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ilü< 502. Verlags-Fernsprecher No. 2953.
Mittwoch» den 2. Dezember.
Redaktions-Fernsprecher No. 52.
1903 .
AhenJ-Atasgabe.
Die SchutzollsraZe in England.
Unser Londoner u-Korrespondent schreibt unterm 28. v. M.: Lord Rosebery erklärte soeben, die Schutzzoll- ^agitation Mt. Chamberlains würde nachgerade zum Unfug, und er hatte entschieden recht. Selbst die große Mnksaule und unwissende Menge betrachtet die ganze Geschichte offenbar bereits als furchtbar langweilig, aber sie ist es gerade, die eines Tages an der Wahlurne die gewichtige Frage zu entscheiden haben wird, ob England mit dem Freihandelsprinzip brechen soll, dem es feine leitende kommerzielle und industrielle Stellung unter den Nationen der Welt verdankt. Die Parteien derer, die aus inniger Überzeugung Freihändler oder Schutzzöllner sind, dürften sich numerisch ziemlich gleich sein, und die Gelangweilten werden daher, wie gesagt, schließlich den Ausschlag geben. Mr. Chawberlain weiß das sehr genau, und ebenso, daß jenes Publikum, das er gewinnen will, weder durch strikte Logik und nüchterne Tatsachen zu amüsieren, beziehungsweise zu gewinnen ist. In dem vollen Bewußtsein, daß er sich zum Anwalt einer Sache gemacht, die haltlos ist, insoweit als ihre Gerechtigkeit von Beweisführung abhängt, vermeidet er auch rach Möglichkeit alle vernünftigen Argumente an der Hand von Zahlen imd appelliert, wie er das auch zur Zeit des südafrikanischen Krieges mit solchem Erfolg getan, lediglich an die sinnlose Leidenschaft der Massen. Seine anfängliche Behauptung, der ^englische Ausfuhrhandel hätte während der letzten zwanzig oder dreißig Kahre eher Rück- als Fortschritte gemacht, war so un- ftroitg, daß er sie natürlich bald wieder fallen lassen mußte. Aber niemals um einen Ausweg verlegen, machte er dann zu seinem Schlachtruf: „Wie lange werden
Englishmen noch aus sich herumtrampeln lassen?" Die Patrioten, die sich stets um ihn scharen, mögen zwar zuerst ein wenig verblüfft über diese Frage gewesen sein, weil sie bisher nichts von der Trampelet gemerkt hatten, aber da der „große Mann" es offenbar getan, niußte es in Ordnung sein. Es fällt ihnen nicht ein, die Sache selbständig zu untersuchen, ja, es kommt ihnen sogar nicht einmal in.den Sinn, nach dem Resultat der einst so viel beregten staatlichen Untersuchung der Handelsverhältnisse zu fragen, die den Gegenstand eines Blaubuchs bildet. Mr. Chamberlain selbst nimmt auf dieses wohl- weißlich niemals Bezug, und Einzelheiten daraus werden lediglich ür der radikalen und liberalen Presse veröffentlicht, die aber ein englischer Patriot nun und nimmer mehr liest. Daher hat ein solcher auch keine Ahnung davon, daß jenes Blaubuch die meisten der Chamberlain- schen Behauptungen Lügen straft, aber schließlich würde er es in seiner Begeisterung für jenen doch nur als ein schnödes Werk des Hochverrates betrachten. Nun, wo die
Oie UeAolutzer.
Roman von Walther Schulte vom Brühl.
(42. Fortsetzung.)
Bi.. XV i.
mr,® Dr ß en des Herrn LanöratS von Rettern-Zackerlin und welche Beobachtung die Zaunkönigin nächtlich gemacht hatte. Wie shwes bas FrciheitSlied spielte, wie sie ihrem Bettcr fein Geheimnis ^"flockte und ihm dann seine Schwatzhaftigkeit vorwarf, item, M eine nützliche Rede hielt. Wie beide sich vereinigten, nünzesische Schriften durchzustudiercn und wie Agnes sich als rin ehrgeiziges Fräulein entpuppte.
I - *
Dl" Hat sich denn der Herr Landrat endlich über seinen Esterschutz beruhigt?" frug Gottfried seine Kousine, die m M erzählt hatte, wie sie mit ihrem Vater dem landrät- E.Mn Paare als Quittung für den Besuch des Beamten H oe: der Überbringung des Ordens einen Besuch abge- Mttet hätten.
£ "Mir hat er nichts gesagt, aber während ich mich mit / Landrätin unterhielt, hat er dein Vater eine Rede ge- jwten, wie das Volk hier so gemein sei. Tie ganze Wefchichte von der.Jagd, die bunten Hasen und die Ler- jwtoaing des Referendars, das sei alles in Verse gebracht U. worden und in einem liberal gefärbten Kölner Blat: ^schienen, und er habe nun zu dem ursprünglichen Ärger M! noch bei: Spott.- Es sei einfach ein Skandal, daß -le Zensur dieses Pamphlet habe passieren lassen. Er Mlse nun, daß es nächstens doch einmal gelingen werde, ■*? Urheber der immer noch zur Verteiluug kommenden jp, 1 Bwriften zu entdecken, da würde. man denn schon WM daß er auch noch etwas anderes könne, als Unglück tS[ r ,. r Jagd haben. Es sei ihr so vorgekommen, als Me sich Herr von Rettern-Zackerlin sehr ungemütlich auf hiesigen Posten und als suche er Stützpunkte im En ’ -lls einen solckien scheine er auch den Vater zil beachten, denn er sei sehr freundlich gegen ihn gewesen, iLf+ er ^ ,Q k' c sogar in seiner Art allerlei Schmeichel- mfles gesagt und anderseits habe die Landrütin sie ein
vernünftigen Argumente nicht länger zugunsten des Überganges zur Schutzzollpolitik in England vorgebracht werden können, bedient sich Mr. Chamberlain wieder mit Erfolg der alten Kunststückchen. Von jeder Rednertribüne herab erklärt er jetzt täglich, wer gegen die derzeitige Regierung Opposition mache, sei ein Reichsverräter, und die, die nicht seines Sinnes sind, wären Kleinengländer. _ Tie Freihändler lassen es sich unermüdlich angelegen sein, das Volk aufzuklären und vor den Chamber- lainschen Redensarten zu warnen, doch sie rekrutieren sich vornehmlich aus der liberalen Partei, die im sogenannten Heim des Liberalismus, durch die imperialistische Bewegung zum verhöhnten und mißachteten Fremdling gemacht wurde. Wenn auch einige hervorragende Ilnionisten, wie Lord Goschen, der Herzog von Tevonshire/ Mr. Ritchie und andere, in öffentlichen Reden Chamberlain und seine Politik eifrig bekämpfen und den Mann immer und immer wieder als den größten politischen Humbug moderner Zeiten kennzeichnen, ist es doch sehr wahrscheinlich, daß er mit Hülfe des Wählerpöbels eines Tages Wer seine Gegner triumphieren wird. Er führt den stampf aber auch nach allen Regeln der Kunst, die er zum Teil von seinem verstorbenen Freund und Spießgesellen Mr. Cecil Rhodes gelernt. Dieser kaufte, als es galt, die Buren zum Kriege zu zwingen, alle gemäßigten und burenfreundlichen Zeitungen in Afrika aus und versah sie mit seinen eigenen agents provocateurs als Redakteuren. Das Resultat war das gewünschte und Eham- berlain versucht das Experiment nun auch hier, wo es sich bei der bemerkenswerten Unabhängigkeit der Presse nur im kleinen bewerkstelligen läßt. Ein Syndikat, dem die tollwütige Jingogeftung „Globe" und das Chamiber- lainsche Sonntagsblatt „The People" angehören, kaufte soeben die freihändlerische, vornehmlich von der Arbeiter- bevölkernng gelesene Wendzeitung „Sun", die ihren Lesern nun fortab von den Segnungen der Schutzzollpolitik erzählen wird.
Politische Uüersrcht.
Ein Schachzug John Bulls.
x. Petersburg, 28. November.
Nach fast einstimmiger Ansicht 'der fremden hier akkreditierten Diplomaten hat England zum ersten Male seit langer Zeit einen wirklich feinen Schachzug geinacht, indem es die Tibetsrage gerade jetzt aufrollte. Rußland, das gewisse Verpflichtungen zum Schutz des Talai Lama übernomimen. muß, wenn es dieselben halten und sein Presftge in Ostasien bewahren will, also Großbritannien entgegentreten. Es weiß aber ganz genau, daß es in dem Augenblicke, in dem cs damit Ernst macht, Japan sofort die Gelegenheit benutzen würde, um ihm den Krieg zu erklären, und diesen beiden Gegnern gegenüber ist das Zarenreich im Osten nicht genügend vorbereitet. Englaird
geladen, öfter einmal vorzusprechen, wobei ihr denn der Lcmdrat eifrig zugestimmt habe. Er sei überhmrpt recht nett zu ihr gewesen. Schade nur, daß er so hochfahrcnd in seinem Wesen sei."
„Also über die Flugschriften ist gesprochen worden. So sch das rnteressiert mich", sagte Gottfried.
„Ja. er ist außer sich, daß der oder die Verbreiter noch immer nicht erwischt wurden und daß der Gendarm bei der Lache, zu Schaden kam. Er sprach davon, daß die Bürgermeister angehalteu werden sollten, Patrouillengänge zu arrangieren, welche die Bewohnerschaft ab- wechselnd zu leisten hätten, auch soll dieser Tage die Belohnung auf Ergreifung der Täter erhöht werden."
„Hm hm, da heißt's also doppelte Vorsicht", brummte Gottfried. „So so, also nächtliche Patrouillen von Einwohnern. , Haha, das müßte ja ordentlich- Vergnügen machen, die Spießbürger an der Nase herumzusühren. Na, wenn dem Herrn Lanbrat bei seinen freundlichen Absichten nur nicht noch weitere Ärgerniste blühen. Ich sollt' denken, mit einem angcschosseucn Regierungs- refevendar und einem verwundeten Gendarmen könne er einstweilen genug haben."
„Er sprach dom Vater auch davon, daß allerhand von einer nächtlichen, politischen Versammlung gemunkelt werde, die auf einem entlegenen Berge im Haardtwald bei Ellerseck stattgesunden hätt'."
„Zum Teufel!" rief Gottfried überrascht, „davon weiß er auch schon?"
„Ei sieh mal, du scheinst mir ja selber davon zu wissen", sagte sie, ihn scharf anblickend. „Dann weißt du doch auch, daß politische Versammlungen strenge verbotet: sind, zumal sie sich doch jedenfalls gegen die bestehende Ordnung richten."
Er lachte kurz auf. „Ja, um einem Rettern-Zackerlin ein 'Vertrauensvotum auszustellen, werden sie schwerlich abgehalten werde». Mer so sag' doch selber, ist es nicht ein himmelschreiender Skandal, daß sich ernste und gereifte Männer nachts wie die Diebe und Räuber zusaminen- schleichen müssen, wenn sie vaterländische Angelegen
entledigt sich aber auch mit seinem Vorgehen einer moralischen — vielleicht auch tatsächlichen Verpflichtung, denn man weiß nicht, welche geheimen Klauseln sich in seinem Bündnisverträge mit Japan befind-en — Verpflichtung gegen das Reich des Mikado, das dadurch in die Lage kommt, seine Forderungen mit mehr Nachdruck geltend zu machen. Dian darf daher gespamrt sein, wie sich Rußland aus der Affäre ziehen wird. Das britische Vorgehen gegen Tibet steht nicht nur im Einklang, sondern ist ganz direkt die Ausführung eines lang gehegten Planes des Vizekönigs von Indien, Lord Curzon. Dieser sucht das Land gegen etwaige Angriffs Rrißlands dadurch sicher zu stellen, daß er sich einen überwiegenden Einfluß in den Nachbarstaaten sicherst Darauf muß auch seine fetzige Reise nach dem Persischen Meerbusen zurückgeführt werden, das ist der Grund für die großen Subsidien, die England an Afghanistan zahlt und last not least für den Angriff auf Tibet, durch das hindurch die indischen Eiseilbahnen bis zum Aangtse-Fluße verlängert werde:: sollen. Immerhin ist dieser jetzige Vorstoß Englands auch nicht ohne schwere Bedenken von: allgemeinen Stand. Punkt aus, denn in Rücksicht aus die in China gegen die Fremden herrschenden Erregung kann er den dort reichlich vorhandenen Zündstoff zur Explosion bringen.
Nach Meldungen aus Petersburg nehmen die Verhandlungen zwischen Rußland und Japan einen ern- sten Charakter an. Admiral Alexejew wolle die Aktion sofort beginnen, finde aber noch beim Minister des Äußern und beim Kriegsminister Widerstand.
Rumänisches.
t. B u k a r e st , 28. November.
Tie Kammer _ ist zwar znsammenberufen worben, doch war dieses. eigentlich nicht nötig, denn dem Gesetze zufolge haben sich die Deputierten um diese Zeit des Jahres von selbst zu versammeln, um 3 Moüate lang zu tagen. Diese Frist wird zwar gewöhnlich um einen Monat überschritten und in ganz besonderen Fällen auch um zwei, aber darüber hinaus nicht. Das ist auch recht gut so, denn die Rumänen sind in erster Linie Ackerbauer, welche nicht während der für die Feldarbeit wichtigsten Zeit sich der Politik widmen können, und die Mgeord- neten begnügen sich auch meistens damit, ihre Weisheiten in: Lause der Debatte über die Antwort auf die Thronrede leuchten zu lassen. Diesesrnal werden sie sich indes außer dem Budget noch mit zwei anderen Fragen zu be- schuftigen habem die besonders Deutschland interessieren müssen, weil dieses ja einen großen Prozentsatz der Anleihen Rumäniens ausgenommen hat und die Wirtschaft- liche Entwickelung eines Landes oder mit andere:: Worten seine Zahlungsfähigkeit für die Gläubiger stets von Wichtigkeit ist. Der Staatshaushalt kam: keine Veranlassung zu heftigen Streitereien geben: er wird für 1903/04 mit 218 Millionen Lei balancieren und Höchsteris in betreff von 7 Millionen eine Änderung erleiden, weil die Oppo-
heften besprechen und beraten wollen. Sind die Gesetze rächt einseitige Schandgesetze, die so etwas verbieten und mit schweren Strafen bedrohen. In die Hölle mit diesen Einrichtungen!"
In hellem Zorne war er aufgesprungen. Sie blickte ihn lächelnd an. „Wie du dich nur so ausregen kannst", sagte sie halb spottend. „Was gehen dich denn diese Dinge an? Aber interessant ist es jedenfalls, in stiller Nacht so zusammenzukommen, wie die Männer ans dem Rütli. Nicht tvahr, dein Freund, der Herr Schwert- seger, war doch auch dabei und hat jedenfalls eine Rede gehalten. Gesteh' es nur."
Er errötete heftig. „Was schwatz'st du da für dummes Zeug, Agnes?" stammelte er. „Daß du dich nie unterstehst, so etwas anderswo auszuplaudern. Himmel, wenn ich denk', daß du solche kindische Vermutungen etwa bei dem Landrat ausgesprochen hättest."
„Was ereiferst du dich denn so? Das ist ja ordentlich merkwürdig und könnte einem fast zu denken geben", lachte sie. „Aber pfui! wie kannst du nur annehmen, daß :ch so was beim Landrat oder auch nur bei dein Vater rede. Nee, da kennst du mich aber doch noch sehr schlecht. Nicht wahr, diese unheimliche Versammlung war wohl vor ein paar Tagen, als du abends so frrih nach dem Essen auf dein Zimmer gingst, weil du so fürchterliche Kopfschmerzen hättest?"
„Was du dir nur zusammr.vfaselt", cntgegnete er unwirsch. „Was weis; ich von diesen Geschichten? Sie gehen mich gar nichts an, und ich verstehe nicht, wie du es wagen kannst, mich mit so etwas in Verbindung zu bringen."
„Das fällt mir ja gar nicht ein. Aber man macht so seine stillen Beobachtungen. Nun, und in der Nacht nach dem Abend, wo mein Herr Vetter seiner schrecklichen Kopfschmerzen wegen, so bald verschwand, ohne seiner Kousine, wie üblich, noch etwas vorzulesen bei ihrer Häkelei, nun, da erwachte ich zufällig, weil unser Spitz bellte und dann mit mehr freudigem, als zornigem Gekläff dem Gartentörchen zurannte. Das kam mir so seltsam
