verhandlungen zu sagen, so bedeutet das Wohl, daß diese Aussichten nicht so günstig sind, wie es uns von beflissenen Federn erst jüngst geschildert worden ist. Jedenfalls aber verdient der Reichskanzler Anerkennung dafür, daß er in dieser Beziehung keine Hoffnungen er­weckt, von denen er nicht die Sicherheit ihrer Erfüllung hat. Man kann es den agrarisch gerichteten Parteien im übrigen nicht verdenken, wenn sie finden, daß das Schvrigen der Thronrede über die Bedürfnisse und An- sprüche der Landwirtschaft als auffällig zu gelten hat. Den Konservativen hätte es freilich gepaßt, wenn die Thronrede bei Erwähnung der Handelsvertragsverhand- lungen versichert hätte, Haß die Getreidemindestzölle des neuen Zolltarifs in ihrer beschlossene,! Höhe erhalten bleiben sollen. Aber selbstverständlich sthlt nicht bloß solcher Hinweis in dem Schriftstück, sondern es fehlt auch, wie gesagt, jede Bezugnahme auf die Forderungen, wie sie die Agrarier beider Konfessionen mit Leidenschaft zu vertreten pflegen. Dafür wird von dem wirtschaftlichen Druck bemerkt, daß er „seit mehreren Jahren aus allen Staaten mit hochentwickelter Industrie lastet", und auch hier also unterläßt es die Thronrede, die Landwirtschaft besonders zu erwähnen. Diese Dinge haben natürlich nur einen Stimmungswert und können keinen anderen haben. Immerhin darf man sie beachten. Was sonstige Einzel­heiten der Thronrede betrifft, so muß es hervorgehoben werden, daß die aMekündigte Fortführung der Sozial- reform mit dem Begleitwort versehen wird, die Ver­bündeten Regierungen seien zu ihr „unbeirrt durch poli- tische Strömungen fest entschlossen." Es ist das eine W- sage an die Scharfmacher, wie man sie nicht deutlicher ver­langen kann. — Mit beflissener Zurückhaltung spricht die Thronrede von dem .angekündigten Gesetzentwurf, be­treffend Änderungen im Finanzwesen des Reichs. Die Vorlage soll nur ein Provisorium sein, sie soll die Finanz, reform wenigstens anzubahnen suchen. Nun stellt die Vorlage ja gewiß keine durchgreifende organische Reform dar, aber mindestens nach der staatsrechtlichen Seite hat ie ihre Wichtigkeit. Sie bedeutet nämlich nichts weniger als ein Aufräumen mit der vielberufenen Frankenstein- schen Klausel, diesem Palladium des Partikularismus,

Die Nevolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(44. Fortsetzung.)

M XVII.

tÜi e an® r . SSeibnadjtSa&enö am Eikcnliüskcn hcreuibrach uni n E l elt Bstuch erhielt. Von einer Flugschrift in der Kirche in* N? wie der Pastor Bröker seine Nutzanwendung öara; das Christhäumchen strahlte und alles freundlich ui war, bis eine Kindertrompete einen häßlichen Mißton in t Harmonie dieses Abends brachte.

Schatten des Abends wehten um das einsan «uenhüsken. Mieken saß in ihrem Ziminercheir vor de Ms und starrte in die Asche, in der aus dem Rost äste iS®“) glänzenden Sternen, knisternde Funken niede

Ein feiner Tannenduft erfüllte das Zimmer, den "st junge Frau chatte sich unter Tags ein Tännlein aus d> ^stchneiten Heide geholt und nun stand es da in einei Aststenscherben und harrte geduldig daraus, bis die b> Mtd enen Wachsstockendchen, welche in feinen Zweiglei ttestigt waren, entzündet würden.

^Seit dem Tode ihrer Eltern hatte Mieken kein Well "sthtsbäunichen mehr geputzt. Das Christfest wär wäl wrer Ehe immer sehr nüchtern verlaufen. Kei , merbaum brannte, nur für eine ordentliche Bratwur "d ein halbes Maß Kümmel ivar auf Weisung Jupp llvtrageu. Sie schenkte ihm einige Paare dicke, tos ji, Strümpfe, und er verehrte ihr in der Regel ei ö ürucktes Kleid, verschlang von der Bratwurst so viel, al in I 01 ! n * e ' stopfte noch eine Menge Kartoffeln, die er er imw ausgebratene Fett der Wurst stippte, mit hinunte d-n ^ öicI Schnaps dazu, bis er schwer bezecht mi ""u Kstldern aufs Bett taumelte.

^st.suußte jetzt an dieseWeihnachtSabende denken, un dann AHU P er Kälte überlief sie am warmen Ofen. Un schleiften ihre Gedanken weiter, nach der große, forfvT l ül Wuppertal, wo ihr Mann „och immer in Unter !aß und auf die nächste Schwurgerichts ükin-l ^Artete: um für seine Majestätsbeleidigung ab WMilt zu werden. Me mochte er wohl dm Weihnachts

abend verbringen? An Kümmel und Bratwurst würde er sich jedenfalls nicht übernehmen können. Aber es wollte ihr nicht gelingen, sich einen mitleidigen Gedanken abzu­gewinnen, so sehr sie sich auch Mühe gab. Der rohe Säufer stand ihr innerlich schon so fern, als läge ein großes Meer zwischen ihnen. Bor allst Tagen war sie im Ge­fängnis gewesen und hatte ein paar Taler und ein warmes gestricktes Wams für ihn hinterlegt. Sie hätte ihn sehen und sprechen können, aber schon der Gedanke war ihr un­angenehm, nur seine Stimme zu hören. Nein, mochte werden, was da wollte, niemals mehr würde sie mit ihm zusammen leben, lieber wollte sie sterben. Und gewiß würde ihr Herr Schwertseger darin reckst geben. Er war ja doch auch Schuld daran, daß sie jetzt ganz anders dachte und empfand, als früher, daß sie jetzt das Leben ttefer faßte und wichtigeren Zwecken diente, höheren Zielen folgte. Nun saß sie hier draußen allein in der Einöde, wo die meisten in lieber Gesellschaft, im Kreise ihrer An­gehörigen ihr Weihnackstsfest feierten. Aber sie fühlte sich nicht einsam, nicht verlassen, und während sie mit der Fußspitze leise das Fell des Spitzhundes kraute, der cs sich, faul hingestreckt, in der strahlenden Ofenwärme wohl sein ließ, schweiften ihre Gedanken über die verschneiten Höhen hinüber in die Klmgenstadt. Ob Herr Schwert- feger jetzt wohl auch Christabend feierte? Sie wußte, daß er nicht glücklich lebte in seiner Ehe. Sie hatte seine Frau schon öfter gesehen und einen erkühlenden Eindruck von ihrer Erscheinung und ihrem Wesen empfangen, ob­gleich sie nie ein Wort von ihr gehört hatte. Ob dies ungleiche Ehepaar doch an diesem Abend sich traulich zu- sammensand, ob in dem stattlichen Hause in der Königs­straße auch wohl ein Christbaum brenne? Sie konnte sich das nicht recht vorstellen. Ach, vielleicht würde Herr Schwertfeger sich einsam fühlen in seinem Reichtum, viel­leicht nicht so still zufrieden sein, wie sie an ihrem warmen Ofchen, mit ihrem Hunde, den ihr der .Kaufmann zum Wächter bestellt hatte, und mit ihrem kleinen Bäumchen, das nun bald im Lichterglanze strahlen sollte, wenn draußen die Weihnachtsglocken das Fest einlüuteten. Die schlichte Wanduhr mit dem hölzernen, mit Abziehbildchen geschmückten Zifferblatt tickte so traulich, draußen wehte

derWind mit leisem Brausen um dasHäuschen und machte die Schieferplatten leise klappern, der Hund atmete in regelmäßigen Zügen und das Feuer flackerte und knisterte leise, daß ihr ganz traumhaft zu Mute wurde. Da richtete der Spitz lauschend seinen Kops empor und schlug einige Male kurz an.

„So spät in der Dunkelheit kommt keiner mehr in diese Gegend. Was er nur haben mag?" dachte sie, ging ans Fenster, öffnete es und machte Anstalt, die Läden zu schließen. Ta hörte sie ihren Namen rufen und sah am Gartenpförtchen eine dunkle Gestalt stehen.

„Wer ist da noch?" frug sie mit bebender Stimme.

„Gut Freund, Mieken. Kennst du mich denn nicht?" klang es zurück.

„Diein Gott, Ihr seid es, Herr Schwertseger!" ries sie erstaunt und freudig erregt, schlüpfte schnell in ihre Holzschuhe und eilte hinaus, ihm das verschlossene Garten- Pförtchen zu öffnen.

„Mach dir keine Gedanken, daß ich so spät in Nacht und Nebel zu dir her komme", beruhigte er sie und folgte ihr ms Hans. Er wickelte sich aus seinem Mantel, warf ihn über einen Stuhl und faßte ihre beiden Hände.

„Ihr am heiligen Abend im Eikenhüsken? Das hätt' ich im Traum nicht gedacht. Es ist doch nichts geschehen, irgend eine Gefahr oder so was?" frug sie erregt.

„Nein nein, nichts ist geschehen, als das eine, daß. ich heut' den ganzen Tag daran denken mußt': nun sitzt deine treue Gehülfin, deine Freundin, deine gute Kameradin da draußen in der Einöde, wo sich die Füchse und Hasen gute Nacht sagen und kommt sich vielleicht ganz verlassen vor. Und weil mich der Gedanke bedrückte und nicht los ließ, na, da bin ich denn hergekommen."

„Bin ich denn so viel Ehre und Freundschaft wert?" entgegnete sie verlegen. „Und Euer Weihnachtsabend? Und Eure Frau?"

Er lachte kurz auf. „Frau! Weihnachtsabend! Unsere Ehe ist nicht so romantisch. Bei uns wachsen keine Ehrist- bäume und strahlen keine Kerzen. Nur einen Weihnnchts- karpsen gibt's heute abend oder vielleicht auch eine Gans. Aber meine Frau ist erst zur Kinderbescherung zu einer Verwandten. Vor neun Uhr ist's nichts mit dem Karpfen