Beilage jum Mestmüener Tagblatt.
Ws. 361. Msrgen-Ausgade.
Mittwoch, den 2. Dezember.
51. Jahrgang. 1863.
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A . Wenn zwei brave Menschen über Grundsätze streifrn, babrn ^ « immer beide recht. Nicht jene, die streiten, sind zu fürchten. L Ä sonder» ,cne. die auSwcichen. M. v. Ebner-Efchenbach. Z
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(64. Fortsetzung.)
Eva Crom.
Roman von Marie Bernhard.
So stahlen wir uns denn vorsichtig aus dem Hause, und rch hoffte, in der schönen, freien Natur würde mir das schwere Herz ein wenig leichter werden. Es war ein so köstlicher Setztembertag. ein feiner, bläulicher Duft lagerte über der Spitze des Groß-GIockner und wob sich wie ein Schleier um das Haupt des Wiesbachhorns. Durch die klare ~uft scholl dann und wann der Jubelruf eines bergest klimmenden Jägers zu uns herab, oder wir hörten den Lockton des Hirtenbuben, der ein verirrtes Tier rief. Noch^standen die Bäume tiefgrün im Laub, nichts mahnte ans -sterben. und nur der Mensch muß bin. gleichviel, ob der Schnee des Alters sein Haupt bedeckt', oder ob sein Dasein m Knospen steht. Wie nahe war auch ich dem Tode gttvesen. wie gern wäre ich damals gestorben! i >ych hatte wieder einen Lebenszweck, eilte Aufgabe, ich sollte meinen heißgewünschten Beruf haben, vor mir lag Susis Hochzeit, ein glückliches Wiedersehen mit diesem Sonntagskinde. — eitel Lust und Freude! So freue dich denn meine seele. und wirf ab, was von fremdem Leid darauf lastet, du kannst es doch niemand abnehmen, und dern Mitgefühl stimmt dich mir traurig. Freue dich! —
Ja.-auch jetzt willst du dir das zurufen? Auck>
angesrchts des Mannes. der niit gesenktem Blick in der Nähe des Wäldchens dir entgegenkommt, der so vertieft rst:n seinen Gram, daß er dich gar nicht gewahr wird und nun. dicht vor dir, plötzlich zusammenschrickt und dich ansieht? Freue dich doch meine Seele, — was geht fein Leid dich an. und helfen kannst du ihm ja nicht!! —
Solch' müde, hoffnungslose Augen waren es gewesen, die nach ansahen, — aber jetzt war es doch, als wache etwas darin auf. das — wunderbar! — eine Art von Trost aus meinem Anblick zu schöpfen schien. Ein beharrlicher Blick blwb auf mir haften, ein Blick war es. der deutlich um Hülfe bat und sie auch, ohne mein Zutun, zu sinden schien, dmn der erstarrte Schmerz wich daraus, wie unter einem wohltätigen Bann. — Hannah mußte ihre Frage, wie es dem armen Kranken gehe, zweimal wiederholen, ehe Vernon sie hörte.
..„Er ist gänzlich erschöpft, die Reise scheint seine letzten Kräfte hingenommen zu haben. — jetzt liegt er in einem künstlich hervorgerufenen Betäubungsschlaf. Aber gegen Abend vielleicht, wenn er wach wftd. .... darf ich'dann wmmen und Sie zu ihm holen, Eva? Wird Madame Bertram es giftigst gestatten? Er hat schon nach Ihnen gefragt, — er weiß viel von Ihnen durch meine Briefe."
,. Zu meiner Verwunderung zögerte meine sonst so gütige. weichherzige Hannah mit ihrer Antwort, und erst, als rch sie bestürzt, und befremdet anblickte, sprach sie ein ftia.r Worte, die mir sehr kühl und zögernd klangen. Zum Stuck war Vernon so mit ganzer Seele bei seinem
Kummer, daß chm diese Art und Weise nicht weiter auf- srel, er schritt, schweigend neben uns her. —
Es war ein eigentümlicher Spaziergang, den wir drei machten, keiner von uns sprach ein Wort, und ich bemerkte. wie Hannah. mich dann und wann mit einem zweifelnden Blick von der Seite beobachtete.
. dll.s Vernon den Rückweg antrat, sagte Hannah hasttg. wir hätten beabsichtigt. noch weiter hinaufzugehen, -— toobort mir nichts bekannt war — und als er sich dann kurz verabschiedete, nahm sie meine Hand; zog sie durch ihren Arm und führte mich so ellig fort, als habe es Gefahr für uns. noch länger zu verweilen.
„Aber Hannah. was fällt dir denn ein?" rief ich ganz verblüfft, „so bist du ja noch niemals gewesen."
„Ich weiß recht, gut. warum ich früher nicht so war und warum ich jetzt so bin", lautete die mit großer Energie gegebene Antwort, „und ich wollte". — hier seufzte sie schwer -- „daß. wir erst von hier fortkönnten. — mehr
je wünsche ich das.-— — und wenn du mir folg
sam sein und mir und, glaube es mir, auch dir selbst einen großen, großen Gefallen erweisen willst, Eva. dann schnüren, wir auch ohne Dottor Wörlers Erlaubnis schleunigst unser Bündel und gehen morgen oder übermorgen nach Gastein oder Berchtesgaden, wo wir die letzten Wochen bis zur Berliner Reise zubringen können!"
„Wer wie kann ich das?" rief ich ganz entrüstet, ließ ihren Arm los und sah ihr erstaunt und zürnend ins Gesicht. „So herzlos soll ich sein, jetzt auf- und davonzugehen. nur an mich zu denken. die ich jung und gesund, vollkommen hergestellt bin. und meinen Freund in seinem Jammer allein zu. lassen? Ich kenne dich gar nicht wieder, Hannah, —- wo ist deine teilnehmende, weiche Seele geblieben? Das wäre eine schlechte Art von Freundschaft, die nur die guten Tage teilen und jedem Unglück, das den anderen betrifft, kaltblütig den Rücken kehren möchte, um nur ja im eigenen Behagen nicht gestört zu werden! Nein, wenn es Menschen gibt, die so niedrig denken, — zu ihnen gehöre ich nicht! Ich könnte meinem Freunde das nicht anttm!"
Hannah sah ärgerlich zu Boden und murmelte vor sich hin: „Schöner Freund!"
„Was hat er dir getan", rief ich leidenschaftlich, „daß du ihn jetzt in seinem Unglück angreifen willst? Ich leide es nicht, daß du etwas gegen ihn sagst, wenn du es nicht begründen kannst. — klage ihn doch an, wenn du Grund dazu zu haben meinst! Nein. Hannah". fuhr ich etwas ruhiger fort, „liebe Hannah. sei nicht ungerecht, ich bitte dich! Laß dein gutes Herz wieder sprechen, das sich jedes Leidenden erbarmt hat. Ach. und wie schwer muß er leiden! Hast du.es ihm nicht vom Gesicht gelesen?"
„O ja. Kind, ich versteh' es leider nur zu gut, in den Augen zu lesen! Eine offene Anklage kann ich gegen ihn nicht richten, aber ich sollte meinen, daß der Verkehr mit einem Sterbenden, mit einer Vollblut-Russin. wie Doktor Wörler sie uns geschildert hat und mit einem Manne, der. sich von ihr wie eine willenlose Ware hat kaufen lassen —
„Als er ein unreifes Kind ivar!" unterbrach ich sie hefttg. Ich selbst hatte Vernon wohl in meinen Gedanken um dieser Heirat willen an geklagt, von einem anderen aber ertrug ich dies nicht. „Was weißt du von seiner Kindheit, seiner Umgebung, den trostlosen Verhältnissen. unter denen er groß geworden ist und namenlos gelitten
hat. — was von den Schicksalen, die ihn. weltfremd und unerfahren wie er war. aus einem Extrem ins andere schleuderten? Me kann man einen Mann verantwortlich machen, für das, was er als Knabe getan hat?"
„Kind, Kind", sagte Hannah mit einem schwachen Anflug ihres treuherzigen Lächelns, „wer uns beide reden hörte, müßte glauben, du wärest eine weise, alte Frau und ich sei ein junger Springinsfeld, der mit dem Kopf durch die Wand möchte! Willst du mir wenigstens glauben, wenn ich dir sage, daß ich nur um deinetwillen, nur zu deinem Besten wünsche, wir könnten fort von hier. — denn meinetwegen könnten wir getrost hier den Mnter über festfrieren!"
„Ich habe nie Grund gehabt, an deinen Worten zu zweifeln, denn ich weiß ja. daß du die Wahrhaftigkeit selbst bist! Aber du redest wie eine Sphinx. Hannah; was es mit meinem Besten zu tun hat, ob wir hier bleiben
oder fortgehen. das vermag ich nicht einzusehen,-
auf meine Gesundheit allein kann sich deine Angst unmöglich richten."
„Nun. lassen wir das also, und bleiben wir!" schloß Hannah resigniert. „Wenn du erklärst, du gehst nicht fort —"
„Unter keiner Bedingung!" warf ich ein.
„So nützt es ja nichts, wenn ich dagegen ankämpfe; ich füge mich also und wünsche nur. der Himmel wolle alles zum Guten lenken und Unheil verhüten!"
Nach dieser feierlichen. mir dunkeln Beschwörung sprachen wir nicht weiter über dieses Thema.
Die Strahlen der untergehenden Sonne tauchten mein ganzes Zimmeren Purpurglut, als Vernon eintrat, um mich zu seinem Sohne zu bringen: ich bemühte mich, sehr ruhig und gefaßt zu erscheinen und ich glaube auch, daß mir dies ziemlich gut gelang. Schon der Korridor, den wir durchschritten, um zu dem anderen Flügel des Hause? zu gelangen, war mit dicken Teppichen bedeckt, die Türen gingen geräuschlos in ihren Angeln, kein Laut störte die tiefe Stille.
Das Krankenzimmer war sehr groß, lufttg und schön. Eines der breiten Fenster, dem Lager zunächst, war mit einem schweren, kirschroten Seidenvorhange verhüllt, das andere ließ ungehindert die sckzeidende Sonne herein- sehen, die eine breite, goldene Bahn über den Teppich warf. Neben dem Bette saß eine ältere, schlanke Frau in Diakonissentracht. — unter dem weißen Schleiertuche ge- wahrte ich ein feines, kluges Gesicht und große, klar- blickende Augen. Sie grüßte mit ruhigem Anstand und nahm ihre Arbeit auf. um das Zimmer zu verlassen; an ihrem Gürtel trug sie einen Rosenkranz aus großen, bräunlichen Perlen, um den Hals ein schlichtes Elfenbein- kreuz. In einer Ecke des Zimmers sah mein rasch umher- ichweifender Blick ein blitzendes Heiligenbild mit einem kleinen, roten Lämpchen und einem Kessel voll geweihten Wassers hängen. Über dem Lager hing ein herrliches Kruzifix, ein wahres Wunder der Elfenbeinschnitzerei: der leidvolle Zug um den Mund des sterbenden Heilands und der Ausdruck erbarmender Liebe in seinem Gesicht ergriff mich unendlich und ich mußte denken, wie sehr dies bei dem .Kranken der Fall sein mochte.
„Stephan.— hier ist Eva Leoni!" sagte Vernon leise, und ich kannte fast seine Stimme nicht wieder, so sanft klang sie.
_ (Fortsetzung folgt.)
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